6 Fragen an Köppel & Co.

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6 Fragen an Köppel & Co.

Von René Zeyer, 06.01.2012

Die Anwürfe sind happig. «Insider-Geschäfte» von einem «Gauner», der «per Anruf» 400 000 Franken in Dollar gewechselt habe. Philipp Hildebrand widerspricht. Wer lügt?

Zunächst eine Klarstellung. Dass ein Nationalbankpräsident oder ein Familienmitglied von seinem Konto Devisengeschäfte tätigt, ist instinktlos, anrüchig, bescheuert. Und gehört verboten. Da es das aber nicht ist, wird es ziemlich eng für die «Weltwoche». Wir wollen nicht auf deren Niveau herabsinken und vom Besitzer Köppel fordern, dass er den Verleger Köppel anweist, den ausser Kontrolle geratenen Chefredaktor Köppel zu entlassen. Das sollen die drei Köppels unter sich ausmachen. Aber 6 Fragen haben wir schon.

1. Frage

Nachdem Hildebrand während eines souveränen und überzeugenden Auftritts ganz klar sein Wort gegeben hat und zudem sagte, dass es von Fakten und Untersuchungsberichten gestützt wird, dass seine Frau und nicht er den Auftrag erteilt habe, am 15. August 2011 400 000 Franken in Dollar zu wechseln: Wo sind die Beweise für die Anschuldigung der WeWo, «der Auftrag kam von Philipp Hildebrand persönlich»? Ihr stellvertretender Chefredaktor Philipp Gut behauptet: «Wir haben mündliche und schriftliche Bestätigungen eines direkt involvierten Mitarbeiters der betreffenden Bank, dass Hildebrand selber angerufen hat.» Kann man die, auch anonymisiert, mal sehen?

2. Frage

Die «Weltwoche» stützt ihre Behauptungen auf die Aussagen eines «Gewährsmanns», eines «Sarasin-Bankers», die ihr schriftlich vorlägen. Der habe zudem eine «Strafanzeige gegen Insider-Dealer Hildebrand» eingereicht. Warum weiss die Zürcher Staatsanwaltschaft von einer solchen Anzeige nichts? Wurde sie woanders eingereicht, und wenn ja, wo?

3. Frage

Die Bank-Sarasin bestätigt, dass ein IT-Mitarbeiter wahrscheinlich per Screenshot private Kontoauszüge von Herrn Hildebrand entwendet und einem Anwalt zugespielt habe. Handelt es sich dabei um den «kleinen Angestellten», den die WeWo als ihre Quelle angibt, den sie aber auch wahlweise als «Hildebrands Kundenberater», «von zuverlässiger Seite» oder im Plural als mehrere «Informanten» oder auch als «Deep Throat II» bezeichnet?

4. Frage

Die «Weltwoche» behauptet, ihr «Informant aus dem Hause Sarasin» liess in «letzter Minute ein Interview platzen», er wolle «sich nach der Eröffnung eines Strafverfahrens der Zürcher Justizbehörden ... nicht weiter äussern». Wenn es sich dabei um den IT-Mitarbeiter handelt, der sich Anfang Jahr selbst anzeigte, ist diese Behauptung unsinnig. Wenn es sich um eine andere Person handelt, um welches Strafverfahren soll es da gehen?

5. Frage

Dank der «Weltwoche» ist nun international bekannt, dass das von ihr unermüdlich verteidigte Bankgeheimnis nicht einmal die privaten Kundendaten des Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank beschützen kann. Ganz abgesehen davon, dass sich das Blatt durch einen kriminellen Akt gewonnener Informationen bedient, war es Absicht oder reine Dummheit, damit einen weiteren Sargnagel in das Bankgeheimnis zu schlagen?

6. Frage

Aus welchen Motiven soll einer (oder sollen mehrere) Mitarbeiter einer Bank Kundendaten entwenden, via Anwalt alt Bundesrat Blocher und auf unbekannten Wegen der «Weltwoche» zugespielt haben? Er oder sie riskierten damit die sofortige Entlassung, das Karriereende und Strafverfolgung. Welche Formen von Wiedergutmachung, Honorierung, welcher Finderlohn wurde da in Aussicht gestellt?

Bonus-Frage

Die «Weltwoche» nennt ihren (oder ihre) Informanten «Deep Throat II». Sie will damit an die Informationsquelle der berühmten Watergate-Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein erinnern, deren unermüdliche Recherchen letztlich zum schändlichen Rücktritt von Präsident Nixon führten. Falls es sich bei «Deep Throat II» nicht um das Fantasieprodukt überhitzter Gehirne handelt, dürften wir erfahren, wer vom Duo infernale Köppel/Engeler Woodward und wer Bernstein ist? Und wünscht man sich bei einer Verfilmung auch wieder Robert Redford und Dustin Hoffman?

Es ist kaum vorstellbar, dass Hildebrand den Auftrag selber erteilt hat. Jemand mit einem solchen Job und einem solchen Einkommen und Vermögen geht doch nicht dermassen plump und dümmlich vor. Oder war doch die Gier grösser?

Lassen wir einmal die persönliche Komponente (Blocher versus Hildebrand), die parteipolitische Komponente (SVP gegen Rest der Welt) und den Medienhahnenkampf (NZZ versus Weltwoche) auf der Seite.

Jemand, der kraft seines Amtes (Präsident der Notenbank) sowohl Währungs- wie auch Aktienkurse massgeblich beeinflussen kann und auch beeinflusst, hat im Vorfeld von wichtigen Entscheidungen/Verlautbarungen der Nationalbank auf eigene Rechnung Devisen- und Aktiengeschäfte getätigt. Das sind –unabhängig von bankeigenen Reglementen- klassische Insidergeschäfte, die strafrechtlich verboten sind und geahndet werden müssen.

Da kann die Bundespräsidentin den Nationalbank-präsidenten noch so reinwaschen: Es bleibt nur der sofortige Rücktritt und eine Strafuntersuchung gegen ihn. Sehr bedauerlich, weil er bisher einen guten Job gemacht hat, aber letzten Endes unvermeidlich.

Den Fragen, die erst gegen Ende polemisch werden, ist wenig hinzuzufügen. Und auch das Polemische kann ich Ihnen nachsehen. Ich kann mir als Blogger vorstellen, dass man als Journalist angesichts der höchst zweifelhaften Berufsauffassung einiger Kollegen, denen frühere Beachtung bis Anerkennung ganz offensichtlich die Sinne für die anhaltend notwendige Sorgfalt benebelt haben dürften, eine ziemliche Wut verspüren kann.

Vielleicht wird ja auf diesem Weg offensichtlich(er), wem die Weltwoche wirklich gehört - und mit welchem Tempo in welche Richtung deswegen zu recherchieren ist - mit vorsorglich ausgebauten, nur lästigen Bremsen einer normal üblichen Absicherung der Quellen.

thinkabout.ch

Die Fragen von René Zeyer sind berechtigt und stehen einem Journalismus gut an, der noch wichtige Fragen zu stellen hat. Ich frage mich auch, was die Intention der Weltwoche ist, mit derart grobem Geschütz gegen Hildebrand vorzufahren. Kann es im Interesse des Landes sein, die oberste Währungshüterin, die Nationalbank, und ihren Chef so zu schwächen, dass sie/er währungspolitisch weniger Spielraum hat? Der Landesvater Blocher, seine Partei und das Leibblatt werden ja nicht müde zu behaupten, dass sie immer im Interesse des Landes handeln würden. Geht es auf Teufel komm raus um eine Destabilisierung der politischen Institutionen und ihre nicht genehmen Spitzenvertreter? Setzt die Weltwoche, im Verbund mit der SVP, auf eine dauerhafte Skandalisierung von Ereignissen, die sie politisch zu ihren Gunsten ausschlachten möchte? Wem nützt es, wenn Hildebrand weg ist und wer soll für ihn kommen? Und wieso ist der Übervater und die Fraktionsspitze derart unzufrieden mit Hildebrand und seiner Währungspolitik? Hat Hildebrand etwa zu viel Einfluss, auch international, über die Regulierung der Banken, auch wenn bis dato noch nicht allzu viel reguliert worden ist? Geht es Blocher vornehmlich um Eigeninteressen, auch unter dem Blickwinkel eines unheilbar Gekränkten und dessen Rachefeldzug? Es wundert einen schon, wie die Weltwoche das Bankkundengeheimnis einst bis zum Gehtnichtmehr verteidigt hat, und nun die mehr als fragwürdige Handlung eines Bankangestellten schönredet, sie hochstilisiert, als sei sie nur im Interesse des Landes erfolgt. Es gibt wohl in diesem miesen Spiel einige, die ihr eigenes Süppchen kochen.

Danke, Herr Zeyer, für die scharfsinnig formulierten Fragen an Herrn Köppel. Ich hoffe sher, dass die WW mindestens den Anstand hat, Ihre Fragen unmissverständlich und offen zu beantworten.

Man hatte mir vor wenigen Jahren ein Abo der Weltwoche geschenkt. Nach der Lektüre von drei oder vier Ausgaben habe ich das Abo ganz schnell wieder gekündigt. Diese Art Journalismus ist nur eines: Widerlich!

Ich bin als Leser von der Weltwoche enttäuscht und erwarte eine "schonungslose Aufarbeitung" dieser Geschichte inklusive Schuldeingeständnis, wenn nicht alle Fakten vorliegen.

Es ist jedes mal eine grosse Freude die Artikel von René Zeyer hier zu lesen, denn sie erinnern mich an Zeiten, wo Zeitungen noch von kritischen Journalisten geschrieben wurden und damals hatte ich sogar noch jede Woche die "Weltwoche" im Briefkasten, ohne mich dafür schämen zu müssen. Wenn ich mir dazu die heutige Zeitungslandschaft betrachte, frage ich mich, ob je einer dieser Journalisten etwas anderes gemacht hat, als vorgefertigte Agenturmeldungen zu kopieren, denn heute liest man sogar in der NZZ die gleichen Textbausteine, die auch der "Blick", der Tagi oder die SF Tagesschau auf ihren Websites verwenden. Ich hatte noch das Glück, Herr Prof. Dr. Hans Stark an der Uni Bern über Jürgen Habermas referieren zu hören und der würde sich wohl mit Ekel im Grab drehen, wenn er wüsste, wie seine Zunft heute die öffentliche Meinung zu manipulieren versucht!

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