"Der Journalismus ist schlechter geworden"

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"Der Journalismus ist schlechter geworden"

Von Journal21, 03.02.2012

Mario Cortesi ist eine Legende. Seit 47 Jahren ist der Journalist, Verleger und Filmer im Geschäft. Sein Büro in Biel hat Kult-Status. Was sagt der Altmeister zum heutigen Journalismus? Mit Mario Cortesi sprach Heiner Hug.

Mario Cortesi (Foto: hh)

„Früher rangen wir um Wörter, um das beste Adverb, das beste Adjektiv. Es war ein ständiger Kampf um bestmögliche Formulierungen. Und heute?“.

Mario Cortesi ist 71. Er sprüht vor Dynamik und Energie. „Heute ist man schnell zufrieden", sagt er. "Die Journalisten sind genügsam geworden“.

Cortesi hatte 1965 in einer über hundertjährigen Villa am Bielersee das „Büro Cortesi“ gegründet – unterstützt vom Schweizer Fernsehen und der Basler „National-Zeitung“. Bis zu 50 Journalisten arbeiteten dort. Sie belieferten grosse Schweizer Blätter, arbeiteten für die „Tagesschau“ und die „Antenne“, die damalige Regionalsendung.

Für viele ist Journalismus "irgendein Beruf"

„Heute fragen die Journalisten bei einer Anstellung als erstes: Wie viel verdiene ich, wie viele Ferien habe ich, muss ich am Samstag arbeiten – und abends?“. Früher habe man nie zuerst über Finanzielles geredet. Man habe den Zeitungen Projekte vorgestellt und gesagt: „Schauen Sie zuerst, was wir liefern, und dann sagen Sie uns, was es wert ist.“ Man sei stolz gewesen, sich in einer Zeitung mitteilen zu können. Heute überlege man sich zuerst, ob man mit dem Honorar ein neues Auto kaufen könne. Für viele sei Journalismus heute „irgendein Beruf“. Das Herzblut fehle.

Cortesi, energisch, engagiert und voller Ideen, hat nichts von seinem Kampfgeist verloren. Wir sprechen am Sitzungstisch in seiner Firma am Bielersee, dort wo auch viele Bundesräte sassen und den Cortesi-Leuten Red und Antwort standen. Schlecht stehe es heute um die Ausbildung der jungen Leute. „Als ich zwanzig war, hatte ich sicher schon tausend Bücher gelesen“, sagt er.

Lest Hemingway, lest Tucholsky!

„Den jungen Journalisten befahlen wir: Ihr müsst alle Hemingway lesen, verinnerlicht euch seine Sprachbilder“. Und heute?

Heute lese kaum einer Hemingway, auch keinen Tucholsky. „Wir haben Tucholsky mehrmals gelesen und sagten uns, wow, diese Formulierungen“.

Unter Werner Wollenberger und Roman Brodmann „musste man noch formulieren können“. Da wurde nicht einfach ein Satz hingeschrieben, „da musste man um jedes Wort kämpfen“.

Heute gehe alles so schnell. Die SMS-Generation überlege sich nicht mehr, ob der jeweilige Satz der beste sei.

Viele junge Journalisten hätten nicht mehr das Bedürfnis, etwas kritisch auszuloten. Alles werde zur Routine. Auch die Recherche leide. „Man erforscht die Dinge nicht mehr, geht ihnen nicht mehr auf den Grund. Man denkt, bei Google finde ich dann schon etwas“. Das Verdikt ist klar: „Der Journalismus ist schlechter geworden“.

Um 18.00 Uhr schaltet man ab

Cortesi stellt auch fest, dass die jungen Journalisten nicht mehr eingehend miteinander sprechen. Sie sitzen in ihren Büros und schicken sich Mails oder Messages. „Wir hatten noch eine unglaublich starke Kommunikation, da wurden gemeinsam Ideen geboren. Oft sassen wir noch am Abend zusammen, redeten und sinnierten über mögliche Themen“. Heute würden die Journalisten um 18.00 Uhr nach Hause gehen - und abschalten.

Seit jeher gehört Mario Cortesi zu den mutigen und hartnäckigen Journalisten. Immer wieder greift er heisse Eisen auf. So schrieb er früher auch kritisch für Dienstverweigerer und gegen Kampfflugzeuge – und wurde stante pede zum Linken gestempelt, zum Kommunisten. Er wurde bespitzelt, sein Telefon wurde abgehört, seine Post wurde geöffnet. Im Restaurant, in dem er zu essen pflegte, fragte die Bundesanwaltschaft den Pächter, ob man Mikrofone unter dem Tisch montieren dürfe.

Es war die Zeit des Kalten Krieges, die unschöne Zeit von Bundesanwalt Hans Walder, des Hofer-Clubs und der krankhaften Fichen-Manie. Die Mächtigen im Land mochten ihn nicht, weil er manchen auf die Füsse trat. Überall witterten die Schnüffler Landesverrat und kommunistische Konspiration. Zwei Kilo schwer ist das Dossier zu den Fichen, die man über Cortesi angelegt hat. „Ich, ein Kommunist“, sagt er heute, „das wäre mir nie eingefallen“.

Manches wird verschwiegen

Noch immer ist er der kritische Journalist. Viele Freunde in der Politik hat er deshalb nicht. Aber in der Journalistenszene einen guten Namen. Er beklagt, dass die Journalisten heute nicht mehr hartnäckig nachfragen. Manches würde verschwiegen. Viele Journalisten pflegten gute Beziehungen zu Politikern und hohen Beamten, auch zu Bundesräten. Von ihnen erhalte man dann ab und zu wichtige Informationen. Solche Quellen wolle man nicht mit kritischen Berichten brüskieren – sonst versiegen die Quellen.

„Was mir in der Schweiz fehlt, ist der harte Journalismus. Dass man auch einmal einem Bundesrat an den Karren fährt und sagt: So nicht“.

"Wir arbeiteten von sechs Uhr früh bis zehn Uhr abends"

Cortesi, der das Büro lange Zeit mit Frank A. Meyer führte, belieferte nicht nur Zeitungen und Zeitschriften mit recherchierten Artikeln. Bald begann er Dokumentarfilme zu drehen, die immer wieder ausgezeichnet wurden, auch mit internationalen Preisen. „Wir arbeiteten von sechs Uhr früh bis zehn Uhr abends“. Gemeinsam habe man das Morgenessen im Büro eingenommen und über neue Projekte diskutiert („Frank A. Meyer ass immer zwei Spiegeleier mit Schinken“).

In den Gründung-Statuten war festgeschrieben, dass das Büro nie mehr als 50 Journalisten beschäftigen dürfe, damit es nicht zur Fabrik wird und die Qualität der Arbeit in gegenseitiger Kontrolle gewährleistet bleibt. „Wir mussten grosse Aufträge ablehnen, da wir sonst mehr Leute hätten einstellen müssen“. Heute beschäftigt das Büro 40 Mitarbeitende.

400 Journalisten ausgebildet

Das Büro war die erste schweizerische Ausbildungsstätte für Journalisten – lange vor dem Medienausbildungszentrum MAZ in Luzern. „Wir haben nie ausgebildete Journalisten angestellt“, sagt er, „wir haben alle selbst ausgebildet“.

400 Journalistinnen und Journalisten lernten in den 47 Jahren das Handwerk in Biel. Viele sind gross herausgekommen, viele arbeiten heute für die wichtigen Medien in der deutschen und französischen Schweiz. Noch heute bildet Cortesi junge Journalisten aus. Seit 1978 gibt er auch die grösste Gratiszeitung in der Region heraus: „Biel/Bienne“ erscheint mit einer Auflage von 110‘000 Exemplaren, die einzige echte Zweisprachen-Zeitung der Schweiz.

Das Büro Cortesi startete 1965 mit einem mutigen Geschäftsmodell. Jeder Journalist war Mitbesitzer zu gleichen Teilen wie der Chef. Jeder legte sich – im Rahmen des Möglichen - seinen Lohn selber fest. 13 Jahre lang funktionierte dieses idealistische Modell perfekt. Dann 1978 musste man zwanzig neue Kräfte anstellen, um „Biel/Bienne“ herauszugeben. Seither gibt es „Besitzer des Büros“ und „Angestellte“.

