Bei Mozart kann man nicht schummeln

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Bei Mozart kann man nicht schummeln

Von Annette Freitag, 26.11.2018

Lise de la Salle gehört zu den interessantesten jüngeren Pianistinnen zwischen Paris, Tokio und den USA. Als Nächstes steht Zürich im Terminkalender der Französin.

Dienstagmorgen in Paris. Abgemacht haben wir um neun im Marais-Quartier. Dann ein SMS, Lise de la Salle entschuldigt sich, sie kommt ein bisschen später, die Metro hatte eine Panne … macht nichts.

Etwas Jetlag

Nach wenigen Minuten ist sie da und sieht genauso aus, wie man sich eine Pariserin vorstellt: zierlich, hübsch, lange blonde Haare, kapriziös und elegant, aber kein bisschen steif. Bonjour! Was man ihr äusserlich nicht ansieht, ist der lange Flug, den sie gerade hinter sich gebracht hat: Tokio retour übers Wochenende für ein Konzert. Naja, etwas Jetlag habe sie schon, sagt sie, aber der Aufwand habe sich gelohnt. Und sie schwärmt vom japanischen Publikum, das so aufmerksam zuhöre, durchaus anspruchsvoll sei und sich ein grosses Wissen über unsere Musik erworben habe. «Und sie sind treu! Beim Signieren entdecke ich immer wieder Fans, die ich seit Jahren kenne! Génial!»

Vor lauter Begeisterung über ihr japanisches Publikum vergisst sie glatt, dass sie eigentlich noch etwas müde ist vom langen Flug …

Lise de la Salle spielt Klavier seit frühester Jugend. Eine Alternative gab es für sie nie. «Schon im Bauch meiner Mutter war ich umgeben von Musik», sagt sie mit einem Lachen. «Ich bin damit aufgewachsen. Meine Mutter sang im Chor, meine Grossmutter war Klavierlehrerin und deren Grossmutter war eine russische Musikerin, die Tschaikowsky noch persönlich kannte! Mit vier Jahren habe ich schon auf dem Klavier geklimpert … Gedrängt hat man mich nicht zur Musik, Unterstützung fand ich in der Familie allerdings schon. Und eigentlich war allen klar, dass für mich gar nichts anderes als das Piano in Frage kam.» Mit neun hatte sie ihren ersten Konzertauftritt, mit elf besuchte sie in Paris bereits das Konservatorium. Heute ist sie dreissig und weltweit gefragt.

Mozart vor allem und vor allen

Ihr Lieblingskomponist ist Mozart. Warum? «Es ist seine unvergleichliche Art, die Seele anzusprechen. Und dies mit Musik, die ganz einfach ist. Deshalb spielen so viel Junge gern Mozart. Gleichzeitig kann es aber auch das Schwierigste überhaupt sein, weil man völlig blossgestellt ist, wenn man diese Musik spielt. Bei Mozart kann man nicht schummeln. Er berührt das Herz ganz direkt und ich entdecke in seiner Musik jede Facette des menschlichen Wesens. Bei anderen Komponisten, wie Brahms oder Schumann, ist es oft klar definiert, worum es geht, also beispielsweise um Leidenschaft, Trauer, Übermut, Humor, Freude … und bei Mozart ist alles gleichzeitig da, man pendelt von einem Extrem ins andere. Alle Emotionen sind in der reinsten Ausdrucks-Form vorhanden.»

Sie empfinde dies heute viel stärker als zu Beginn ihrer Karriere, sagt sie. «Ich habe den Eindruck, vor allem gegenüber dem Dramatischen sensibler geworden zu sein. Dieses innere Drama, das in einer oder zwei Noten steckt. Zugleich aber auch diese grosse Freude, dieser Freudenrausch. Ich kann das gut nachvollziehen, weil ich ja auch meine Erfahrungen im Leben gemacht habe. Ich verbinde mein persönliches Leben immer mit dem Musikleben. Ich glaube, das ist ganz wesentlich.»

Am allerliebsten hat sie übrigens «Don Giovanni». Da gibt es zwar nichts fürs Klavier, aber vieles für die Seele. «Diese Oper, die Stimmen, das Orchester … das ist die grösste Inspiration für mich!» Stimmen spielen eine ganz grosse Rolle für sie. Singen auf den Tasten, singen auf dem Klavier, das ist ihr Ziel. «Ich hatte nie den Wunsch, selbst zu singen. Aber meine schönsten musikalischen Erlebnisse hatte ich in der Oper oder wenn gesungen wurde. Diese Sensibilität und diese frischen Klangnuancen des Gesangs auf dem Klavier wiederzugeben, das ist mein grösster Wunsch. Dem Klang nachzugehen, den Klang zu untersuchen, das war immer ein ganz wesentlicher Teil meines künstlerischen Werdegangs und die grösste Inspiration dabei war immer die menschliche Stimme.»

