Auf den Punkt gebracht

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Auf den Punkt gebracht

Von Jürg Schoch, 17.09.2010

Eine neue Geschichte der Schweiz des Heidelberger Historikers Thomas Maissen.

Der Verlag Hier + Jetzt preist sein neuestes Produkt mit der Formel „Schweizer Geschichte auf den Punkt gebracht“ an. Die Formel übertreibt nicht, Thomas Maissen bringt die Geschichte tatsächlich „auf den Punkt“. Das hat durchaus seine Vorteile. Allerdings auch eine Kehrseite. Ein Punkt bietet naturgemäss wenig Platz, und wenn sich darauf ungefähr 800 Jahre Geschichte drängen, so wird es ziemlich eng, selbst wenn der Punkt bzw. der Band rund 330 Seiten umfasst.

Keine Heldengeschichte

Die erste Hälfte des Buchs ist der Zeit von den Anfängen im Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhundert gewidmet. Die Reise durch diese frühen Epochen gleicht der Fahrt auf einer Schnellstrasse. In dichter Folge schildert Maissen die spannungsreichen Beziehungen der Alten mit den Zugewandten Orten, die zahlreichen Bündnisse, die sie untereinander schlossen, auflösten, umschichteten, die unzähligen Scharmützel, Schlachten, Plünderungen, die Zerreisproben im Alten Zürichkrieg, Schwabenkrieg, den Burgunder oder Religionskriegen.

Der Leser fragt sich immer wieder: Wie stellten es die streitlustigen Kerle nur an, dass, wo so viel Konfliktstoff war, das lose Geflecht ihrer Bündnisse nicht riss und der hürdenreiche Prozess der Staatenbildung versandete. Maissen sieht den Grund darin, dass die Bruchlinien erstens immer wieder anders verliefen, und zweitens die Akteure von damals ihre Eidgenossenschaft stets als das kleinere Übel empfanden als eine Einbindung in ein benachbartes grösseres Gebilde, das ihre Autonomie, insbesondere jene ihrer Gemeinden, nur geschmälert hätte.

Als Heldengeschichte lässt der Autor das Walten der Alten Eidgenossen jedenfalls nicht aufleben, davon ist er weit entfernt. Den von späteren Sagen schön gemalten Bildern vom Kampf zwischen Gut und Böse - freiheitsdurstigen Kommunen und tyrannischen Adelsvögten – stellt er ganz nüchtern die Interessenlagen gegenüber, und wie umstritten die Neutralität anfänglich war, gibt er mit einem Zitat über die „laulichen“ Zürcher wieder, die sich im Dreissigjährigen Krieg nicht für die Protestanten im Reiche und gegen den Kaiser einsetzen wollten: „Der mittler oder neutral Weg ist nicht gut noch christlich, sondern der aller elendste.“

So interessant dieser erste Teil ist – in gewissem Sinne erweist sich seine Lektüre als Herausforderung. Denn zur dichten Ereignisabfolge gesellen sich zahlreiche Begriffe, Titel, Phänomene, deren politische, juristische oder kulturelle Bedeutung den Laien und Amateuren – an sie richtet sich das Buch – vielleicht nicht durchweg präsent sind. Das macht es nicht immer leicht, sich in die weit zurückliegenden Lebenswelten wirklich hinein zu denken.

Abwehrhaltungen

Solche Vorbehalte gelten nicht für die Darstellung des 19. und 20. Jahrhunderts, dürften deren politische Mechanismen den meisten Lesern doch besser vertraut sein. Auch in diesem Teil liefert Maissen eine überaus reiche Fülle an Fakten. Dazu umfangreiches Zahlenmaterial zu Wirtschaft und Demographie, das er leider nicht in Form von Tabellen oder Grafiken darbietet, sondern im knochentrockenen Geschäftsberichtsstil.

Wie in älterer, so prägten auch in jüngerer Zeit Abwehrhaltungen das Land, das erst 1803 vollständig unabhängig vom Reich wurde. Dem Kampf gegen den ultramontanen Katholizismus folgte jener gegen die Ideen der sozialistischen Internationale, später die Abwehr der nationalsozialistischen Anmassungen, dann der Kalte Krieg, während in jüngster Zeit nationalkonservative Kreise (SVP, Auns) mit viel Getöse Front gegen die (immerhin demokratisch verfasste) Europäische Union machen, in der sie die neue grosse Bedrohung zu erkennen glauben. Die nüchterne Prognose des Autors in diesem Punkt: „Die Rezepte der Vergangenheit werden kaum ausreichen, um einen angemessenen Platz in der Weltordnung von morgen zu finden.“

Besonders interessant sind aber seine Ausführungen zur Rolle der Schweiz während des Zweiten Weltkrieges. Maissen hatte die in den 1990er Jahren heftig geführte Debatte in der NZZ publizistisch begleitet – und ähnlich wie damals verfährt er jetzt auch in seinem Geschichtsbuch. Er greift die schwierigen Fragen auf (Reduit-Strategie, Flüchtlingspolitik, Raubgold, nachrichtenlose Vermögen, Handel mit den Nazis usw.).

Seine Wertungen sind differenziert, abwägend, stellenweise auch ambivalent. So vermerkt er, der Ankauf von gestohlenem Nazi-Gold sei „an sich legal und sogar geboten“ gewesen, stuft ein paar Zeilen weiter die Politik der Nationalbank aber als „Hehlerei“ ein. Oder die Frage, ob Neutralität in Kriegen zwischen Massenmördern und demokratischen Staaten eine legitime Haltung war, lässt er als eine rhetorische stehen.

Stellenweise ärgert man sich über die vornehme Zurückhaltung. Aber der Ärger weicht stets wieder der Einsicht, dass seine um Objektivität bemühte Darlegung von Fakten mehr bringt als Urteile. Wenn der Autor etwa beschreibt, wie unterschiedlich die Judenretter Raoul Wallenberg und Carl Lutz in ihren Heimatländern Schweden bzw. Schweiz beurteilt wurden, oder wenn er die Nachsicht der Schweizer Bürgerlichen gegenüber Figuren wie Eugen Bircher oder Hans Frölicher (CH-Botschafter in Berlin) der Schärfe gegenüberstellt, in der die gleichen Kreise „der Linken keinen Blick nach Moskau verziehen“, so ist das deutlich genug.

Die Macht des Geldes

Alles in allem ist diese neue „Geschichte der Schweiz“ ein eindrückliches Panorama, das die Entwicklung des widerspenstigen und längst nicht immer „einig Volk von Brüdern“ zu einer modernen Gesellschaft in einem funktionierenden Staat nachzeichnet. Ein Panorama, das nicht verklärt, nicht schön redet, sondern deutlich macht, dass ein Staat nie fertig gebaut ist. Auch die Eidgenossenschaft mit ihrer viel gerühmten Demokratie nicht. So stellt der Autor, in der Gegenwart angelangt, zum Treiben auf dem Finanzplatz fest: „Die Macht des Geldes beherrschte die demokratisch gewählten Behörden, nicht umgekehrt.“

Thomas Maissen: Geschichte der Schweiz, 336 Seiten, 38 Franken, Verlag Hier + Jetzt

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In meiner Bibliothek befinden sich mindestens fünf Schweizer Geschichten, angefangen bei der von Johannes von Müller bis zu relativ neuen Werken. Ich habe bei der Lektüre den Vergleich der jeweiligen Werke stets interessant gefunden. Keiner der Autoren hat die Schweiz sozusagen erfunden. Alle haben meines Erachtens versucht, differenziert zu berichten und zu beurteilen. Ich hoffe, dies sei auch beim neuesten Werk von Thomas Maissen der Fall.
Ich werde mir sein Werk beschaffen und bin gespannt auf das, was er berichtet und noch mehr auf das, was er auslässt.

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