Das Warten am Abgrund

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Das Warten am Abgrund

Von Stephan Wehowsky, 22.06.2012

Das Schiff treibt auf den Abgrund zu, und die gereizte Stimmung auf der Brücke enthüllt die Ratlosigkeit. Aber nichts ist schwieriger als das Warten auf das Unausweichliche.

Das Bild eines auf den Abgrund zutreibenden Schiffes ist still. Das Wasser des Flusses ist ruhig; es genügt die Strömung. Das Schiff hat zu wenig Treibstoff oder einen Maschinenschaden. Auf jeden Fall verfügt es nicht mehr über die Antriebskräfte, um zu wenden und gegen die Strömung anzufahren. Und alle Passagiere wissen das.

Dieses Schiff ist Europa. Während das Unabwendbare seinen Lauf nimmt, werden Dinge ausgesprochen, die bislang niemand zu sagen wagte: Das Schiff Europa sei sehr schlecht administriert und entsprechend miserabel gewartet worden. Denn es habe zum selben Ticketpreis Passagiere aufgenommen, die weder in die erste, die zweite, noch in die dritte Klasse gepasst hätten. Bei jeder Gelegenheit hätten diese Passagiere anschreiben lassen. Am Ende seien ihre unbezahlten Rechnungen teurer als die ganze Reise gekommen.

Das Zerbrechen des Codes

Und es sei eine Menge Leichtsinn im Spiel gewesen. Man habe geglaubt, man müsse nicht mehr wie zu Urgrossvaters Zeiten Fahrkarten am Schalter gegen harte Münze verkaufen. Es genüge, dass jeder irgendetwas unterschreibe, dass andere diese Unterschriften als Wert verbrieften – und schon könne die Reise losgehen.

Und jetzt treibt das Schiff auf den Abgrund zu. Es gibt Passagiere, sogar die Mehrzahl, die die Animation an Bord als Beruhigung nehmen. Es könne doch nicht sein, dass ..... Wenige andere haben schon in den Abgrund geschaut, und das Grauen lässt ihnen das Blut in den Adern gefrieren. Denn sie wissen, dass das scheinbar so leichte Geld der Code ist, ohne den alles ins Stocken gerät - und im Chaos versinkt.

Die erste Stufe des Schreckens besteht darin, dass die Hüter des Codes damit nicht mehr umzugehen wissen. Die einen sagen: „Gebt den Code frei, das Geld muss unbeschränkt und ungehemmt überallhin fliessen, so dass es alles schmieren kann.“ Die anderen sagen, das dürfe nicht sein, denn wo es nur noch Geld gebe, verlöre es den Bezug zu realen Werten und löse sich als Illusion auf.

Fahrige Bewegungen

Niemand hat mehr ein Rezept. Die Argumente sind ausgetauscht, ausdiskutiert, ausgereizt. Und die Strömung des Flusses treibt das Schiff weiter auf den Abgrund zu. Irgendwie haben die auf der Brücke Zeit – und irgendwie auch nicht. Es knallt nicht sofort wie bei einem GAU eines AKW. Es fällt auch kein Flugzeug vom Himmel. Es bleibt merkwürdig still. Und das Leben geht vorerst weiter. Investitionen werden getätigt; Kinder gehen zur Schule; jeder hat seine Pläne.

Aber die Zeit zum Handeln ist abgelaufen. Die zweite Stufe des Schreckens besteht darin, dass die Führungsmannschaft auf der Brücke ihre Identität verliert. Am Anfang war das noch erheiternd. Da gab es Figuren, die nur als Pausenclowns von sich reden machten und nach und nach verschwanden. Aber plötzlich stellt sich heraus, dass auch die Kernmannschaft mit ihrem unerbittlichen Ernst Teil der bitteren Komödie ist. Plötzlich merkt die Kernmannschaft, dass sie nur noch so tut, als hätte sie Hebel in der Hand. Um so fahriger werden ihre Bewegungen.

Die Unerbittlichkeit der Geschichte

Und nun zündet die dritte Stufe des Schreckens. Sie besteht darin, dass sich die schlimmsten Ahnungen der klügeren Passagiere zu erfüllen beginnen. Schon jetzt versagt die Mannschaft auf der Brücke. Wie wird es erst gehen, wenn das Schiff ins Schlingern und Taumeln gerät? Denn die klügeren Passagiere wissen, dass das nicht so ungewöhnlich ist, wie die auf der Brücke und die Animateure auf den Decks vorgeben.

„Geld bewegt die Welt“, wird gerne gesagt. Um so schlimmer ist es, wenn es zeitweilig ausfällt. Die Welt gerät nicht nur ins Stocken, sondern ins Trudeln. Wer das denkt und sagt, ist kein Pessimist. Er ist ein Realist, denn solche Vorgänge hat es dutzendfach in der Geschichte gegeben. Und gegenüber der Geschichte kann man nicht pessimistisch oder optimistisch sein. Ein Optimist müsste den Beweis liefern, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Das wäre kühn.

Hunger, Epidemien und Anarchie

Und einigermassen aussichtslos. In dieser dritten Stufe des Schreckens kursieren vertrauliche Papiere in Bankenkreisen. In diesen Papieren wird beschrieben, was alles geschieht, wenn ein Finanzmarkt kollabiert. Die Verfasser sind kluge Leute, die sich mit Geschichte und Soziologie gründlich befasst haben:

Alle Kreisläufe kommen zum Erliegen. Längst überwunden geglaubte Plagen und Nöte kehren zurück: Hunger, Epidemien und Anarchie. Schon in kurzer Zeit erkennt sich unsere Gesellschaft nicht mehr wieder. Wahrscheinlich ist - und die Geschichte bietet dafür zahlreiche Beispiele - dass sich die Bevölkerung dezimiert.

Dr. Doom

Das Deprimierendste aber ist, dass sich dieselben Muster über Jahrhunderte wiederholen und der Mensch sich nicht ändert. Nouriel Roubini, der als erster ganz präzise das Platzen der amerikanischen Immobilienblase 2008 mit allen Folgen vorhergesagt und sich damit den Beinamen „Dr. Doom“ eingehandelt hat, schreibt: „Krisen sind so alt und allgegenwärtig wie der Kapitalismus selbst. Sie kamen Anfang des 17. Jahrhunderts mit dem Kapitalismus auf und sind uns – wie die Stücke, die Shakespeare damals schrieb – in kaum veränderter Form erhalten geblieben. Inszenierungen und Publikum ändern sich, doch alles Übrige – die Protagonisten, die Handlung und sogar der Text – bleibt von Krise zu Krise und von Jahrhundert zu Jahrhundert erstaunlich konstant.“ (1)

Wie reagiert der Mensch auf unausweichlich bevorstehende Katastrophen? Von unheilbar Kranken wissen wir, dass sie die Befunde zunächst nicht wahr haben wollen, dass sie dann anfangen, mit dem Schicksal zu hadern, bis sie es zuletzt akzeptieren. Derzeit befinden wir uns im Übergang von der ersten zur zweiten Phase: Die erste Stufe des Schreckens hat gezündet, und die Hüter des Geldes und der politischen Ordnung sind ratlos. Noch hoffen wir, dass irgendein Wundermittel wenigstens die Zeit streckt.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Aber wir erkennen, dass die Handelnden schon längst keine Handlungsmacht mehr haben. Um so mehr hoffen wir, dass uns das Schicksal nicht ganz so hart trifft, dass wir irgendwie vom Schlimmsten verschont werden. Die Hoffnung stirbt zuletzt, und bei einem Schiffsuntergang gibt es keine Atheisten.

Jeder steht plötzlich allein. Und er muss lernen, in der Haltlosigkeit Halt zu finden, wo auch immer. Auch dies geschieht in einer Stille. Es ist die Stille, die sich einstellt, wenn die Mannschaft von Bord gegangen ist und die Kapelle aufgehört hat zu spielen. Und es ist die Stille des Entsetzens, des Unglaubens und am Ende des schweigenden Arrangements. Aber es kann auch die Stille einer neuen Kraft sein.


(1) Nouriel Roubini, Stephen Mihm, Das Ende der Welt - Wirtschaft und Zukunft, Campus Verlag 2010, zitiert nach: GDI IMPULS, Nummer 2, 2010, S. 66

Schöner Artikel, treffender Schiffsvergleich.

Zitat: «Wie reagiert der Mensch auf unausweichlich bevorstehende Katastrophen?»

Die Katatrophe, auf die wir zZt alle zufahren, ist jedoch nicht unvermeidlich. Der Mensch hat die Kapazität zu lernen, sich zu verändern. Bisher hapert es daran in dieser Krise.

Es gäbe ein relativ einfaches Mittel aus der Krise: Steuererhöhungen für die reichsten 1-2 Prozent der Bevölkerung. In allen Pleitestaaten und das sind beinahe alle 27 EU-Staaten sowie die USA und Japan.

