Der Durchbruch von Genf

Arnold Hottinger's picture

Der Durchbruch von Genf

Von Arnold Hottinger, 24.11.2013

Man darf aufatmen. Für die nächsten sechs Monate ist die Gefahr eines Irankrieges gebannt. Es besteht Hoffnung, dass sie durch weitere Verhandlungen während diesen sechs Monaten endgültig überwunden werden kann.

Ein Krieg mit Iran wäre nach allem Ermessen bedeutend schlimmer
geworden als die bisher zerstörerischsten Kriege im Nahen Osten seit
der Mongolen Zeit, der irakische und der gegenwärtige syrische -
kombiniert!  Kaum ermessbares Unglück und Leid für alle Beteiligten.

Fakten statt Worte

Dieser Krieg wäre fast unvermeidlich gekommen, wenn kein Übereinkommen in Genf erreicht worden wäre. Vor seinem endgültigen Zusammenbruch durch die amerikanischen und europäischen Sanktionen hätte Iran ihn geführt. Die israelische Regierung wollte diesen Krieg führen, vorzugsweise in Zusammenarbeit mit den USA. Sie droht, sie könnte ihn immer noch führen, wenn es notwendig werde, um die atomare Bewaffnung Irans zu verhindern.

Doch strebt Iran wirklich eine Atombombe an? Die iranischen Behörden und Machthaber streiten es immer wieder von neuem ab. Sie haben aber grosse  Anstrengungen gemacht, um Anlagen zu bauen und zu betreiben, die in aller Wahrscheinlichkeit zu nichts anderem dienen können, als zur Entwicklung  einer Bombe. In der Weltpolitik tut man im Allgemeinen gut daran, sich an Fakten zu halten, soweit sie erkennbar sind, nicht an Worte, die die Fakten sowohl bestätigen wie auch abstreiten können.

185 Kilo zu 20 Prozent angereichertes Uran

Urananreicherung bis zu 5 Prozent kann industriellen Zwecken dienen,
dem Betreiben eines atomaren Elektrizitätswerkes. Anreicherung bis zu
20 Prozent dient medizinischen Zwecken, etwa Strahlenbehandlung, doch dies braucht nur kleine Mengen von Material. Als Faustregel gilt, man braucht über 240 Kilo von zu 20 Prozent angereichertem Uranium, um in der Lage zu sein, relativ rasch, vielleicht innerhalb von 6 Monaten,  eine einzige Atombombe zu entwickeln. Für diese braucht man  zu 90 Prozent angereichertes Material.

Iran soll, nach den Beobachtungen der Internationalen Atomenergie Agentur, im August dieses Jahres über 185,5 Kilo von zu 20 Prozent angereichertem Uranium verfügt haben. Mit 55,5
Kilogramm mehr würde es die sogenannte "Ausbruch" (break out)- Schwelle erreichen. Deshalb die Schätzungen, in ungefähr einem Jahr könnte Iran über eine erste Atombombe verfügen, falls das Land trotz aller gegenteiligen Versicherungen eine Atombombe anstrebte. Israel soll zwischen 200 und 400 davon besitzen.

Gibt es ein "Recht auf Anreicherung"?

Im Zentrum der Verhandlungen von Genf stand der eiserne Willen Irans,sein "Recht auf Anreicherung" zu bewahren. Dies ist von jeher der
Standpunkt Irans gewesen. In der Tat  erlaubt der Internationale
Atomvertrag, dem Iran beigetreten ist, Israel jedoch nicht,
Anreicherung durchzuführen, jedoch unter Kontrolle der Atomagentur,
die dafür zu sorgen hat, dass diese Anreicherung nicht die Schwellen
überschreitet, über welche hinaus, der Bau einer Bombe möglich wird.

Iran stimmt dem Prinzip einer Kontrolle durch die Atomagentur zu.
Allerdings gab es in der Vergangenheit des Öfteren Unstimmigkeiten
darüber, wie weit diese Kontrollen gehen sollen und wo ihnen Grenzen
gesetzt seien. Iran hat nun zugestimmt, dass die Kontrollen verschärft
werden können. Iran hat auch versprochen, für die nächsten 6 Monate
alle weitere Anreicherung über 5 Prozent hinaus einzustellen. Doch
Aussenminister Zarif hat betont, dass Iran sein "Recht auf
Anreicherung" nicht aufgebe und auch in Zukunft nie und nimmer
aufgeben werde. Dass dies so sei, wurde als die "Rote Linie" erwähnt,
die Khamenei, nach eigenen Angaben, seinem Staatspräsidenten Rouhani und dessen  Aussenminister vorgeschrieben habe.

