Zwischen Pest und Cholera

Monique R. Siegel's picture

Zwischen Pest und Cholera

Von Monique R. Siegel, 04.06.2017

Falls Sie sich eine Amtsenthebung wünschen: Schlafen Sie nochmals drüber.

„Wo waren Sie, als John F. Kennedy ermordet wurde?” ist eine Frage, die man Ihnen sicher auch schon gestellt hat. Eine andere bezieht sich auf Nine-Eleven. Und nun sollte eigentlich eine eine dritte dazukommen, wiederum eine, die sich um ein Ereignis in den Vereinigten Staaten von Amerika dreht: „Wo waren Sie, als sich die USA aus der World-Leadership-Rolle verabschiedete?“

Nein, so wird Sie das wohl niemand fragen, aber dieser Rückzug ist eine der vielen Konsequenzen, die der Rose-Garden-Auftritt des amerikanischen Präsidenten am Donnerstag, 1. Juni 2017, mit sich gebracht hat. Und er fand nach nur viereinhalbmonatigem Wirken des derzetiigen Amtsinhabers statt. Wobei sich hier die Frage stellt: Schon oder erst?

Nun kann man durchaus geteilter Meinung darüber sein, wie die Preisgabe der US-Führerschaft gewichtet werden soll. Häme über den Verlust einer angemassten Rolle wird sich bei manch einem einstellen. Dabei sollte man allerdings berücksichtigen, dass es kein Gegner war, der den USA diese Rolle streitig gemacht hat, keine ökonomische Krise oder militärische Niederlage, auch kein Zusammenbruch des Landes. Die ehemalige amerikanische Sicherheitsberaterin und UN-Botschafterin Susan E. Rice fasst das in einem schlichten Satz so zusammen: „America voluntarily gave up that leadership — because we quit the field.“ (New York Times, 2. Juni 2017)

Sicher wird sich beim Anschauen dieser ganzen erbärmlichen Inszenierung im historischen Rahmen des Rose Garden bei vielen TV-Zuschauern der Ruf nach einer Amtsenthebung intensiviert haben. Das wiederum ergäbe ein klassisches Dilemma oder eine Neuzeit-Bebilderung dessen, was man als Wahl zwischen Pest und Cholera, zwischen Skylla und Charybdis bezeichnet.

In der amerkanischen Nachfolgeregelung geht das höchste Amt im Falle eines Ausscheidens der Nummer eins an die Nummer zwei, den Vizepräsidenten. Der wäre in diesem Fall eine frömmelnde, erzkonservative Variante seines Vorgängers, mit teilweise noch radikaleren Verhaltensmustern, zum Beispiel in Bezug auf Famlienplanung, Schwangerschaftsabbruch oder Homosexualität.

Sollte diesem Landes„vater“ (er soll seine Ehefrau nicht beim Vornamen, sondern Mother rufen) etwas zustossen, geht das Amt an den Speaker of the House: Paul Ryan, 47, ist der Mann, der durch die „Elastizität seiner Überzeugungen“ im amerikanischen Wahlkampf von sich reden machte. (Journal 21, 22.7.2016). Er vermittelt häufig den Eindruck, als hoffe er, dass ihm jemand nach seinem Auftritt erklären würde, worum es dabei eigentlich gegangen war. Er hätte wohl keinen so leichten Start, wenn sich bereits Achtklässler ein Bild von ihm gemacht haben und daher kein Bild mit ihm wollen: Dutzende von Schülern sollen sich bei einer Klassenreise nach Washington DC geweigert haben, mit ihm fotografiert zu werden (Journal 21, 29.5.2017).

Vorsicht beim Wünschen ist also angebracht. Wie meinte doch Oscar Wilde: „When the gods wish to punish us, they answer our prayers.“

Ähnliche Artikel

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Erstaunlich bis bemühend ist das Impeachment-Herbeisehnen fast aller westeuropäischen Medienschaffenden. Sie meinen in ihrer Ueberheblichkeit und moralischen Ueberlegenheit, sie hätten politischen Einfluss in den USA, ja, sie tun so, als ob sie US-wahlberechtigt wären. Bescheidenheit ist eine Zier, gültig für dich, aber nicht für mir...............

Wir brauchen und wollen weder "Führerschaft" noch "World-Leadership"! Solche "made in USA" oder "in Washington" schon gar nicht. Diese war und ist nämlich eher arrogant und gewalttätig. Das hat man schon bei der mutwilligen Zerstörung Vietnams durch US-Armeen in den Sechzigerjahren gesehen. Trotz haushoher technologischer und zahlenmässiger Überlegenheit und trotz Einsatz völkermörderischer Mittel (von Napalm bis zum Giftgas Dioxin!) wurden die US-Truppen von den mutigen, einheimischen Verteidigern da jämmerlich in die Flucht geschlagen. Und schon nach diesem "Desaster" folgte auch in Europa der Ruf: "Yankee go home!" Was leider nicht geschah. Der Einfluss des Militry-industrial Complex (D. D. Eisenhower 1961) in den USA, der inzwischen 700 Milliarden Dollar an Steuergeldern jährlich verschwendet, war und blieb zu gross. Es folgten weitere (verdeckte und offene) US-Angriffe auf meist kleinere Länder (Grenada, Kuba, Chile, Nicaragua). Aber auch verheerende offene Kriege, die vorher einigermassen funktionierende Staaten nachhaltig zerstört und die einheimische Bevölkerung in grosses Elend getrieben haben: Irak, Afghanistan, Syrien.
Wer solcher "World-Leadership" das Wort redet und sie anerkennt, der macht sich zum Komplizen eines selbsternannten, gewalttätigen "Weltpolizisten" und tritt das Selbstbestimmungsrecht der Völker ebenso mit Füssen, wie die Menschenrechte. Das gilt alles mit oder ohne Trump. Dank Trump jedoch wird es nun zum Glück offensichtlicher. Befolgt er die Aufforderung "Yankee go home"! wie er es vor seiner "Wahl" versprochen hat, dann umso besser. Niklaus Ramseyer, BERN

Der Beitrag von Niklaus Ramseyer ist ein grosses Aegernis. Die pauschale Verurteilung und Verunglimpfung der USA ist unhaltbar und unfair, weil völlig einseitig. Seine Meinung strotzt von Voreingenommenheit. Jeder der erwähnten Konflikte müsste einzeln und differenziert angeschaut werden. Man sollte sich Gedanken machen über die Vorgeschichte, über die Motive der Beteiligten und über die Rolle der Mächte im Hintergrund. Irak, Afghanistan und Syrien(!) in einen Eimer zu werfen, ist unzulässig.
Natürlich: Vieles auf dieser Welt läuft schief, aber die USA als alleinigen Sündenbock darzustellen, ist billig. Die Amerikaner sind sich bewusst, dass sie Fehler gemacht haben und leiden selbst unter so mancher Tragödie (Vietnam, Afghanistan, Irak, zum Teil auch Libyen). Aber eben: Im Nachhinein ist man immer klüger.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren