Bildungspanik und Schulstress

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Bildungspanik und Schulstress

Von Carl Bossard, 25.08.2018

Matura für alle! Das verlangt eine neue Publikation. Gleichzeitig sind viele Schulkinder überfordert und gestresst. Erinnert sei an ein vergessenes Wort: begabungsgerecht.

Experten schlagen Alarm. Jeder dritte Schüler leidet an Burn-out-Symptomen, schreibt die SonntagsZeitung. [1] Viele Kinder fühlen sich überfordert. Klar und deutlich formuliert es der Kinderarzt Remo Largo: „Man kann Kinder nicht über ihr Begabungspotenzial hinaus fördern, sondern sie höchstens ihr Potenzial realisieren lassen. Eltern und Schule wollen aber mehr.“ Darum würden die Schülerinnen und Schüler mit Druck, Prüfungen und Noten regelrecht drangsaliert.

Kinder können nicht mehr Kinder sein

Mag sein, dass Remo Largo überzeichnet. Vielleicht sogar bewusst. Bedenken gegenüber der Schule gab es immer. Doch der bekannte Kinderarzt und Buchautor ist mit seiner Diagnose nicht allein. Ein wahrer Kern bleibt.

Die Stichworte sind bekannt: Kinder werden heute früher und konsequenter gefördert. Vom zarten Babyalter an. Sie müssen vielleicht nicht mehr Kenntnisse und Kompetenzen haben als einst, aber was sie wissen und können müssen, wird früher gefordert. Noch nie war darum so viel von Frühförderung die Rede: Bildschirm-Spielzeuge für Einjährige, Englisch mit drei Jahren, Ausland-Sprachkurse für Kleine. In der Schule sind Frühenglisch und Frühfranzösisch angesagt. Das hat Konsequenzen: Viele Kinder können nicht mehr Kinder sein.

Alles kommt früher – die Anforderungen steigen

Der Kindergarten beginnt bereits mir vier Jahren. Er mutiert zur (Früh-)Schule. Freies Spiel und Erleben im Sinne Fröbel’scher Pädagogik haben an Wert verloren. Wichtiger werden kognitive Kompetenzen. Kindergärtnerinnen beurteilen ihre Schützlinge mit fünfseitigen Rasterbögen und „Kreuzchen im Kästchen“ – anhand von 26 Kompetenzen zu je fünf Stufen. An erster Stelle steht die Analyse der Selbstkompetenz.

Und so geht es weiter. Auch für das Elterngespräch in einer zweiten Primarklasse bildet ein Kriterienraster die zwingende Grundlage. Es sind 72 Kompetenzen: eine Matrix von Fähigkeiten und Fertigkeiten, die ein Kind im Rahmen des Lernprozesses zu erlangen hat, aufgeteilt in je drei Niveaustufen. Da steht für das 1./2.-Klasskind zum Beispiel: „Verschiedenartigkeit von Gemeinschaftsformen und Lebensweisen sowie Rollenmuster wahrnehmen.“ Die Primarlehrerin muss diese Kästchen mit Vater und Mutter innert zweier Jahre dreimal durchgehen und ankreuzen.

Die Möglichkeiten des Versagens nehmen zu

Der Druck auf die Kinder wächst. Der Umfang der möglichen Beurteilungen hat enorm zugenommen – formativ wie summativ. Die Testindustrie ist gefragt und boomt. Beurteilt wird nicht nur, ob ein Kind etwas kann, bewertet wird auch sein Lernprozess. Und das in immer mehr Fächern. Jugendliche stehen so unter Dauerbeobachtung; die Möglichkeiten des Versagens nehmen zu.

Dazu kommt, dass moderne Lehrmittel für schwächere und mittelstarke Schüler oft viel zu komplex sind. Da muss experimentiert und hergeleitet, selber herausgefunden und selbstorganisiert gelöst werden. Dafür wird nicht mehr intensiv trainiert, was wirklich wichtig ist; fürs Üben bleibt weniger oder kaum Zeit. Entsprechenden Zulauf haben die Lernstudios. Die Ferienzeit wird nicht selten zur Nachhilfezeit. [2]

Statusangst der Eltern als Zukunftsangst für die Kinder

Der binnenschulische Paradigmenwechsel verbindet sich vielfach mit den gestiegenen Erwartungen der Eltern: Die Kinder sollen die sozioökonomische Position ihrer Herkunft zumindest halten. Es ist die Angst vor dem sozialen Abstieg. „Statuspanik“ und „Bildungspanik“ nennt dies der Soziologe Heinz Bude: Bildung als Positionsgut in den verschärften gesellschaftlichen Prestigekämpfen. [3] Wenn alle zur Bildung gelangen und alle ein Attest in den Händen halten, sinkt der Wert des eigenen Diploms: Inflation von Bildungszertifikaten als Folge der Bildungsexpansion.