Besteuerung der oberen Einkünfte und des bestehenden Vermögens der Reichen, nicht nur des Geldvermögens und dazu radikale Regulierung des Finanzsektors ähnlich wie weiland 1933 Roosevelt für den «Grossen Plan». Trockenlegung aller dieser neumodischen, «innovativen» Finanzinstrumente, die Banken etc erfunden haben, um mit dem vielen Geld zu spekulieren, was in der Welt auf der Suche nach Rendite herumgeistert, ohne "produktiv" zu sein.

Wenn unsere «Brückencrew» das nicht bald hinbekommt, und die Zeit drängt, dann gehts tatsächlich den Bach runter. Dann aber für alle und nicht nur für die, die eh mehr als genug Geld haben, was sie niemals vernünftig (also zum Wohle der Gesamtwirtschaft) ausgeben würden.

Die Uhr tickt...

.... und das Erstaundliche ist, da haben Passagiere aus der ersten Klasse die (angeblich) gar nicht diesem Schiff würdige Passagiere den Stift eigenhändig in die Hand gedrückt, womit sie das Stück Papier unterschrieben. Ja, sie haben ihnen - den unwürdigen Passagieren - dazu noch aufgeschwatzt und ermöglicht, dass sie beim Kapitänsdiener dabei sein durften, zumindest ein paar davon. Sie (einige Passagiere der ersten Klasse) haben auch genügend davon profitiert.

Seltsamerweise zeigen jetzt genau jene auf die unwürdigen Passagiere und proklamieren laut, die hätten gar nie an Bord kommen dürfen. Ja, sie beschuldigen sogar diese Passagiere, die Verursacher das Motorausfalles zu sein, der dazu führte, dass das Schiff nun antriebslos auf den Abgrund zutreibt.

Solange Schurken in Nadelsteiffen - in Politik und in Banken - "Schiffe" lenken ist wenig Hoffnung! In Wirklichkeit gibt es nur drei Probleme: 1.Korruption, 2.Korruption, 3.Korruption! Man wird nicht darum herum kommen, einige der grössten Halunken, in Politik und Bankster-"Märkte"-Wirtschaft, von der Brücke zu stossen. Also, fangt an in Brüssel!

Herzlichen Dank! Die EU ist Griechenland usw. und umgekehrt: Diejenigen, die den Schlamassel angerichtet haben sollen nun die Retter sein! Das wird so kein gutes Ende haben. Der Vergleich mit dem Schiff ist gut. Aber es gilt auch das alte Wort: Auf Sand gebaut. Die EU ist auf Sand gebaut, hat kein richtiges Fundament, und man hat auch dort Mauern errichtet, wo kein Fundament war. 10 kurze Jahre hat der Euro-Traum gedauert. Selten in der Geschichte ist ein Kartenhaus nach so kurzer Zeit zusammengestürzt. Kriege hat sich Mittleuropa während der letzten 67 Jahre erspart. Nun wird Europa ohne Krieg zusammenbrechen.

Festivall der Diebe oder wie die Kommandobrücke ihre Unschuld verlor. Europa hat Wasser im Schiff! Doch Schiffe werden auch vom Wasser getragen. Nach Jahren der Euphorie im Unter und Oberdeck.... Ernüchterung!. Resultierend aus nicht erkannten bipolaren Störungen. Nun.?.... Der Kater danach.... Ja und Neinsager unter Dauerbeschuss! ...dann die Massnahmen und........ endlich die Katharsis... Was fehlt noch? ....oder besser, wer hat gerade noch gefehlt! Ein neuer Lotse kommt an Bord. In Perspektiven von Hochganzprospekten denkend. Am Koppeltisch und im Kartenraum rumstöbernd unter Nichtbeachtung von Echo-Lot und Radar. Auf der Nock die Positionsbestimmung suchend. Basierend auf fremden Not-Vorräten ruft er:" volle Fahrt voraus". Man hört das Jubeln im Unterdeck. Schon wieder ein Retter geboren. Aber auf der Kommandobrücke hofft man den Neuen durch die Pysikerin zu Raison zu bringen. Und die Quintessenz? Schiffe die noch schwimmen, können gerettet werden. Anstatt in Robin Hood-Manier nun Jagd auf Reiche zu machen,eher diese mit Druckmitteln zu realen Investitionen zwingen. Ansonsten droht The great Escape......in globalisierten Welten. Uns bleibt dann nur noch die verbrannte Erde. Also..... Einigung durch Mut zum Verzicht. Alles auf eine Linie bringen und trotz hohem Seegang den Brechern unmissverständlich die Stirn bieten. Rettung durch Eiserne! ....mit festem Willen und Überzeugung. Es geht um "Zuviel" um die Köpfe hängen zu lassen.

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