Beliebte Quelle für radikale Israel-Kritiker

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Beliebte Quelle für radikale Israel-Kritiker

Von Uri Russak, 14.08.2015

Gideon Levy, ein umstrittener Kommentator der linksliberalen israelischen Zeitung „Haaretz“, ist ein radikaler Kritiker seines Landes. Unser in Israel lebender Autor hält ihn für unaufrichtig.

Oft frage ich Leute, vor allem Israelkritiker aus dem Ausland, woher sie ihre Informationen über Israel beziehen. „Vor allem aus Gideon Levys Kommentaren in der englischen Version der israelischen Tageszeitung Haaretz“, ist dann die häufigste Antwort.

Nichts Gutes zu berichten?

Oft werden auch Gideons Haaretz-Kollegin Amira Hass, Uri Avnery und Moshe Zimmermann genannt, wovon letztere beide ein hervorragendes Deutsch sprechen. Denn es gibt wenige ausländische Israelkritiker der Berufsgattung Journalismus, die Hebräisch sprechen, oft sind sie auch im Deutschen nicht sattelfest, sodass sie dann aufs Englische ausweichen und bei Gideon Levy in „Haaretz“ landen.

Doch ohne Hebräisch können sie kein israelisches Radio verstehen, nicht mit der Durchschnittsbevölkerung sprechen, nicht hebräische Tageszeitungen lesen.  So bleiben diese Kritiker von sehr vielen Realitäten des wirklichen Geschehens, sei es in Politik oder Kultur, ausgeschlossen. Doch möchte ich mich hier ein wenig mit dem König aller einseitigen Israelkritiker, nämlich Gideon Levy, befassen.

Gideon Levy hat sich eine Karriere geschaffen, mit der er zum Guru journalistischer „Israelkritik“ wurde. Vor allem im englischen und deutschen Sprachbereich gilt er als eine zentrale Quelle für Kritik und das Wissen über alles, was in Israel passiert. Gutes zu berichten gibt es für ihn nicht, sogar aus den besten Aspekten des Lebens und der Politik im jüdischen Staat konstruiert er Negatives, dreht Wahrheit und  Absichten auf den Kopf. Eines der letzten Beispiele dieser Kunst stand im Zusammenhang mit der israelischen Hilfe für die Erdbebenopfer in Nepal. Er schrieb beispielsweise “die böse Armee in Palästina wird zur Heilsarmee in Nepal“ und nannte den Einsatz der israelischen Armee eine „moralische Heuchelei“. Ob die geretteten Nepalesen es genau so sehen? Wohl kaum.

Zweierlei öffentliche Reaktionen

Ähnlich tönt es heute im Zusammenhang mit dem Mord an einem palästinensischen Baby in der Westbank: „Alle Israelis sind schuldig, eine palästinensische Familie zu verbrennen“. Als ob es gerade in Israel, in völligem Gegensatz zu den palästinensischen Gebieten, keine Demonstrationen des Entsetzens und der Solidarisierung mit den Opfern dieser schrecklichen Tat gäbe. Zwar bringt das die Opfer nicht ins Leben zurück, macht jüdischen Terror nicht weniger schrecklich, doch demonstriert es einen wesentlichen Unterschied der öffentlichen (und privaten) Empathie auf jüdischer und palästinensischer Seite.

In der israelischen Öffentlichkeit werden Entsetzen und Entschuldigungen laut über derartige Verbrechen. Im Unterschied dazu erhalten manche palästinensischen Baby-Killer von der palästinensischen Autonomiebehörde eine Pension, ihre Familie wird unterstützt, Strassen werden nach ihnen benannt und der oder die Killer als Helden gefeiert. Dieser Unterschied ist nicht neu, aber  muss doch erwähnt werden.

Was leider vorläufig fehlt, ist der Wille israelischer Regierungen, Sicherheitsbehörden und Gerichte, jüdischen Terror genauso hart zu verfolgen und zu bestrafen, wie den palästinensischen. Dazu gibt es in Israel Nachholbedarf.

