Der Tuyu im Mond

Peter Achten's picture

Der Tuyu im Mond

Von Peter Achten, 11.08.2018

Spät im 20. Jahrhundert landete der erste Mann auf dem Mond. Ein Amerikaner. Werden im 21. Jahrhundert Chinesen folgen?

Die Chinesen und Chinesinnen, geschichtsbewusst wie sie sind, planen mit langem Atem. In jedem Bereich. Von der Wirtschaft über die Politik bis hin zu Kultur oder Wissenschaft. Als der grosse Revolutionär und Reformer Deng Xiaoping 1978 die Zwangs- und Planwirtschaft Richtung «sozialistische Marktwirtschaft mit chinesischen Besonderheiten» auf den Kopf zu stellen begann, war das nicht anders 2012, als Staats-, Partei- und Militärchef Xi Jinping neue Vorgaben für Politik, Wirtschaft und Kultur in der Praxis umzusetzen sich anschickte. Deng entwickelte Zielsetzungen bis ins Jahr 2049, dem 100. Gründungstag der Volksrepublik. Bis dahin soll China «umfassend aufgebaut» werden zu «einer Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand».

«Chinesischer Traum»

Wegen der rasanten Wirtschaftsentwicklung der letzten vierzig Jahre erklärte Xi 2021, den hundertsten Gründungstag der Kommunistischen Partei Chinas, als markantes Zwischenziel. Bis zum Ende des jetzigen Jahrhunderts, so ein Ziel des grossen «Chinesischen Traums», soll China gar zu einer Weltmacht werden. Ungleich den USA im 20. Jahrhundert aber, so Träumer Xi Jinping, werde China nicht zum Hegemon, sondern eine Grossmacht in einer multipolaren Welt.

China strebt zusammen mit wirtschaftlicher auch wissenschaftliche Macht an. Im IT-Bereich, zum Beispiel bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz oder bei Fintech und Telecom hat das Reich der Mitte bereits einiges vorzuweisen, wenn auch Amerika, Japan und Europa punkto Innovation nach wie vor führend sind und – entgegen pessimistischem Raunen – noch längst nicht alte Geschichte sind.

Götterschiff

Abseits der grossen Schlagzeilen hat sich China neben den USA und Russland zu einer innovativen Weltraumnation entwickelt. Das Raumzeitalter in China begann noch unter Mao Dsedong inmitten der chaotischen Grossen Proletarischen Kulturrevolution mit dem ersten Satelliten. Vor fünfzehn Jahren dann der erste bemannte Raumflug mit Shenzhou5 (übersetzt: Götterschiff, magisches Schiff) gesteuert vom Taikonauten Yang Liwei, 42 Jahre nach dem ersten Raumflug von Kosmonaut Juri Gagarin und dem zweiten Raumflug von Astronaut Alan Shepard.

Drei-Stufen-Plan

Die chinesische Weltraumbehörde geht nach einem Drei-Stufen-Plan vor. Der erste Schritt: Beherrschung der Technologie, Menschen ins All zu katapultieren und heil zurückzubringen. Als nächster Schritt soll das Andocken im All gemeistert werden. Als letzter Schritt wird eine ständige, bemannte Raumstation für das Jahr 2022 geplant. Dank ausgefeilter Raketentechnik – mittlerweile wird bereits das Modell Langer-Marsch-5 getestet – ist die Raumfahrtbehörde präzis auf Kurs.

Himmelspalast

Zwei chinesische Raumfahrt-Projekte sind besonders erwähnenswert und sorgen selbst in den USA für Aufsehen. Vor zwei Jahren hoben zwei Taikonauten in einer Raumkapsel – angetrieben von einer Rakete des Typs Langer Marsch 2F – von der Wüste Gobi ab und dockten an das Raumlabor Tiangon2 (übersetzt Himmelspalast2) an, zur Freude der stolzen Chinesinnen und Chinesen alles live übertragen vom Fernsehen. Tiangong2 umkreiste die Erde auf einer Höhe von 393 Kilometern. Eine permanente bemannte Raumstation soll bis 2022 Wirklichkeit werden.

Mondgöttin

Die chinesische Mondgöttin Chang’e hat einem andern Raumprogramm ihren Namen gegeben. Chinesische Wissenschafter vermuten auf dem Mond Rohstoffe wie Titanium oder Aluminium in grossen Mengen, aber auch Wasser. Vor allem Helium-3, den für Kernfusionen nötige Rohstoff, von dem auf der Erde gerade einmal 15 Tonnen, auf dem Mond aber in Hülle und Fülle – über eine Million Tonnen laut chinesischen Wissenschaftern – vorhanden sind. China träumt von der Erschliessung dieser Schätze.

Rückseite des Mondes

Das ehrgeizige Mondprogramm hat im Juni eine neue Stufe gezündet. Die Kapsel Chang’e-4 hat auf einer Rakete vom Typ Langer Marsch4C vom Raumbahnhof Xichang (Provinz Sichuan) abgehoben und soll – erstmals in der Geschichte der Raumfahrt – auf der Rückseite des Mondes landen. Raumfahrtprofessor Jiao Weixin von der Elite-Universität Beida in Peking kommentiert das so: «Landen wir auf der abgewandten Seite des Mondes, dann ist das etwas, das Russland und die USA bislang noch nicht vollbracht haben.» Das Schwierige an diesem Unterfangen ist die Kommunikation zur Erde. Ein kompliziertes Dreieck-System soll dieses Problem lösen. Das Landemodul Chang’e-4 landet ein Roboterfahrzeug auf dem Mond, das Gesteinsproben sammeln und zur Erde zurückbringen wird. Das gelang letztmals den Sowjets 1976 mit 170 Gramm Gestein und den Amerikanern 1969 bis 1972 mit insgesamt 360 Kilogramm Mondgestein.

Elixier der Unsterblichkeit

Das Chang’e-Programm hatte bereits zuvor Erfolge zu verzeichnen. 2007 lieferte Chang’e-1 die bislang an Detail reichsten Photos von der Mondoberfläche. Chang’e-3 wiederum gelang 2013 mit einem Roboter-Modul die erste sanfte Mondlandung seit 1976 (Sowjets). Das 140 Kilogramm schwere Roboter-Fahrzeug Yutu erforschte während drei Monaten drei Quadratkilometer der Mondoberfläche. Die geschichtsbewussten Chinesen verwenden auch in der streng rationalen Raumfahrt stets blumige, poetische Namen. Die Mondgöttin Chang’e ist ein Beispiel. Das zweite ist wohl noch prägnanter. Das Roboter-Modul nämlich heisst Yutu oder übersetzt Jadehase. Ungleich den Europäern, die beim Anblick des Mondes einen Mann zu sehen glauben, sind die Chinesinnen und Chinesen beim Betrachten des Mondes fest davon überzeugt, einen Hasen zu erblicken. Nun soll der Jadehase im Mond der Legende nach Getränke für die Götter gemischt haben. Der Mondgöttin etwa soll er gerne und oft Gesellschaft gleistet haben und ihr das Elixier der Unsterblichkeit zubereitet haben.

Zusammenarbeit

Das chinesische Raumfahrtprogramm läuft nicht abgeschottet von der internationalen Gemeinschaft. Im Gegenteil. Mit Russland und Europa ist Zusammenarbeit grossgeschrieben. Mit den USA freilich hapert es. Nicht wegen China, sondern wegen den USA. Aus Angst vor unrechtmässigem Technologietransfer hat der Kongress die Zusammenarbeit mit China unterbunden. Auf der internationalen Raumstation ISS hat mithin China ein Zutrittsverbot. ISS wird 2024 eingestellt. Fragt sich, ob dann neben Russen und Europäern auch Amerikaner zur chinesischen Raumstation Zutritt erhalten.

Das grosse Ziel Pekings ist natürlich eine bemannte Mondlandung. Nach den jetzigen Plänen soll das irgendwann zwischen 2025 und 2040 möglich sein mit einer Superrakete vom Modell Langer Marsch9. Der Mond soll dannzumal als Basis dienen für die weitere Weltraumforschung zum Mars und darüber hinaus. Der erste (chinesische) Mann im Mond – das ist jetzt schon sicher – wird den Jadehasen innig umarmen und sich am vom Yutu gemischten Elixier laben.

Ähnliche Artikel

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Peking will zwischen 2025 und 2040 auf dem Mond landen. Das sollte technisch kein Problem darstellen, sind doch die Amerikaner schon vor bald fünfzig Jahren, zwischen 1969 und 1972 sechsmal auf dem Mond gewesen. Sie haben sogar ein Fahrzeug mitgenommen. 1969 hatten wir noch nicht einmal Taschenrechner und noch lange nicht Computer auf unseren Tischen.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren

Das Historische Bild