Energie-Austausch und Magie

Als Pianistin ist sie oft auch Solistin und meistens allein unterwegs von einem Konzert zum anderen. Normalerweise hat sie dann auch das gleiche Programm im Gepäck. Wie sehr unterscheiden sich aber die einzelnen Konzerte voneinander? «Schwer zu sagen … Das ist ja nicht messbar wie in der Mathematik oder im Sport. Und das ist ja auch das Grossartige, dass man das gleiche Programm mehrmals hintereinander spielen kann und jedes Konzert ist ein neues Erlebnis. Ich kann nicht sagen, es ist besser oder schlechter, ich weiss nur, dass es anders ist. Es hängt davon ab, wie der Tag war, das Wetter, der Saal, die Energie … denn es gibt immer eine Wechselwirkung durch den Energie-Austausch mit dem Publikum. Da spielt es auch eine Rolle, ob man am Morgen gut aufgewacht ist, ob man müde ist oder ob man vielleicht gute Nachrichten bekommen hat. All das wirkt sich darauf aus, wie man am Abend spielt. Es gibt Abende, an denen man nur noch ahhhh sagt … dann weiss man, dass Magie im Spiel war ...» Es ist also alles andere als langweilig, mehrmals das gleiche Programm zu spielen.

Was ist ihr eigentlich lieber: als Solistin aufzutreten oder mit anderen zusammen zu musizieren? «Ich liebe beides! Das kann man mit der Gastronomie vergleichen, schliesslich bin ich Französin! Wenn man zwischen einem wunderbaren Côte de Boeuf und einem Pavé de Saumon en Croute de Sel oder einem Käse und einem Macaron wählen soll, für was entscheidet man sich? Für alles! Voilà … ich habe das Privileg, mal eine Woche als Solistin unterwegs zu sein, dann mal mit einem Orchester aufzutreten oder mit einem Kammerensemble. Das ist alles wunderbar. Dieser emotionale, menschliche und intellektuelle Reichtum! Es ist wirklich ein Glück, all dies leben zu können …»

Bindungen an Zürich

Wichtige menschliche Beziehungen sind es übrigens auch, die sie mit Zürich verbinden. Da ist einerseits Fabio Luisi, der musikalische Leiter des Zürcher Opernhauses, und andererseits Daniel Hope, der Chef des Zürcher Kammerorchesters. «Fabio Luisi kenne ich seit zehn Jahren. Er ist der Dirigent, mit dem ich am meisten gespielt habe, in Europa, in den USA und in Asien. Er hatte mich über eine CD entdeckt und nach dem ersten gemeinsamen Konzert war klar, dass wir weiter zusammen musizieren wollten. Man musste sich gar nicht absprechen. Man spürt und hört und versteht den anderen sofort. Schon bei der ersten Probe hat man das Gefühl, nach Hause zu kommen. Das gibt es so selten …» Aber genau dieses Gefühl hatte sie auch bei Daniel Hope. «Wir haben erst einmal zusammen musiziert, vor zwei Jahren, in Verbier, es war eine Sonate von William Walton, also eher etwas Unbekanntes, aber das war wie ein Match … wir hatten nur eine ganz kurze Probenzeit, eine Stunde oder so … es war wie Alchemie … ein Flow zwischen den Partnern und alles ging … comme ça ...!» Sie schnippst mit den Fingern und strahlt übers ganze Gesicht. «Deshalb wollten wir unbedingt wieder etwas zusammen machen.»

Dass es dann ein bisschen länger gedauert hat, bis sich ein gemeinsames Konzert mit Daniel Hope realisieren liess, spielt keine Rolle. Auch in Zürich spielen sie etwas eher Unbekanntes, ein Konzert für Klavier und Streicher von Ernest Chausson, einem Landsmann von Lise de la Salle, der sein Leben1899 bei einem Velounfall verlor, gerade als seine Karriere so richtig in Schwung kam.

«Dieses Konzert-Stück kann man nirgends einreihen», sagt Lise de la Salle. «Es beschwört kraftvoll die Spätromantik herauf. Chaussons Stück versucht, sich dem direkten Einfluss Wagners auf die französische Musik jener Zeit zu entziehen und fokussiert auf tiefe Melodien mit Trillern, Tremolo und Arpeggio. Dieses Konzert ist eine musikalische Abenteuerreise durch die verschiedensten Stile und Emotionen!» Lise de la Salle ist ganz begeistert «Fin de siècle» nennt sich das Programm, mit dem sie ihre Zusammenarbeit mit Daniel Hope nun fortsetzt.

Eh voilà: endlich ist es soweit.

Zürich: Tonhalle Maag
Lise de la Salle / Daniel Hope
Zürcher Kammerorchester
4. Dezember 2018

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