„Not my business“

Durch meine Arbeit für eine israel-arabische Kunstgalerie habe ich Gideon Levy ein klein wenig persönlich kennengelernt. Nur ein klein wenig, doch das hat mir vollauf genügt. Der Mann ist völlig humorlos, auf sich selbst bezogen. In seinem dieses Jahr erschienenen Buch „Allein unter Juden“ interviewte der Autor Tuvia Tenenbom Gideon Levy. Daraus geht hervor, dass Gideon kein Wort Arabisch spricht. Wie kann er denn seine Horror-Geschichten aus den besetzten Gebieten erzählen? Seine Westbankbesuche unternimmt er mit einem Team von Arabischsprechern, denn die meisten der Interviewten sprächen weder Englisch noch Hebräisch. Damit sind seine Interviewten leichter in der Lage, sämtliche gern gelesenen Versionen über das israelische Benehmen in der Westbank unkontrolliert an den Mann zu bringen.

Es ist ein schon seit langem dokumentiertes Phänomen der Berichterstattung aus den palästinensischen Gebieten, dass sich Aussagen in arabischer Sprache von denen in englischer Sprache erheblich unterscheiden, ja oft das Gegenteil aussagen. Der Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb dazu schon zu Arafats Zeiten im Jahre 2003“:   „Palästinenserpräsident Yassir Arafat mit gespaltener Zunge. Auf internationalem Parkett redet er vom Frieden – auf Englisch.  Zurück im Gaza-Streifen oder wie jetzt im Westjordanland hetzt Arafat gegen Israel und preist das Märtyrertum – auf Arabisch.“ Das war Arafat, unter dessen Nachfolger Abbas hat sich nichts verändert.

Levy wurde von Tennenbom gefragt ob er auch über palästinensischen Menschenrechtsvergehen schreibe.  Er antwortete, das gehe ihn nichts an (not my business). Vielleicht weil es damit schwieriger ist Geld zu verdienen.

„Haaretz“-Abo gekündigt

Ein anderer von Tenenbom beschriebener Aspekt von Gideon Levys Persönlichkeit ist die Tatsache, wie er selbst sagt, er habe keine palästinensischen Freunde in der Westbank habe, alle seine Freunde seien Israelis. Damit ist er auch nicht in der Lage, Aussagen aus palästinensischen Quellen ungeprüft als wahr zu zitieren. (Die Zitate aus Tenenboms Buch sind der englischen Ausgabe „Catch the Jew!“ des oben erwähnten Buches entnommen).

Gideon Levy ist Mitglied der Chefredaktion der linksliberalen israelischen Zeitung  „Haaretz“. Er hat sich mit seiner journalistischen Tätigkeit eine Marktnische geschaffen. Aus dieser Nische verbreitet er Abscheu und radikal einseitige Kritik über Israel. Er floriert, wird zu Vorträgen und Gesprächen im In- und Ausland eingeladen und weltweit zitiert. Damit verdient er nicht schlecht.

Vor einigen Monaten annullierte ich mein Abonnement für diese Zeitung, weil es, so meine Begründung, Gideon Levy eine Bühne gibt. Daraus machte ich keinen Hehl. Ein Redaktionsmitglied rief mich an und wollte den Grund dazu nochmals wissen. Auch offerierte er mir einen grossen Rabatt. Ich gab ihm meine Begründung: „Ich weigere mich, Gideon Levys Salär weiterhin mitzubezahlen.“ Ich fügte hinzu, ich bezweifelte, dass Gideon Levy seine von Israelkritikern so gerne gelesenen einseitigen Kommentare gegen Juden und Israel wirklich glaube. Der Redaktor antwortete mir tatsächlich: „Da könntest Du recht haben“. Neuerdings berichtet die israelische Presse, dass in den letzten Monaten einige hundert „Haaretz“-Abonnenten wegen Gideon Levy gekündigt hätten.

Ärger auch mit rechten Kommentatoren

Inzwischen lese ich die „Jerusalem Post“ und ärgere mich über Kommentare rechtsgewickelter Schreiber, die spiegelbildlich dasselbe zu Papier bringen, wie Gideon Levy. Nur eben rechtsextremistisch statt linksextremistisch. Geniessbar sind keine Kommentare dieser extremistischen Art. Beide Zeitungen publizieren - als Gegengewichte oder auch als Alibi – gelegentlich entgegengesetzte Meinungen. Jetzt bleibt mir zu entscheiden, welche Zeitung ich als Informationsquelle wirklich will – oder ob ich mich mit andern unter den vielen möglichen Quellen begnügen werde.

 

Kommentare

Herr Russak Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen mit Ihrer Analyse über Gideon Levy.Seit über 30 Jahre bin ich Leser des Tachles, (Frühes Israelitisches Wochenblatt) Auch in dieser Zeitschrift sind relativ viele Kommentare dieses Journalisten vorhanden, meiner Meinung nach, zu viele! Ich glaube Menschen, die eine objektive, faire Meinung zum vielschichtigen Nahost-Konflikt haben, brauchen wahrhaftig keine Anleitung, bzw. Belehrung dieses arroganten Schreiberlings!!!
Schawua tov we kol tov

Ich bin ein regelmässiger Leser der Haaretz Online (englisch) und muss dir, Uri, Recht geben! Gideon Levy ist einer, der nun einmal von dem lebt, was er an Einseitigkeiten - teilweise sogar an Verdrehtem - über Israel und die Juden herauslässt. Das Lager der vielfältigsten Israel-Hassser zitiert ihn selbstverständlich immer wieder mit der Behauptung: "Seht, das sagt sogar ein Israeli selber!". Und trotzdem lese ich weiterhin die Haaretz auf täglicher Basis! Es gibt ja dort nicht nur einen Gideon Levy und eine Amira Hass! Und gerade zur Meinungsbildung können solche überkritischen (im Falle von Levy und Hass: selbsthasserischen) Stimmen Sinn geben! Dir, Uri, herzlichen Dank für deine Analyse!

Lieber Hans Daniel Schürch-Tal,

was Haaretz betrifft kann ich Ihnen nur recht geben. Die Zeitung ist vom Meinungs-SPEKTRUM und Faktenbasis her eine Erholung gegenüber Schweizer Zeitungen wie NZZ, TAM etc.

MfG
Werner T. Meyer

Die Einleitung soll uns suggerieren, dass alle Israelkritiker lediglich eine Quelle haben und diese soll tendenziös sein. Dies nehme ich als Gelegenheit, auf einige Quellen zu verweisen: Btselem, ICAHD, IOA, 972mag.org, Yesh Din, Rabbis for Human rights, etc.

Eine Liste findet sich hier: http://piquestions.com/links.php?show=all

Wenn Russak die “geretteten Nepalesen” erwähnt, um das Argument der „moralischen Heuchelei“ der Israelischen Armee im Nepaleinsatz zu entkräften, so fragt es sich, ob Russak die sozialen Errungenschaften der Hisbollah im Libanon oder der Hamas in den besetzten Gebieten ähnlich positiv betrachtet — insbesondere in Anbetracht, dass der Einsatz in Nepal ca. 0.1% der Dienstaktiven umfasste und nur drei Wochen dauerte. Das „Erdbeben“, das letzten Sommer Gaza erschütterte, dauerte sieben Wochen und über 80’000 Reservisten wurden dafür eingezogen …1

Um die moralische Überlegenheit der Israelis (israelische Araber ausgenommen) aufzuzeigen — den „wesentlichen Unterschied der öffentlichen (und privaten) Empathie auf jüdischer und palästinensischer Seite“ — , verweist Russak auf die „Demonstrationen des Entsetzens und der Solidarisierung mit den Opfern“ in Israel hin. Verbal mag dies ja zutreffen, bei genauerer Betrachtung ist die „Solidarisierung“ jedoch weitgehend heisse Luft. Denn die israelische Gesellschaft ist blind geworden. Blind für die eigenen Verbrechen. Wenn Levy in seinem Artikel in Haaretz2 auf Gaza hinweist und fragt, „what’s the difference between lobbing a fire bomb and dropping a bomb?“3 trifft er damit genau den Punkt: Der Staatsterrorismus, der langjährige Terror der Israelischen Armee — im Ausmass ein Vielfaches dessen, was verrückte Siedler anstellen — wird von der Bevölkerung nicht wahrgenommen. Den Gaza-Krieg 2014 gibt es nicht, die 500 getöteten – verbrannten – Kinder sind keine Terroropfer, sie zählen nicht, sie sind moralisch inexistent. Terror sind immer die anderen.

Um die moralische Überlegenheit noch weiter zu zementieren, verweist Russak auf „palästinensischen Baby-Killer“, die Pensionen erhalten und „die Killer“, die „als Helden gefeiert“ werden. Die Terroristen, die im eigenen Land gefeiert werden, sieht er nicht4 (von den israelischen Airforce Pilot_innen, die Pensionen bekommen, ganz zu schweigen).

Wenn Russak meint, dass Arabisch und palästinensische Freunde eine Grundvoraussetzung für das Verständnis der Sachlage sind, frage ich mich, wie viele seiner Quellen denn diese Voraussetzung erfüllen. Falls keine seiner Quellen diese erfüllen, empfehle ich u.a. Ilan Pappé – als Anfang. Zeit zum Lesen hat er ja nach Kündigung von Haaretz …

Gideon Levy wird in Israel derart angefeindet, dass es schlicht bewundernswert ist, dass er weiter in Israel lebt und schreibt.5 Im Gegensatz zu anderen kritischen Stimmen wird Levy im Krisenfalle nicht durch die Massenmeinung fortgerissen. Auch wenn 99% der Israeli ein weiteres Gazamassaker gutheissen, so schreibt Levi dagegen an und kippt nicht um wie andere (cf. https://thieblog.wordpress.com/2014/08/10/washed-away/). Auch Uri Averny hält den Druck der Massen seit 50 Jahren aus und weicht in Demonstrationen auch dann nicht zurück, wenn rechtes Pöbel ihn bespuckt.

Ihnen gebührt unser Respekt.
Ganzer Artikel hier: https://thieblog.wordpress.com/2015/08/16/standhaft-auch-in-krisen/

Der Beitrag über die tendenziöse Israel-Presse ist informativ. Wie beurteilt Russak die Korrespondentin Inge Günther, deren berichte mir korrekt erscheinen ? Tiefer in den Palästina-Konflikt geht H.Flottau ein (Journal21). Dazu hätte ich gern Russaks Meinung. Was mich als Deutschen (geb.1934) stört, ist die Chutzpe, mit der jüdische Gremien hierzulande den angeblichen Antisemitismus geschwören, stets unterlegt mit den Begriffen Holokaust + Shoa, wohl wissend, daß das dortige Besatzungsregime einen religiösen Rassismus zur Rechtfertigung der Ausgrenzung und Entrechtung palästinensischer Zivilpersonen durch fanatische Siedler instrumentalisiert. So werden aus Opfern Täter. Hiesige Medien bagatellisieren die Zustände in den palästinensischen Besatzungszonen. Wegschauen und Totschweigen macht zu Komplizen. Dies wurde den Deutschen nach 45 von den Siegermächten bewußt gemacht. Die Zionisten im Judenstaat haben aber nichts gelernt.

Ihre Aussage "... Was mich als Deutschen (geb.1934) stört, ist die Chutzpe, mit der jüdische Gremien hierzulande den angeblichen Antisemitismus geschwören..." befremdet mich. Ich bin selber im Vorstand einer Jüdischen Gemeinde und behaupte, dass diese Aussage bei weitem nicht stimmt, erlogen ist!

Herr Maurer:
Sie könne natürlich auch Google befragen mit den Stichworten
Flottau "Uri Russak"
oder
Flottau "Uri Russak" "Journal 21"
um herauszufinden, was denen zueinander einfällt...

MfG
Werner T. Meyer

Gut gemacht, Uri! Das von Dir erwähnte Buch "Allein unter Juden" von Tuvia Tenenbom sollte Pflichtlektüre für all diejenigen sein, die einen EAPPI-Einsatz planen.

Genesis…. Ein Rückblick nach vorne!
Die Suche nach einem Weg ins Licht.

Vom Einzeller über den Fisch, Step by Step zum Embryo, ein Kind und noch eins wurde geboren, und sie beide waren Menschen, ja sogar Brüder. Da erschlug Cain seinen Bruder Abel und Gott setzte Cain ein Zeichen auf die Stirn („Caïn qu'as-tu fait de ton frère?“)….. Aber da war einst ein Traum und das Umherirren nahm ein Ende. Das Ende war gut und YHWH zufrieden. Metanoia, die Suche nach einem neuen Bruder begann. Nicht zuletzt durch Einhauchen guten Willens von aussen, geschah es und siehe da, obwohl getrennte Wege ihre Eigenart, führten Vernunft und Weitsicht beide dennoch zum Ziel. Von da an wurde ISRAEL-PALÄSTINA eines der begehrtesten Feriendestinationen der Welt und ihr gemeinsamer Verteidigungswille, ihr gemeinsamer Wohlstand hatte Signalwirkung. Weit sehr weit über die Grenzen hinaus. Das früher Trennende wurde plötzlich bedeutungslos und das Zusammenspiel erweiterte sich vom Libanon bis hinauf nach Jordanien. Nie war eine Erfolgsgeschichte bedeutsamer für diese Region…… aber da war einst ein Traum....und wer ihn träumt braucht mindestens Geduld!....oder, er bleibt hängen in stoischem Warten auf Godot! ….. cathari

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