Das Leid des griechischen Volkes

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Das Leid des griechischen Volkes

Von Heiko Flottau, 13.10.2016

Alexis Tsipras fordert weiterhin Reparationen von Deutschland für die von der Wehrmacht und der SS im Zweiten Weltkrieg angerichteten Schäden.

Angesichts des Vernichtungs- und Ausbeutungskrieges, den die deutsche Wehrmacht seit dem 1.September 1939 in Osteuropa führte, sind die Leiden der griechischen Bevölkerung in den Jahren 1941 bis 1944 – und im anschliessenden Bürgerkrieg bis 1949 – fast in Vergessenheit geraten. Zum Verdruss der deutschen Bundesregierung aber fordert die griechische Linksregierung immer wieder einmal Reparationen in beträchtlicher Höhe.

Die Hungersnot

Nun hat der britische Historiker Mark Mazower eine exzellent recherchierte detaillierte Studie unter dem Titel, „Griechenland unter Hitler – Das Leben während der deutschen Besatzung 1941-1944“ vorgelegt. Wer dieses ausgezeichnete historische  Werk liest, wird leicht zu dem Schluss kommen, dass die griechischen Ansprüche an Deutschland nicht nur propagandistische Ausbrüche im Kampf um einen Schuldenerlass mit der Europäischen Union sind. Denn im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl hat Griechenland fast ebenso gelitten wie Polen beziehungsweise die Sowjetunion.

Es begann mit einer grossen Hungersnot, der, wie die britische BBC seinerzeit berichtete, etwa 500'000 Griechen zum Opfer gefallen seien. Autor Mazower hält diese Zahl für zu hoch, schreibt aber, dass durchaus um die 300'000 Griechen in den ersten Jahren der italienisch-deutschen Besatzung an Hunger gestorben seien. Ein Augenzeuge berichtete damals von den deutschen Invasoren, dass sie „aus dem Lande lebten“. Und: „Sie haben keine Verpflegung für die Soldaten mitgebracht ... sie assen einfach in Restaurants.“

Die diebischen Herren

Ein Amerikaner, der in Athen lebte, schrieb, an die Stelle von Moral und Disziplin sei ein „kollektives Bewusstsein von Macht“ getreten, von den Generälen bis hinunter zu den einfachen Soldaten. Und der Musikwissenschaftler Minos Dounias schrieb, er habe 13 Jahre in Deutschland gelebt, und nie sei er bestohlen worden. Jetzt auf einmal, unter der neuen Ordnung, sind sie zu Dieben geworden.“

Vor allem requirierte das deutsche Offizierscorps Güter in grossem Stil. Diese sozusagen offiziellen  Plünderungen waren eine der Ursachen für die Hungersnot. Der Autor schreibt, dass innerhalb von drei Wochen deutscher Besatzung von der Insel Chios 25'000 Orangen, 4'500 Zitronen und 100'000 Zigaretten abtransportiert worden seien. Die Offiziere beschlagnahmten zudem Baumwolle und Leder für Schuhsohlen – alles transportierten sie nach Norden ab. Zur Verwendung durch die deutsche Wehrmacht. Auch wurden Rosinen, Feigen und Reis sowie Olivenöl beschlagnahmt und so dem normalen Ernährungszyklus der Griechen entzogen. Der Autor zitiert einen Angestellten einer amerikanischen Ölfirma: „Die Deutschen plündern, so viel sie können, sowohl offen als auch, indem sie die Griechen zwingen, Waren gegen wertlose Geldscheine zu verkaufen.“

Das Wüten

Über das physische Leiden der Bevölkerung, besonders in Grossstädten wie Athen, die keine Reserven an Nahrungsmitteln hatten wie Dörfer, schreibt der Autor: „Das letzte Stadium vor dem Tod war die totale körperliche und geistige Erschöpfung. An diesem Punkt brachen Menschen zusammen und konnten  aus eigener Kraft nicht mehr aufstehen. Sie verhungerten. Der Autor schreibt: „So wie es den Behörden nicht gelungen war, die Lebenden zu versorgen, gelang es ihnen nun auch nicht, sich um die Toten zu kümmern. Ausgemergelte Körper lagen oft stundenlang in den Strassen, bis städtische Karren sie abholten. Dann wurden sie auf Berge anderer Leichen geworfen und beim nächstgelegenen Friedhof abgeladen.“

Natürlich entwickelte sich auch griechischer Widerstand gegen die deutschen (und italienischen) Besatzer. Viele der in Griechenland stationierten Soldaten kamen, wie der Autor bemerkt, „von den blutigen Schlachtfeldern der Ostfront und Jugoslawiens, und die Verhaltensweisen, die dort von ihnen gefordert worden waren, wandten sie nun gegen die griechischen Andarten (Aufständischen) an. 

Das Massaker in Kommeno

Am schrecklichsten erging es den Einwohnern des Dorfes Kommeno – gelegen in Westgriechenland. Das Dorf war lange Zeit vom Krieg verschont worden. Eines Tages aber kam eine deutsche Militärpatrouille und  entdeckte, eigener Wahrnehmung nach, Aufständische im Dorf. Ein paar Tage später kam die Wehrmacht zurück und verübte ein Massaker an der Dorfbevölkerung. Am 12.August 1943 ermordete die Wehrmacht 317 Einwohner, darunter 172 Frauen. 97 der Toten waren jünger als fünfzehn Jahre. Kommeno, schreibt der Autor, „bot einen albtraumhaften Anblick. Sechs Stunden der totalen Verwüstung folgte eine schaurige Stille, die nur durch das Knacken brennender Balken durchbrochen wurde.“

Dieses Massaker ist eingebettet in eine grossflächige Partisanenbekämpfung. Denn keineswegs hatten sich die Griechen ihrem Schicksal ergeben und sich willenlos den deutschen Besatzern gebeugt. Die Widerstandsbewegung EAM/ELAS beherrschte zeitweise grosse Teile Griechenlands, baute dort eine eigene Verwaltung auf, führte Gerichtsbarkeit in den Dörfern selbst ein (damit die Einwohner nicht mehr die langen Wege in die nächsten Städte gehen mussten). Partisanengebiete konnten zeitweise nur betreten werden, wenn man den von den Partisanen ausgestellten Ausweis dabei hatte. Die Widerstandsbewegung versuchte, ein demokratisches Griechenland aufzubauen, das sich von den verkrusteten Machtverhältnissen der Vorkriegszeit deutlich unterscheiden sollte.

Deportation der Juden

Entsprechend mörderisch waren die deutschen Gegenmassnahmen. Autor Mark Mazower schreibt: „Bis zur Befreiung Ende 1944 wurden mehr als 1000 Dörfer zerstört. Eine Million Griechen hatten mit ansehen müssen, wie die Deutschen ihre Häuser plünderten, niederbrannten, die Ernte vernichteten, die Kirchen ausraubten. Mehr als 20'000 Zivilisten wurden von Wehrmachtssoldaten getötet oder, als sie bereits verwundet waren, erschossen, erhängt oder zusammengeschlagen.“

Katastrophaler Höhepunkt  der deutschen Besatzung auch in Griechenland: Verfolgung und Deportation der Juden. Hier zunächst eine Vorbemerkung. Solange – bis zum  Sturz Mussolinis im Jahre 1943 – die Italiener ihre Besatzungszone im Lande hatten, weigerten sie sich hartnäckig und mit Erfolg, an der von Eichmann organisierten Verfolgung und Vertreibung teilzunehmen. „Die Italiener“, schreibt der Autor, „lehnten die deutsche Judenpolitik vollkommen ab.“  

Solange, so heisst es weiter, Italien die südliche Zone Griechenlands kontrolliert habe, seien die jüdischen Gemeinden dort sicher gewesen. Doch nachdem die Deutschen im September 1943 die Macht in ganz Griechenland übernommen hätten, sei der Schutz für die Juden durch die Italiener weggefallen. Der Schutz, den Italien den griechischen Juden bot,  stellt – im zeitgenössischen Zusammenhang gesehen – kein kleines Ruhmesblatt der italienischen Geschichte dar.

Edelmut der Orthodoxen

Die Verfolgung der Juden war in Berlin lange vorbereitet worden, schon in den Vorkriegsjahren – obwohl Griechenland damals noch kein Kriegsziel war. Seit 1938, schreibt der Autor, hätten deutsche in Griechenland stationierte Diplomaten Informationen über die Stärke der jüdischen Gemeinden an die SS in Berlin geschickt. Diesen Mitteilungen zufolge lebten etwa 70'000 bis 80'000 Juden im Lande. Soldaten der Wehrmacht durchforsteten seit dem Jahr 1941 jüdische Bibliotheken und raubten etwa 10'000 Bücher und Manuskripte. Tausende von Juden lebten in Saloniki. Ihre Häuser wurden konfisziert, der jüdische Friedhof wurde zerstört, Grabsteine dienten zum Bau von Strassen. 

In Griechenland selber erhielten die Juden starke Unterstützung. Der Autor schreibt: „Alles in allem legten die orthodoxen Griechen gegenüber den Juden einen Edelmut an den Tag, der in Europa seinesgleichen sucht. Besonders in Zentralgriechenland halfen Nichtjuden Hunderten von Juden, sich zu verstecken oder zu fliehen.“

Den Genozid durch Wehrmacht und SS konnte diese griechische Hilfsbereitschaft allerdings nicht verhindern. Über einen Transport von Juden berichtet der Autor folgendes: Die Juden „wurden im Beisein des Referates IV B4 (der Gestapo-Abteilung für Judenangelegenheiten) in einen Zug nach Auschwitz eingepfercht. Als sie in der zweiten Aprilwoche 1944 nach einer grauenvollen Reise dort eintrafen, wartete bereits Dr. Josef Mengele an der Rampe. Er selektierte 320 Männer und 328 Frauen für seine ‚Forschungen‘. Die übrigen wurden sofort vergast und in den Krematorien verbrannt.“

Das Leiden nach dem Krieg

Soweit die Recherchen des britischen Historikers Mark Mazower. Griechenland wurde 1944 von Wehrmacht und SS befreit. Doch noch waren die Leiden der Bevölkerung nicht zu Ende. Während die Widerstandsorganisation EAM/ELAS, grob gesagt, einen reformerisch-linken politischen Kurs verfolgte, vertrat die mehr rechtsgerichtete Regierung einen eher konservativen Kurs. Es kam zu militärischen Auseinandersetzungen, die in einen veritablen Bürgerkrieg ausarteten. 

In dessen Verlauf unterstützten die Briten, die nach dem deutschen Abzug in Griechenland militärisch eingegriffen hatten, die Konservativen.Titos Jugoslawien sowie die Sowjetunion unter Stalin halfen der Widerstandsbewegung EAM/ELAS. So kam das geplagte Griechenland in die geopolitische Mangel. Schon zuvor aber hatten sich Churchill und Stalin darauf geeinigt, dass Griechenland zur westlichen, zur britisch-amerikanischen Einflusszone gehören solle. Damit waren die „Linken“ der EAM/ELAS eigentlich schon verloren. 

Wiederkehr des Klientelismus

Dann kam, 1948, der seinerzeit mit dem Attribut „weltpolitisch“ versehene Bruch zwischen Tito und Stalin. Der jugoslawische Partisanenführer und Revolutionsheld sagte sich vom sowjetischen Diktator los und rief seinen eigenen, unabhängigen Weg zum Sozialismus aus. Die Folge für Griechenland: Tito, der zusammen mit Stalin die Linken im Bürgerkrieg unterstützt hatte, beendete die Unterstützung der EAM/ELAS. Diese politische Kehrtwende führte zum Sieg der politischen Rechten in Griechenland. 

Der Bürgerkrieg war zu Ende, und damit hatte auch das Leiden der Menschen ein Ende. Ein Ende aber hatten auch die Bemühungen um politische Reformen. Die überkommene politische Klientelgesellschaft erlebte ihre Wiederauferstehung. Unter dieser politischen Restauration hat das Land im Grunde bis heute zu leiden.

Mark Mazower: Griechenland unter Hitler. Das Leben während der deutschen Besatzung 1941-1944. Titel der englischen Originalausgabe „Inside Hitler`s Greece. The Experience of Occupation 1941-1944“, 528 Seiten
 

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