25 x Verbier

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25 x Verbier

Von Annette Freitag, 24.07.2018

Während des Sommers wandert die Klassik in die Berge. Reihum finden hochkarätige Festivals statt. Oft in malerischer Umgebung.

Sergei Babayan verzaubert sein Publikum mit Rameau und Bach. Copyright Lucien Grandjean
Sergei Babayan verzaubert sein Publikum mit Rameau und Bach. Copyright Lucien Grandjean

Verbier ist anders: die Berge ringsum höher, die Felsen schroffer, die Atmosphäre sportiver. Verwegene Mountainbiker, mit enormen, fast bolidenmässigen Rädern und trendigem Outfit brettern durch die Gegend, dass einem Hören und Sehen vergehen könnte.

Dies allerdings wäre schade. Denn neben Sport hat Verbier ein Musikfestival zu bieten, das nicht nur im Alpenraum zu den hochkarätigsten zählt. Stars aus aller Welt gehören ebenso dazu wie der junge Musiknachwuchs, der den grossen Vorbildern hier nacheifern und in Meisterkursen ganz genau auf die Finger schauen kann. Und dies nun schon zum 25. Mal. Verbier feiert ein Jubiläum. Als das Verbier-Festival 1994 gegründet wurde, waren die meisten Jung-Musiker, die jetzt Masterclass und Academy stürmen, noch gar nicht auf der Welt.

Öffentliche Masterclass

So wie Christoph Croisé. Mit seinem Cello auf dem Rücken kommt er morgens um 9.30 Uhr in den nüchternen Saal des Gebäudes der Téléverbier-Seilbahn. Er ist 24 Jahre alt, Schweizer, und er hat bereits Konzerterfahrung von Auftritten unter Mario Venzago in Bern bis zur Carnegie Hall in New York. 9.30 Uhr. Das ist nicht so ganz seine Zeit … aber was sein muss, muss sein. Rund zwanzig Zuschauer sind auch bereits da, denn die Masterclass ist öffentlich. Meister in der Klasse ist Nicolas Altstaedt, nur zwölf Jahre älter als sein Meisterschüler, und mittlerweile international einer der interessantesten, besten Cellisten.

Joseph Haydns Concerto No.1 in C-Dur ist das Übungs-Objekt. Christoph Croisé spielt – und es klingt wunderbar. Nicolas Altstaedt hört allerdings besser zu als wir im Publikum. Das Stück hat seine Tücken. Altstaedt geht in seinen Erklärungen zurück in die Zeit, als das Stück entstand und erzählt, wie Musiker damals darauf reagiert haben. Er zitiert Leopold Mozart und Ludwig van Beethoven, die ganz unterschiedliche Meinungen zur Interpretation des Stückes hatten. Croisé spielt weiter. Altstaedt hört zu, unterbricht, singt vor, greift zum Bogen und demonstriert, was er meint.

Theorie und Praxis in einem. Am Schluss strahlen beide: der Schüler und sein Meister. Spannend und lehrreich ist es freilich auch fürs Publikum.

Solche Meisterklassen finden reihum in Verbier statt, mit unterschiedlichsten Instrumenten und unter der Leitung renommiertester Musiker.

Valerie Gergiev - neuer musikalischer Leiter

Valery Gergiev: der neue Musikchef bringt russischen Schwung. Copyright Alexander Shapunov
Valery Gergiev: der neue Musikchef bringt russischen Schwung. Copyright Alexander Shapunov

Auch das festivaleigene Orchester setzt sich aus jungen Musikern der Academy zusammen. Neuer Leiter ist Valery Gergiev, einer der ganz grossen Dirigenten unserer Zeit. In Russland ist er musikalischer Leiter des Mariinsky-Theaters in Sankt Petersburg, aber darüber hinaus ist er überall ein gefragter und höchst erfolgreicher Dirigent. Seine beiden Vorgänger in Verbier, der Amerikaner James Levine und der Schweizer Charles Dutoit sind durch «me too»-Anschuldigungen in ein unrühmliches Licht geraten, wobei Festival-Leiter Martin Engström betont, dass in Verbier nichts vorgefallen sei. Nun ist es jedenfalls Valery Gergiev, der die Zügel in der Hand hält und jungen Musikern den Weg weist.

Schon beim Eröffnungskonzert durfte das jugendliche Orchester mit viel Schwung und Enthusiasmus zeigen, was es unter der Leitung Gergievs drauf hat. Jung sind auch die Solisten vom 17-jährigen Geiger Daniel Lozakovich über den 22-jährigen Pianisten George Li zur mittlerweile arrivierten, aber immer noch jungen Sopranistin Pretty Yende. Wer es hier im Orchester schafft, hat gute Chancen, eine Stelle in einem Berufsorchester zu finden.