Denkbarer Kompromiss

Der amerikanische Aussenminister Kerry hat seinerseits sofort nach
den Verhandlungen erklärt, Amerika habe Iran "das Recht auf
Anreicherung" nicht zugestanden. Man kann daraus erkennen: in den
kommenden Verhandlungen, die während der nächsten sechs Monate
stattfinden müssen, dürfte ein Hauptpunkt sich um dieses Recht
drehen. Der denkbare Kompromiss würde natürlich lauten: "Anreicherung ja, das Recht darauf besteht weiter, jedoch innerhalb von feststehenden und kontrollierbaren Grenzen".

Dagegen würde Iran wohl auf der Aufhebung aller Sanktionen bestehen
und auf einer "Normalisierung" seiner Beziehungen mit den USA und
Europa, was immer genau unter dieser Bezeichnung zu verstehen sein
wird.

Der zweite Weg zur Bombe

Es gibt noch einen anderen heiklen Punkt in den Verhandlungen, den die Franzosen ansprachen. Er betrifft einen anderen Weg, der ebenfalls zu einer Atomwaffe führen kann, nicht den der Anreicherung von Uranium mit Zentrifugen sondern der Gewinnung von Plutonium über Schwerwasser-Reaktoren, wobei das Plutonium den Grundstoff für eine Bombe zu liefern hätte. Die neue Anlage Irans bei Arak ist ein Schwerwasser-Reaktor. Das Plutonium, das er als Nebenprodukt hervorbringt, könnte zu einer Bombe weiter verarbeitet werden. Doch dazu wäre der Bau einer weiteren Grossanlange notwendig, der bisher nicht begonnen hat. Er würde vermutlich mindestens ein Jahr in Anspruch nehmen.

Ob es auch in Bezug auf Arak in Genf eine Übereinkunft gegeben hat, oder ob diese Frage offen gelassen wurde, weiss man zur Zeit in der Öffentlichkeit noch nicht. In den endgültigen Verhandlungen muss auch sie geregelt werden.

Neue Perspektiven für den Nahen Osten

Das sich nun abzeichnende neue Verhältnis der USA zu Iran, das
vielleicht künftig ein Ende der bisher 35-jährigen Feindschaft
zwischen den beiden Staaten herbeiführen wird, hat schon gegenwärtig
Folgen für die gesamte politische Nahostkonstellation. Israel und
Saudiarabien sind die beiden Nahoststaaten, die Iran weiterhin
fürchten und  das Land lieber bekämpfen möchten als einer Versöhnung mit ihm zustimmen, weil sie einer jeden Versöhnung misstrauen.

Saudiarabien, zusammen mit den Erdöl Kleinstaaten am Golf fürchtet nicht nur eine mögliche iranische Bombe sondern auch eine Ausdehnung der Macht des Schiitentums, gestützt auf Iran, in der gesamten arabischen und islamischen Welt. Das Königreich hat sich zur Vorkämpferin des Sunnismus in der islamischen Welt erklärt. Es versucht zur Zeit, die Achse zwischen Iran und Hizbullah in Libanon, die über Syrien verläuft, zu brechen. Dies ist eine der vielen Facetten, aus denen der syrische Bürgerkrieg sich zusammensetzt.

Entspannung mit Israel möglich?

Die israelische Regierung gibt sich überzeugt davon, dass Iran ein Feind Israels sei und bleiben werde, mit oder ohne Bombe, natürlich lieber ohne als mit. Zur Zeit des Schahs wurde Iran in Israel als ein Freund eingestuft, jenseits der feindlichen arabischen Welt, mit dem Zusammenarbeit bestand. Damals erinnerte man sich an Kyros, der  kurz nach 539 vor Christus den Juden erlaubt haben soll, aus der Gefangenschaft von Babylon heimzukehren und ihren Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen. Ein sehr langer Weg steht bevor, bis diese alte Verbindung wieder hergestellt werden kann.




 

 

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Barack Obamas grosser Sieg! …auch der Vernunft. John Kerrys professionelle Mediation. Da kommt einem Virginia Woolf mit Burton-Tylor in den Sinn. Zwei sich zugeneigte Staaten die seit 2600 Jahren irgendwie durch König Cyrus (der einzige Nichtjude der je den Status eines von Gott gesandten Retter`s erhielt) diese Ehre widerfahren ist. Wollen wir doch hoffen dass sich die beiden wieder finden (es leben ja 100`000 ende Juden unbehelligt im Iran) und möglicherweise New-Nah-Ost gemeinsam gestalten könnten. Streitehen leben oft von gegenseitigen Anziehungskräften. Gewalt kann jedoch nicht die Lösung sein!....cathari

Von wegen 100`000 Juden leben unbehelligt im Iran. Sehr viele mussten untertauchen. weitere wurden verhaftet und gefoltert. Ich weiss von einem Iraner, dass dessen Vater an der Folter gestorben ist. Es gibt vielleicht einige Vorzeige Juden, den meisten aber geht es gar nicht gut. Und sie müssen um überleben zu können ihren Glauben sehr gut verbergen.

