In diesen Tagen begeht man den 200. Geburtstag eines der Grossen der Musikgeschichte. Richard Wagner wird gefeiert. Nur zu gerne lässt man sich von seiner Musik berauschen: ein Genie, nichts weniger. Ein Genie, leider, das uns einen Stachel ins Fleisch treibt. Wagner war ein notorischer Antisemit. Blättert man in seiner Schmähschrift „Das Judenthum in der Musik“, mit der er sich ein Leben lang gebrüstet hat, kann es einem schlecht werden. Kein Zweifel: Das Genie Wagner ist als Mensch mit derartigen Überzeugungen verachtenswert. Den Zwiespalt, Musik zu geniessen, die ein Verachtenswerter komponiert hat, wird man nicht los. Ein ethisch-ästhetisches, ein unlösbares Problem: weder kann man Wagners Antisemitismus kleinreden oder verzeihen, noch liesse sich beweisen, dass dieser Dreck seine Musik vergiften würde. Wie gehen die Regisseure seiner Opern mit dem Konflikt um? Der eine, Burkhard C. Kosminski in Düsseldorf, macht aus Tannhäuser einen Nazi, der Juden erschiesst. Eine Provokation von seltener Einfältigkeit. Sie hat ein paar Besucher buchstäblich krank gemacht und den Intendanten des Theaters dazu bewogen, die Aufführung abzusetzen. Der andere, Hans Neuenfels, der in Zürich eine Aufführung über das Leben des Komponisten inszeniert, kennt das Dilemma, wenn er in einem Interview von dem „grässlichen Etwas“, vom „verbrecherischen Punkt“ in Wagners Biografie spricht - und dann meint, Wagner mit den Nazis gleichzusetzen sei für ihn „absolut indiskutabel“. (Christoph Kuhn)
Sprach-Akrobatik [34]
Proaktiv – was soll das?
Gewisse Politiker benützen es gerne, das Mode-Adjektiv „proaktiv“ – aber in der Regel ist das immer ein zuverlässiges Indiz für sprachliche Unbeholfenheit und Mangel an Sprachgefühl.
Verräterisch ist in diesem Zusammenhang ein Hinweis in Wikipedia zum Gebrauch von „proaktiv“: Der Begriff finde sich „vielfach im wirtschaftswissenschaftlichen Schrifttum oder in der Managementliteratur“. Der Begriff bedeute „frühzeitiges Handeln, noch ehe die Umwelt das Unternehmen zu reaktivem Handeln zwinge“. Nun sind Managment-Jargon und wirtschaftswissenschaftliche Traktate ja weitherum berüchtigt für ihre Anfälligkeit für gestelzte Formulierungen und inhaltsleere Worthülsen.
Natürlich ist der Gebrauch von „proaktiv“ nicht rundheraus falsch. Er ist nach meinem Geschmack nur einfach überflüssig, respektive ein Ausdruck mangelnden Vertrauens in eine ungekünstelte Sprache. Denn es ist nicht einzusehen, weshalb in den allermeisten Fällen anstelle des hochtrabenden, aufgeblasenen „proaktiv“ nicht das gewöhnliche Adjektiv „aktiv“ verwendet werden kann. Und wenn im Zusammenhang mit „aktiv“ die Bedeutung des planerischen, vorausschauenden oder präventiven Handels unterstrichen werden soll, dann kann man das durch eben diese geläufigen Worte artikulieren.
Wen das nicht überzeugt, der sollte vielleicht einmal nachprüfen, ob anerkannte Sprachvirtuosen wie Frisch, Dürrenmatt, Grass, Bichsel, Robert Walser oder Martin Walser je das Wort „proaktiv“ zu Papier gebracht haben.
R. M.
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