Der unaufhaltsame Drang ans Gymnasium

Entsprechend wächst der gesellschaftliche Drang ans Gymnasium. Allerdings variiert die Maturitätsquote innerhalb der Kantone stark: zwischen 11,7 Prozent im Kanton Glarus und 32,1 Prozent in Basel-Stadt (2016). Für viele ist die Matura eine Conditio sine qua non. Doch ein Drittel schafft es nur mit Nachhilfeunterricht. Manche sind überfordert.

„Ein beachtlicher Teil der Gymnasiasten verfügt nicht über die nötige Intelligenz“, schreibt die ETH-Forscherin Elsbeth Stern. [4] Das erste Studienjahr wird häufig zum Selektionsjahr. Und die Anzahl der Maturanden, die durchs Studium fallen, ist hoch. Nicht umsonst gibt Stefan Wolter, Leiter der Forschungsstelle für Bildungsökonomie an der Universität Bern, zu bedenken: „Das System ist in Schieflage geraten.“[5] Höhere Quoten gehen oft mit sinkenden Ansprüchen einher. Anzustreben wäre eine Studierquote von rund 20 Prozent.

Matura für alle? Frankreich macht’s vor!

„Mehr Maturanden, bitte!“, fordert Professor Philipp Sarasin, Universität Zürich. Dezidiert verlangt er für eine breite Bevölkerungsschicht den Zugang zum Gymnasium. Sich diesem Imperativ zu widersetzen sei „Ausdruck einer ebenso dummen wie zynischen Bildungsverachtung eines kleinen Herrenvolkes“, hält er fest. [6] Gar eine „Matura für alle!“ postuliert eine neue Publikation. [7]

Wohin das führt, zeigt Frankreich: 85 Prozent des gesamten (Schulabschluss-)Jahrgangs schafften 2016 die Matura, so viele wie noch nie zuvor. Das ist wahrscheinlich Weltrekord. Doch nach der Grundschule haben viele französische Schüler Schwächen im Lesen und Schreiben. Und bei den internationalen Vergleichen fällt Frankreich immer weiter zurück. [8]

Pädagogischer Egalitarismus bedeutet Nivellierung

Das Land der „Egalité“ kann kein Vorbild sein, obwohl die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD mit ihren Sibyllen und Propheten die Schweiz wegen ihrer niedrigen Maturaquote regelmässig rügt. 2016 erwarben im Übrigen schweizweit 38.6 Prozent der jungen Erwachsenen einen Maturitätsabschluss: 20.8% die gymnasiale Matura, 15.1% die Berufsmatura und 2.7% eine Fachmaturität. [9]

Das Prinzip des pädagogischen Egalitarismus bedeutet Nivellierung nach unten (eine andere kann es nicht geben), ja Negierung der Ansprüche. Doch die Schule muss den Unterschieden gerecht werden.

Zwischen elterlichem Anspruch und kindlichem Potenzial

Viele Wege führen darum zu Bildung und zu einem Beruf. Das Schweizer Bildungssystem ist breit gefächert und durchlässig ausgebaut – mit unterschiedlichen Passagen und Passerellen. Wegweisend ist das chancengerechte Prinzip: Jeder Abschluss führt zu einem Anschluss.

Warum? Wissen und Können wollen wachsen, und Wachsen braucht Zeit. Wissen und Können wachsen nicht bei allen Kindern und Jugendlichen gleich schnell und in die gleiche Richtung. Darum öffnen sich am Ende der Primarschulzeit verschiedene Wege. Eines ist bei allen Wegen wichtig: Begabungsgerecht sollen sie sein und in eine berufliche Zukunft führen. Ein begabungsgerechter Unterricht kennt kaum Überforderung. Manches Unbehagen an der heutigen Schule (und im Elternhaus) würde wohl verschwinden.

Weniger ist oft auch schulisch mehr

„Eltern und Schule wollen mehr“, sagt Remo Largo, „sie wollen Kinder optimieren – das ist nicht möglich.“ Sein eindringlicher Ruf richtet sich an Eltern wie Politiker. Weniger ist auch auf dem schulischen Lernweg manchmal mehr. Die Wege bleiben trotzdem offen.

