Bilder lesen

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Bilder lesen

Von Hans Durrer, 01.06.2017

Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie, wie wir sind.

Weshalb mir von der täglichen Bilderflut, gewisse Bilder bleiben und andere nicht, ist mir ein Rätsel. Vermutlich hat es mit meinen Interessen zu tun, vielleicht auch damit, dass ich zu bestimmten Ereignissen einen Bezug habe und zu anderen nicht. Klar scheint mir eigentlich nur, dass es weniger das Bild als Bild (bei einem Foto: das Sujet, die Komposition, das Licht) ist, das entscheidet, wie ich das, was ich vor Augen habe, einordne und bewerte, sondern was ich zum Bild bringe, also in erster Linie meine Voreingenommenheiten. Und natürlich das, was dem Bild als Information beigegeben wurde.

Nehmen wir das Foto, das Melania Trump in einem mehrfarbigen Seidenmantel von Dolce & Gabbana zeigt. Das weiss ich, weil ich es gelesen habe (https://www.journal21.ch/blumige-first-lady), nicht weil ich es sehe. Gelesen habe ich zudem, dass das Foto am Rande des G7-Gipfels im sizilianischen Catania aufgenommen wurde und der Überwurf 51‘500 Dollar gekostet hat. All das sehe ich nicht, doch diese Informationen haben zur Folge, dass ich das Foto mit quasi neuen Augen betrachte: Habe ich bisher vor allem einen ganz wunderbaren farbigen Überwurf und eine schöne Frau wahrgenommen, so „sehe“ ich nunmehr einen grotesken Auswuchs der Wertehaltung (mehr-mehr-mehr), auf der unser Gesellschaftssystem wesentlich aufbaut.

Wohlverstanden, diese Gedanken finden sich nicht auf dem Foto, sondern in meinem Kopf – in einem andern werden sich andere und möglicherweise wohlwollendere Vorstellungen einstellen. Wie heisst es doch so treffend im Talmud: Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie, wie wir sind.

Für mich sind Fotos nichts anderes als Auslöser; was sie auslösen ist abhängig von ganz vielen Faktoren – Stimmungen, Vorlieben, Wissen, Kontext etc. – , doch nicht unbedingt davon, was das Foto zeigt, sondern davon, wie ich es persönlich konnotiere. Jedenfalls stelle ich mir das so vor, auch wenn ich es nicht wirklich weiss. Denn was in meinem Kopf geschieht, erfolgt meist ohne mein bewusstes Dazutun. Doch das ist ein weites Feld und hier interessiert etwas anderes – die Kommunikation mittels Bildern, die sich beeinflussen lässt: Fotos mit Legenden beziehungsweise mit Begleitinformationen sind zwar auch Auslöser, doch sie geben eine Interpretationsrichtung vor.

Jede Information, die einem Bild beigegeben wird, verändert die Art und Weise, wie es gelesen wird. Höchst gelungen hat John Berger das in „Sehen. Das Bild der Welt in der Bilderwelt“ vorgeführt. Er zeigt die Reproduktion eines Bildes von Van Gogh, das eine Landschaft mit einem Kornfeld und auffliegenden Vögeln zeigt. Berger fordert den Leser auf, kurz bei dem Bild zu verweilen und dann die Seite umzuwenden. Auf der folgenden Seite sieht man dann die genau gleiche Reproduktion, doch diesmal mit der Information, dass dieses Bild das letzte Werk Van Goghs sei, bevor er Selbstmord verübte. „Es fällt schwer“, kommentiert Berger, „genau zu beschreiben, wie der Text den Bildeindruck verändert hat, aber zweifellos hat er ihn verändert. Das Bild wirkt jetzt als Illustration des Textes.“

Bildlegenden stellen ein höchst kreatives Potential dar, das jedoch selten erkannt und noch seltener ausgenützt wird. Mein liebste Legende stammt von einem deutschen Hobbyfotografen, dessen Lebensziel offenbar war, mit möglichst vielen Berühmtheiten zusammen auf dem Bild zu sein. Eine  Aufnahme aus Rom beschrieb er so: Sollte sich jemand fragen, wer der Herr neben mir ist – es ist der Papst.

Es kennzeichnet das journalistische Geschäft, dass man nicht alles publizieren kann, sondern vieles aus- und weglassen muss. Wie in jedem anderen Beruf, geht es auch im Journalismus entscheidend  darum, Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden zu können. Dabei ist nicht zu vermeiden, dass vieles auf der Strecke bleibt. „Omission is the most powerful source of distortion“, bringt es der britische Journalist Nick Davies „Flat Earth News“ auf den Punkt.

Dass Journalisten sich Mühe geben, den (manchmal bewusst manipulierenden) Auslassern möglichst nicht auf den Leim zu gehen, zeigte sich letzthin sehr schön beim auf Facebook veröffentlichten offiziellen Gruppenfoto der First Ladys anlässlich des Nato-Gipfels in Brüssel, bei dem die US-Administration den schwulen First Husband des luxemburgischen Premiers verschweigen wollte. Dieser war zwar auf dem Bild zu sehen, doch die Bildlegende erwähnte ihn nicht. „Fake News“ aus dem Weissen Haus.

Das ist ein Detail und nicht wichtig? Nun ja, das Weisse Haus hielt es offenbar für wichtig genug.

Kommentare

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Genau, genau, Texte können auch zu Bildveränderungen führen.

Ich zum Beispiel, ich war die Nette, die Anständige, die von vielen Geschätzte, bis mein Lehrer in einen Brief an meine Eltern den Satz beifügte: „ Sie ist halt nicht so harmlos wie sie aussieht.“ Durch Waschküchengespräche wurde es dann publik. Von da an mochten mich andere, nicht mehr dieselben. Übrigens, Nett ist ein furchtbares Wort, bedeutet gar nichts, nada, erlöse uns von dem nada; pues nada. First ist auch so ein Wort, „ Otro loco mas“ sagen wir`s so, möglicherweise die bessere Hälfte wäre besser, aber das ist dann auch wieder Ansichtssache. Beigefügte Texte können Bilder zentrifugieren, nehmen uns die Freiheit der individuellen Interpretation. Wir haben ehrlich gesagt ein ganzes Leben Zeit unsere Bilder einzuordnen, ja genau, ihre Aussagen ändern sich manchmal, jedoch uminterpretiert aus eigenen Erfahrungswerten. Und das ist besser so, meinen sie nicht auch? … cathari

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