Bei Jean Monnet zu Hause

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Bei Jean Monnet zu Hause

Von Daniel Woker, Paris - 09.11.2015

Ohne Jean Monnet würde es kein Europa, keine EU geben. Sein Wohnhaus ausserhalb von Paris ist ein idealer Ort, um verlorene Europa-Identifikation wiederzufinden.

Bazoches-sur-Gayonne ist ein eher verschlafenes Kaff am Rande der Île-de-France. Seine einzige Attraktion bildet ein stattliches, aber keineswegs herrschaftliches Strohdachhaus inmitten eines grossen Gartens. Dort entwarf Jean Monnet zusammen mit gleichgesinnten Europäern 1950 den Schuman-Plan, welcher zunächst zur Montanunion, dann zur EWG und schliesslich zur EU geführt hat. Monnet wird damit zu Recht als geistiger Vater Europas bezeichnet; er war der Erste, welcher das Zusammenwachsen der europäischen Nationalstaaten in Etappen und via Wirtschaftszusammenarbeit voraussah. Die ‘Maison Jean Monnet’ beherbergt heute ein kleines Museum und Konferenzzentrum, wo der epochale Charakter von Vereinigten Staaten von Europa in Erinnerung gerufen und in die Zukunft getragen wird.

Prädestiniert für ein Leben auf höchster diplomatischer Ebene war der junge Jean keineswegs. In Cognac 1888 als Erbe eines Herstellers entsprechenden Branntweines geboren, widmete er sich zunächst dem väterlichen Geschäft und insbesondere dessen Kunden in aller Welt. Bald kamen indes Bankgeschäfte dazu, schon damals oft als Mittelsmann zwischen dem privaten Kapitalmarkt und Regierungen, später auch als Berater bei der Anbahnung zur zwischenstaatlicher Zusammenarbeit in Krisenzeiten. Zu Beginn des ersten Weltkrieges und dann wieder in den 30er Jahren sah er die Notwendigkeit, erstens Kriegsgefahr durch verstärkte Kooperation von Nationalstaaten einzudämmen und zweitens undemokratischen Regierungen und Bewegungen, damals dem in Deutschland und Italien schnell wachsenden Faschismus, eine überstaatliche ’Koalition der Willigen’ zur Verteidigung demokratischer und abendländischer Werte entgegenzustellen.

Konflikte eindämmen, Aggressionen begegnen

Vom Völkerbund, wohin er durch die französische Regierung als stellvertretender Generalsekretär entsandt worden war, wandte er sich wegen dessen komplizierten Entscheidungsmechanismen bald wieder ab, immer auf der Suche für direkte, unmittelbar wirksame Zusammenarbeit zwischen Regierungen, um Konflikte einzudämmen und  Aggression zu begegnen. Sein Plan, Frankreich und Grossbritannien gemeinsam dem nazistischen Deutschland entgegentreten zu lassen, ging damals noch zu weit und misslang. Während des Krieges war Monnet als Emissär der britischen (!) Regierung in Washington tätig und später Teil der freifranzösischen Regierung de Gaulles.

Nach dem Krieg wurde er von Paris als Beauftragter für nationalen Wiederaufbau und Entwicklung eingesetzt mit dem traditionellen Ansatz, die französische Industrie auf Kosten deutscher Rohstoffe wieder in Gang zu bringen (Annektion des Saarlandes). Bald aber sah er, dass so kein sinnvoller Neuanfang möglich war. Die von Monnet verfasste ‘Schuman Deklaration’ vom 9.5.1950 (Robert Schuman war der damalige französische Aussenminister) führte innert kurzer Frist zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (Montanunion), worin die sechs EU- Gründernationen (BRD, I, F, NL, B, LUX) die damals wichtigsten industriellen Rohstoffe gemeinsamer Verwaltung und Verwendung unterstellten.

"Verrat am französischen Staatsideal"

Natürlich war Monnets  überstaatlicher Ansatz  seit jeher und speziell in seinem Heimatland oft scharfer nationalistischer Kritik ausgesetzt. Die ihrer Zeit weit vorauseilende Europäische Wehrgemeinschaft scheiterte 1954 im französischen Parlament. Von prominenten Gaullisten -  den Vorfahren jener französischen Politiker und Wähler welche sich heute um Sarkozy und Le Pen scharen - wurde er auch schon mal als Verräter am französischen Staatsideal bezeichnet. Ungefähr so, wie heute der Präsident der wählerstärksten Partei der Schweiz den Bundesrat wegen seiner Europapolitik als potentielle Landesverräter bezeichnet hat.

Monnet hat sich indes nie von seinem Ziel abbringen lassen. Noch im Jahre 1954 gründete er das ‘Aktionskomitee für die Vereinigten Staaten von Europa’, welches eine der Hauptmotoren europäischer Integration bis und mit der Einheitswährung geblieben ist. Dass er sich dabei mit den Grössten und Besten internationaler Politik auf einer gemeinsamen Linie wusste, beweisen Fotos, Korrespondenz und andere Memorabilien im Museum von Roosevelt über Eisenhower bis Kennedy, von Adenauer über Willy Brandt zu Helmut Schmidt, von Ted Heath und vielen anderen hervorragenden Persönlichkeiten, welche ihre nationale, aber eben gleichzeitig auch die europäische und internationale Bühne beherrschten.

Merkel nicht Orban

Nun, das war einmal und was ist mit Europa  heute? Die Umstände haben sich verändert, nicht aber die Personen und die Prinzipien. Erstens bleibt immer engere Zusammenarbeit in Europa angezeigt, sollen einigermassen vernünftige und rechtsstaatlich vertretbare Lösungen gefunden werden. Sei es mit Bezug auf Währung, Migration oder Freiraum über die alten Souveränitätsbarrieren hinweg. Und zweitens erscheint ein auf demokratischen, rechtsstaatlichen und sozialen Fundamenten aufgebautes Europa in unserem Zeitalter globalstrategischer Verschiebungen in Richtung Asien mit seinem noch oft autoritären Staatsverständnis wichtiger den je. Provokativ, weil personell ausgedrückt also: Delors und Merkel, nicht Orban, Kaczynski/Duda und Tsipras.

Apropos Namen: Einer der wichtigsten Mitarbeiter von Monnet nach dem 2. Weltkrieg war der Waadtländer Henri Rieben, dessen ‘Fondation Jean Monnet pour l’Europe’ an der Uni Lausanne einen wichtigen Teil der geistigen Nachlassenschaft des ersten grossen Europäers pflegt. So wie die ‘Maison Monnet’, welche als Antidose gegen aktuelle europapolitische Griesgrämigkeit herzlich empfohlen sei.

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