Der unheimliche Trampel

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Der unheimliche Trampel

Von Noé Perrin, 31.01.2018

Trump befreit die Reichen von den Steuern und sich selbst vom Gesetz. Dafür wird er in Davos wie ein Gott verehrt. Unglaublich, findet Noé Perrin, und befördert ihn kurzerhand ins Märchenland.

Journal21.ch will die Jungen vermehrt zu Wort kommen lassen. In der Rubrik „Jugend schreibt“ nehmen Schülerinnen und Schüler des Zürcher Realgymnasiums Rämibühl regelmässig Stellung zu aktuellen Themen.

Noé Perrin wurde im Jahr 2000 geboren. Sie besucht das zweisprachige IB-Profil am Realgymnasium Rämibühl. An der Lesenacht 2016 gewann sie den Publikumspreis, 2014 den Gesamtptreis und 2013 den ersten Platz in der Kategorie Unterstufe. Sie war Finalistin beim RG-Finale von „Jugend debattiert“ und erreichte mit einem Filmbeitrag bei „Kino veritas“ den ersten Platz. Sie ist Mitglied des Solidaritätsvereins des Realgymnasiums. In ihrer Freizeit tanzt sie Ballet und nimmt Gesangsstunden.

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Der unheimliche Trampel: Satire von Noé Perrin

Don L. Tramp war laut, leer und launenhaft. Und noch nicht so berühmt, wie er gerne gewesen wäre. Aber da schien ihm das Glück zu grinsen. Ein neuer Präsident – oder eine Präsidentin – musste gewählt werden im Lande Erika. Aus seiner Sicht kam eine Präsidentin sowieso nicht in Frage, denn das wäre ja eine Frau gewesen, also war das Rennen gegen Hildi Klimmtau so gut wie gewonnen. Angestachelt von einem früheren Geschäftskollegen, beschloss Don L. Tramp, alles aufs Spiel zu setzen.

Und er gewann und zog aus seinem „Tramp Tower“ aus, ins Heisse Haus des Präsidenten von Erika. Sofort brachte er Hildi Klimmtau hinter Gitter und löste damit sein einziges greifbares Wahlversprechen ein. Das war es, was er den Erikanern versprochen hatte: unkompliziert aufzuräumen im Land. Denn gute Lösungen waren für ihn simple Lösungen; nachdenken konnte da nur stören. Also war Hildi sofort zu entsorgen, als Strafe für das Fremdgehen ihres Manns. Aber Don L. Tramp wollte mehr.

Das hatte keiner der Erikaner erwartet. In der Langeweile des Wahlkampfs hatten Tramp ein paar Einfälle ereilt, die ihn nun umzingelten an der Spitze der Macht über Erika und nicht mehr losliessen. So verbündete er sich mit seinem Freund Input, der Mussland regierte, gegen „Aasien“ und „all die anderen Neger“, wie er zu sagen pflegte, und machte mal platt, was dort so im Weg war. Dann zog er den Zaun gegen „Latrin-Erika“ und liess alle Armen im eigenen Land verhaften. Die Reichen befreite er von den Steuern, sich selbst vom Gesetz.

Erstaunlicherweise schien ihm das niemand so richtig übel zu nehmen. Menschen in Ländern, die er verspottete, applaudierten, wenn er zu Besuch kam. Bewundert wurden sein Geschäftssinn in eigener Sache, sein aufrichtiger Einsatz gegen das Golfplatzsterben sowie die unternehmerischen Kurven seiner Tochter Iwankel. Und als er für 23 Stunden und ungerechnet 23 Millionen Batzen Reisekosten das Weltwichtenforum im Luftkurort Aufund-Davon besuchte, ging die Gratiszeitung Quick, die ihn vorher grosszügig ausgelacht hatte, vor ihm auf die Knie.

Nur etwas war ihm entgangen beim grossen Aufräumen der Welt: der Sinn. Sinn Lichtenberg war ein Junge von munteren 16 Jahren, dem weder Tramp noch der Wahlkampf noch die Folgen davon im Lande Erika und dem Rest der Welt gefielen. Sinn wollte nicht haben, was da geschah. Und Sinn beschloss, sich durchzusetzen. Aber wie? – „Irgendetwas stimmt da nicht. Ich muss das Geheimnis hinter dieser sonderbaren Wahl aufdecken“, sagte sich Sinn und machte sich an die Arbeit. Zuerst galt es, ein paar Fragen zu stellen.

Wer waren die Menschen, die Tramp gewählt hatten? Warum waren sie bereit, das Falsche zu tun und ihn zu wählen, ihm zu folgen? Sinn Lichtenberg machte das Richtige und begann zu ermitteln. Er befragte die Erikaner und durchsuchte alle Spuren des Wahlkampfs, immer weiter zurück. So stiess er auf eine Notiz in einer Schülerzeitung, dass ein Mädchen eine Abschlussarbeit über „Trampel im Wahlkampf“ verfasse. Erscheinungsdatum: drei Monate VOR Tramps Wahlkampf! Mit diesem Mädchen gründlich reden, das machte jetzt Sinn.

Im Gespräch wurde deutlich: Dem Mädchen schien das Ganze entglitten zu sein. Mit der Idee ihrer Abschlussarbeit hatte sie ein Experiment losgetreten, das jetzt bitterer Ernst geworden war. Sie hatte nämlich die Idee gehabt, zu untersuchen, wie sehr sich die Erikaner bei ihren Präsidentschaftswahlen blenden liessen. Ein Schauspieler sollte einen politisch völlig naiven Kandidaten spielen, der gerade dadurch, dass er sich so unpolitisch aufführte, die Sponsoren und die Massen begeisterte und so als Kandidat in den Wahlen nach oben gespült würde.

Natürlich hätte sie dieses Experiment nie wirklich durchführen können, wäre ihr älterer Bruder nicht Psychologe und ihr Vater ein betrogener Geschäftskollege Tramps gewesen. So aber schlug die Idee bei beiden ein – und aus der Abschlussarbeit wurde ein geheimes und für alle Beteiligten überraschend durchschlagendes Experiment. Der eitle Tramp liess sich leicht als Kandidat gewinnen, weil er sich davon noch mehr Rampenlicht versprach. Die Medien berichteten über Tramps schräge Auftritte, und die Sponsoren witterten Gewinn.

Bald war klar: Der als Experiment aufgestellte Kandidat Tramp vermochte eine ganze Nation mit unsinnigen Behauptungen und Wiederholungen simpler Scheinlösungen zu unterhalten. So gewann er Runde um Runde der Vorwahlen. Als die Partei, für die er sich hatte aufstellen lassen, nämlich die Rechtserikaner, ihn erkor für die Endrunde der Wahlen, wurde es dem Bruder und dem Vater des Mädchens sehr mulmig. Aber Tramp war auf den Geschmack gekommen und liess sich nicht mehr stoppen.

Dies also hatte Sinn Lichtenstein im Gespräch herausgefunden. Die Abschlussarbeit war sozusagen über sich hinaus gewachsen. Zum Glück gab es, wie es sich für eine saubere Abschlussarbeit gehört, zu allem schriftliche Aufzeichnungen und Belege. Sie veröffentlichen, das machte nun Sinn. Und natürlich waren diese Nachrichten „Breaking News“ im doppelten Sinn des Worts: Sie wurden überall ausgestrahlt, sofort und immer wieder – und sie zerbrachen Tramps erikanischen Traum. Wie nach jedem Angriff, reagierte er sofort.

Da gab es doch diesen Knopf, den roten, auf dem Präsidenten-Schreibtisch im Heissen Haus. Der war da für äusserste Notfälle eingebaut worden, und jetzt war so ein Notfall. Tramp wusste, mit dem roten Knopf macht man seine Gegner platt, alle, und zwar ganz. Also hieb er mit der Faust darauf, dass es krachte. Die Tischplatte barst, der Schalter zersplitterte, bevor ein elektrischer Kontakt hätte hergestellt werden können. Glück für Erika und den Rest der Welt – und das endgültige Aus für L. Tramp. „Nie mehr Trampel“, titelte die Presse.

Wer noch nicht begriffen hatte, begriff jetzt. Statt der Atomraketen stiegen nach dem derben Hieb auf den roten Knopf die Einsicht und die Zufriedenheit in Erika. Das Mädchen bekam einen Preis für die beste Abschlussarbeit und studierte danach Psychologie wie ihr Bruder, der den Bestseller „Gegen die Manipulation der Massen“ veröffentlichte. Der Vater lehnte eine Anfrage ab, in den nächsten Wahlen als Präsidentschaftsanwärter für die Gegenpartei zu kandidieren. Und Erika hatte viel gelernt, wortwörtlich auf den letzten Drücker.

So regieren heute weder Tramp noch Klimmtau in Erika. Nach dem Debakel beschlossen die Erikaner, auf narzisstische Führer und teure Wahlkämpfe zu verzichten. Sie regieren sich selber, in der neuen Staatsform der Miteinander-und-Füreinander-Kratie. Und das Mädchen? Sie war still und zufrieden mit dem Lauf der Dinge. Hatte sie doch, von allem Anfang an, mit ihrer ganz besonderen Abschlussarbeit nur das im Sinn gehabt. Ihr Bruder und ihr Vater wussten nichts davon, und auch die Lehrer und die Jury der Abschlussarbeit haben es nicht gemerkt. „Das“, sagt sie, „bleibt geheim“.

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Verantwortlich für die Betreuung der jungen Journalistinnen und Journalisten von „Jugend-schreibt“ ist der Deutsch- und Englischlehrer Remo Federer ([email protected]).

Das Realgymnasium Rämibühl (RG, bis 1976 Realgymnasium Zürichberg) ist ein Langzeitgymnasium. Es ist neben dem Literargymnasium die einzige öffentliche Schule des Kantons Zürich, die einen zweisprachigen Bildungsgang in Verbindung mit dem International Baccalaureate anbietet, wobei die Fächer Geographie, Biologie und Mathematik auf Englisch unterrichtet werden. Zu den berühmten Schülern gehören Max Frisch und Elias Canetti.

Weitere Informationen finden sich auf der Homepage www.rgzh.ch

Kommentare

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Liebe Noe Perrin,
ich habe während meinen Ferien auf den Philippinen nochmals deinen Artikel gelesen und mich erneut köstlich amüsiert. Dein Schreibstil gefällt mir sehr. Mach weiter so.
Herzliche Grüsse, Dodo Padel.

Dodo Padel
Hohfurren 21
8126 Zumikon

Grossartiger, witziger Text mit tollen Einfällen! Schön, wenn man zur Abwechslung mal auf einer Newsseite richtig herzlich lachen kann.Super gemacht!

Super, diese Kleine hat mich total amüsiert. Kompliment, Kompliment

Sehr gut, sehr witzig, weiter so Noé

Bitte hört entlich auf mit dem "was auch immer-Bashing". Ich mag es nicht mehr hören oder lesen. Ich bin mit der Amerika-First-Politik der US-Administration auch nicht einverstanden. Wir wissen alle, dass der US-Präsident nur eine Galionsfigur ist und die wirkliche Macht anderswo zu finden ist. Wir haben in der Schweizer Regierung auch unsere Trolle und die Möglichkeit verbal auf sie einzuhauen. Schreiben sie doch mal etwas über unsere EU-Untertanen wie Leuthard, Sommaruga, Burkhalter etc.

Lieber Her Knecht
... dann lesen Sie es nicht - es zwingt sie ja niemand. Aber verbieten sie jungen Menschen nicht, sich in witziger Art und Weise über den grössten Troll der westlichen Welt zu äussern! Hier findet eben genau kein "Bashing" statt, sondern eine Übertragung der tristen Realität in ein lesenswertes, feinhumoriges Märchen.

Ja, Frau Perrin, auf Trump rumtrampeln bringt Zustimmung, Sympathie, Aufmerksamkeit, Schadenfreude, neue Leserschaften, eine Welle, auf der die westeuropäischen Medienschaffenden täglich seit dem 20.jänner reiten. Allein, das herablassende Kritisieren dieser Deutungshoheitsträger stumpft ab. Schlimmer noch: Trump nimmt diese Auf- und Erregung (neudeutsch; Hype) gar nicht mehr wahr oder ernst. Er denkt wie einst Franz J:Strauss: Was kümmert es die deutsche Eiche, wenn Hunde an sie pinkeln.
Die politische Korrektheit lässt diese meine Meinung nicht zu, oder doch?

r 3rIritkrKrtiti$All

Ich hätte eindeutig länger zur Schule gehen sollen.

liebe noe
es ist ein hochgenuss, ihren artikel zu lesen! sie sehen, was (falsch) läuft und kommentieren es kritisch, mit viel humor und einer ganz eigenen stimme. vielen dank!

Super! Shakespeare'sche Regentenkritik von Schwester Grimm.

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