Caudillismo à la NZZ

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Caudillismo à la NZZ

Von Journal21, 09.03.2013

Der Journalismus liegt im Argen, krankgeschrumpft und dummgespart. Als Synergie und Konvergenz wird die Zusammenlegung der Restredaktionen von Online und Print in der Hölle Newsroom schöngeredet. Immer kräftiger wird auch dem Prinzip gehuldigt: Je weiter weg ein Ereignis stattfindet, umso gegendarstellungsfreier ist es. Ungestraft kann aus der Ferne oder aus besuchshalber hergestellter Nähe Unsinn und Ungenaues verzapft werden. Leider auch in der Qualitätszeitung NZZ. Da schreibt Korrespondent Werner Marti aus dem fernen Buenos Aires, der verstorbene venezolanische Präsident Hugo Chávez sei ein «Caudillo» und wiederholt den Ausdruck, nachdem er zur Stippvisite in Caracas gelandet ist. Ein «Caudillo» ist ein Militärführer, der die Macht an sich reisst; Putschist und Diktator Franco liess sich gerne «Caudillo» nennen, in Anlehnung an den deutschen «Führer». Chávez wurde aber unbestreitbar und mehrfach als Präsident gewählt. In Wahlen, die sauberer, transparenter und effizienter abliefen als in den USA. Vom Schreibtisch in Zürich aus fantasiert eine auch noch für «Koordination» zuständige Auslandredaktorin in einem Kommentar davon, dass Chávez auf Kuba starb und seine Leiche nach Caracas transportiert worden sei. Die Schuld für solche «Gerüchte» gibt sie nicht sich selbst, sondern der «Geheimniskrämerei», die um den Gesundheitszustand von Chávez betrieben worden sei. Pipifax statt Analyse, Hintergrund und Einordnung. Soll das Meinungsführerschaft, Caudillismo à la NZZ sein? Der Leser fragt sich zunehmend zu Recht, wieso er dafür jährlich bis zu 739 Franken zahlen soll. (René Zeyer)

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Kommentare

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Becoming a Journalist kann ein Spaß und lohnende Aufgabe sein, aber immer, dass Job beginnt mit einer guten Ausbildung und dem Wunsch, hart zu arbeiten. Journalismus ist eine Leidenschaft. Sie muss den Wettbewerb lieben, haben ein Gefühl für die hartgesottenen Berichterstattung, und die Liebe zu schreiben. Die meisten Menschen unterschätzen die Hingabe, die man in den Journalismus Feld zu arbeiten nimmt.
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Sehr geehrter Herr Zeyer, etwas spät und eher per Zufall gerate ich auf Ihren Kommentar. Hatte ich ab und zu meine liebe Mühe mit Ihren Texten beispielsweise zu gewissen EU-Themen, bei denen ich der Ansicht war, dass Ihre Allergie manchmal offensichtlicher zutage trat als die journalistische Recherche, so finde ich in diesem Artikel sogar die etwas ausfällige Kollegenschelte gerechtfertigt. Man kann von Chavez zurecht viele verschiedene Meinungen haben, aber sauber schreiben und recherchieren darf von Journalisten erwartet werden.

Kollege Zeyer hat absolut recht. Danke für den guten Kommentar! Über Chavez' Krankheit war sogar erstaunlich offen informiert worden. Aber die NZZ macht als devotes Sprachrohr der selbsternannten Weltpolizisten und Kriegstreiber in Washington und als Kampfblatt aller Abzocker und Spekulanten weltweit natürlich seit Jahren Propaganda gegen Chavez und Venezuela. Wie denn auch nicht: Dass die Regierung eines rohstoffreichen Landes die eigene Bevölkerung daran teilhaben lässt, statt ausländische Grosskonzerne, ist den einfältigen Neoliberalen von der Züricher Falkenstrasse halt ebenso ein Gräuel, wie sie auch sonst jedes Land und jede Regierung systematisch runterschreiben, die nicht nach der US-Pfeife tanzen wollen. Mit Qualitätsjournalismus hat das wenig zu tun, mit simpler Ideologie schon eher. Und Herr Rschiendorfer, der die "Geschenke" ans Volk in Venezuela beklagt, wollen wir ja nicht fragen, woher denn er selber wohl "Geschenke" bekomme: Etwa von Spekulationen mit Erdöl aus Nigeria? Wenn nicht, kann er dennoch mal die beiden Erdölländer Venezuela und Nigeria vergleichen. Evtl. lernt sogar er dabei noch etwas. N.R.

Ich finde den Begriff moderner "Caudillo" ziemlich präzis gewählt für Chavez. Seine Basis war stets das Militär, er versuchte sich früh in einem Putsch und verteilte Geschenke zur Sicherung der Volksgunst. Für derartige NZZ-Analysen bin ich gerne bereit, zu zahlen. Weniger aber für Herrn Zeyers flott geschriebenen Hüftschüssen, von denen ich mich gerne unterhalten lasse, die mir jedoch null Erkenntnisgewinn bringen.

quote Die Bezeichnung Caudillo ist eine spanische Funktionsbezeichnung und lässt sich etwa mit „Heerführer“, „Oberhaupt“ (bzw. im spanischen Franquismus in bewusster Anlehnung an den deutschen und italienischen Faschismus mit „Führer“) übersetzen. Heute bezeichnet sie einen leitenden männlichen Politiker (starker Mann) bestimmter Prägung (Caudillismus). unquote http://de.wikipedia.org/wiki/Caudillo

Was Werner Marti (er hatte also recht mit dem „Caudillo“) in speziellen re: Venezuela schreibt und die NZZ im allgemeinem zum Thema publiziert, ist von sehr guter Qualität - und dass Chávez auf Kuba starb und seine Leiche nach Caracas transportiert worden sei, kann nicht angeschlossen werden. Dass es solche «Gerüchte» gibt ist in der Tat Folge der «Geheimniskrämerei» (besser wäre von Desinformation zu sprechen), die um den Gesundheitszustand von Chávez betrieben worden ist - ich habe mir die Mühe genommen und jeden Tag teleSur (eine in Caracas stationierte, nie besonders helle bzw. zwischenzeitlich erloschene Kerze auf dem Kuchen des Qualitätsjournalismus ...) zu konsumieren: das war nur noch absurdes Theater anstatt Information und Analyse ...

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