Libyen
Helmut Scheben

Die meisten Bilder sind gestellt

Propaganda am Fernsehen

Von Helmut Scheben. Er gehört zu den erfahrensten Redaktoren der "Tagesschau" des Schweizer Fernsehens SRF.

Bürgerkrieg in Libyen, jetzt sind wieder Kampfbilder im Umlauf. Da wird geflüchtet, in Stellung gegangen, geschossen, es kracht und raucht. Das Fernsehen zeigt die furchbaren Dinge wie sie sind, könnten naive Zuschauer denken, doch sie sind im Irrtum.

Die meisten Bilder von Kampfhandlungen sind gestellt. Das ist eine banale Weisheit, denn jedem ist klar, dass ein Kameramann oder eine Kamerafrau keine Kampfhandlungen aus der Nähe filmen kann, es sei denn sie sind lebensmüde.

Einigermassen organisierte militärische Einheiten werden den Medien zudem überhaupt keinen Zugang zu Kampfgebieten erlauben, denn sie tragen Veranwortung für das Leben von Zivilpersonen. Andere leisten sich sogenannte "embedded journalists", mit der simplen Absicht, das eigene Handeln zu rechtfertigen. Doch grundsätzlich gilt: es muss hin und wieder für die Kamera geschossen werden, und das muss so ablaufen, dass das Kamerateam keine Probleme mit Entfernung, Belichtung und Gesundheit hat.

Es gibt nun mal keinen Krieg, ohne das geschossen wird

Denn die Fernseh-Teams wollen nicht nur Flüchtlingslager und Pressekonferenzen zeigen wollen, sie wollen möglichst „echte“ Kriegsaufnahmen liefern. Fernsehen hat den Anspruch, Realität abzubilden, und es gibt nun mal keinen Krieg, ohne dass geschossen wird, sollte man meinen.

Die Lösung dieses Problems erreicht man, indem man so tut als ob. Ich habe mir gestern Sonntag die Mühe gemacht, das Rohmaterial genau anzusehen, das aus Libyen über den Eurovision News Exchange (EVN) innert 24 Stunden reingelaufen kam. Es ist eine Menge Material. Bei den meisten Bildern ist die Montage eindeutig zu erkennen. Da werden Sequenzen vom umkämpften Ort Bin Jawad geliefert, die im Beiblatt Titel tragen wie „Jawad fighters“ oder „Jawad battle“ oder „Jawad retreat“ etc.

Doch die Bilder sind weitab von dem Ort irgendwo am Strassenrand gedreht. Da steigt die Schar der Kameraleute und Fotografen aus ihren Autos, und dann lassen die Fighters ein paar Feuerstösse aus ihren Kalaschnikows los, und alles wird gefilmt. Dann schiesst einer aus einer Panzerfaust. Er steht und schiesst in die Wüste. Irgendwohin, aber es ist wirklich ein grossartiges Bild, erst halbnah und dann total.

Nicht Scharfschützen entscheiden einen Krieg sondern Fernsehbilder

Dann erklärt einer der Aufständischen vor der Kamera, dass sie jetzt den Ort Bin Jawad unter Kontrolle haben oder in den nächsten Sunden einnehmen und dann weiter nach Westen vorstossen. Wir müssen es ihnen glauben, überprüfen kann man es kaum. Die Aufständischen wissen, wie wichtig das Fernsehen in der Propaganda-Schlacht ist. Jeder Gymnasialschüler weiss heutzutage, dass nicht Scharfschützen einen Krieg entscheiden sondern die Fernsehbilder.

Ein anderes Beispiel: Benghazi. Weit und breit keine Kampfhandlung. Ein Reporter interviewt die verwegenen Gestalten der Milizen, vom Outfit her ein Melange aus Pirat, Beduine und Rambo. Dann wird der Befragte gebeten, mit seiner Waffe in Stellung zu gehen. Sehr gute Aufnahme, erst das Gesicht im close-up, dann die Kalaschnikow, dann der Finger am Abzug.

