Der lachende Dritte

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Der lachende Dritte

Von Arnold Hottinger, 26.05.2015

Der Bürgerkeig zwischen den beiden libyschen Regierungen nützt vor allem dem „Islamischen Staat“.

Aus einem Zweifrontenkrieg zwischen der Regierung von Tobruk und jener von Tripolis ist ein Dreifrontenkrieg geworden.  

Als dritte Kriegspartei tritt die libysche Variante des „Islamischen Staats“ (IS) in Erscheinung. Dabei handelt es sich um radikale Islamisten, die sich im „Emirat Libyen“ zusammengeschlossen und sich jetzt dem „Islamischen Staat“ angeschlossen haben. Ihr eigenes Herrschaftsgebiet erstreckt sich zwischen Derna und Sirte. Es ragt wie ein Keil zwischen die Territorien der beiden rivalisierenden Regierungen hinein.

IS-L – „L“ für Libyen

Doch wahrscheinlich beherrschen die libyschen IS-Kräfte das Territorium zwischen Derna und Sirte nicht vollständig. Sie agieren vielmehr als mobile Streitmacht. Sie verfügen über Stützpunkte in beiden Städten und unterhalten zwischen ihnen bewegliche Stellungen, die sie immer wieder verschieben.

Karte: journal21.ch/stepmap.de
Karte: journal21.ch/stepmap.de

Sicher verfügt IS-L („L“ für Libyen) in diesem Gebiet über die meisten Waffen. So können die IS-Kämpfer, wo immer sie auch in diesem Gebiet auftauchen, der lokalen Bevölkerung ihren Willen aufzwingen. In den grösseren Städten allerdings ist der IS nur an wenigen Orten permanent präsent.

Kampf um Sirte

Nach wie vor kämpfen in Libyen zwei Regierungen gegeneinander: Die international anerkannte von Tobruk und jene von Tripolis, welche die Hauptstadt und den grösseren Teil Libyens beherrscht. Beide bekämpfen aber auch, jede von ihrem Territorium aus, den IS-L.

Tobruk kämpft im Westen gegen Derna und Tripolis hat die Brigade 116
seiner Milizarmee schon im vergangenen Februar gegen Sirte in Stellung gebracht. Die Brigade versucht jetzt, eine weitere Expansion der IS-Kämpfer zu verhindern und wenn möglich aus Sirte zu vertreiben.

„Heftige Konfrontationen“?

Die Brigade besteht vor allem aus Milizionären der Stadt Misrata. Mohamed Zadma, ihr Kommandant, meldet von Zeit zu Zeit "heftige Konfrontationen" mit dem „Islamischen Staat“. Es habe Tote gegeben, vor allem auf der feindlichen Seite. Doch bisher war es ihm nie gelungen, mit seiner Brigade tief in die Stadt einzudringen.

Er begründete das damit, dass er die Stadt und ihre Bewohner schonen wolle. Laut einer letzten Meldung haben Zadmas Truppen am 18. Mai IS-Kämpfer, die sich nahe von Regierungsgebäuden in Sirte befanden, niedergerungen. In der Woche zuvor hätten IS-Kräfte Stellungen von Zadmas Brigade angegriffen. In der Folge sei es zu heftigen Zusammenstössen gekommen.

Kein intensiv geführter Stellungskrieg

Lokale Bewohner von Sirte berichten, der IS habe „Artillerie“ eingesetzt, Häuser beschädigt und Zivilisten seien zu Schaden gekommen.

Solche Meldungen erwecken den Eindruck eines nicht sehr intensiv
geführten Stellungskrieges. Nur gelegentlichen kommt es offenbar zu Ausfällen der einen gegen die andere Seite.

Kampf um Derna

An der östlichen Seite, bei Derna,  kämpfen die Truppen der Tobruk-Regierung gegen den „Islamischen Staat“. Dabei setzt die Tobruk-Armee auch ihre Luftwaffe ein. Doch die Stadt befindet sich nach wie vor in den Händen des IS-L. 

In Derna sind islamistische Untergrundorganisationen schon seit langem einflussreich; sie kämpften schon gegen Ghadhafi. Ihre Milizen, die über verschiedene Anführer verfügen, beteiligten sich im Februar 2011 im benachbarten Bengasi am Aufstand gegen Ghadhafi. Nach seinem Sturz haben die islamistischen Kräfte in Derna stets eine führende Rolle gespielt und ihre Waffen nie niedergelegt. Sie versuchten auch immer wieder, ihre Macht auf Bengasi auszudehnen.

Emirat innerhalb des Kalifats

Aus Derna stammt auch die Ansar al-Scharia-Miliz. Ihr wird vorgeworfen, am 11. September 2012 den amerikanischen Botschafter in Bengasi getötet zu haben.

Zu Beginn dieses Jahres haben die radikalislamistischen Kräfte erklärt, sie unterstellten sich dem "Kalifat" des „Islamischen Staats“. Schnell haben sie die schwarze Fahne und andere Symbole des „Islamischen Staats“ übernommen. Innerhalb des „Kalifats“ des „Islamischen Staats“ wurden sie als das "libysche Emirat des Kalifats" anerkannt.

Auch im Osten: kein intensiver Krieg

Auf das Konto der libyschen IS-Kämpfer geht die Enthauptung von 21 koptischen Christen, die in Libyen als Fremdarbeiter tätig waren. Ein libyscher IS-Sprecher drohte kürzlich damit, IS-Kämpfer übers Mittelmeer nach Europa zu schicken. Unklar ist, ob die libyschen Kämpfer Unterstützung fremder Islamisten erhalten haben. Natürlich schwirren da verschiedene Gerüchte.

Die Kämpfer in Tobruk, offiziell die Libysche Armee genannt, stehen in
einem Dauerkrieg um Bengasi. Die Stadt soll zur Zeit weitgehend unter ihrer Kontrolle stehen. Ähnlich wie die Brigade 116 auf der westlichen Seite, führen auch die Tobruk-Kämpfer keinen intensiven Krieg gegen Derna. Sie begnügen sich, ihre Positionen zu halten und dem IS ab und zu Gefechte zu liefern. Immer wieder führen sie auch mit ihrer Luftwaffe Bombenangriffe durch. Die Luftwaffe ist eine der Stärken der Tobruk-Armee – nicht, weil sie besonders zielsicher eingreift, sondern vielmehr, weil nur Tobruk über Kampfflugzeuge verfügt.

Der Wettlauf um Waffen

Beide Seiten, Tobruk und Tripolis, versuchen, mehr und bessere
Waffen anzuschaffen, dies, obwohl Libyen vor Waffen starrt. Die meisten stammen aus den Arsenalen von Ghadhafi und gerieten in die Hände der verschiedensten Milizen. Schon seit dem Kampf gegen Ghadhafi besteht ein Waffenembargo gegen Libyen. Der Uno-Sicherheitsrat hat dieses Embargo verlängert – dies zum Leidwesen der international anerkannten Regierung von Tobruk. Sie stellt sich auf den Standpunkt, dass sie als „legale“ Regierung das Recht habe, Waffen zu erwerben – im Gegensatz zur nicht international anerkannten Regierung in Tripolis.

Beide Seiten versuchen, das Waffenembargo zu umgehen. Und beide Seiten setzen auf ihre politischen Freunde. Tobruk erhält inoffizielle Hilfe von Ägypten und den Arabischen Emiraten. Tripolis wird unterstützt von Katar und der Türkei. Wie umfangreich die Waffenlieferungen sind, ist unklar. Tobruk hat dabei den Vorteil, dass es relativ einfach über den Landweg von Ägypten her Waffen einführen kann.

Krieg auf dem Wasser

Dieser Tage dehnt sich der Krieg auf das Meer hinaus aus. Am 15. Mai haben Kampfflugzeuge aus Tobruk einen Tanker vor Sirte bombardiert. Das Schiff wollte in einem Ladehafen bei Sirte Dieselöl für ein Thermoelektrizitätswerk ausladen. Dieses Werk versorgt die Stadt mit Elektrizität. Der Chef der Tobruk-Luftwaffe, Saqr al-Jaroushi, erklärte, das Schiff sei gewarnt worden, habe sich aber nicht an die Warnung gehalten. Es habe Waffen, Munition und "Söldner" für Truppen von Tripolis an Bord gehabt. Das Kraftwerk liegt im Herrschaftsbereich der Brigade 116. Die Brücke des Tankers wurde in Brand geschossen, einige Seeleute wurden verletzt. Doch die Dieselbehälter auf dem Schiff blieben unbeschädigt. Die Matrosen bespritzten sie mit Meerwasser und verhinderten so eine Explosion.

Mehrere Schiffe aus Misrata kamen dem brennenden Tanker zu Hilfe und pumpten das Öl aus dem brennenden Schiff ab. So konnte eine Umweltkatastrophe vermieden werden. Erst um vier Uhr früh wurde der Brand unter Kontrolle gebracht. Das Thermowerk wurde nicht angegriffen und beschädigt.

„Söldner“ an Bord?

Ob der Tanker neben Öl auch Waffen, Munition und "Söldner" transportierte, wie Tobruk behauptete, bleibt ungewiss.

Besonders wahrscheinlich ist dies nicht. Sollten sich dennoch Kriegsgerät und „Söldner“ an Bord befunden haben, so wären es wohl Waffen und Kämpfer gewesen, die die Brigade 116 verstärken sollte – also die Brigade der Tripolis-Regierung, die gegen den „Islamischen Staat“ kämpft. Doch solcher Nachschub könnte die Brigade einfacher auf dem Landweg von Misrata aus erreichen.

"Hoheitsrechte" von Tobruk?

Bereits am 11. Mai wurde ein türkischer Frachter in den libyschen Gewässern nahe vor Derna von der Tobruk-Luftwaffe bombardiert. Ein Schiffsoffizier wurde getötet, ein Matrose verletzt.

Tobruk erklärte, das Schiff sei über Funk gewarnt worden und habe Warnschüsse ignoriert. Die libysche Luftwaffe erinnerte daran, dass sie bereits im vergangenen Jahr gewarnt habe,  kein Schiff dürfe in die libyschen Gewässer einfahren, ohne die Erlaubnis der Behörden von Tobruk.

Die Regierung von Tobruk vermutet, dass Tripolis Kriegsmaterial an die versprengten islamistischen Kämpfer in und um Bengasi liefert, die immer noch gegen die Truppen aus Tobruk ausharren.

Erfolglose Vermittlungsversuche

Die Uno versucht verzweifelt, die beiden Rivalen in Libyen, Tobruk und
Tripolis, zu einem Kompromiss zu bewegen, der das Land vor einem
zerstörerischen Bürgerkrieg retten könnte. Ein solcher Kompromiss würde es auch erlauben, die dritte Kraft, den IS-L, gemeinsam und mit grösseren Erfolgsaussichten zu bekämpfen. Doch die Verhandlungen sind festgefahren.

Tobruk besteht darauf, als legale Regierung anerkannt zu werden. Tripolis entgegnet, die Tobruk-Regierung sei bloss eine Neuauflage des Ghadhafi-Regimes. Tripolis hingegen besitze "revolutionäre Legitimität". Das libysche Verfassungsgericht habe die Tobruk-Regierung als „illegitim“ erklärt. Dieser Rechtsentscheid wurde allerdings in Tripolis unter der Herrschaft der dortigen Milizen gefällt. Die Uno arbeitete einen Kompromissvorschlag aus, den beide Seiten „mit Empörung" zurückwiesen.

Wenn zwei sich streiten…

Man findet vergleichbare Situationen sowohl in Jemen wie auch in Syrien und im Irak. Der „Islamische Staat“ und in Jemen und Syrien auch die  al-Qaeda-Filialen wie AQAP (al-Qaeda auf der arabischen Halbinsel) und Nusra profitieren davon, dass ihre Feinde sich bitter bekämpfen. Es gelingt ihnen nicht, gemeinsam gegen die gewalttätigen Islamisten vorzugehen. In Jemen kämpfen pro-saudische Kräfte gegen die Huthis. Im Schatten dieses Krieges kann sowohl der „Islamische Staat“ als auch „al-Qaeda auf der arabischen Halbinsel“ weiter wachsen. In Syrien bringt der Kampf Asads gegen die syrischen Aufständischen dem IS und Nusra Gewinn. Im Irak profitiert der „Islamische Staat“ von dem  schiitisch-sunnitischen Ringen, hinter dem sich der saudisch-iranische Kalte Krieg versteckt.

Die militärische Stärke des Daesh (IS) ist sein Fanatismus. Das verleiht ihm Kampfkraft und, im Gegensatz zu dem unmotivierten Haufen der Syrer und Iraker, eine durchschlagende Wirkung. Eine Lieblingsstrategie des IS ist es, Lastwagen mit Sprengstoff zu bepacken und einen Fahrer bzw. Selbstmordattentäter auf den Weg zu schicken. So konnte Ramadi erobert werden.
Eine solch fanatisierte Truppe kann man, sofern man selbst nicht einen vergleichbaren Fanatismus mitbringt, nur mit perfekter Organisation und technischer Überlegenheit besiegen. Die Syrer und Iraker verfügen weder über das eine noch über das andere. Die syrische Armee ist ausgezehrt und abgekämpft und hält sich nur dank der Hizbollah-Milizen über Wasser. Die irakische Armee gibt es eigentlich nur noch auf dem Papier.
Weder Syrien noch Bagdad werden mit diesen Mordbrennern alleine fertig werden. Die alliierten Luftangriffe wirken nur begrenzt. Der Feind hat sich längst auf die Bedrohungslage aus der Luft eingestellt.

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