Zum Tode von Mikis Theodorakis

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Zum Tode von Mikis Theodorakis

Von Daniel Funk, 09.10.2021

Der am 2. September im Alter von 96 Jahren verstorbene Komponist Mikis Theodorakis kann als Schöpfer und Botschafter der modernen kulturellen Identität Griechenlands gelten.

Kaum wurde die Nachricht bekannt, dass Mikis Theodorakis verstorben sei, stritt man sich in Griechenland um den Bestattungs- und Aufbahrungsort. Das zeigt, dass es sich hier um einen Menschen handelte, der schon zu seinen Lebzeiten zum Mythos geworden war.

Es ist nicht zufällig, dass ein Komponist ausgerechnet in Griechenland eine derartige Bedeutung erlangen konnte. In der unruhigen politischen Tektonik des Landes werden Ideologie und politischer Kampf von Gefühlen getragen. Politik wird über Lieder, Konzerte und Demonstrationen verbreitet. Die Musik von Theodorakis war perfekt dafür.

Nicht nur Zorbas

Der Komponist war klassisch gebildet, verarbeitete aber Elemente der griechischen Rembetiko-Musiktradition, die in der Oberklasse als vulgär und orientalisch verschrien war. So konnten sich seine Lieder, von denen der Zorbas-Tanz nur das im Ausland bekannteste Stück ist, in Hellas durchsetzen und einer ganzen Serie von Komponisten, Lyrikern und Interpreten den Weg bahnen zu einer Musikkultur und einem Lebensgefühl, ohne die das Griechenland der Nachkriegszeit undenkbar wäre.

Mikis’ Bedeutung geht aber darüber hinaus. Zusammen mit einer Handvoll Komponisten – wie dem aus einem ganz anderen politischen Umfeld stammenden Manos Chatzidakis – lieferte er die Tonspur für die moderne kulturelle Identität des Landes und kreierte das Lebensgefühl der Linken einer ganzen Generation. Die meisten fortschrittlichen Griechinnen und Griechen übernahmen diese Lebensart, eine Identität, auf deren Grundlage die Welt den neugriechischen Staat, der aus dem langen Schatten von Antike, Byzanz und türkischer Besetzung getreten war, kennen und lieben lernte.

Linker Kämpfer

Freilich war das ein eminent politisches Programm. Theodorakis war links. Als junger Mann wirkte er bei der kommunistisch gelenkten Widerstandsbewegung gegen die deutsche Besetzung mit und später nahm er gegen das pro-westliche, autoritäre Regime Stellung. Während des Bürgerkrieges war er im berüchtigten Konzentrationslager von Makronissos inhaftiert.

Die Ächtung seiner Musik durch die griechische Militärjunta ab 1967 war die logische Konsequenz. Theodorakis kämpfte weiter im Untergrund für Demokratie und Kultur, wurde verhaftet, gefoltert und im Konzentrationslager inhaftiert. Schliesslich führte internationaler Druck zu seiner Entlassung und Ausreise nach Paris, von wo er 1974 triumphal zurückkehrte. Und zu diesem Zeitpunkt machte auch die griechische Rechte ihren Frieden mit dem grossen Mikis.

Sein letzter Wille war es, als Kommunist begraben zu werden, wie er im letzten Herbst, schon schwer gezeichnet, dem Generalsekretär der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE), schrieb. Dass dieser Wille nicht respektiert wurde und Theodorakis entgegen seinem Willen in der Athener Kathedrale aufgebahrt wurde, zeigt den autoritären, das Individuum verachtenden Ungeist der derzeitigen Regierung, die sich zwar mit dem Andenken an Theodorakis brüstet, aber wenig mit diesem grossen Griechen gemein hat.

Patriotismus wichtiger als Kommunismus

Theodorakis war immer ein unabhängiger Geist. 1990 setzte er sich dafür ein, dass eine konservativ-kommunistische Regierung zustande kam, die die abgenützte sozialistische PASOK-Administration ablöste. Für den begeisterungsfähigen Theodorakis war Patriotismus wichtiger als Kommunismus. Wenn er links war, dann weniger, um den Ostblock nachzuahmen, sondern um die USA zu bekämpfen, durch die er die Unabhängigkeit seines Landes bedroht sah. Und diese Überzeugung behielt er bis zu seinem Tode bei.

Vertonungen der Werke bekannter Dichter, wie der «Epitaphios» von Ioannis Ritsos, verliehen diesen Gedichten nicht nur Popularität in Griechenland, sondern machten Theodorakis international berühmt. Auch sein Oratorium «Canto General» nach Vorlage des chilenischen Dichters und Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda erlangte grosse Popularität. Es besingt das Leid der lateinamerikanischen Völker und ist heute etwas wie ein musikalisches Synonym für Gerechtigkeit, Frieden und Völkerfreundschaft.

Griechisch-türkische Freundschaft

Theodorakis komponierte aber auch viel und gerne Filmmusik und arbeitete mit international anerkannten Regisseuren wie Stanley Kubrick und Sydney Lumet – und natürlich für «Zorbas, der Grieche», die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Nikos Kazantzakis von Michael Cacoyannis mit Anthony Quinn in der Titelrolle, dem der berühmte Syrtaki-Tanz eigens auf den Leib geschrieben wurde. So gewann er die Herzen seiner Zuhörer – und nicht nur der griechischen.

Das ging so weit, dass Theodorakis des Verrats bezichtigt wurde, als er sich schon in den Achtzigerjahren für die griechisch-türkische Freundschaft einsetzte. Eine langjährige Zusammenarbeit und Freundschaft verband ihn denn auch mit dem türkischen Komponisten, Sänger, Schriftsteller und Filmregisseur Zülfü Livaneli, der ihm ebenfalls das letzte Geleit gab.

«Nichts ist unentbehrlicher für den Menschen als Freiheit. Ohne Nahrung, ohne Bildung und ohne Komfort leidest du. Ohne Freiheit gibt es dich nicht, weil du dann als Mensch nicht zählst. Was ist Freiheit? Freiheit ist Verantwortung, verantwortlich sein. Zu jedem Zeitpunkt im Kleinen und im Grossen seinen Teil Verantwortung tragen. Freiheit heisst Denken, Planen und Entscheiden – in jedem Moment und in jedem Fall – zusammen mit den anderen, für mich und für die anderen. Tut das jemand für mich, sei es ein Mensch oder eine Partei, dann bin ich nicht frei. Freiheit ist das Recht, in jedem Fall und in jedem Moment selbstverantwortlich zu sein und zu handeln. Freiheit ist die höchste Pflicht.» (Übersetzung aus dem Griechischen durch den Autor).

Das sind grosse und eminent aktuelle Worte, die der grosse Grieche hinterlassen hat. Seine Melodien bleiben ein Synonym für Griechenland, und wer Griechenland liebt, liebt Theodorakis. Seine freiheitlichen Botschaften sind unsterblich.

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