Bei dieser Arbeitsweise kann es passieren, dass bei all der martialischen Schiesserei aus Versehen am Bildrand Leute zu sehen sind, die ihre Suppe essen oder eine Zigarette anzünden. Doch die kann man am Schnittplatz entfernen.

Action statt langweilige Pressekonferenzen

Man zeigt das Flab-Geschütz, das feuert und textet dazu: „Aus Bin Jawad, westlich vom Ölhafen Ras Lanuf, werden schwere Kämpfe gemeldet.“ Und als Bild dazu noch ein Panorama von der Wüste, wo weit entfernt Rauchwolken zu sehen sind. Den Schuss-Lärm kann man eventuell weiterziehen auf die Wüsten-Totale.

Action-Bilder sind besser als langweilige Bilder von Pressekonferenzen, das wissen alle Fernseh-Redaktoren und Redaktorinnen, die jungen und die alten. Ich bin aber nicht ganz sicher, ob sich alle darüber im klaren sind, wie die Bilder zustande kommen, mit denen wir 24 Sunden am Tag zugeschüttet werden. Mehr und mehr tauchen auch Handy-Filme auf - eine äusserst unsichere Informationsquelle.

Unser aller Problem ist, dass das Wort „Krieg“ von Klischees verhangen ist. Archaische Bilder möchte ich sie nennen. Die Schützengräben von Verdun, die Gasangriffe, die Artillerie, die Bomben. Wir tragen in uns das Bild vom Krieg. Hollywood hat diese Vorstellungen ausgiebig bedient.

Anfang der achtziger Jahre wurde ich in El Salvador und Nicaragua immer mal wieder von Reportern kontaktiert, die aus Europa geschickt wurden, um den Bürgerkrieg zu covern. Manche kamen in kugelsicherer Weste am Flughafen an und fragten nach dem kürzesten Weg zu den Frontlinien. Bei Pizza und Bier musste man ihnen erst mal in Ruhe erklären, dass es in dieser Art von Guerrilla-Aufständen keine Front gab, und dass keine Gefechte zu filmen waren – es sei denn man spielte ein wenig Theater.

Kommentare

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Es scheint mir doch mehr auch auf die Politik des Landes anzukommen und nicht auf die Journalisten, denen sie unterstellen "Action zu produzieren". Welche Bilder der einheimische Zuschauer zu sehen bekommt, entscheidet doch ganz allein die politische Leitlinie. Aegypten hat gerade eine Volksrevolution hinter sich, die dank des Senders AlGezirah auch weltweit live zu verfolgen war. Darueberhinaus sicherte Algezirah die Unabhaengigkeit von aegypt. Staatsfernsehpropaganda und einseitige Berichterstattung von BBC und CNN und anderen Sendern. Den Wahrheitsgehalt der Bilder und Ereignisse koennen sie im uebrigen auch fuer Aegypten, Libyen, Syrien etc. in endlosen Videos von Augenzeugen vor Ort on youtube bestaetigt finden. Aber wie auch immer so liegt die Wahrheit wohl im Auge des Betrachters.

Eine Bitte, lieber Herr Scheben: setzen Sie sich einen Tag lang neben einen News-Bildredaktor in einer beliebigen Bildredaktion der Schweizer Tagespresse.

Die Bilder, die uns laufend von AP, Reuters oder Keystone zugespielt werden sind authentisch. Wir Bildredaktoren kennen die Fotografen an der Front zum Teil auch persönlich.

Und wenn da eine Szene fürs Bild nachgestellt wird: dann nur, damit man dem Betrachter die Geschehnisse realitätsnah widergeben kann. Oder denken Sie, die Waffen und Panzer sind gemietete Props aus eine Filmszene?

Bitte kritisieren und schreiben Sie die gleichen Zeilen, mit der selben Ueberzeugung direkt von der Front in einen Blog -- gerne mit ein paar Bildern dazu.