Das Filmhotel auf Ibiza

Ein Mal pro Jahr zog es Cortesi und sein Team nach Ibiza. Dort diskutierte die Crew während einer Woche intensiv über das vergangene Jahr und über neue Projekte. Dort auch entdeckten die Cortesi-Leute 1985 eine tausendjährige verfallene Villa. „Se vende“. Sie kauften sie und verwandelten sie in ein „Filmhotel“ mit sieben Suiten. Im „El Palacio“ gab es eine Marilyn Monroe-Suite oder eine James Dean-Suite. Bekannte schweizerische und deutsche Künstler stiegen dort ab, so Emil oder Udo Lindenberg. Vor drei Jahren wurde das Haus verkauft. „Nicht, weil es kein Erfolg war, im Gegenteil“, sagt Cortesi, „aber die Büro-Gesellschafterin, die es führte, ist jetzt über siebzig“.

Auch Cortesi ist über siebzig, doch ans Aufhören denkt er noch lange nicht. Was hält er von der heutigen Presse?

Der Journalismus im Internet muss besser werden

Die Zeitungen seien uniform geworden. Überall gebe es Kopfblätter, man habe kein Geld für tief gehende Recherchen, es fehlten die Spezialitäten. „Auch die Sonntagszeitungen sind leider sehr oberflächlich geworden“. Aber: Obwohl man überall spare, gebe es in der Schweiz immer noch einige gute Zeitungen.

Im Internet sieht Cortesi eine Chance. „Doch wenn der Journalismus im Netz Erfolg haben will, muss er besser werden“. Es brauche grosse Investitionen. „Und es braucht Journalisten, die nicht nur im SMS-Stil schreiben können“.

Cortesi glaubt, dass es die Papierzeitungen noch lange geben wird, trotz Internet. Rupert Murdoch investiert Millionen und Abermillionen in Druckereien. „Er täte das nicht, wenn er an den baldigen Tod der Papierzeitung glaubte“.

Erschreckende Genügsamkeit der Jungen

Doch die Bezahlzeitungen kommen laut Cortesi immer mehr unter Druck. Die Jungen, die heute nur Gratiszeitungen lesen, würden sich – wenn sie erwachsen sind – wohl keine Bezahlzeitungen leisten. Sie seien anspruchslos. „Ihnen reichen die Informationen der Gratiszeitung und die Online-Berichte. Man will gar nicht mehr. Die Jungen sind aufgewachsen mit einer erschreckenden Genügsamkeit. Wenn sie dreissig sind, werden sie noch immer genügsam sein“.

„Wenn ich heute die Tageszeitung aufschlage und fünf Todesanzeigen sehe, dann denke ich: Fünf Abonnenten sind für immer verloren. Niemand wird sie ersetzen.“

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Allein die Journis für den Qualitätsverluste der Presse verantwortlich zu machen, greift zu kurz. 25 Jahre lang arbeietete dich als Redaktor beim Beobachter. 2008 hat mein Unruhestand begonnen. Eine steigende Bürokratisierung und Hierarchisierung prägten die letzten zehn Jahre meiner Tätigkeit. Man sprach vermehrt von neuen Strukturen, Abläufen, Fokussierung und Positionierung. Einer der Chefredaktoren verfasste in seiner Amtszeit vier Leitbilder für den Beobachter, daneben schrieb er alle Monate ein Editorial aber keinen Artikel. Sein Stellvertreter werkelte ein Jahr lang an einem Handbuch für Mitarbeiter, das dann auch in den Regalen vor sich hin schlummerte. Auch er verfasste pro Monat ein Editorial und keinen Artikel. Das Editorial diente als einziges Gefäss für Kommentare, welche wiederum den beiden Chefs vorbehalten waren. Wir Redaktorinnen und Redaktoren meldeten brav unsere Ideen für Artikel an, welche dann von den Chefs gutgeheissen oder verworfen wurden. Die Länge des Artikels legten sie vor der eigentlichen Recherche fest. Humor verbot der Vorgesetzte: Der Leser suche keinen Humor im Beobachter. Wir recherchierten und bemühten uns um einen guten Stil und die passenden Adjektive. Worauf der Textchef Titel und Lead neu formulierten und ein weiterer Mitarbeiter den Feinschliff vollzog. Das ging so weit, dass ein freier Mitarbeiter einmal konsterniert erklärte, er kenne seinen Text nicht mehr. Kurz, der Beruf des Redaktors hat sich verändert. Er ist zum Freien Mitarbeiter mit festem Arbeitsplatz in der Redaktion geworden. An Stelle des einstigen Chefredaktors, der mit seinem Stil und seinem Mut das Blatt prägte, tritt ein Blattverwalter. Das ist der Lust am Ringen um Formulierungen abträglicher als die angebliche Bequemlichkeit der Redaktoren. Dem jetzigen Chefredaktor des Beobachters ist zugute zu halten, dass er ein neues Gefäss für Kommentare der Redaktorinnen und Redaktoren geschaffen hat. Und Humor ist kein Tabu mehr.

Aus eigener Anschauung weiss ich, dass sich Journalisten vom Honorar kein neues Auto kaufen können, höchstens eine kleine Occasionskarre. Vor allem Berufseinsteiger nicht und viele freie Mitarbeiter, die bei den regionalen Tageszeitungen in der Provinz für 1 Franken pro Zeile schreiben. In einer Kraut-und-Rüben-Redaktion besteht auch ein hoher Druck, an immer mehr Abenden in der Woche Zusatzeinsätze zu leisten. Wenn man gezwungen wird an drei Abenden pro Woche eine Gemeindeversammlung zu besuchen, aktuell zu schreiben und danach dennoch immer am 8.50 Uhr wieder im Büro zu stehen, dabei bescheiden entlöhnt wird und keinen Inflationsausgleich kriegt, dann lodert das feu sacré nicht mehr so hell. Cortesi müsste die Entwicklungen eigentlich kennen, "Biel-Bienne" ist kein überregionales High-End-Produkt. Vielleicht ignoriert er das auch einfach als Verleger und gefällt sich besser mit retrospektiven Betrachtungen im publizistischen Wolkenkuckucksheim. Ich habe fertig.

Der Herr Cortesi scheint nicht gerade auf der Höhe der Zeit zu sein.

"Heute überlege man sich zuerst, ob man mit dem Honorar ein neues Auto kaufen könne." Ist es nicht eher so, dass Berufsanfänger heutzutage sich eher Gedanken machen müssen, ob sie sich überhaupt ihr altes Auto noch leisten können?

"Die SMS-Generation überlege sich nicht mehr, ob der jeweilige Satz der beste sei." Würden Journalisten so sehr um jedes Wort kämpfen, wie es Herr Cortesi früher getan hat, könnten sie sich im Zacki Zacki-Journalismus von heute nicht lange behaupten. Nicht die Journalisten sind das Problem, die Profitvorstellungen der Verlags-Eigner sind es.

"Ihnen reichen die Informationen der Gratiszeitung und die Online-Berichte. Man will gar nicht mehr. Die Jungen sind aufgewachsen mit einer erschreckenden Genügsamkeit." Ist es nicht viel mehr Genügsamkeit, wenn man sich an (s)einer Zeitung und (s)einem Weltbild festklammert, statt all die schönen, politisch in allen Richtungen vertretenen Kommentare und Artikel im Internet zu lesen und live darüber zu diskutieren?

Sehr geehrter Herr Cortesi...hier spricht Cathari...ein Mensch der mit der deutschen Sprache kämpft. Etwa so, wie ein Kampfhund gegen sein eigenes Uebergewicht. Ein tolles Lesestoffgericht , gewürzt mit ein wenig Sarkasmus, Ironie und einer homöophatischen Zugabe von Zynismus würde uns manchmal gut tun. So wie z.B. Was nützt es, wenn in Rom gestritten wird, ob die Seele sterblich oder unsterblich ist. Wir wissen, dass der Hunger tödlich ist....— Camilo Torres, kolumbianischer Befreiungstheologe, geboren heute vor 83 Jahren...Quelle: Journal21 Tagesspruch vom 03.02.2012 Was meine Sprachbildung betrifft (als nur Kommentarschreiber ) ich versuche es weiter aus Freude am Teilhaben.

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