Wohnen im Museum

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Wohnen im Museum

Von Niklaus Oberholzer, 03.05.2021

Zilla Leutenegger wohnt nicht im Kunstmuseum – wenigstens nicht physisch. Aber ihre Ausstellung erzählt von jenen Räumen, an die sie sich erinnert, die sie erlebt, die ihr Angst machen und von denen sie träumt.

Das Museum als Ausstellungsort ist Öffentlichkeit, zugänglich für alle. Was hier gezeigt wird, wendet sich an viele oder gar alle. Doch im Museum wohnen? Kaum – und wenn schon, tun das Künstler, während sie eine Ausstellung einrichten. Das und mehr dieser Art gab’s schon in den wilden Sechzigern und Siebzigern, oft ideologisch aufgeladen als Protest gegen brave Bürgerlichkeit und allzu etablierte Institutionen.

Zilla Leutenegger – 1968 geboren, in Graubünden aufgewachsen, in Zürich lebend – geht mit den Ausstellungsräumen im zweiten Untergeschoss des Bündner Kunstmuseums ähnlich um wie mit Wohnräumen. Doch sie schlägt  hier nicht ihr zerwühltes Nachtlager auf, wie das Tracy Emin von den Young British Artists 1998 tat, und sie kocht auch nicht für die Besucher wie Rirkrit Tiravanija und andere.

Aber Zilla Leutenegger rührt mit ihrer zwischen persönlicher Direktheit und Distanznahme pendelnden Ausstellung  „Espèces d’espaces“ an die Grenze zwischen Intimität und privatem Erleben auf der einen und Öffentlichkeit auf der anderen Seite. Sie schafft mit rund 30 präzise und in einem ruhig atmenden Rhythmus in die Räume gefügten Objekten, Bildern und Videos eine vielschichtig anregende und zugleich wohnliche Atmosphäre. Einige wenige Arbeiten sind älteren Datums, die meisten entstanden 2020 und 2021.

Persönliche Reminiszenzen

Manches deutet auf persönliche Reminiszenzen. „Alpküche“ zum Beispiel ist der Titel einer grossformatigen farbigen Monotypie, die eine einfache rustikale Küche zeigt. Es ist die Küche auf der Alp, auf der die Künstlerin als Kind manche Monate verbrachte.

Zilla Leutenegger, Ausstellungsansicht mit den Monotypien Alpküche (2020), Broken Kitchen (2021), Bagno Verde (2020) und der Installation Tropf, tropf (2018). Alle: Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich
Zilla Leutenegger, Ausstellungsansicht mit den Monotypien Alpküche (2020), Broken Kitchen (2021), Bagno Verde (2020) und der Installation Tropf, tropf (2018). Alle: Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich

„Papas Werkstatt“ – so der Titel einer  anderen Monotypie  – scheint eben verlassen worden zu sein. Das Endlos-Video „Der lange Gang“ blickt in einen Korridor im barocken Sprecher-Haus in Maienfeld; hier lebte Zilla Leutenegger mit ihren Eltern einige Zeit. Es geht weiter mit Aspekten des Wohnens: In einer Ecke der Ausstellung tropft ganz real ein Wasserhahn. In einer anderen Ecke verbreitet ein echter Lounge Chair von Charles und Ray Eames samt echter Leselampe vor dem direkt auf die Wand gezeichneten Büchergestell gemütliche, aber kultivierte  Wohnlichkeit. „Library“ lautet der Titel dieser Installation aus dem Jahr 2007.

Zilla Leutenegger, Library, 2007 – Installation mit Wandzeichnung, 1 Eames Loungesessel, 1 fireplace, Holzstücke, 1 Lampe, 1 Projektion (Farbe, Ton, 3 Min.) Sammlung Goetz, Medienkunst, München
Zilla Leutenegger, Library, 2007 – Installation mit Wandzeichnung, 1 Eames Loungesessel, 1 fireplace, Holzstücke, 1 Lampe, 1 Projektion (Farbe, Ton, 3 Min.) Sammlung Goetz, Medienkunst, München

„Library“ besteht nicht nur aus echtem Mobiliar und der die Wirklichkeit perspektivisch skizzierenden Wandzeichnung. Eine minimalistische weisse Skulptur, einen Wandkamin andeutend mit wiederum echtem Brennholz, und eine Videoprojektion ergänzen die Installation um weitere mediale Ebenen, womit Zilla Leutenegger wiederum Grenzen akzentuiert und sie auch  überspringt: Das Video bringt Bewegung in die Szene, denn es zeigt die Silhouette einer Frau, die es sich im Lounge Chair bequem macht. Dieses Spielen auf vielseitiger Medien-Klaviatur zieht sich als eine generelle Strategie durch die ganze Ausstellung.

Auf die täuschend echte Attrappe einer Strassenlaterne wirft ein Video das Bild eines turnenden Mädchens. In einem halbdunklen Raum – in der Abfolge der Räume gibt es auch eine präzise  Lichtregie – sehen wir die Wandzeichnung einer ausschwingenden Lampe. „Lucellino“ heisst die Arbeit.

Zilla Leutenegger, Lucellino, 2006, Videoinstallation mit Wandzeichnung, 1 Projektion, s/w, kein Ton, 10 Sek., Loop Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich
Zilla Leutenegger, Lucellino, 2006, Videoinstallation mit Wandzeichnung, 1 Projektion, s/w, kein Ton, 10 Sek., Loop Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Hier zeigt das Video eine schlanke Frauengestalt, die die Lampe in regelmässigen Schwung versetzt. Es könnte sich, wie auch beim turnenden Mädchen oder der Frau im Lounge Chair, um ein Selbstporträt der Künstlerin handeln. Sicher ist das nicht, und ausgesprochen wird es schon gar nicht. Die ganze Ausstellung  als Lebensraum der Künstlerin? Vielleicht, vieles deutet darauf hin. Doch Zilla Leutenegger lässt immer wieder Dinge in der Schwebe. Sie drängt sich uns nicht auf. Auf Nähe folgt Distanz und umgekehrt.

„Zillagorilla“

In den letzten Raum ohne Ausgang können wir nur durch den Spalt einer knapp geöffneten Tür sehen. Wir erspähen einen an die Wand gezeichneten Gorilla, der ein undefinierbares Knurren von sich gibt. „Zillagorilla“ heisst er.

Zilla Leutenegger, Zilla Gorilla, 2021, Installation, 1 Objekt (Acryl auf Holz), Einkanal-Video, Farbe, TonCourtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich
Zilla Leutenegger, Zilla Gorilla, 2021, Installation, 1 Objekt (Acryl auf Holz), Einkanal-Video, Farbe, TonCourtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Nun wird, im Spiel mit dem Namen, der Ich-Bezug offensichtlich, aber er ist, wie manches in der Ausstellung, von augenzwinkerndem Humor und  selbstironisch-distanziert: Im finsteren Keller der Erinnerung Zilla Leuteneggers lauert der bedrohlich schwarzer Gorilla und erschreckt das Mädchen mit seinem Knurren.

Mit dem Knurren fügt die Künstlerin zu den bereits erwähnten Medien eine weitere Ebene hinzu – den Ton. Töne nehmen wir bereits beim Betreten der Ausstellung  wahr. Sie entstammen zwei automatisch gesteuerten Flügeln mit ganz unterschiedlichem Klang: Aus dem einen klingt permanent ein gemessenes Legatospiel. Der andere gibt hektische Stakkato-Klänge von sich, aber nur, wenn wir hinzutreten und über den Sensor die Automatik in Gang setzen. 

Die Künstlerin hat die beiden verschiedenfarbigen alten Instrumente, die wegen ihres besonderen Designs skulpturale Qualität erreichen, so im Raum platziert, dass wir stets nur eines im Blickfeld haben. So schickt sie ihre Gäste auf die Suche nach den Tonquellen, damit sie, neugierig auf Entdeckungen, die Ausstellung auf freiem Parcours nach Lust und Laune  erwandern. Mit Video, Klang und Bewegung der Besucher im Raum kommt zusätzlich die Dimension der Zeit ins Spiel. Die Ausstellung wird zum multimedialen Ereignis. Die Besucherinnen und Besucher sind geladen, einzutauchen und nach ihren eigenen Erinnerungen, Ängsten, Träumen und Hoffnungen zu fragen.

„Träumen von Räumen“

„Espèces d’espaces“ ist der Titel eines Buches des virtuos mit Sprache spielenden Franzosen Georges Perec (1936–1982). Das Buch handelt von allen Möglichkeiten des Raumes – vom Blatt Papier bis zum Weltraum, vom Nächstliegenden bis zum am weitesten Entfernten.

„Arten von Räumen“ müsste man das korrekt übersetzen. Das Museum gibt der Ausstellung den französischen Originaltitel, fügt aber in seinen Saaltexten auch dessen deutsche Übersetzung „Träume von Räumen“ bei. Dieser Titel ist wohl eine Engführung, lehnt sich aber mit dem Klang der Wörter ans Original an: Ein schönes Wortspiel, das perfekt zu Zilla Leuteneggers Installation und ihrer spielerischen  Leichtigkeit und Mehrdeutigkeit passt.

Bündner Kunstmuseum Chur. Bis 1. August. Eine Publikation mit Texten von Elisabeth Bronfen, Patrick Frey, Max Küng, Stephan Kunz und Juri Steiner wird später erscheinen.

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