Zu Hause bleiben

Eduard Kaeser's picture

Zu Hause bleiben

Von Eduard Kaeser, 08.08.2017

Der etwas andere Reise-Ratgeber

„Raum für alle hat die Erde“, konnte Friedrich Schiller vor über zwei Jahrhunderten in seinem Gedicht „Der Alpenjäger“ noch zuversichtlich dichten. Er meinte damals mit „alle“ Mensch und Tier. Diese Zuversicht weicht heute einer globalen Beklemmung. Ein engmaschiges Verkehrs- und Kommunikationsnetz überzieht die physische Geografie mit einer artifiziellen. Wer es sich leisten kann, verschiebt sich darin mühelos von Ort zu Ort – wofern man es überhaupt für nötig hält, sich zu bewegen. Denn für den modernen Technologiekonsumenten ist die Welt inzwischen auf Tastendruck zuhanden – oder vielmehr: ist sie zusammengeschrumpft auf das, was sich mittels Tastendruck heranholen lässt. Wir sind Zeugen einer paradoxen Mutation: Die Hypermobilität bringt einen neuen Zustand der Unbeweglichkeit hervor.

Wir Migranten

Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite reisst eine weltweite Dynamik die Menschen aus den Halterungen ihrer Traditionen und spült sie als Treibgut über die Oberfläche des Planeten. Wir beobachten diese Dynamik in der Richtung von Entwicklungsländern zu Industrieländern als Flüchtlingsströme. Schon seit längerem bewegen sich in umgekehrter Richtung die Touristenströme.

Beide haben etwas gemeinsam: eine Zwangslage. Während die einen der äusseren Zwangslage von politischer Instabilität, wirtschaftlicher Aussichtslosigkeit, Krieg entkommen wollen, tun dies die andern aus der inneren Zwangslage von Langeweile, Sinnkrise, Burnout heraus. Eine tiefe Ironie liegt darin, dass gleichzeitig viele Menschen jener Regionen, die der europäische Tourist bereist, nun ihrerseits nach Europa kommen wollen. Bereits zynisch mutet an, wie sich die Existenznöte der Notstandsflüchtlinge und Luxusnöte der Wohlstandsflüchtlinge begegnen.

Reisen heisst Weggewesen-Sein

Der Tourist reist auf der Basis eines Privilegs, nämlich ein Zuhause zu haben. Und um das Zuhause dreht sich das Reisen ja eigentlich. Der Tourist ist ein Rückkehrer, er macht eine „Tour“. Er braucht das Ferne, Fremde als Exkurs, als Passage, die zurückführen zum Nahen, Heimischen. Man reist auch für die Daheimgebliebenen. Man bringt ihnen Trophäen in der Gestalt von Geschichten, Bildern, Souvenirs, vielleicht auch Bekanntschaften. Und darin konserviert der Tourismus ein Stück Atavismus. Auch der Frühmensch „tourte“ auf seinen Beutezügen, um Hab und Gut fremder Stämme zu erobern, Kriegsgefangene, Sklaven, und vor allem junge Frauen nach Hause zu bringen.

Wenn ein solcher materieller Erbeutungsaspekt des Reisens heute nicht mehr dominant sein mag, so manifestiert er sich dennoch implizit in einer generellen Haltung zum Reisen: Wir reisen, wie sich sagen liesse, eigentlich im Perfekt. Wir reisen nicht, um weg zu sein, sondern um weg gewesen zu sein, nicht, um etwas zu erfahren, sondern um etwas erfahren zu haben. Wie wenn die Gegenwart des Reisens immer schon ein wenig überschattet wäre von der Finalität der Heimkehr. Man halte sich nur die Pulks von Touristen vor Augen, die eigentlich gar nicht „da“ sind, sondern mit ihren Selfiesticks in der Welt herumstochern, um eine möglichst grosse Ausbeute an Weggewesen-Sein zuhause präsentieren zu können.

