2034 sehen wir uns wieder

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2034 sehen wir uns wieder

Von Hans Moser, Recife - 31.05.2014

Wie einer, der im Fussball sein Leben lang bloss Zuschauer war, sich Tribünentritt für Tribünentritt nach oben arbeitete.

Es war ein grosser Sprung von Winterthur nach Rom. Hier die kleine Schützenwiese und eine Mannschaft, die selbst in guten Zeiten in der Regel bloss Mittelmass war. Dort das Stadio Olimpico mit den Starensembles der AS Roma oder der SS Lazio, die zwar auch nicht immer gut spielten, aber stets im grossen Stil kassierten.

Auf der Schützi trafen wir uns, eine kleine Gruppe unverwüstlicher FCW-Fans, über Jahre hinweg zu praktisch jedem Heimspiel auf derselben Stufe der Stehrampe, feuerten kollektiv und mit Inbrunst Mandi Odermatt, Herbert Dimmeler, Pius Fischbach und den schon etwas übergewichtigen Fritz Künzli an, schimpften nach jeder Niederlage über die Ungerechtigkeit des Schiedsrichters und beklagten, dass im Fussball das Glück viel zu oft auf der Seite der Falschen steht.  Zugegeben: Max Meili spielte nicht mit der Eleganz eines Francesco Totti, aber mit mindestens so viel Eifer wie das ewige Idol der Roma-Fans und mit einem ähnlichen Hang zur Theatralik auf und neben dem Fussballplatz.

Als Kompensation eine knackige Wurst

So sehr uns jede FCW-Schlappe schmerzte: Als Trost blieb jeweils der Gang zum Bratwurststand. Mochten andere Vereine bessere Kicker haben, mit den Würsten waren wir ihnen mindestens gefühlte zwei Tore voraus.

Ihnen, den Würsten, habe ich in Rom noch oft nachgetrauert.  Die Stimmung unter den Zehntausenden von Zuschauern im prunkvollen Stadio Olimpico war meist grossartig, das Geschehen auf dem Rasen in der Regel spannender als eine Partie zwischen dem FCW und Baden. Da die Angestellten der Auslandjournalistenvereinigung gute Beziehungen zu beiden römischen Stadtklubs pflegten, durfte ich mich auch, wann immer ich wollte, auf die Pressetribüne setzen und die Begegnung aus bester Warte verfolgen.

So weit, so gut, aber wer in jungen Jahren sein Herz an den FCW verloren hat, verschenkt es später nicht an Roma oder Lazio. Schon gar nicht, wenn das Spektakel nicht mit einer Bratwurst oder einem Cervelat gekrönt werden kann.

Plötzlich funktionierte selbst die Polizei

Dann kam die WM 90, und mit ihr die magischen italienischen Nächte, die in Wirklichkeit fast noch schöner waren als im offiziellen Weltmeisterschaftssong „Un‘ estate italiana“ von Gianna Nannini und Edoardo Bennato. Plötzlich klappte es mit der Telefonverbindung in der Wohnung tadellos. Rom putzte sich heraus, und der Polizist, der jahrelang beide Augen zugedrückt hatte, wenn ich in der Innenstadt mit dem Motorino durch eine Einbahnstrasse zum Arbeitsplatz fuhr, pochte unversehens auf die Verkehrsregeln. Als ich etwas von Gewohnheitsrecht faselte, entgegnete er barsch: „Giovanotto, wir sind hier in Italien, und da gilt das Gesetz.“ Das schmeichelhafte „Giovanotto“ habe ich gern gehört und darob beinahe vergessen, mich über den Umweg zu ärgern, den ich wegen der unerwarteten Gesetzestreue des Ordnungshüters auf mich nehmen musste.

Lieber einen Stürmer als ein Dutzend Minister

Es war wirklich eine gute Zeit. Da die Fifa schon immer dem Leitspruch „Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft“ frönte, sassen mein Sohn Lukas und ich beim Eröffnungsspiel Italien-Österreich auf der Ehrentribüne im Stadio Olimpico in der Reihe 7, vor und neben uns das halbe italienische Kabinett und zahlreiche andere Prominente aus Politik und Wirtschaft. Während ich mich verschämt im Glanz der illustren Gesellschaft sonnte, gab sich Lukas völlig unbeeindruckt.  „Was kümmern mich deine Präsidenten“, entgegnete der Neunjährige, ohne den Blick vom Spielfeld zu lösen, „da vorne ist mein Lieblingsstürmer Toto Schilaci, so nahe, wie ich ihn noch nie gesehen habe.“ Im ersten Augenblick fragte ich mich, ob ich in der Erziehung meiner Kinder über die Bücher gehen müsste. Doch dann schoss Schilaci das Siegestor der Italiener, und auch mir wurde klar, dass ein treffsicherer Fussballer zuweilen mehr zum Allgemeinwohl beiträgt als ein verdienter Politiker.

Grenzenloser Jubel und unverschämte Träume

Die übrigen Spiele sahen wir im Fernsehen. Gemeinsam mit anderen Familien, mit Pasta, Vino und zuweilen unterschiedlich verteilten Mannschaftssympathien. Nur wenn die Squadra azzura am Werk war, herrschte Einmütigkeit. Die Italiener spielten nicht immer gut, aber sie gewannen und waren auf dem besten Weg, Weltmeister zu werden. Nach jedem Sieg fuhren wir ins Stadtzentrum, grölten und jubelten uns – zusammen mit Zehntausenden anderen - die Kehle heiser. Da die Lehrer unserer Kinder mitfeierten, spielte es keine Rolle, dass die ragazzi am nächsten Tag zu spät in die Schule kamen und bloss über das Spiel von gestern reden wollten.

Auch sonst war die Welt in Ordnung. Lukas hatte kurz zuvor die Aufnahmeprüfung an einer Fussballschule bestanden. Und ich sah mich in Gedanken ein paar Jahre später erneut auf der Ehrentribüne des Stadio Olimipico sitzen.  In der linken Hand, so träumte ich, würde eine teure Zigarre halten, mit der rechten bescheiden die Komplimente der Sitznachbarn abwehren, nachdem mein Sohn den Siegestreffer erzielt hatte.

Ausgerechnet Maradona

Es kam dann wieder einmal alles ganz anders. Die Azzuri gingen im Halbfinal gegen die Argentinier unter. Maradona, der in den Spielen zuvor nicht besonders geglänzt hatte, spielte ausgerechnet in dieser Partie in Napoli seine Klasse aus und begann damit gewissermassen Landesverrat. Von einem, der in Neapel wie ein Halbgott verehrt wurde und dessen Bild in manchem Wohnzimmer direkt neben der Muttergottes-Statue stand, hätte man in der Begegnung gegen die Einheimischen zumindest eine gewisse Zurückhaltung erwarten dürfen, doch sein Nationalstolz war offensichtlich grösser als die Loyalität zum Gastland.

Den magischen Nächten folgte ein Morgen nationalen Katzenjammers. Weltmeister wurden die Deutschen, aber das kümmerte in Italien kaum jemanden mehr.

Der Traum vom erfolgreichen Profikicker in der Familie hat sich auch zerschlagen. Die Zeiten, in denen die Söhne das wurden, was die Väter gerne geworden wären, scheinen endgültig vorbei. Die, in denen man auf der Stadiontribüne eine Zigarre rauchen durfte, ebenfalls.

Fussballpaläste und ein marodes Gesundheitswesen

Jetzt steht wieder eine Fussball-WM bevor, und es läuft ziemlich viel schief in Brasilien. Gut drei Wochen vor dem Anpfiff zum Eröffnungsspiel sind noch nicht alle Stadien fertig gebaut. Viele der geplanten Infrastrukturprojekte wurden nur teilweise in Angriffe genommen oder vollständig fallengelassen. Fast täglich demonstrieren irgendwo Unzufriedene mehr oder weniger friedlich gegen die Milliardenaufwendungen der öffentlichen Hand für die WM. Dieses Geld, finden immer mehr Brasilianer, hätte viel sinnvoller in die Reform des maroden Gesundheitssystems, bessere Schulen, die Kriminalitätsbekämpfung und die Sanierung des öffentlichen Verkehrs investiert werden können.

Zu allem Elend wird für Abermillionen von Fussballfans auch diesmal die „falsche“ – will heissen: nicht die eigene – Mannschaft die heiss begehrte Copa gewinnen. Dennoch ist noch nicht alles verloren. Bei meinem letzten Besuch in Zürich stupste mein gut einjähriger Enkel Mattia den roten Ball mit den weissen Punkten technisch dermassen brillant unter den Wohnzimmertisch, dass jedem Talentspäher das Herz hätte höher schlagen müssen. 2034 sehen wir uns wieder.

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