Ich war sehr erstaunt, als ich von dem vorläufigen Abkommen hörte. Waren es doch die USA und die Israelis, die den Iran jahrelang öffentlich vor einen Angriff auf die Nuklearanlagen warnten und vermutlich auch den einen oder anderen Anschlag durchführten.

Nebenbei: Ein Bombenangriff würde eine Verstrahlung wie in Tschernobyl auslösen, da dieser ein militärischer Reaktor (Plutoniumgewinnung) war, dessen Ziel es war, eine beim Einsatz der A-Bombe möglichst geringe Strahlung abzugeben. Fukushima ist dagegen ein ziviler Reaktor und könnte 12'000 mal mehr Radioaktivität abgeben (der eigentliche Gau geschah noch gar nicht). Unsere AKWs sind ebenfalls zivile Reaktoren, sollte hier mal einer hochgehen, würden laut Experten grosse Teile Europas für mehrere Tausend Jahre unbewohnbar!
Generell halte ich es für gar keine gute Idee, auf dem iranischen Erdbebengebiet Atomreaktoren zu bauen. Die Japaner können ein Lied davon singen. Schaden um Fukushima bisher ca. 180 Milliarden Dollar. Die Schäden an Mensch und Tier werden erst in ein paar Jahren ersichtlich.

Aber zurück zum Thema. Persönlich befürwortete ich die iranische Atombombe aus dem Gesichtspunkt, dass dann ein Krieg durch Israel und USA auf das bisher friedliche Land unmöglich geworden wäre. Hätte jedes Land eine A-Bombe würde vielleicht wieder Frieden einkehrten. Denn ich halte es für ausgeschlossen, dass auch nur ein land auf die Bombe verzichtet.

Die ständigen Drohungen von Ahmadinedschad, Israel zu vernichten, waren laut dem iranischen Botschafter aus Bern, keine Drohungen sondern Voraussagen, dass es so kommen könnte, sollte Israel sich weiter so arrogant gegenüber den anderen Ländern verhalten. Der Iran sei ein friedliches Land und habe keine Absicht Israel je anzugreifen. Voraussagen, die übrigens durch zahlreiche Prophetien ausführlich beschrieben werden.

Für die Israel-Freunde auf dem Forum, ich habe persönlich nichts gegen Israel, aber ein ehemaliger Schin Bet Geheimdienst Chef sagte in einer Doku selbst, dass Israel sich verhält wie die Nazis in den besetzten Gebieten, Frankreich und Belgien usw. Dass Israel zu einem Polizeistaat mutiert, was er gar nicht begrüsse. Ich schliesse mich seiner ehrlichen Meinung an.

Das Lustige ist, dass Saudi-Arabien vermutlich von Pakistan einige Bomben bekam oder noch erhält, und niemand regt sich darüber auf. Dabei sind die beiden Länder was Menschenrechte betrifft, etwa gleich mies. Saudi-Arabien hat aber eine andere Position dadurch, dass die meisten Attentäter auf das World Trade Center Saudis waren (Sofern man der offiziellen Version glauben mag). Ausserdem bezahlen sie die Söldner (Rebellen) in Syrien. Bezahlten die Muslimbrüder in Ägypten. Saudi-Arabien verhält sich keineswegs neutral und ist eine grössere Gefahr wie der Iran.

Was die aktuelle Nahostpolitik für die Zukunft bedeutet, schliesse ich mich dem Autor an. Feinde werden nicht plötzlich beste Freunde, aber die Signale der USA sind erfreulich.

Mich würde aber interessieren, ob das Abkommen für die amerikanischen - schweizerischen Beziehungen einen Einfluss hat, denn durch die Irankrise war die Schweiz ein wichtiger Partner für die USA und auch für den Iran. Es wäre möglich, dass die Schweiz für die USA künftig kein wichtiges Land mehr ist, da die Banken ja bereits nach amerikanischer Pfeife tanzen.
Ich hoffe die Schweiz unterhält die guten diplomatischen Beziehungen zu Iran weiter.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren