Auseinandersetzung mit dem IS

Arnold Hottinger's picture

Auseinandersetzung mit dem IS

Von Arnold Hottinger, 25.03.2016

Mit Gewalt sind religiöse Ideologien nicht zu stoppen. Es braucht intellektuellen Widerstand, Einfühlung in die Befindlichkeit der Anhänger und glaubwürdige Alternativen.

Religionen und Ideologien, die ihre Versprechen nicht erfüllen, können sich nur halten, wenn sie sich wandeln. Der Übergang von einer zu erkämpfenden Zielsetzung zu einer erwarteten kann als eine der Variationen gelten, denen Ideologien sich unterziehen. Diese Transformation ins Geistige erhält sie gültig, obwohl die volle Durchsetzung ihrer Vision fehlt und sie so den Wahrheitsbeweis schuldig bleiben.

Die Ablösung einer Ideologie durch eine andere oder der innere Wandel einer Ideologie finden immer unter dem Druck sozialer oder intellektueller Entwicklungen statt. Sie lassen die ursprüngliche Ideologie als «überholt», «absurd», als «vorläufig unerreichbar» oder als «Fehlschlag» erscheinen.

Niederlagen in Kriegen oder Zusammenbrüche im wirtschaftlichen Bereich können derartige Verschiebungen der Perspektiven bewirken. Ein Beispiel liefert der kürzlich erfolgte Zusammenbruch der Sowjetunion samt ihrer Ideologie, mitbewirkt neben anderem durch die wirtschaftliche Niederlage im Wettrüsten mit den USA.

Ein anderes Beispiel ist die Zerschlagung der Ideologie des Arabischen Nationalismus durch die Niederlage im Sechstagekrieg (1967). Der militärische Schlag war ein entscheidender Faktor bei der Ablösung dieser damals im arabischen Bereich führenden Ideologie durch die des Islamismus in seinen unterschiedlichen Schattierungen. Diese Ideologie sollte sich im Verlauf der späteren Jahre präzisieren, differenzieren und in gewisser Weise verabsolutieren.

Ideologiearme Zeiten und Gegenreaktionen

Nicht alle Anhänger der alten Ideologie bekehrten sich zu der neuen. In der arabischen Welt gab es grosse Gruppen, welche der Sturz der alten Ideologie in eine ideologielose oder ideologiearme Folgezeit führte.

Häufig schlossen sich die Betreffenden den weltweit ausgebreiteten Vorstellungen an, die der globalisierten Wachstums-, Wohlstands- und Konsumgesellschaft ursprünglich amerikanischer und europäischer Prägung zugrunde lagen.

Dort Anschluss zu finden, setzte jedoch voraus, Zugang und Partizipation innerhalb der neuen Weltwirtschaft und Weltkultur zu erlangen. Der Erfolg oder Misserfolg dabei wurde stärker an Gelderwerb oder Armut gemessen, als dies in früheren Epochen fester gefügten ideologischen Engagements der Fall gewesen war. Wer aufgrund seiner Armut nicht mithalten konnte, blieb marginalisiert oder ganz ausgeschlossen. Seine «Würde» litt.

Der alternative Weg jedoch stand ihm offen, der in die neue Gegengesellschaft und Gegenelite der unterschiedlichen islamistischen Gruppen führte. Der Weg dorthin war, wie glaubwürdig nachgewiesen wurde (1), meist der einer kleinen Gruppe von Verwandten oder «Brüdern» beim Fussball oder auf der Strasse, die sich gegenseitig dazu ermunterten und antrieben, den Sprung in eine andere Welt ideologisierter islamistischer Vorstellungen zu wagen.

Die Wahl reicht dabei vom gewaltlosen und obrigkeitstreuen Salafismus saudischer Prägung bis zum auf Gewalt aufbauenden Jihadimus der Kampfgruppen.

Bekämpfung der IS-Ideologie

Der Weg, um gegen eine Ideologie vom Format des IS wirksam aufzutreten, wenn man von der fragwürdigen Methode der genozidartigen Ausrottungsversuche absehen will, führt über die intellektuelle Bekämpfung ihrer ideologischen Vorstellungen. Jede intellektuelle Bekämpfung setzt voraus, dass man das, was man bekämpfen will, nicht bloss verachtet oder als böse beiseite schiebt. Um erfolgreich gegen es vorzugehen, muss man es kennen. Kenntnis setzt Empathie voraus. Empathie, einfühlendes Verständnis, ist jedoch nicht mit Billigung gleichzusetzen.

Ein empathischer Weg der Kritik besteht – neben anderen – darin, die komischen und grotesken Seiten des IS aufzudecken und sich über sie lustig zu machen. Das hat der belgische Regisseur und Satiriker marokkanischer Herkunft, Ismail Saidi, erfolgreich getan. Er erreichte mit seiner als Schauspiel aufgezogenen Satire, die drei Freunde auf ihrem Weg zu den syrischen Jihadisten begleitet, eine erfolgreiche Demontage des gewalttätigen Islamismus. 40´000 belgische Halbwüchsige haben darüber gelacht, als das Theaterstück ihnen im Winter 2015 vorgeführt wurde.

Ähnliches geschah in Jordanien mit einer Komödie, «Die Islamisten vor der Haustür», die auf den als Groteske gesehenen Spannungen aufbaut, die sich innerhalb der Familien abspielen, wenn der IS eines ihrer Mitglieder anzuwerben versucht. Sie wurde Schülern im ganzen Land mit viel Erfolg gezeigt. Die Schüler durften die Aufführungen mit ihren Handys aufzeichnen, was wesentlich zur Verbreitung beitrug. In ähnlicher Weise hat sich Charlie Chaplin seinerzeit über Hitler lustig gemacht.

Der Nährboden des Islamismus

Um einer Gegenideologie Wirksamkeit zu verschaffen, ist notwendig, dass sie die Gründe erkennt, auf denen das Wachstum der zu bekämpfenden Ideologie beruht. Missstände, welche die zu bekämpfende Ideologie zu beseitigen verspricht, muss auch die Gegenideologie ansprechen, wenn sie Glaubwürdigkeit gewinnen soll. Die Gegenideologie muss nicht bloss eine glaubwürdige und einleuchtende Kritik an der Ideologie formulieren, die sie bekämpfen will. Sie muss auch einleuchtende Wege aufzeigen, auf denen diese Missstände besser zu meistern sind als mit den Methoden, welche die zu bekämpfende Ideologie anwendet.

Das ist nicht leicht, weil die Identifikation mit Ideologien nicht einfach auf logischen Gründen, sondern auf emotionalen – oftmals tief im Unterbewussten wurzelnden – Grundlagen beruht. Der Gläubige investiert nicht bloss seine Hoffnungen, sondern seine gesamte Existenz in seine Ideologie. Der Glaube an sie ist nicht nur vom Einzelnen und seiner individuellen Ratio und Psyche getragen, sondern kollektiv von einer Gemeinschaft oder von Gruppen Gleichgesinnter, die sich gegenseitig bestärken.

Die besten Chancen für eine Gegenidelogie, islamistische Vorstellungen zu überwinden, läge darin, zu demonstrieren, dass die Missstände und Mängel, die zum Aufblühen des Islamismus geführt haben, auf der Basis einer wirksameren Denkweise und Praxis beseitigt werden können. Massive Gewaltschläge erreichen das Gegenteil.

Restaurationen leben nur kurz

Eine simple Rückkehr zu den Zuständen, wie sie zur Zeit der scheinbaren Stabilität unter den arabischen Diktatoren bestanden, ist wahrscheinlich unmöglich. Präsident as-Sissi in Ägypten versucht eine solche Restauration. Je länger sein Versuch dauert, desto deutlicher wird: Wahrscheinlich wird er in einen Zusammenbruch führen. Dieser droht noch katastrophaler zu werden als jener von 2011, der zur Absetzung seines Vorgängers geführt und die Armee noch stärker ins Zentrum der Macht gerückt hat.

Der Zusammenbruch von fünf arabischen Staaten – Somalia schon früh, dann Irak, Libyen, Syrien, Jemen –, der dem IS bedeutende Chancen bietet, geht zurück auf lange Perioden der inneren Lähmung unter Diktatoren, meist militärischer Provenienz. Sie monopolisierten die Macht und erhielten eine Scheinstabilität mit Gewalt aufrecht, bis diese unter dem Druck der Verhältnisse zusammenbrach. Im Falle des Iraks gehörte die amerikanische Invasion zu diesen Verhältnissen. In den anderen Ländern war es die durchaus berechtigte Volkswut, die primär zum Zusammenbruch der Regime führte. 

Interferenzen von aussen wirkten stets mit. Doch die Zusammenbrüche primär auf die Einwirkungen von aussen zurückzuführen, ist wahrscheinlich falsch. Jedes Land und jede Kultur hat Aussenbeziehungen. Diese greifen vernichtend ein, wenn das Land oder seine Kultur zerfallen. Sie füllen dann das Vakuum.

Moderner Erfolg gegen islamische Identität

Die Grundschwierigkeit beim Aufbau von Gesellschaftsstrukturen in der arabischen und in grossen Teilen der muslimischen Welt, die ihren Einwohnern ein relativ zufriedenstellendes Leben bieten würden, liegt in der Problematik der bestehenden Kulturüberlagerung. Seit beinahe 200 Jahren dringen europäische und später auch amerikanische Errungenschaften und Lebensformen in zunehmendem Mass in die nahöstlichen Gesellschaften ein. Sie überlagern die dortige Kultur, die man als islamisch kennzeichnen kann.

Die überlegene militärische, wirtschaftliche, wissenschaftliche und organisatorische Effizienz der westlichen Zivilisation hat seit etwa 1850 – über die Generationen und die Epochen von osmanischer Reform, dann kolonialer Domination, schliesslich Unabhängigkeit im Rahmen einer Globalisierung mit westlichen Wurzeln – zu einer Zweiteilung der nahöstlichen Gesellschaften geführt. Sie zeigte sich während der Unruhen des Jahres 2011 in der überall auftretenden Spaltung von Säkularisten und Islamisten.

Die Grundspaltung der Gesellschaften

Die Säkularisten waren und bleiben grosso modo jene Personen und Gruppen, die Willens und – ihrer eigenen Einschätzung nach – in der Lage sind, innerhalb des durch die Globalisierung gesetzten Rahmens zu leben und zu prosperieren.

Die Islamisten sind jene, denen dieser Rahmen nicht zusagt und die ihre Hoffnung auf einen «islamischen Staat» setzen, den sie als einen Scharia-Staat definieren. Die Ablehnung der westlichen Lebensweise bedeutet sehr oft bei genauerem Hinsehen, dass man nicht in der Lage ist, dazuzugehören und mitzumachen. Die Gründe solchen Unvermögens oder Unwillens sind vielfältig. Sie können im persönlichen Bereich liegen oder im wirtschaftlichen oder kulturellen – oder nicht selten auch in allen Dreien.

Globalisierung als Feind

Die Ablehnung der Globalisierung kann daher aus sehr unterschiedlichen Gründen erfolgen. Der naheliegendste ist Armut und Arbeitslosigkeit. Armut verhindert Ausbildung auf einem Niveau, das ein Mitwirken innerhalb einer globalisierten Gesellschaft erlaubt. Arbeitslosigkeit verhindert jede Partizipation. Beides kann bewirken, dass eine Person oder Gruppe sich den Islamisten oder den gewalttätigen Islamisten zuwendet.

Doch die kulturelle Überlagerung hat auch subtilere Folgen. Zu ihnen gehört der «Identitätsverlust» oder in dessen Vorfeld die erfolglose Suche nach «Identität». Jeder Jugendliche und junge Erwachsene muss seine Identität finden. Doch dies wird schwierig, wenn er vor Dilemmata gestellt wird. Ein solches ist der Gegensatz zwischen der eigenen angestammten Kultur und der von aussen importierten der Fremden. Wobei die Fremdkultur die Erfolg versprechende ist, die eigene jene der geringeren Erfolgsaussichten, ja in vielen Fällen des Versagens schlechthin.

Verarmung in jeder Hinsicht

Erschwerend wirkt dabei, dass der Erwerb oder Teilerwerb der fremden Kultur materielle und intellektuelle Mittel voraussetzt, die der grossen Masse der Bevölkerung fehlen. In der heutigen Welt ist die Beherrschung von Methoden und Kenntnissen, die aus der westlichen Kultur stammen, Voraussetzung für Erfolg. Erfolg wird als Selbstbewährung empfunden, Erfolglosigkeit als Selbstverlust oder Selbstgefährdung. Der Ausweg zur Gegengesellschaft bietet sich an. Dies ist jene, die verheisst: Alles wird gut und richtig werden mit dem islamistisch verstandenen Sharia-Staat. Oft ist es ein Bekehrungserlebnis von Einzelnen oder von ganzen Gruppen, das den Weg dahin öffnet.

1) Ausführlich bei: Scott Atran, Talking to the Emeny, Penguin Books 2010

Der dritte Teil dieses Beitrags folgt am 26. März.

 

 

Ähnliche Artikel

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Hervorragende Artikel Herr Hottinger. Herzliche Gratulation.
Erlauben Sie mir einen Hinweis: Ich denke es wäre wichtig, die Rolle des Westens in Nahost breiter darzulegen. Was wäre wenn -
der Pan - Arabismus nicht weggeputscht worden wäre - vom Westen notabene - nur weil er sozialistisch war und die westliche Plutokratie darin ihren möglichen Untergang sah? Wichtig auch eine Darlegung der korrupten Oligarchie und Plutokratie der arabischen und islamischen Welt.

Mit Worten überzeugt man keinen Terroristen, den man selbst geschaffen, ausgebildet und bewaffnet hat. Auch dann nicht, wenn er an der "falschen Stelle ", nämlich in den Ländern der Urheber zuschlägt. An der "richtigen Stelle" wird er wahlweise Aktivist, Freiheitskämpfer oder moderater Rebell genannt. Ein Schritt in die richtige Richtung wäre es, wenn die "Politiker mit den westlichen Werten" ihre verwerfliche Außenpolitik im Dienst von halbseidenen Wirtschaftsinteressen beenden würden. Mit vorgestanzter Empörung(Heuchlerei) erreicht man das Gegenteil.

"Die besten Chancen für eine Gegenidelogie, islamistische Vorstellungen zu überwinden, läge darin, zu demonstrieren, dass die Missstände und Mängel, die zum Aufblühen des Islamismus geführt haben, auf der Basis einer wirksameren Denkweise und Praxis beseitigt werden können." - Wenn Sie jetzt noch sagen könnten, WER - welche Gruppierungen oder (Einzel)Personen - das auf welchem Wege und mit welchen Methoden zu Stande bringen können soll, muss, darf, will - ja dann ... aber soweit ist es noch nicht, oder?

Der IS ist attraktiv für Leute, die für sich mehr verlangen als sie der Gesellschaft bieten können. Tyische Loser mit grossem Ego.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren