Annäherung an Fuji-san

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Annäherung an Fuji-san

Von Georg Gerster, 30.12.2014

Annäherung an Fuji-san Mount Fuji, Fuji-san, kam erst 2013 auf die Welterbeliste. Der heilige Berg ist Mittelpunkt einer ganzen Sammlung von Paraphernalien. Zu dem 25er Welterbe-Pack Fuji-san gehören Schreine auf dem Kraterrand, auf den Hängen und am Fuss, alte Pilgerherbergen und vulkanische Naturerscheinungen, die an der Erhabenheit des Bergs teilhaben. Das Welterbekomitee würdigte ihn als Kultur-, nicht als Naturgut, als heiligen Ort und Quelle künstlerischer Inspiration. Mit dem Fuji-san haben sich Dichter, Maler und Fotografen in Zen-Konzentration zum Teil lebenslang beschäftigt. Blätter aus Hokusais ruhmreicher Holzschnittfolge (1834 –1839) befruchteten auch die europäische Kunst und wirken bis heute nach. Zurzeit arbeitet der japanisch-deutsche Fotokünstler Kanjo Také an einer monumentalen Antwort auf Hokusai: „Nowhere oder 36 Ansichten des Fujiyama“ – 36 zehnteilige Bilder kosmopolitischen Inhalts, auf denen der Fuji-san manchmal fast nur als Vexierbild, aber stets als Anker und Garant des Ewigen wiederkehrt. (Die ersten 12 Ansichten liegen in einem von der Loubna Fine Art Society unterstützten Privatdruck vor.) Jede künstlerische Anstrengung, monumental oder bescheiden, bleibt auch im besten Fall bloss Annäherung. Die erstaunlich späte Promotion zum Welterbe – No. 17 in der Reihenfolge der japanischen Beiträge – spiegelt vielleicht auch Berührungsangst: die Scheu, der Welt auszuliefern, was zum Eigensten und Innersten Japans zählt. Heilig oder nicht, für Geologen und Geographen ist der Fuji-san des Numinosen entkleidet ganz nüchtern ein 3776 m hoher Schichtvulkan, ein auffallend symmetrischer Vulkankegel, der sich rundum frei aus dem Umland erhebt. Der Vulkan ist aktiv, aber er schläft einen Jahrhundertschlaf. Zuletzt wachte er am 16. Dezember 1707 für zwei Wochen auf. Berichte von jüngeren Eruptionen sind umstritten. In unserem Jahrhundert rumorte er im Halbschlaf mehrmals, doch die Vulkanologen rechnen nicht mit einem (bei widrigem Wind für Tokio katastrophalen) Ausbruch in naher Zukunft. Vor der Industrialisierung mit ihrem Verlust an Klarsicht konnte er von jedem Punkt des heutigen Tokioter Stadtgebiets aus gesehen werden, in einer Entfernung von bis zu hundert Kilometern. Manche Ortsbezeichnungen heben mit dem Wortelement Fujimi (Fuji-Blick) die heute dort möglicherweise nicht mehr existierende Fernsicht als Auszeichnung hervor. Im visuellen Einzugsgebiet des Fuji-san gab es künstlich angelegte Schau-Hügel, die einst den Anblick des heiligen Bergs gewährleisteten. Ihnen haben Industrialisierung und Stadtentwicklung die Bedeutung genommen. Japan hat zwar viel zur Verbesserung der Luftqualität und damit auch der Sicht getan, aber jetzt versperren die Hochhäuser der Stadt den Blick. Nur noch die salarymen geniessen heute in den oberen Geschossen ihrer Bürogebäude den ersehnten Fuji-Blick. Angeblich bestieg ein Mönch im Jahr 663 zum ersten Mal den heiligen Berg – zweifellos eine überaus mühevolle Pilgerreise. Um jene Zeit wurden auch Hunderte Hügel in Fujiform (Fujizuka) aufgeschüttet. Auf ihnen vollzogen Pilger die Besteigung des heiligen Bergs symbolisch und ohne Aufwand. In den Sommermonaten – er trägt auch dann noch eine weisse Kapuze aus Altschnee – verwandelt sich heute der Fuji-san in einen Krabbelberg sondergleichen. Busse fahren zwar weit empor, aber die letzten 1500 Höhenmeter müssen zu Fuss bewältigt werden. Bis zu 3000 Kraxler schaffen es sommers jeden Tag auf den Gipfel. Viele Ausflügler und Pilger unterschätzen die Anstrengung. Von den 320 000 Bergsteigern im Jahr 2012 starben 25 als Opfer von Unterkühlung, Herzschlag oder Sturz. Der Berg, der ein Abbild der Reinheit projiziert, erstickt im Sommer im Müll der Wegwerfgesellschaft – und die Würdigung des Fuji-san als Welterbestätte wird gemäss optimistisch-pessimistischen Gutachtern die Zahl der Besucher und die Belastung durch sie verdoppeln. Die zuständigen Behörden denken über die Beschränkung der Zulassung nach. Die Annäherung an den Fuji-san ist für Flugzeuge gefährlich. Seine Fall- und Aufwinde sind gefürchtet. Das hier gezeigte Flugbild machte ich im Januar 1979 an Bord einer einmotorigen Cessna 182; die Neujahrswoche, in der die luftverpestende Industrie abschaltet, war damals eines der wenigen Zeitfenster im Lauf des Jahres, um Fuji-san garantiert in seiner Pracht bestaunen zu können. Wir bezahlten für das Privileg mit lebensbedrohendem Gerüttel und Geschüttel, das Kleinflugzeug drohte auseinaderzubrechen. Eine viel grössere Maschine, eine Boeing 707, war am 5. März 1966 tatsächlich zerbrochen. Auf einem Erdumrundungsflug der British Overseas Airways Corporation (BOAC) wollte der Kapitän seinen Passagieren nach dem Abflug in Tokio den heiligen Berg zeigen. Clear Air Turbulence zerriss die Maschine auf der Abwindseite des Fuji-san, alle 124 Menschen an Bord starben. Ein Jagdbomber der US-Marine, der umittelbar nach dem Absturz zu der Suche nach dem Wrack abhob, geriet in ähnliche Turbulenzen und entging nur knapp dem Schicksal der BOAC-Maschine. – Jahr des Flugbilds: 1979. (Copyright Georg Gerster/Keystone)
Mount Fuji, Fuji-san, kam erst 2013 auf die Welterbeliste. Der heilige Berg ist Mittelpunkt einer ganzen Sammlung von Paraphernalien.