Reisen ist Unverweilen

Wenn Tourismus Rückkehr bedeutet, dann gefährdet er sich in seiner industrialisierten Form selbst. Das heisst, die Tourismus-Maschine braucht den überreizten, im Grunde unbefriedigten, gelangweilten Konsumenten als universellen Treibstoff. Denn wie der Konsum einer beliebigen Ware soll ja auch der Konsum einer Reise Bedürfnisse gerade nicht befriedigen oder nur soweit befriedigen, dass neue Bedürfnisse genährt werden. Soll aber der Tourist auf Touren gehalten, die Tretmühle durch Abhängigmachen in Gang gehalten werden, gibt es in diesem Sinn keine Rückkehr mehr, nur das Immer-weiter-so im existenziellen Laufkäfig. Das Fernweh wird zum Wirtschaftsfaktor par excellence.

Die heutige „durchgedrehte“ Reiseindustrie gibt eine tiefe Unbehaustheit des Menschen zu erkennen. Das Weg-von-hier-wollen kommt nirgendwo mehr an, weder dort noch hier, weder im Fernen noch im Zuhause. Martin Heidegger, dieser philosophische Beschwörer fundamentalontologischer Sesshaftigkeit, sprach zwar nicht direkt vom Reisen, sondern von der „Aufenthaltslosigkeit“ des Menschen, der nicht mehr beim Nahen und Nächsten „verweilen“ könne. Reisen ist ein „Unverweilen“. In der Aufenthaltslosigkeit des Reisens manifestiert sich die innere Haltlosigkeit – ein anderer Name für Sucht.

Verlust der Aura

Wir halten uns die Welt vom Leib mit Bildern von der Welt. Durch dieses millionenfach repetierte Verhalten drohen heute touristische Destinationen gerade das zu verlieren, was ursprünglich ihr Kapital ausmachte: ihre Bereisenswürdigkeit, Einmaligkeit, Einzigartigkeit. Walter Benjamin hat es unter dem Begriff der Aura in die Diskussion gebracht. Es verhält sich ja nicht nur so, dass die Reiseindustrie weite Landstriche mit der ewiggleichen stumpfen Architektur zubaut, unsere Wahrnehmung stumpft in dem Masse ab, in dem sie nicht gebraucht wird.

Der Verfall der Aura, so Benjamin, „beruht auf zwei Umständen, welche beide mit der zunehmenden Ausbreitung und Intensität der Massenbewegungen auf das Engste zusammenhängen. Der eine ist das leidenschaftliches Anliegen der gegenwärtigen Massen, sich die Dinge ‚näherzubringen‘; der andere zeigt sich in der Tendenz zur Überwindung des Einmaligen durch die Reproduzierbarkeit jeder Gegebenheit. Tagtäglich macht sich unabweisbarer das Bedürfnis geltend, des Gegenstandes aus nächster Nähe im Bild, genauer: im Abbild, in der Reproduktion habhaft zu werden.“

Gewiss, an den Klicks der Apparate nimmt die Welt keinen Schaden. Aber wir tragen durch unser technisch aufgerüstetes Wahrnehmungsverhalten beim Reisen dazu bei, dass das „Einmalige jeder Gegebenheit“ erodiert und so zum „Zeug“ fürs Ablichten mutiert. Die uns begleitenden Wahrnehmungsapparate erweisen sich ja grössenteils als Instrumente der Anästhesierung. Etwas zum Sehenswürdigen erklären heisst im Grunde, es nicht mehr sehen zu müssen.

„Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was verzählen“

Man reist im Grunde immer mit sich selbst. Man nimmt seine Marotten mit sich. Die eigenen Gewohnheiten sind die treuesten Reisebegleiter. Und sie können einem das Reiseerlebnis gehörig vergällen. Schon im 18  Jahrhundert begegnen zum Beispiel Romantiker wie Matthias Claudius dem aufkommenden Reisetrend und der Reiseschriftstellerei mit ironisierender Ernüchterung. Im Gedicht „Urians Reise um die Welt mit Anmerkungen“ bricht Herr Urian – eine landläufige Bezeichnung für Tölpel –  auf, um den ganzen Globus kennenzulernen, denn „wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen“.

Nur muss Herr Urian am Ende feststellen, dass es anderswo gar nicht so anders ist als zu Hause: „Und fand es überall wie hier/Fand überall n’ Sparren (Spleen, Anm. E. K.)/Die Menschen grade so wie wir/ Und ebensolche Narren.“ Die Welt ist heute voller Urians.

Zimmerreisen

Der literarische Sonderling Xavier de Meistre schrieb 1790 während eines 42-tägigen Zimmerarrests in Turin eine „Reise um mein Zimmer“. In der Zwangsabgeschiedenheit „bereiste“ er, von Diener und Hund begleitet, seinen Armsessel, seinen Schreibtisch, sein Bett, seine Bibliothek, seine Verwandten, Bekannten und Freunde auf den Porträts an den Wänden, die Reise führte ihn durch Betrachtungen von Gemälden und Kupferstichen zu kunsttheoretischen Exkursen und sie trug ihn bis in die metaphysischen Höhen des Leib-Seele-Problems. Im Zimmer, wo er den Arrest absass, sah de Maistre eine „paradiesische Gegend, die alle Güter und Schätze der Welt in sich birgt“. Der Reisebericht wurde zu einem Klassiker der französischen Literatur und begründete ein eigenes Genre, jenes des Zimmerabenteuers. In zahlreichen Nachdichtungen wurden immer wieder neue derartige Reisen unternommen, oft im Kontrast zu den extravaganten Expeditionen etwa eines Thomas Cook, des Erfinders der Pauschalarrangements.

Die Ironie ist nicht zu übersehen. Ausgerechnet der arretierte Zustand befreit den Menschen zu imaginären Reisen, wohingegen der Reisezustand dem Touristen die Imagination austreibt und in standardisierten Verhaltensweisen zu arretieren droht. Er möchte Abstand vom „Gefängnis“ des Alltags gewinnen, manövriert sich aber oft gerade durch die zähe Verbissenenheit der Suche – wie beim Treten im Sumpf – tiefer in diesen Alltag hinein.

Alles ist sehenswürdig

In Kierkegaards Erzählung „Die Wiederholung“ sinniert die Erzählfigur Constantin Constantius über den „Berufsreisenden“, der alles  „beschnuppert, was andere beschnuppert haben“. Und er stellt sich die Frage: „Was, wenn ein Mensch nach Rom kam, sich in einen kleinen Stadtteil verliebte, der ihm ein unerschöpflicher Stoff der Freude war, und Rom verliess, ohne eine einzige Sehenswürdigkeit gesehen zu haben?“

Und was wäre, wenn wir überhaupt nicht nach Rom reisen würden? Wenn wir, sagen wir, am heimischen Flussufer in Bern oder Zürich auf einmal jene Atmosphäre entdecken würden, die uns die Prospekte der fernen Paradiese verheissen? Was, wenn die eigene Stadt zum Gebiet einer reisenden Durchquerung würde, ja, der eigene Garten, das Wohnhaus, das Zimmer, der Keller, der Schreibtisch, ein Text? Hier der Vorschlag für ein kleines Experiment mit sich selbst: „Reisen“ Sie an einen völlig unscheinbaren, nichtssagenden, ja, vielleicht hässlichen Ort in Ihrer nahen Umgebung und versuchen Sie, indem Sie ihre Aufmerksamkeit „verweilen“ lassen, so etwas wie eine Aura dieses Ortes wahrzunehmen. Wenn Ihnen dies gelingt, haben Sie das Zeug zum Experten des Reisens. Sie können aus dem Gewohnten „ausbrechen“, „aussteigen“.

Die eigenen Augen entdecken

Der Tourismus hat die Welt von Grund auf verändert; nun kommt es darauf an, ihn neu zu interpretieren. Wie? „Panama ist überall“, schrieb der Kinderbuchautor Janosch – eine wunderbare Losung. Wenn ich zu Beginn schrieb, der Tourist kehre nach Hause zurück, dann liesse sich jetzt anfügen: Die gelungenste Art des Tourismus besteht darin, in einen kindlichen Zustand zurückzukehren, in dem es mir glückt, Panama überall zu sehen. Die Kindheit „verwandelnd einholen“ nannte das Adorno. Man könnte auch sagen: Man entdeckt nicht die Welt, man entdeckt den eigenen Blick auf die Welt. Und dieser Blick gibt Orten und Dingen wieder etwas von ihrem fremden, unverbrauchten, zauberhaften, kindlichen Charakter zurück.

Kurz: Wer reisen kann, kann genausogut zu Hause bleiben.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21 behält sich vor, Kommentare gekürzt oder nicht zu publizieren. Dies gilt vor allem für unsachliche und themenfremde Beiträge sowie für Kommentare, die ehrverletzend oder rassistisch sind oder anderweitig geltendes Recht verletzen. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Ein wunderbarer Text! Ich freue mich auf die Reise um mein Zimmer heute abend, weil mir beim Lesen Augen und Herz aufgegangen sind. Danke.

Gelungene Analyse zur Reisehysterie der Gegenwart. Was fehlt, ist, dass vor allem Nordländer auch dem schlechten Wetter entfliehen. Und die Architektur der renditeversessenen Immobilientrusts macht nicht nur die Küstenstreifen zu Räumen der grausamen Behausungsbatterien, sondern erst raubten sie die Heimat zu Hause mit den modernen Gewinn optimierenden Wohnzellen und treiben so die Bestohlenen in die Sehnsucht der Ferne.

Wunderbar ehrlicher und kritischer Text, vielen Dank an den Autor!

An Herrn Huber:

Ich gehöre zur sogenannten "Generation Y" (23) und bin müde von der Art und Weise, wie meine gleichaltrigen Mitmenschen - oder ein guter Teil davon - mit fremden Orten und Begegnungen umgehen. Natürlich werden wir wohl nie mehr in unserem Leben über mehr Freiraum, Geld und Zeit zur selben Zeit verfügen wie Anfang 20. Dass man diese Zeit auskostet und um deren Begrenztheit weiss, ist weise. Ausserdem, und das haben Sie ja auch angesprochen, formt Reisen ohne Zweifel den Charakter (obwohl ich diese Phrase nicht mehr hören kann) und brennt Erinnerungen und Erlebnisse in die eigene Biografie ein, die Wendepunkte markieren können.

Aber ich erlebe den Zugang zum Reisen im echten Leben sowie in den sozialen Netzwerken mehrheitlich so, wie es der Autor im Text beschrieben hat: "Wie wenn die Gegenwart des Reisens immer schon ein wenig überschattet wäre von der Finalität der Heimkehr."

Bewaffnet mit Selfiesticks, GoPro-Kameras und Drohnen stürmt meine Generation die Kontinente. Zuhause haben sie dann im schlimmsten Fall weniger zu erzählen als vielmehr aber Tausende pseudo-beeindrucke Bilder von ihrer Abenteuerreise vom Nordpol zu zeigen - und wehe, der Kiefer des Zuschauers bleibt geschlossen! Und trotzdem ist es dann aber wichtig, als Reisender (nennen Sie solche Leute ja nicht "Touristen", dann sind sie beleidigt) die Länder und Orte, die man besucht hat, wie die Namen beim Name-Dropping, in Nebensätzen fallen zu lassen: "Ich war im Januar noch kurz in Mexiko, bevor ich nach einem Zwischenstopp in Schottland Papa-Neuguinea erkundete." - Place-Dropping.

Ich habe den Eindruck, dass immer mehr Orte auf der Welt von uns (ich reise ja auch) zu reinen Schauplätzen des eigenen Jetset-Leben degradiert werden, die man dann den Daheimgeblieben als markierte Orte auf FB in - selbstverständlich- totalem Understatement präsentieren kann.

Reisen ist das Grösste, für mich auch, aber ich plädiere für langsames Reisen. Dafür, sich Zeit zu nehmen. Sich dem Fremden mit Neugier und Demut zu nähern. Dafür, weniger Fotos und mehr Erinnerungen zu sammeln.

Wollt ihr Schabzeiger oder ein Bier?

Die beiden Pferde waren gründlich geputzt, kein Dreck oder Sand mehr im Fell. Yamaha hiess das eine und Moto-Guzzi das andere. Ein Ritt durch Kanada war angesagt, vorbei an Withorse am Yukon in die Rockys, Löntsch nennen ihn die einheimischen Indianer. Durchs Tal hinauf, die steilen Felswände vor Augen, eine echt wilde wunderschöne Natur, ein Erlebnis für jeden der das mal sieht und wir machten ein Feuer. Würste im Wald, am Spiess, gebraten über der Hitze der Glut. „ Wollt ihr Schabzeiger dazu, wäre doch eine ideale Ergänzung“ fragte uns im Vorbeigehen ein Wanderer. Ein Glarner also, dachten wir, und er fügte hinzu: “ Ich geh rüber in die Schwammhöhe auf ein Bier, kommt ihr Zwei später auch?“ Da sassen wir nun, an der Nordflanke des Glärnisch, irgendwo das sagenhafte Vrenelisgärtli! Ah, da am Klöntalersee hinten grüsst die Schweiz ja Kanada, und niemand scheint es zu bemerken. Rückflug gab es keinen, wir ritten nach Hause und unsere Pferde hielten durch…. cathari

Danke Claudia fuer das aufschreiben der wunderbaren geschichte. Es war ein echtes Lesevergnuegen nach den fuer mich eher schwermuetigen Gedanken des Autors ueber fuer und wider der Reise.
Fuer mich bedeutet der kleine oder grosse Ausflug, mit dem Roller, frueher mit Flieger und Schiff, Befriedigung der Neugier etwas Neues zu entdecken oder Lust auf etwas zu befriedigen. Den Schabzieger suche ich in Spanien, wo ich nun wohne, vergebens. Er fehlt mir nun ein Vierteljahrhundert, denn auch die fast 20 Jahre auf Lesbos waren falsche Zeit und Ort den unvergleichlichen Duft einzufangen.

Als Geograph und Autor etlicher Reisebücher komme ich zu ähnlichen Schlüssen wie Sie, Herr Kaeser. Doch ist das nicht auch eine Altersfrage? Lässt sich die Infragestellung eines jungen Menschen durch eine andere, fremde Kultur je anders als "live" erleben und fruchtbar reflektieren? Lässt sich die tiefere Bedeutung, Gast auf diesem Planeten zu sein, je anders als (behutsam, aufmerksam) reisend erfahren? Mir jedenfalls haben Reisen die Sinne fürs Ferne wie fürs Nahe geöffnet und die Nachlese im Alter bereichert.

Frage des Alters sich fremder Kultur "auszusetzen" ? Was fuer eine Frage und mein klares Wort, nein ist es nicht. Doch nun meine Frage, denkt der Tourist ueberhaupt an Kultur beim buchen oder sieht einzig das blaue Meer, Bergsteiger fremde zu ersteigende Steilwaende vor sich ? Meine Erfahrung, viel gereist beruflich und aus persoenlicher Neugier, nun 25 Jahre Auslandschweizer ergibt ein ganz anderes Bild. Berufsreise keine Zeit, Touristenwochen viel zu kurz sich der Kultur zu widmen. Als gerne Esser und Hobbykoch einzige Gelegenheit zur Annaeherung die heimische Kueche, doch Pizza- und Hamburgerbuden rund um den Globus scheinen der Beweis, dass viele die Chance des andern Gaumernerlebnis gar nicht erst wagen moegen. Und da bin ich bei den Ausgewanderten, die mit ihren teils harschen Kritiken an Leuten und Land das Bild der kulturellen Bereicherung durch Reise oder Bleibe arg beschaedigen. Fuer den Urlaub sich nicht um eine neue Sprache bemuehen, der Schluessel zur fremden Kultur, das kann ich noch einigermassen verstehen. Sich der Sprache verweigern und staendig in anderer Kultur wohnen und leben ; die Einheimischen quittieren es mit Kopfschuetteln und halten Distanz zum Fremden. Fuer viele wird der einstige Traum, Klima und Wetter wie im Reiseprospekt bei der ersten Annaeherung, Monat um Monat zur immer schwereren Hypothek des seelisch nicht angekommen zu sein, die andere Kultur wegen dem eigenen Unverstand mehr und mehr ein Feindbild. Alles voellig unabhaengig vom Alter.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren