Die Argonauten auf Long Island

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Die Argonauten auf Long Island

Von Claudia Kühner, 15.12.2015

Monika Plessner, die Frau des Philosophen Helmuth Plessner, hat einst ein Büchlein geschrieben über die Begegnungen mit den Geistesheroen wie Hannah Arendt, Gershom Scholem oder Theodor W. Adorno. Nun ist es neu aufgelegt worden.*

Vielleicht erinnern sich manche noch, dass der Philosoph Helmuth Plessner (1892 – 1985) in den sechziger Jahren in Zürich einen Lehrauftrag hatte. Plessner, der neben Arnold Gehlen und Max Scheler zu den wichtigsten Vertretern der Philosophischen Anthropologie gehörte, liegt auch in Erlenbach begraben. Sein bekanntestes Buch, „Die Verspätete Nation“, geschrieben in der  holländischen Emigration, analysierte die spezifische Entwicklung der deutschen Gesellschaft beziehungsweise des Bürgertums, das im 18. Jahrhundert den Anschluss an die Aufklärung verpasste und schliesslich den Nationalsozialismus möglich machte.

Die Frankfurter Schule im New Yorker Exil

Vor 20 Jahren erschien ein kleines Erinnerungs-Buch seiner Frau Monika Plessner (1903 – 2008). Sie gab ihm den Titel „Die Argonauten auf Long Island“ und beschrieb die Begegnungen mit Hannah Arendt, Gershom Scholem, Theodor W. Adorno und vielen anderen. Nun hat es die Europäische Verlagsanstalt neu aufgelegt, angereichert mit einem ausführlichen und glänzenden Nachwort des Soziologen und Adorno-Biografen Detlev Claussen.

Das Buch führt noch einmal mitten in die Welt der Frankfurter Schule um Max Horkheimer, Theodor Adorno und Friedrich Pollock, und ihrer akademische Heimat im New Yorker Exil, die New School for Social Research. Die New School, die 1919 als Abenduniversität nach Vorbild deutscher Volkshochschulen begonnen hatte, wurde ab 1933 zu einem Zentrum vertriebener (meist) jüdischer Gelehrter, von denen viele schon in der Weimarer Republik in Verbindung gestanden hatten. Sie alle trugen zum Ruhm der New School bei.

New York, Frankfurt, Zürich

Aber warum „Argonauten“? Der Begriff, den Monika Plessner wählte, geht zurück auf ein Tryptichon von Max Beckmann, an das sie sich erinnert fühlte bei einem Empfang auf Long Island 1962 im Hause von Alvin Johnson, dem ersten Präsidenten der New School. Dort fanden all die Genannten zusammen – eine Versammlung der bedeutendsten Geister, die Deutschland vertrieben hatte

Nach dem Krieg finanzierte die Bundesrepublik Deutschland eine Professur an der New School, und Helmuth Plessner wurde 1962/63  als erster Gast für ein Jahr eingeladen. Hier vertieften sich auch die Verbindungen zu Siegfried Kracauer oder Karl Löwith, zu Gershom Scholem oder später Peter Szondi. Man sah sich in New York, in Frankfurt, auch in Zürich oder verbrachte gemeinsam Ferien in Sils – als idealem Treffpunkt der überlebenden Argonauten in Monika Plessners Erinnerung. Ende 1963 zogen die Plessners für fast zehn Jahre nach Erlenbach.

Bekanntschaft mit Max Beckmann im holländischen Exil

Für Helmuth Plessner hatte Max Beckmann eine besondere Bedeutung. Der Maler und der Philosoph, Sohn eines jüdischen Vaters, der 1933 von der Universität Köln entlassen worden war, hatten sich im holländischen Exil kennengelernt. Plessner traf in Beckmanns Atelier oft auf emigrierte Gefährten, die sich als „Argonauten“ fühlten. Plessner, der zunächst in Groningen noch einen Lehrstuhl innehatte,  überlebte ab 1943 im Versteck und blieb nach der Befreiung bis 1952  in Holland. Danach nahm er einen Ruf nach Göttingen an das neugegründete Institut für Soziologie an, wo er bis  zu seiner Emeritierung 1962 blieb. Dazwischen stand er dem Frankfurter Institut für Sozialforschung vor, das nun unter Max Horkheimers Leitung stand.

1951 hatte Plessner seine spätere und um vieles jüngere Frau Monika (1903 – 2008) kennengelernt. Sie  stammte aus Breslau und hat die NS-Zeit in Deutschland erlebt. Nach dem Krieg wurde sie in der Erwachsenenbildung tätig. Zeitweise fungierte sie am Frankfurter Institut als Verwaltungsdirektorin.

Aus einem andern Blickwinkel

Monika Plessner blickte also auf eine durchaus andere Lebenserfahrung zurück als ihr Mann und die „Argonauten“, und sie war auch keine Wissenschaftlerin wie jene. Doch sie hat eine eigene Gabe der Beobachtung und eben auch einen eigenen Blick auf all die Figuren, und das macht den Reiz dieses kleinen Buches aus. Es sind die Eindrücke, Porträts, Schilderungen privater Anlässe einer Frau, die nicht „dazugehörte“ und durch ihren Mann nun eine neue Welt kennenlernte. An manchen Einlassungen merkt man ihr auch an, dass ihr die Erfahrungen jüdischer Verfolgter fremd geblieben sind und sie auch immer noch (unbewusst und sicher nicht gewollt) geprägt war von alten Stereotypen über Juden.

Das alles ordnet Detlev Claussen in seinem Nachwort ein. Wenige kennen wie er (der bei Adorno  studiert hatte) die Geschichte und die vielfältigen Beziehungen und Konflikte dieser Argonauten, vor allem auch des Frankfurter Instituts. Im Zentrum meist die Frage, wie sich diese Exilierten in der deutschen Nachkriegsgesellschaft, umgeben von alten und oft verdeckten Nazis, in der akademischen Welt und gesellschaftlich positionieren sollten.  Doch insgesamt verdanken wir Heutigen ihren Erzählungen den faszinierenden Einblick in eine intellektuelle Welt von gestern, die dennoch bis in die Gegenwart weiterwirkt.   

*Monika Plessner: Die Argonauten auf Long Island. Begegnungen mit Hannah Arendt, Gershom Scholem, Theodor W. Adorno u.a. Mit einem Nachwort von Detlev Claussen.  Eurpäische Verlagsanstalt.

 

 

Guten Abend,
zufällig bin ich auf diese, nun mittlerweile 3 Jahre zurückliegende kleine Rezension zu den Erinnerungen meiner Großmutter, Monika Plessner, gestoßen. Dazu nur zwei korrigierende Anmerkungen: Meine, in Bezug auf ihren zweiten Gatten "um vieles jüngere", Großmutter war tatsächlich um vieles jünger, da sie, anders als in der Rezension beschrieben, erst 1913 geboren wurde und damit auch nicht als 105-jährige, sonder 95-jährige starb. Zweitens ist die Einschätzung zu ihrer Biografie auch im Kontext ihrer eigenen akademischen und publizistischen Leistung inner- und außeruniversitär grob falsch: Nicht nur die Tatsache, dass sie nach einem Studium der Kunst- und Literaturgeschichte als eine der wenigen Frauen ihrer Zeit und trotz der gesellschaftlichen Zerstörungen durch zwei Weltkriege einen Doktortitel erworben hatte, sondern auch ihre Veröffentlichungen im Kontext ihrer Beschäftigung mit und Übersetzung von schwarzamerikanischer Literatur, scheint der Autorin weder eine flüchtige Recherche (z.B. Wikipedia..) noch der Erwähnung in dieser Rezension wert gewesen zu sein. Stattdessen ungenaues copy paste aus dem Vor- und Nachwort der Argonauten...? fragt mit Adressierung an die journalistische Sorgfaltspflicht, ihre Enkelin
Franziska Voges

SRF Archiv

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