«Confession de foi» in Lausanne und in Marrakesh

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«Confession de foi» in Lausanne und in Marrakesh

Von Daniel Woker, 05.04.2013

Die sehr unterschiedliche Teilnahme an einem Ostergottesdienst in der Kirche St. François im Zentrum von Lausanne und am Freitagsgebet in einer am Hauptplatz von Marrakesh gelegenen Moschee erklärt – und verschleiert – vieles.

Meine Frau, katholisch erzogen, und ich, in protestantischem Elternhaus aufgewachsen, gehen selten, aber dann bewusst in Gottesdienste. Neben den persönlich bedingten Teilnahmen an Taufen, Hochzeiten und Abdankungen auf jeden Fall an Weihnachten und Ostern. Das haben wir so gelernt. Es wäre fast undenkbar, dann nicht hinzugehen, allein schon als Andenken an verstorbene Eltern und aus Anhänglichkeit an Traditionen. Aber auch das warme Gefühl, an einem grösseren Ganzen teilzuhaben, spielt eine wichtige Rolle, an etwas, das bleibt und das Menschenleben, speziell das eigene, überdauert. Damit gehören wir wohl zu den «Vielen, die im gängigen Kirchenglauben bereitwillig eine ‚gute Religion‘ sehen und deren simplem Gehalt (…) einen höheren Sinn zubilligen möchten (…)», wie dies Urs Meier im Journal 21 vom 29. März in seinem nachdenklichen und tiefschürfenden Osteressay «Jenseits von Hasen und Eiern» ausdrückt.

Verlust des Bezugs zu christlicher Tradition

Allerdings: Vielen? Allenfalls noch in meiner, damit älteren Generation. Meine Frau und ich waren jedenfalls unter den Jüngsten der knapp hundert Kirchenbesucher, die sich am Ostergottesdienst im Hauptschiff der mittelalterlichen Grosskirche St. François im Zentrum von Lausanne verloren. Diese Kirche gehört mit der Kathedrale der Stadt, und natürlich der Kathedrale von Genf, zu den wichtigsten historischen Säulen der welschschweizerischen protestantischen Staatskirche. Pierre Viret, der Zwingli des Waadtlandes, enger Freund von Jean Calvin, begründete dort eine erste Akademie, die ein paar Jahrzehnte später nach Genf umzog und am Ursprung steht der globalen Verbreitung des Calvinismus mit seinem prägenden Einfluss auf die protestantische angelsächsische Welt, speziell in den USA.

Heute scheint St. François kaum mehr ein Schatten zu sein von seiner einstigen Grösse. Die an diesem «matin de paques» von jedem Einzelnen abzulegende «confession de foi», ganz zu schweigen von den Kirchenliedern, die trotz Gesangbuch kaum einer mitsingen konnte oder wollte, tönte jedenfalls dünn und erreicht offensichtlich kaum noch Gläubige, zumal in einer jüngeren Generation jenseits der Kirchenmauern. Keine neue Erkenntnis, erklingen doch die Klagen über leere Kirchen und mangelnden Nachwuchs für den Pfarrer- und Priesterberuf schon seit Jahren.

Vitales Christentum ausserhalb Europas

Immerhin, mag man hier einwenden, war die eben erfolgte Papstwahl doch ein Weltereignis und sind zu Papst Franziskus‘ erster Messe 250‘000 Gläubige, darunter viele Junge, auf dem Petersplatz erschienen. Als blutiger theologischer Laie überlasse ich es gerne den Experten, zu bestimmen, ob die katholische Kirche durch ihr Beharren auf Pomp, aber auch barockes Wohlfühlen, dem einzelnen Christen noch etwas mehr Geborgenheit bietet, als die strenge und karge, eben definitionsgemäss reformierte Kirche.

Die Wahl des Argentiniers Franziskus war ja zudem Folge der immer offensichtlicheren und sehr breit diskutierten Tatsache, dass die katholische Kirche, ja überhaupt das Christentum in seinen traditionellen «Märkten» in Europa rasch an zahlenmässiger und sozialpolitischer Bedeutung verliert, aber gleichzeitig im Rest der Welt in steter Expansion begriffen ist.

Dies gilt bekanntlich in noch höherem Masse für seine Ableger und Auswüchse in Form von fundamentalistischen, ja extremen, aber nominell christlichen Freikirchen. Während unseren sechs Jahren in Singapur nahmen wir wenige Male an einem solchen evangelikalen Gottesdienst teil, weil unsere burmesische und christliche Haushaltshilfe im Kirchenchor sang. Ohne theatralisch inszenierte Selbstbekenntnisse und entsprechende, zumindest verbale Selbstgeisselungen einzelner spontan(?) auf der Kanzel erscheinender Kirchengänger ging da gar nichts. Für einen in europäischer Manier erzogenen Christen, für welche Religion eine ausgesprochen persönliche, ja innere Angelegenheit darstellt, ein schwieriges und teilweise abstossendes Erlebnis.

Wettbewerbsvorteil des Islams

Eine gute Woche vor diesem Ostergottesdienst an der zentralen Place St. François in Lausanne sahen wir am Hauptplatz im marokkanischen Marrakesch eine ganz andere Szene. Vor einer recht grossen Moschee knieten hier Hunderte von gläubigen Muslimen, allerdings ausschliesslich Männer, welche offensichtlich im Inneren keinen Platz mehr gefunden hatten, für ihr Gebet im Strassenstaub und lauschten anschliessend der Freitagspredigt des Vorbeters. Dieser braucht sich offensichtlich um die Zahl seiner Schäfchen keine Sorge zu machen.

Die Szene war uns wohlvertraut von vier Jahren Seite an Seite mit dem im Vergleich mit dem Maghreb fundamentalistischeren Islam der arabischen Halbinsel. In Kuwait, unserem damaligen Wohnort, wetteiferten nicht weniger als rund 1700 Moscheen um die religiöse Gunst der rund zwei Millionen Einwohner. Der Besuchern von arabischen Ländern vertraute, weil elektronisch verstärkte Sprechgesang zur Aufforderung an die Gläubigen zum Gebet verwob sich dort zu einer vielstimmigen Melodie an- und abschwellender «Allahu Akbar»-Rufe, welche sich fünfmal pro Tag wie ein sanfter Schleier über die Stadt legte.

Der weitaus grössere Teil der Einwohner sind nicht Kuwaiti, sondern Gastarbeiter, die Mehrzahl von ihnen aus ärmeren arabischen Ländern sowie aus Pakistan, Bangladesh und Nepal. Viele von ihnen haben kein einfaches Leben, arbeiten hart für teilweise kärglichen Lohn und können wohl gar nicht anders, als den oft protzig zur Schau gestellten Reichtum der Einheimischen als Provokation zu empfinden. Und trotzdem folgen sie, nach eigenem Feststellen und übereinstimmender Aussage, dem Gebetsruf in die Moschee in grosser Zahl. Wie mir einer von ihnen einmal sagte, eben gerade weil sie in der Moschee im gleichen Viert wie ihr kuwaitischer Brotherr – Millionär, manchmal Milliardär, ausserhalb der Moschee in unerreichbarer Distanz ein ganz anderes Leben führend – niederknien und ohne jegliche Hierarchie direkt zum selben Gott beten. Ein Islamkenner wird diese Unmittelbarkeit des Glaubens wohl theoretisch als einen wichtigen «Wettbewerbsvorteil» des Islams diagnostizieren, der etwa in Afrika mehr und schneller neue Gläubige findet als der christliche Glaube.

Aufklärung auch der islamischen Welt

JA, ABER. In einem zweiten bemerkenswerten Osterkommentar im Journal 21 vom 29. März «Wir sind nie säkular gewesen» stellt Eduard Kaeser zu Recht fest: «Respekt gilt (…) der gläubigen Person, nicht aber den Glaubensinhalten. Das käme der Rücknahme einer der wichtigsten Errungenschaften der Aufklärung gleich.»

Gute kuwaitische Freunde, gläubige Muslime, sagten uns im persönlichen Gespräch sinngemäss, wie sehr der Islam zunächst eine Reformation, dann eine Periode der Aufklärung und schliesslich eine parallele Entwicklung wie im Westen der Trennung von Kirche und Staat nötig hätte. Anders seien die gegenwärtigen Fehlentwicklungen und Missbildungen nicht zu bewältigen, vom islamischen Fundamentalismus über die drohende «Mutter aller Religionskriege» zwischen Sunna und Schia im Inneren des Islams bis zur Fortschrittsfeindlichkeit und der Frauenverachtung orthodoxer Muslime. Ähnliches wird von – leider noch wenigen – islamischen Intellektuellen auch öffentlich vertreten. Diese erhalten indes in der Folge des «arabischen Frühlings» von wirklichen Demokraten in den betroffenen Ländern im Zeichen von deren Auseinandersetzung mit Muslimbrüdern und Salafisten zunehmend Unterstützung.

Eine solche Umwandlung des Islams tönt auf den ersten Anhieb radikal und im Moment utopistisch. In historischer Perspektive indes weniger, hat doch der Prophet knapp 600 Jahre nach Christus gelebt. In einer ganz grob zahlenmässig vergleichbaren Periode und noch eine ganze Weile länger war ja auch das Christentum von Auseinandersetzungen und Gewalt geprägt. Die Frage, ob und allenfalls wie eine solche Parallelität in der Religionsentwicklung angenommen werden darf, muss Theologen und Philosophen überlassen werden.

Tatsache ist indes, dass Muslime ihre Religion ausüben, Christen zumindest in Europa immer weniger. Entsprechend dem Untertitel stellt Eduard Kaeser in seinem erwähnten Essay dar, «warum Wissenschaft Religion nicht überflüssig macht». Wenn das so ist, was bedeutet dann der klar schwindende Anteil jener, welche Religion – zumindest in ihrer traditionellen öffentlichen Form, dem Kirchengang – bei uns noch ausüben?

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