[1] Fabienne Riklin: Jeder dritte Schüler leidet an Burn-out-Symptomen. In: SonntagsZeitung, 19.08.2018.

[2] Schulferien: Ferienzeit ist Nachhilfezeit. In: SRF, 31.07.2018.

[3] Heinz Bude: Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft spaltet. München: Carl Hanser Verlag, 2011, S. 97.

[4] Michael Schönenberger: „Die Schweiz ist ein Ort der Seligen“. In: NZZ, 29.07.2017.

[5] Yannick Nock: So viele Maturanden wie nie: Für die Uni sind aber längst nicht alle reif. In: Schweiz am Sonntag, 12.06.2016.

[6] Philipp Sarasin: Das Gymnasium ist kein Luxus. Konzeptfehler der schweizerischen Bildungspolitik. In: Andreas Pfister (Hrsg.): Das Gymnasium im Land der Berufslehre. Zug, 2011, S. 34.

[7] Andreas Pfister: Matura für alle! Wie wir das Geissenpeter-Syndrom überwinden. Embrach: Arisverlag, 2018.

[8] Jürg Altwegg: Geschlechterpolitik. Wie man eine Frau wird. In: FAZ, 05.10.2016.

[9] https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bildung-wissenschaft/bildungsindikatoren/bildungssystem-schweiz/themen/abschluesse/maturitaetsquote.html [Status: 24.08.2018]

Kommentare

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Gestern war auf dem Kanal Vox eine Doku über das Leben von Michael Jackson zu sehen. Die tragische Geschichte eines Genies, dessen Kindheit mit sieben Jahren zu Ende war. Darauf gab es nur noch Drill, Perfektion, Geld… Genau an diesem Druck ging er mit 51 Jahren zu Grunde.

Dumm nur, dass im Nachhinein die Maturi mehr verdienen als die Handwerker. Die Handwerker aber sind der Nährstand, die Ver- und Besorger des Alltäglichen. Der Markt, von den Maturi öfters verschmäht, bevorzugt sie. In Genf haben rund 50% der Sekundärschüler eine Matur, gleichzeitig aber die höchste Arbeitslosenrate.
Die Eidgenossenschaft wurde von Bauern, nicht von Adligen gegründet.

Die Stimme der Vernunft hier im Haus. Vielen Dank.

Aber aufhalten werden Sie den Trend nicht, Herr Bosshards. Die progressiven Sarasins werden alles in Trümmer legen. Und dabei der Einschüchterung, Frustrierung und damit Re-Proletarisierung der Arbeiterklasse zuarbeiten. Vielleicht ist das auch die Absicht.

Es sitzen keine programmierbaren Mikrochips in den Schulbänken!

Wollen-Wünschen-Hoffen, stets begleitet durch Gedanken der Furcht, dass sich jene angestrebten Ziele nicht erfüllen könnten. Krampfhaft drückt man die Daumen und determiniert die Zweifel, die durch eigene Wunschvorstellungen ein Muss darstellen. Widerstand erzeugen kommt von durchsetzen wollen und man aktiviert, vergrössert dadurch eher negative Kräfte, nämlich die, ich sollte, ja ich muss. Wollen oder wünschen als Inhalt eines Bewusstseins zu machen eignet sich also nicht als Mittel von etwas, welches Eltern und Lehrbeauftragte sowieso nicht selbst steuern können. Bis Zwölf sind es Kinder, ab Dreizehn Jugendliche mit all ihren Problemen. So unterschiedlich die Potentiale auch sind, sie brauchen Anschub, erkennen und erwachen durch Motivation in ihren spezifischen Begabungen. Schau mir in die Augen Kleine/ Kleiner und ich erkenne das Feuer der Begeisterung, wenn es erwacht. Einen hab ich noch, in der Provokation liegt auch Gewalt, nicht nur in der Reaktion darauf, darum sollten Autoritäten auch den allgegenwärtigen psychischen Druck im Auge behalten. Wenn ihr liebevoll sein wollt, dann seit doch liebevoll, stärkt und fördert individuelle Begabungen, nämlich die, die eine Gesellschaft grossartig und Persönlichkeiten glücklich machen. Dann sind sie reich, was will man mehr? Glücklich sein im Beruf und im Leben kommt von fühlen und nicht vom Schein, der ist zu oft nur eine Fata Morgana ist. … cathari

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