Buddhas Lächeln

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Buddhas Lächeln

Von Bernard Imhasly, 13.05.2018

Der 20. Jahrestag der Atomtests Indiens und Pakistans zeigt: Es ist unmöglich, einen Staat an der Entwicklung eines nuklearen Sprengkörpers zu hindern, falls er dazu entschlossen ist.

„Der Buddha lächelt wieder“, sagte die Stimme am 18.Mai 1974 am Telefon zu Indira Gandhi. Es war das erlösende Losungswort, dass Indiens „friedlicher Atomversuch“ an Buddhas Geburtstag erfolgreich verlaufen war. Buddha hin oder her – die Welt war empört, Sanktionen folgten: keine Uranlieferungen mehr, keine „dual use technology“, keine Hilfe bei der Entwicklung einer zivilen Nuklearenergie, internationaler Paria-Status.

Nutzlose Sanktionen

Die Strafmassnahmen waren mehr Anreiz als Abschreckung. 24 Jahre später, wiederum an Buddhas Geburtstag, lächelte dieser erneut. Innert zwei Tagen zündeten Indiens Atomwissenschaftler im Mai 1998 fünf unterirdische Sprengköpfe, wiederum in Pokharan am Rand der Rajasthan-Wüste. Niemand hatte das vorhergesehen.

Ausser vielleicht den Pakistanern. Denn keine Woche später waren sie bereit und zündeten ihre drei Bomben. Auch hier folgten Sanktionen, die allerdings noch weniger „zündeten“. Pakistan war ja bereits ein nuklearer „Schurkenstaat“ und stand im Schwarzbuch der internationalen Uran-Lieferindustrie.

Islamabad hatte Anlagen und Ausgangsstoffe entweder gestohlen (in Holland), auf dem Grauen Markt erstanden (zum Beispiel Schweizer Ventile) oder von Nordkorea gekauft. China, Atomstaat, und als ständiges Uno-Sicherheitsratsmitglied Garant des Paktes zur atomaren Nichtweiterverbreitung (NPT), hatte ihm dabei Pate gestanden.

Verletzter Stolz

Wie beinahe alle anderen hatte auch Indien geflunkert, als Indira Gandhi nach dem Test von 1974 verkündete, es habe lediglich seine technologische Fähigkeit zur Entwicklung einer zivilen Nuklearenergie beweisen wollen. Indien verfügte über genügend Spezialisten und eigenes Uran, um hinter der Kulisse eines zivilen Nuklearprogramms weiter an der A-Bomben-Fähigkeit zu basteln.

Es waren nicht nur Nationalstolz und Alphatier-Instinkt, die den indischen Staat dazu antrieben. Das zeigte, im Gegensatz zu den Atombomben-Ängsten in Europa, die Popularität von Atomstrom und Atomwissenschaftlern. – Einer von ihnen wurde später Staatspräsident. Der verletzte Stolz war stärker als die Angst vor einem zweiten Hiroshima und als das (ebenfalls genuine) Bekenntnis zu Abrüstung und Weltfrieden im Sinne Mahatma Gandhis.

Zwei-Klassen-Ordnung

Entscheidend für die Popularität war, dass die politische Drohgebärde der A-Bombe für wichtiger gehalten wurde als ihr praktischer Wert in einem Kriegsfall. Bereits die fünf Atomwaffen-Staaten hatten dies vorgeführt. Sie erliessen ein Testverbot, nachdem sie ihre eigenen Versuche abgeschlossen und die Bombe zur Einsatzreife gebracht hatten. Die daraus resultierende Zwei-Klassen-Ordnung war für Indiens Eliten eine unerträgliche Diskriminierung.

Die Atomwaffenstaaten scheuten sich zudem nicht, mit dieser Waffe zu drohen. Nicht nur hatte China 1964 – kurz nach dem indisch-chinesischen Krieg – Atomwaffentests durchgeführt, die den Startschuss zur indischen Herstellung gaben. Nur ein Jahr nach Indiens Versuchen reagierte der nördliche Nachbar erneut mit Explosionen im tibetischen Lop Nor-Versuchsgelände.

24 Jahre später war es nicht anders. In einem Brief an die Grossmächte rechtfertigte Premierminister A. B.Vajpayee 1998 die Pokharan-Tests mit dem Hinweis auf Chinas atomare Aufrüstung. Zudem sei nun der Beweis erbracht, dass Beijing in Verletzung des Völkerrechts auch Islamabad bei der Entwicklung einer Bombe geholfen hatte.

Souveränität

Zwei feindlich gesinnte Nachbarn mit Atomwaffen – das ist, schrieb Vajpayee, für Indien ein legitimer Grund für eine eigene nukleare Abschreckung. Was Vajpayee nicht offen sagte, aber jedermann vom Dach pfiff: Auch der Westen hat sich nicht gescheut, klammheimlich Israels geheimes Atomprogramm zur Waffenreife zu bringen – oder davor die Augen zu verschliessen.

Der humanitäre Anspruch der Atomwaffengegner, die weltweite Selbstzerstörung zu verhindern, wurde mit der politischen Glaubensdoktrin der „Abschreckung“ gekontert. Nach dieser Logik ist die Entwicklung von Atomwaffen ein souveränes Recht und Ausdruck der Macht. In beiden Fällen ist der Antrieb ein politischer, kein moralischer. Und überhaupt: Ist das Spiel mit der Angst – MAD: mutually assured destruction – überhaupt moralisch zu beurteilen?

Nukleares Muskelspiel

So denken jedenfalls viele Inder und Pakistaner. Wie alle ehemaligen nuklearen Habenichtse finden sie nichts dabei, das Verhalten der früheren Atomwaffen-Monopolisten zu kopieren. Früher noch mit dem erhobenen Mahnfinger, stolzieren auch sie nun mit der Faust der A-Waffe in der Tasche herum.

Das Muskelspiel mag gegenüber kleinen Nachbarn wenig bringen, aber ausgerechnet gegenüber den ehemaligen Lehrmeistern – den fünf Atommächten – sticht die Karte immer noch. Warum erhält Pakistan immer noch Waffen aus den USA, obwohl diese in Afghanistan auch amerikanische Soldaten töten? Weil Washington Angst hat, dass die pakistanische Atomwaffe in die Hände von Jihadis gerät, wenn es der Armee nicht den Rücken stärkt. Donald Trump mag noch so laut maulen, er habe den grösseren Knopf auf dem Schreibtisch; auch der kleine jagt den gleichen Schrecken ein, und bringt ebenso viel Zerstörung.

Privilegierte Klub-Mitgliedschaft

Im Fall Indiens war es nicht die Angst vor Terroristen, die die Grossmächte dazu brachte, ihm die Todsünde der Atomversuche zu verzeihen. Mehr als bloss verzeihen: Inzwischen sitzt Delhi in fast allen Gremien des Atomwaffen-Klubs. Nur gerade bei der Nuclear Suppliers Group (NSG) verwehrt ihm China hartnäckig den Beitritt, aus „Solidarität“ mit dessen Alliierten Pakistan, das draussen bleiben muss.

Es war Indiens Aufstieg als Wirtschaftsmacht, welche die internationale Ächtung in eine privilegierte Klub-Mitgliedschaft verwandelte. Zehn Jahre nach der Verhängung der Sanktionen schlossen die USA mit Indien ein Abkommen über zivile nukleare Zusammenarbeit ab. Mit Ausnahme Chinas haben die USA dies inzwischen mit allen übrigen Atomwaffenstaaten getan, ebenso wie mit Australien und Kanada, zwei wichtigen Uran-Lieferanten.

Trügerische Sicherheit

Hat das „Geichgewicht des Schreckens“ den Bruderstreit zwischen Indien und Pakistan beendet oder gemässigt? Im Gegenteil. Nicht nur gibt die Atomwaffe den pakistanischen Generälen eine zusätzliche Legitimation zur Machterhaltung. Sie wiegt sie zudem in der trügerischen Sicherheit, dass die Angst vor der gegenseitigen Zerstörung auch einen konventionellen Krieg verhindere.

Nur ein Jahr nach den Atomtests von 1998 kam es zwischen Indien und Pakistan zu einem kurzen und heftigen Grenzkrieg, als pakistanische Truppen die Waffenstillstandslinie in der Kargil-Region von Kaschmir überschritten.

General Musharraf hatte irrtümlicherweise angenommen, dass Indien aus Angst vor einer nuklearen Eskalation nicht mit schweren Waffen reagieren würde. Am Ende war es Musharraf, dessen Augenlider zuerst zuckten. Und es war nicht die Generalsjunta, die ihn zurückpfiff, sondern Präsident Clinton.

Doch selbst dieser potentiell gefährliche Zwischenfall vermochte nicht zu verhindern, dass die beiden verfeindeten Nachbarn ihre Atomwaffenarsenale substantiell ausgeweitet haben. Indien nimmt an, dass Pakistan inzwischen über mehr Sprengköpfe verfügt – von China nicht zu sprechen. Aber vielleicht ist dies lediglich ein Vorwand, um die eigenen Reserven aufzustocken.

Kerze und Laptop

Immerhin muss man festhalten, dass sich Indien als Teil seiner Nuklear-Strategie formell verpflichtet hat, in einem militärischen Konflikt Atomwaffen nur als Reaktion auf einen nuklearen Erstschlag des Gegners einzusetzen. Pakistan hat nicht nachgezogen. Die Terrorangriffe von Bombay im Jahr 2008 beweisen zudem, dass Islamabad weiterhin dem Kalkül nachhängt, dass selbst eine derart massive Provokation Indien abhalten wird, Pakistan den Krieg zu erklären – aus Angst vor einer nuklearen Eskalation.

Es ist nicht Indiens einzige Angst. Inzwischen hat das Land den Nachbarn wirtschaftlich hinter sich gelassen. Doch wie jeder andere Besitz steigert wirtschaftliche Stärke nicht nur die militärische Schlagkraft, sondern auch die Verwundbarkeit gegenüber Angriffen auf industrielle Ressourcen. Für Pakistan dagegen gilt leider immer noch: Wer nichts zu verlieren hat, muss sich vor Dieben nicht fürchten.

Allerdings: Trotz aller Fortschritte bleibt auch in Indien vieles gleich. Ich erinnere mich, vor zwanzig Jahren meinen NZZ-Text über die Atomversuche im Kerzenschein geschrieben zu haben – Delhi erlebte einen der häufigen Stromausfälle. Heute schiele ich, während ich dies tippe, auf den Batteriestand meines Laptops – der Strom ist ausgefallen. Wieder erleben wir den Monat von Buddhas Geburt mit Hitze, Wetterleuchten und Kurzschlüssen. Doch statt der Kerze leuchtet nun der Bildschirm – wenn das kein Fortschritt ist!

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