Zwei Frauen und ein Kaiser

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Zwei Frauen und ein Kaiser

Von Annette Freitag, 20.06.2018

Das könnte auch der Stoff für eine Story in der Revolverpresse von heute sein:

Es geht um Macht, um Sex, um Power, um Hedonismus, um Intrigen, Leben und Tod … «Das ist die Moral unserer Zeit», sagt der spanische Regisseur Calixto Bieto knapp und bündig dazu.

Historisches Geschehen

Bieito inszeniert in Zürich «L’Incoronazione di Poppea». Vor 376 Jahren ist Claudio Monteverdis Oper in Venedig uraufgeführt worden und mit betörend schöner Musik wird das Drama zwischen zwei Frauen um Kaiser Nero erzählt. Eine historische Geschichte, die sich vor fast 2000 Jahren in Rom so abgespielt hat und in der am Schluss, nach viel Gezänk und Blutvergiessen, Poppea als Kaiserin gekrönt wird.

Bieito sieht die Geschichte auch als Show rivalisierender Selbstdarstellerinnen und lässt sie konsequenterweise auf dem Laufsteg auftreten.

Zwei Frauen im Kampf um Liebe, Macht, Eifersucht und die Gunst des Kaisers: Ottavia, die Ehefrau, und Poppea, die Geliebte. Verkörpert werden die beiden in Zürich von zwei französischen Sängerinnen. Stéphanie d’Oustrac ist Ottavia, Julie Fuchs ist Poppea. Und beide schwärmen von ihren Rollen …

Stéphanie d’Oustrac

Ihr erster Auftritt in Zürich vor gut einem Jahr war phänomenal. Unter der Leitung des Barockspezialisten William Christie begeisterte sie als «Médée» Publikum und Kritik. Und vielleicht hat sie die Musik wirklich schon im Blut, obwohl sie nicht aus einer Musikerfamilie kommt. Aber der Grossonkel, der hat ihr vielleicht doch das Musik-Gen vererbt: es war der Komponist Francis Poulenc, von dem sie unter anderem auch «La Dame de Monte Carlo», «La Voix Humaine» und die Mère Marie in den «Dialogues des Carmélites» gesungen hat. 

Stephanie d’Oustrac kämpft als «Ottavia» vergebens um Nero © Perla Maarek
Stephanie d’Oustrac kämpft als «Ottavia» vergebens um Nero © Perla Maarek

Gerade kommt sie aus der Probe, schüttelt die schwarzgelockte Wuschelmähne, strahlt übers ganze Gesicht und erzählt. Das Singen hat sich bei ihr als Kind fast automatisch so ergeben. «Ich habe immer schon gern gesungen, im Badezimmer zum Beispiel, da war die Resonanz so gut!» Weniger gut stand es um ihre Gesundheit. Das Asthma machte Probleme. Einerseits schickte man sie in die Berge, auch in die Schweiz, nach Crans-Montana, andererseits meldete ihre Mutter sie in einem Chor an, um ihre Atemprobleme durch das Singen zu verringern. «Der Chorleiter sagte mir bald, ich hätte eine schöne Stimme und sollte doch Solo singen. Das hat mir Mut gemacht, ich war ja noch so schüchtern … die Atemtechnik hat mir ebenfalls geholfen. Und mir wurde klar, dass ich auf die Bühne wollte!»

Barbara Streisand und ihr Film «Yentl» haben sie dann endgültig in ihrem Wunsch bestärkt. «Das wollte ich auch: diesen Mix aus Musik und Rollenspiel, aber die musikalische Richtung war noch unbestimmt. Im Konservatorium habe ich dann das klassische Repertoire entdeckt und hatte schon früh das Glück, William Christie vorsingen zu dürfen.» Das war das Sprungbrett: «Ah … une chance formidable …!» Sie schwärmt noch heute davon. «Er fordert viel, aber wenn er gut findet, was man macht, dann schenkt er einem auch Vertrauen.»

Seither ist sie in den verschiedensten Rollen aufgetreten von Medea über Sesto und Carmen bis jetzt zur Ottavia. Welche Verbindung sieht sie in diesen verschiedenen Charakteren? «Die Kraft! Es sind alles sehr intensive Rollen. Das reizt mich.» Die Ottavia hat sie schon als ganz junge Sängerin einmal verkörpert. «Aber jetzt bin ich in einem Alter, das perfekt zur Rolle passt. Man hat mir auch schon die Poppea angeboten, aber ich schaffe es nicht, mich mit dieser Rolle anzufreunden. Poppea ist eine berechnende Intrigantin. Eine düstere Rolle.» Eine Rolle, die jetzt genau richtig sei für Julie Fuchs, fügt sie bei, denn Julie Fuchs spiele sonst immer diese luftig leichten und fröhlichen Figuren. Und statt Pastellfarben nun dieses tiefe Schwarz, das sei doch sehr spannend.

Monteverdi zu singen ist für Stéphanie d’Oustrac speziell. «Es ist ein anderer Gesangsstil. Monteverdi, das ist Text, Text und nochmal Text … der Text dominiert die Musik. Es ist ein Sprechgesang zu einer Musik von betörender Einfachheit. Bei Monteverdi findet man das gesamte menschliche Spektrum, vom Niederträchtigsten bis zum Erhabensten.»

Julie Fuchs

Diese Erfahrungen mit Monteverdi hat Julie Fuchs schon vor vier Jahren in Zürich machen können, wo sie in «Il Ritorno d’Ulisse in Patria» auf der Bühne stand. Auch für sie ist dieser Sprechgesang das Typische bei Monteverdi. «Es ist kein Belcanto. Es ist viel näher am Sprechen, dadurch wird die Musik ausserordentlich theatralisch. Es ist eine Musik für die Bühne, auf der Schauspieler singen, so könnte man es sagen … man muss im Rhythmus sehr präzis sein, mit dem Italienischen, mit den Betonungen, den Dialogen, sonst verliert die Musik ihre Kraft. Da geht nichts von selbst. Bei anderen Komponisten kann man, wenn man gut vorbetreitet ist, einfach den Mund öffnen und es fliesst sozusagen von selbst. Nicht bei Monteverdi, da muss man aktiv dranbleiben.»

Julie Fuchs geht als «Poppea» über Leichen  © Sarah Bouasse
Julie Fuchs geht als «Poppea» über Leichen © Sarah Bouasse

Die Person der Poppea fasziniert sie. «Sie ist tatsächlich völlig anders als alle Personen, die ich bisher verkörpert habe», erzählt sie mit Begeisterung. «Diese Poppea, hier in Zürich 2018, ist sehr ehrgeizig, machthungrig, vermischt mit dem Wunsch, geliebt zu werden und einem körperlichen, sexuellen Verlangen nach Kaiser Nero. Das hat etwas Animalisches! Diese Poppea weiss, was sie will, und sie weiss auch, wie sie all ihre Trümpfe ausspielen muss, sie zögert nicht und hat vor nichts Angst. Sie will an die Macht.»

Nicht gerade sympathisch, oder …? «Nein, aber es ist spannend, so etwas im Theater auszuleben. Das gilt für die Darsteller auf der Bühne genauso wie für das Publikum im Saal.»

Die Poppea wird auch deshalb etwas ganz Besonders sein für Julie Fuchs, weil sie schwanger ist. Das ist weder für sie selbst noch fürs Opernhaus oder den Regisseur ein Problem. Dies ganz im Gegensatz zur Staatsoper Hamburg, wo sie im Frühling die Pamina in Mozarts «Zauberflöte» hätte spielen sollen. Dort wurde ihr gekündigt, als man von ihrer Schwangerschaft erfuhr. Die Schutzvorschriften seien in Deutschland so streng, hiess es. «Jetzt bin ich aber in Zürich sehr glücklich. Alle sind so nett zu mir und ich bin sehr gerührt.»

Im September allerdings, wenn Julie Fuchs auf dem Spielplan des Opernhauses vorgesehen wäre, um in der Wiederaufnahme von Vivaldis «La verità in cimento» aufzutreten, dann läuft bei ihr ein anderes Programm: dann wird das Bébé die Hauptrolle spielen. Und dies vermutlich in einer anderen Tonlage, als der oder die Kleine zurzeit schon mal bei Mama und ihren Kollegen auf der Bühne hört. Für Julie Fuchs wird das aber bestimmt genauso betörend klingen, wie Monteverdis Melodien …

«L’Incoronazione di Poppea»
von Claudio Monteverdi
Opernhaus Zürich
Premiere: 24. Juni 2018.

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