Ganztägiges Programm

Anderntags am Morgen, der Pianist Sergei Babayan mit Rameau und Bach. Er setzt sich an den Flügel und scheint das Publikum kaum zur Kenntnis zu nehmen. Sie sind einfach zu dritt auf der Bühne: Babayan, der Flügel und Rameau, der dann von Bach abgelöst wird. Hinreissend, mit welcher Innigkeit, mit welcher Hingabe Babayan spielt und wie er das Publikum im wahrsten Sinne verzaubert.

Dann am Mittag: kleine Gesprächsrunde mit zwei Enkeln grosser Komponisten. Gabriel Prokofiev und Marina Mahler. Gabriel Prokofiev, als DJ und Komponist unterwegs, wirkt sehr englisch, ist in London aufgewachsen und hat Musik studiert. Die klingt allerdings völlig anders, als die des Grossvaters: Gabriel Prokofiev arbeitet mit Elektronik und Turntables. Seine Klänge reichen von Hip Hop bis Klassik, die bei ihm aber doch wieder anders klingt, als man es gewohnt ist.

Marina Mahler dagegen ist eher Verwalterin des Erbes. Nicht nur des Erbes von Gustav Mahler, sondern auch ihrer Mutter Anna Mahler, der Tochter Gustav und Alma Mahlers, die als Bildhauerin gewirkt hatte.

Prokofiev und Mahler erzählen beide, dass sie in ihrer Jugend kaum durch die berühmten Grossväter geprägt wurden, erst später sei ihnen bewusst geworden, dass sie berühmte Namen tragen. Beide setzen sich nun für die Förderung junger Musiker und Künstler ein und auch dafür, dass in den Konzertsälen nicht nur das 50+-Publikum sitzt … Andere Formate, andere Orte, andere Preise, andere Zeiten für den Konzertbeginn, da sind sie sich einig, das MUSS einfach sein …

So, wie Gabriel Prokofiev es am Abend vormacht: «After Dark», um 23 Uhr, tritt er in einem Nachtclub auf … auch das ist Verbier-Festival.

Anne Sofie von Otter auf der grossen Bühne und in der Kirche

Anne Sofie von Otter und Brooklyn Rider: Dream Team zwischen Moderne und Klassik. Copyright Aline Paley
Anne Sofie von Otter und Brooklyn Rider: Dream Team zwischen Moderne und Klassik. Copyright Aline Paley

Ebenfalls nicht klar in eine einzige Schublade einzuordnen ist Anne Sofie von Otter. Die schwedische Opernsängerin liebt es, musikalische Grenzen zu überschreiten. In Verbier tat sie es am Abend auf der grossen Bühne an der Seite des amerikanisch-kanadischen Singer-Songwriters Rufus Wainwright.  

Am nächsten Vormittag dann in der Kirche, diesmal zusammen mit dem fulminanten New Yorker Streichquartett «Brooklyn Rider». Der kleinere Rahmen hat dabei die weit grössere Wirkung erzielt als der grosse Raum. Die experimentellen New Yorker Streicher und die klassische Mezzosopranistin sind ein echtes Dream-Team voller Spielfreude, das in höchster musikalischer Qualität von Klassik über folk bis zu elektronisch Zeitgenössischem surft.

Angefressen von der Musik

Martin Engström: Er hat das Verbier Festival erst ermöglicht. Copyright Aline Paley
Martin Engström: Er hat das Verbier Festival erst ermöglicht. Copyright Aline Paley

Hinter der mittlerweile riesigen Veranstaltung «Verbier Festival» steht Martin Engström. Sein Handwerk hat er in Musik-Agenturen gelernt, unter anderem in Paris, und vor allem auch in der Plattenindustrie bei EMI und Deutsche Grammophon, wobei dies nur ein paar Eckpfeiler seiner Tätigkeiten sind. Engström ist ein von der Musik Angefressener. Heute ist sein Netzwerk weit gespannt. Mit einigem Mut hat er Anfang der Neunzigerjahre mit der Gründung des Verbier Festivals begonnen, das sich seither ständig vergrössert hat und für zahllose grosse Musiker und Sänger zum festen Bestandteil ihres Jahres-Kalenders geworden sind.

Es gibt auch im Alpenraum immer mehr Festivals, gerade auch im Klassik-Bereich. Neu kommen nun auch noch Veranstaltungen in Andermatt und auf dem Bürgenstock hinzu. Dort geht es möglicherweise eleganter zu als in Verbier, wo man die grossen Künstler vom Vorabend am nächsten Morgen in Shorts, Sneakers und T-Shirt umherlaufen sieht. Aber vermutlich ist es gerade diese Ungezwungenheit, die sie immer wieder in die Walliser Berge kommen lässt. Verbier ist eben anders.

Verbier Festival bis 5. August 2018, www.verbierfestival.com

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