Zu dem 25er Welterbe-Pack Fuji-san gehören Schreine auf dem Kraterrand, auf den Hängen und am Fuss, alte Pilgerherbergen und vulkanische Naturerscheinungen, die an der Erhabenheit des Bergs teilhaben. Das Welterbekomitee würdigte ihn als Kultur-, nicht als Naturgut, als heiligen Ort und Quelle künstlerischer Inspiration. Mit dem Fuji-san haben sich Dichter, Maler und Fotografen in Zen-Konzentration zum Teil lebenslang beschäftigt. Blätter aus Hokusais ruhmreicher Holzschnittfolge (1834 –1839) befruchteten auch die europäische Kunst und wirken bis heute nach. Zurzeit arbeitet der japanisch-deutsche Fotokünstler Kanjo Také an einer monumentalen Antwort auf Hokusai: „Nowhere oder 36 Ansichten des Fujiyama“ – 36 zehnteilige Bilder kosmopolitischen Inhalts, auf denen der Fuji-san manchmal fast nur als Vexierbild, aber stets als Anker und Garant des Ewigen wiederkehrt. (Die ersten 12 Ansichten liegen in einem von der Loubna Fine Art Society unterstützten Privatdruck vor.)  Jede künstlerische Anstrengung, monumental oder bescheiden, bleibt auch im besten Fall bloss Annäherung. Die erstaunlich späte Promotion zum Welterbe – No. 17   in der Reihenfolge der japanischen Beiträge – spiegelt vielleicht auch Berührungsangst: die Scheu, der Welt auszuliefern, was zum Eigensten und Innersten Japans zählt.

Heilig oder nicht, für Geologen und Geographen ist der Fuji-san des Numinosen entkleidet ganz nüchtern ein 3776 m hoher Schichtvulkan, ein auffallend symmetrischer Vulkankegel, der sich rundum frei aus dem Umland erhebt. Der Vulkan ist aktiv, aber er schläft einen Jahrhundertschlaf. Zuletzt wachte er am 16. Dezember 1707 für zwei Wochen auf. Berichte von jüngeren Eruptionen sind umstritten. In unserem Jahrhundert rumorte er im Halbschlaf mehrmals, doch die Vulkanologen rechnen nicht mit einem (bei widrigem Wind für Tokio katastrophalen) Ausbruch in naher Zukunft. Vor der Industrialisierung mit ihrem Verlust an Klarsicht konnte er von jedem Punkt des heutigen Tokioter Stadtgebiets aus gesehen werden, in einer Entfernung von bis zu hundert Kilometern. Manche Ortsbezeichnungen heben mit dem Wortelement Fujimi (Fuji-Blick) die heute dort möglicherweise nicht mehr existierende Fernsicht als Auszeichnung hervor. Im visuellen Einzugsgebiet des Fuji-san gab es künstlich angelegte Schau-Hügel, die einst den Anblick des heiligen Bergs gewährleisteten. Ihnen haben Industrialisierung und Stadtentwicklung die Bedeutung genommen. Japan hat zwar viel zur Verbesserung der Luftqualität und damit auch der Sicht getan, aber jetzt versperren die Hochhäuser der Stadt den Blick. Nur noch die salarymen geniessen heute in den oberen Geschossen ihrer Bürogebäude den ersehnten Fuji-Blick.

Angeblich bestieg ein Mönch im Jahr 663 zum ersten Mal den heiligen Berg – zweifellos eine überaus mühevolle Pilgerreise. Um jene Zeit wurden auch Hunderte Hügel in Fujiform (Fujizuka) aufgeschüttet. Auf ihnen vollzogen Pilger die Besteigung des heiligen Bergs symbolisch und ohne Aufwand. In den Sommermonaten – er trägt auch dann noch eine weisse Kapuze aus Altschnee – verwandelt sich heute der Fuji-san in einen Krabbelberg sondergleichen. Busse fahren zwar weit empor, aber die letzten 1500 Höhenmeter müssen zu Fuss bewältigt werden. Bis zu 3000 Kraxler schaffen es sommers jeden Tag auf den Gipfel. Viele Ausflügler und Pilger unterschätzen die Anstrengung. Von den 320 000 Bergsteigern im Jahr 2012 starben 25 als Opfer von Unterkühlung, Herzschlag oder Sturz. Der Berg, der ein Abbild der Reinheit projiziert, erstickt im Sommer im Müll der Wegwerfgesellschaft – und die Würdigung des Fuji-san als Welterbestätte wird gemäss optimistisch-pessimistischen Gutachtern die Zahl der Besucher und die Belastung durch sie verdoppeln. Die zuständigen Behörden denken über die Beschränkung der Zulassung nach.

Die Annäherung an den Fuji-san ist für Flugzeuge gefährlich. Seine Fall- und Aufwinde sind gefürchtet. Das hier gezeigte Flugbild machte ich im Januar 1979 an Bord einer einmotorigen Cessna 182; die Neujahrswoche, in der die luftverpestende Industrie abschaltet, war damals eines der wenigen Zeitfenster im Lauf des Jahres, um Fuji-san garantiert in seiner Pracht bestaunen zu können. Wir bezahlten für das Privileg mit lebensbedrohendem Gerüttel und Geschüttel, das Kleinflugzeug drohte auseinaderzubrechen. Eine viel grössere Maschine, eine Boeing 707, war am 5. März 1966 tatsächlich zerbrochen. Auf einem Erdumrundungsflug der British Overseas Airways Corporation (BOAC) wollte der Kapitän seinen Passagieren nach dem Abflug in Tokio den heiligen Berg zeigen. Clear Air Turbulence zerriss die Maschine auf der Abwindseite des Fuji-san, alle 124 Menschen an Bord starben. Ein Jagdbomber der US-Marine, der umittelbar nach dem Absturz zu der Suche nach dem Wrack abhob, geriet in ähnliche Turbulenzen und entging nur knapp dem Schicksal der BOAC-Maschine. – Jahr des Flugbilds: 1979. (Copyright Georg Gerster/Keystone)

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