Die Bildredaktion dankt.

Schade, dass kaum jemand der Kommentatoren den Artikel richtig gelesen hat, denn es heißt ja nicht, dass alle Bilder gefälscht sind, sondern wie der Titel schon besagt "die meisten" - und dem stimme ich auch durchaus zu. Die Bilder und Szenen die die Medien vermitteln sind oft kaum zu überbieten an Absonderlichkeit und Seltsamkeit. Und dass aktuell vieles gerade aus Libyen gestellt ist, ist kein Kunststück. Insgesamt erinnert das sehr an den Film "Wag the dog", der zwar doch eine Satire ist, aber viel Wahrheit enthalten dürfte. Aber Verschwörungstheorien sind ja unangebracht - zwar besteht die ganze Welt- und Politikgeschichte aus Verschwörungen, Geheimdiplomatie und geheimen Absprachen, aber wer so etwas in aktueller Zeit erkennen will oder vermutet, der kann ja nicht ganz richtig sein. So die allgemeine Meinung. Da ist es schon eher logisch, wenn in Libyen (oder Jemen oder Kuwait...), einem Land ohne Gewerkschaften, Parteien, Zeitungen und Recht auf Meinungsfreiheit sich eine "Facebook-Revolution" ausbreitet. Denn freien Internetzugang hat man da natürlich trotzdem!?! Tja, es stimmt leider: es ist doch Propaganda, und es beschränkt sich nicht allein auf Bilder.

Dear Herr Scheben,

please forgive me but I do not speak German. Based on my basic military training, ever since the first Libyan rebels battle images appeared, I was claiming all those pictures and videos are faked. We had a long discussion and research on a forum about the massive media fakery operation going on ever since the whole Middle East de-stabilization project started, on this link: http://www.cluesforum.info/viewtopic.php?f=16&t=791

Best wishes,

warriorhun

Gute Tag,

zu der aussage das ein fotograf nicht in die nähe einer kampfhandlung gehen würden, entspricht nicht ganz den tatsachen

sie sollten sich mal die doku über den kriegsfotografen James Nachtwey "War photographer" anschauen.

zu dem fall in libyen kann ich natürlich nix sagen, nur sollten man dies nicht verallgemeinern

mfg xaxl :)

Meiner Meinung nach ist das der abstandslos schlechteste Artikel, den ich von einem Journalisten(?) je geboten bekommen habe - find ich gar keine Worte dafür, aber wenn man sich alle Kommentare hierdrunter durchliest bekommt man genug besseren Input!

Spätestens seit der Irak-"Berichterstattung" sollte das dem Bürger klar sein!

Mich wundert dieser Artikel gar nicht, zumal mir die Bilder vom Krieg in Libyen schon von vorn herein seltsam vorkamen. Ich sehe Bilder und Videos von Leuten, die für die Kamera mit FLAK in den Himmel zielen, das Gewehr auf ausgebrannte Fahrzeuge mitten in der Wüste richten, Raketen ins Nichts jagen und leere Patronenhülsen in die Kamera halten. Manchmal auch ein brennendes Auto und ein paar aufgebrachte Leute, aber vom Feind, der ganze Gebiete einnimmt und zerbombt, war nur in den Schlagzeilen zu lesen. Ich könnte auch völlig falsch liegen, aber für mich sieht es ganz danach aus, als würde versucht werden, uns wieder einmal mit den passenden Bildern dahingehend aufzuwühlen und zu verängstigen, dass wir einen militärischen Eingriff von Außen befürworten. Das hatten wir doch schon mal...

Aha. Da hat ja jemand voll die Ahnung von der Arbeit von Fotografen und Kameraleuten. Eine Frechheit, diesen Berufsstand als Feiglinge und Fälscher hinzustellen. Erschreckend, was die Lohnschreiberei und Eitelkeit (mit seinem Blog Aufmerksamkeit zu erregen) alles für hässliche, stinkende "Blüten" hervorbringt.

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