Dialogisches vor Digitalem!

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Dialogisches vor Digitalem!

Von Carl Bossard, 04.05.2020

Digitales Lernen erweist sich in der Corona-Quarantäne als wichtiges Werkzeug. Manche wollen es nun ins Zentrum des Schulalltags rücken. Gefordert wird Lernen 4.0. Was dabei nicht vergessen gehen darf.

Wer in diesen Tagen mit jungen Menschen digital unterwegs ist, wer Fernunterricht praktiziert und mit Lernenden in virtuellen Räumen kommuniziert, der staunt über die technischen Zaubereien. Die digitale Vielfalt fasziniert. Beim Zoom-Meeting Arbeitsaufträge erteilen, die Teilnehmer in Gruppen schicken, mit ihnen chatten, ihnen Bilder zeigen und die Folien erklären und darüber diskutieren – das alles kann man und vieles mehr. Verführerisch leicht kommt es daher. Doch wirkt das alles auch? Und was bewirkt der Unterricht aus dem Homeoffice? Das beschäftigte den Autor dieser Zeilen nach jeder Digitalsequenz.

Wie steht es um digitale Lerneffekte?

„What works best in school?“ Diese Frage steht für den renommierten empirischen Bildungsforscher John Hattie im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses. Er stellte sie auch für das virtuelle Klassenzimmer. Bringt die Digitalisierung des Unterrichts einen pädagogischen Mehrwert? Und wie wirkt sich das E-Learning auf die Lerneffekte aus?

Die Frage ist bedeutsam, weil der Ruf nach der digitalen Schule laut und apodiktisch erschallt, ganz so als könnten alte (Lern-)Probleme mit neuen Medien neu oder überhaupt erst gelöst werden. So mindestens lauten die Versprechen der IT-Industrie, die mit enormen Investitionen in die Bildung drängt und sich auf einen milliardenschweren Zukunftsmarkt vorbereitet. Der Kampf ist längst lanciert.

Empirischen Daten dämpfen die IT-Euphorie

Die Technik revolutioniere das Lernen, heisst es fast mantramässig. Von den konkreten Lerneffekten des digitalen Unterrichts aber hört man wenig. Man muss in nüchterne wissenschaftliche Studien eintauchen; hier zeigt sich ihr wirklicher Wert. Doch die empirischen Daten dämpfen die Euphorie. Das „webbasierte Lernen“ beispielsweise, die individuelle Arbeit mit dem Internet und dem propagierten selbstwirksamen Lernen, erhält bei John Hattie eine sehr geringe Effektstärke. [1]

Das Gleiche gilt für das Online-Lernen, für die Laptop-Einzelnutzung oder für den Einsatz von Powerpoint. Ihre Wirkwerte sind minim; sie tendieren gegen null. Dem digitalisierten Fernunterricht geht es nicht besser. Auch die sogenannte „programmierte Instruktion“ hält nicht, was sie verspricht. Den angepriesenen Potenzialen hinkt sie weit hinterher. Bessere Resultate erzielen die Computerunterstützung im Unterricht und interaktive Lernvideos.

Ernüchternde Befunde der technikaffinen OECD

Diese Befunde decken sich mit der Aussage von Andreas Schleicher, dem OECD-Bildungsdirektor. Er stellte schon vor länger Zeit ernüchtert fest: „Wo Computer in Klassenzimmern genutzt werden, sind ihre Auswirkungen auf die Leistung von Schülern bestenfalls gemischt.“ Die OECD als fleissiger Bildungsmodernisierer musste einräumen, dass Schulen mit wachsenden Investitionen in ihre digitale Infrastruktur eher schlechter wurden. [2] Die Realität bleibt hinter den Versprechen der Technologie zurück. So kam die amerikanische Westpoint Academy zum Ergebnis, dass Studenten ohne Laptop und Tablet um zwanzig Prozent bessere Leistungen erzielen. [3]

Es ist wohl kein Zufall, dass der ehemalige Apple-CEO Steve Jobs und der Microsoft-Gründer Bill Gates ihre Kinder in digitalfreie Waldorf-Schulen schickten. Sie sind auffallend „low-tech“ ausgerüstet und arbeiten noch mit Kreidetafel und Bleistift.

Vorzüge von Computern und Tablets im Unterricht (noch) nicht belegt

Warum erzielt die Digitalisierung keinen grösseren Effektwert auf die schulischen Leistungen der Lernenden? Das Aufrüsten der Schulen mit Computern, Tablets und Smartphones allein revolutioniert Lernen nicht. [4] Programme, die in die Schulklassen kommen, sind häufig überfrachtet – akustisch wie optisch. Das Blinken hier und Ploppen dort führt zu einem „cognitive overload“ und damit zu einer Überlastung des Arbeitsgedächtnisses. Nicht selten bleibt die Digitalisierung auf einer Ersatzebene für bisherige Medien stecken: Der PC als Lexikonersatz, das Tablet als Arbeitsblattersatz, das Smartboard als Tafelersatz. Die neuen Medien bleiben Informationsträger.

Kognitive Prozesse anregen und damit nachhaltige und positive Effekte auf das Lernen ausüben – das bleibt das Ziel. Das ist anspruchsvoll. Auch beim Programmieren von Programmen. Entscheidend ist und bleibt neben dem systematischen Wissens- und Könnensaufbau das konstruktive persönliche Feedback. Darum brauchen die meisten Lernenden auch beim raffiniertesten Digitalprogramm und bei der modernsten Technik ein analoges Du – ein inspirierendes und korrigierendes und damit vital präsentes Gegenüber.

Lernen bleibt Arbeit und ist anstrengend

Und dieses spürbare Vis-à-Vis muss den Schülerinnen und Schülern eines klar machen: Denk- und Lernprozesse sind für den Einzelnen selten etwas Leichtes. Das suggerieren nur gewisse Technikkonzerne und zeittrendige Bildungsexperten. Lernen ist immer anstrengend. Wer lernt, muss an seine Grenzen gehen und sie überwinden. Das gehört zu den menschlichen Konstanten. Seit Generationen!

Aus der Lernforschung wissen wir: Jugendliche und junge Menschen brauchen fürs Lernen klare Ziele. Sie benötigen strukturierte Lernumgebungen, Phasen des bewussten und gezielten Übens. Sie sind zudem auf ein regelmässiges und sprachlich differenziertes Feedback angewiesen sowie auf eine intensive und positive Lehrer-Schüler-Beziehung. Das alles erzielt hohe Effektwerte, aber es tönt banal. Darum geht es in der digitalen Welt vielfach vergessen.

Der Ort schulischer Bildung ist die Interaktion zwischen Menschen

E-Learning ergänzt den Unterricht; doch E-Learning revolutioniert das Lernen nicht, wie viele IT-Protagonisten behaupten. Die empirischen Daten sprechen eine andere Sprache. Vermutlich waren gute und pädagogisch engagierte Lehrpersonen darum nicht perfekt auf den ruckartig erfolgten Wechsel vom analogen Unterricht ins virtuelle Klassenzimmer vorbereitet. Als Praktiker stehen sie den hehren Heilsversprechen der Digitalkonzerne und der Bertelsmann-Stiftung schon länger skeptisch gegenüber.

Dazu wissen sie anerkannte Bildungsforscher wie John Hattie, Andreas Helmke [5] oder Klaus Zierer auf ihrer Seite: Nach ihnen gehen Lerneffekte von Lehrpersonen und ihrem Unterricht aus. Der Ort schulischer Bildung ist eben nie die Struktur allein, nie die Methode allein und auch nie das (digitale) Medium allein. Der Ort schulischer Bildung ist die Interaktion zwischen Menschen. Dieses „Dazwischen“ macht das Konstitutive des Unterrichts aus. Und dieses Dazwischen droht im Moment vergessen zu gehen: Es fehlt die zwischenmenschliche Energie, es fehlt das Augenzwinkernde und Spontane, es fehlt das Pulsierende des Klassenraums. Es ist das Dialogisch-Sokratische. Genau das vermisst der Autor im einsamen Homeoffice.

[1] Vgl. Zierer Klaus (2018), Lernen 4.0. Pädagogik vor Technik. Möglichkeiten und Grenzen einer Digitalisierung im Bildungsbereich. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren, S. 49.

[2] In: OECD (2015), Students, Computers and Learning: Making the Connection, PISA. Paris: OECD Publishing, S. 3f.

[3] Thomas Thiel, Lernen im Chatroom, in: FAZ, 13.10.2018.

[4] John Hattie & Klaus Zierer (2017), Kenne deinen Einfluss! „Visible Learning“ für die Unterrichtspraxis. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren, S. 65.

[5] Andreas Helmke (2015). Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts. Seelze-Velber: Klett Kallmeyer.

Kommentare

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>"Der Ort schulischer Bildung ist die Interaktion zwischen Menschen"
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Nicht nur Bildung sondern auch Erziehung ist in erster Linie das Ergebnis der Interaktion zwischen Menschen.
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Das schliesst aber m.E. nicht aus, dass es sehr viel Wissen gibt, welches durch geeignete Programme, welche den Stoff portionenweise vermitteln und auch durch Abfragen vertiefen, ebenso gut gelehrt werden können.
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Dadurch gewinnt die Lehrperson viel Zeit für die effektive und nicht automatisierbare menschliche Interaktion. (Es kommt nicht von ungefähr, dass in vielen Klassen mehr als eine erwachsene Person tätig ist). Und ein Leben lang denselben grundlegenden Stoff vorzutragen finde ich weder interessant noch zweckmässig. Dafür ist ein durchdachtes Programm viel besser geeignet.
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Leider ist mir aber kein "System" bekannt, in welchem mein Denkansatz tatsächlich gründlichst getestet und optimiert würde?

Die Frage stellt sich: Wie ist dem Wahn zum Digitalen, einem Krankheitsbild unserer tempoberauschten Jetztzeit, entgegenzutreten?
Wem zum Schaden oder Nutzen? Kinder/Lernende haben keine Lobby.
Ausser liebenden und verstehenden Eltern und einer zum Nachdenken
fähigen, verantwortungsbewussten Lehrerschaft. Gegen eine grösstenteils betäubte Gesellschaft und eine fremdbestimmte, interessengebundene, oft willkürliche Behörde! Ein schwieriges Unterfangen. Menschlichkeit wird auf dem Altar der Profitgier geopfert.
Das darf nicht mehr sein. Kluges, fantasievolles Handeln aller Einsichtigen ist dringend gefordert. An die Arbeit! En Route.

Geehrter Herr Bossard

Ich schliesse mich Frau Lustenberger an, danke für Ihren Artikel. Dass die IT-Branche vom digitalen Lernen schwärmt, ist kaum verwunderlich, denn sie verdient daran Geld. Und digitales Lernen ist durchaus eine gute Hilfe, kann Inhalte anders vermitteln. Es ist also angebracht, dass wir Lehrpersonen „mit der Zeit gehen“.
Woran ich aber nicht glaube, ist, dass ich als Lehrperson gewisse Bereiche des Lernen einfach ans Digitale „outsourcen“ kann. Denn, genau wie das Outsourcing in der Wirtschaft, dient es letztlich dazu sich aus der Verantwortung zu stehlen. Unterrichten ist Beziehungsarbeit und dies ändert sich nicht. Natürlich kann der Lernende Neues auch im digitalen Raum einüben, aber der Austausch über das Geübte findet mit der Lehrperson statt. Sie steht in der Pflicht zu wissen, was da gelernt wurde und was eben nicht.
Nutzen wird doch neue Medien als zusätzliche Hilfe, aber versprechen wir uns nicht das Blaue vom Himmel davon.
Ich erinnere mich an viele Aussagen meiner Lehrpersonen und kaum eine davon hatte effektiv mit dem Lerninhalt zu tun. Fast alle waren Zeichen des Vertrauens, Zeichen, dass ich das mir noch Neue und Unentdeckte schon verstehen werde. Vergessen wir nicht, die Beziehungsarbeit ist nicht losgelöst vom neuen Inhalt, sondern ist eng mit ihm verbunden. Dies kann digitales Lernen nicht und wird es so auch nie können.

freundliche Grüsse

Max Grob

lieber Herr Bossard
ich lese Ihre Artikel immer gerne und untersütze diese sehr. Als Kursleiterin bei Erwachsenen kann Ihre Botschaft - mit dem Du gegenüber- auch auf Erwachsene angewendet werden. Es ist dort nicht anders, als bei Kindern und Jugendlichen. Sie brauchen den persönlichen Kontakt, die Beziehungsebene, das Schulzimmer, die anderen KursteilnehmerInnen...
herzliche Grüsse Anna Lustenberger

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