Wo Weihrauch ist, ist auch Feuer

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Wo Weihrauch ist, ist auch Feuer

Von Ignaz Staub, 11.03.2011

Oman im Südosten der Arabischen Halbinsel galt lange Zeit als eine Oase der Ruhe und der Stabilität. Welche Stürme auch immer andere arabische Staaten heimsuchen mochten, das friedliche, pittoreske und propere Sultanat schienen sie nicht zu berühren. Doch nun haben die Winde des Wechsels, die in Tunesien und Ägypten zu wehen begannen, auch Oman erreicht. Ist das Land so standfest, wie es die mächtigen Forts sind, die seine Landschaft zieren?

Jeweils im Spätsommer ist am Strand von Ras al-Hadd, rund 400 Kilometer südlich von Muskat, ein einzigartiges Naturschauspiel zu beobachten. Jede Nacht schwimmen Hunderte von Meeresschildkröten an Land, um im Schutze der Dunkelheit ihre Eier abzulegen – am selben Ort, wo sie vor mehr als 25 Jahren geschlüpft sind und an welchen sie mit untrüglichem Instinkt zurückkehren. Die geschützten Grünrückenschildkröten tun dies, unbeirrbar, seit Tausenden von Jahren, obwohl unter tausend geschlüpften Jungtieren lediglich zwei bis drei überleben und zwei Monate später ins Meer zurückfinden.

Respektierter Sultan

Auch Sultan Qabus bin Said, Omans 70-jähriger Herrscher, hat lange Zeit den Status einer geschützten Spezies genossen. 1970 mit Hilfe der Briten an die Macht gekommen, regiert er inzwischen seit über 40 Jahren uneingeschränkt über ein Land, dessen Ölreichtum, im Vergleich zu anderen Monarchien am Golf, zwar relativ bescheiden ist, bisher aber ausreichend war, um das Land innert weniger Jahrzehnte vom Mittelalter in die Moderne zu hieven und dessen Bewohnern einen angemessenen Wohlstand zu bescheren.

Dem IWF zufolge ist das Durchschnittseinkommen eines Omaners mit 18 000 Dollar im Jahr fast sieben Mal höher als jenes eines Ägypters. Doch die Bevölkerung des Sultanats wächst ständig und zählt heute rund drei Millionen, während die Öl- und Gasreserven schwinden und Schätzungen zufolge kurz nach 2020 erschöpft sein könnten..

Nicht zu Unrecht erfreuten sich Oman und sein Herrscher einer beneidenswert guten Presse: der Staat funktionierte, Strassen, Schulen, Spitäler und Universitäten wurden gebaut, der Tourismus sanft entwickelt, in Muskat eine Börse installiert, in Salalah ein moderner Containerhafen hochgezogen. Grössenwahnsinnige Projekte, wie Dubai sie etwa verfolgt hat, liess das Sultanat bleiben, und die Beziehungen zu den Nachbarn, auch zum Iran, sind nach wie vor gut. Zusammen mit der Islamischen Republik kontrolliert Oman die Strasse von Hormus, durch die 40 Prozent des weltweit produzierten Erdöls verschifft wird.

Renaissance-Mensch?

Er sei, schreibt Autor Robert Kaplan in „Foreign Policy“, in der arabischen Welt noch nie einem Staat begegnet, der so gut und so unauffällig regiert werde wie Oman. Kaplan preist Sultan Qabus als einen „Renaissance-Menschen“, der Laute und Orgel spielt, Musik komponiert und ein Symphonie-Orchester unterhält: „Als Absolvent der britischen Militärakademie Sandhurst ist er wohl der weltgewandteste und bestinformierte Herrscher der arabischen Welt, einer, der die Standpunkte der Israeli und der Palästinenser gründlich kennt, während er gleichzeitig Amerikaner und Iraner gegeneinander balanciert und amerikanischen Streitkräften Stützpunktrechte gewährt.“ Der unverheiratete Herrscher, der Gerüchten zufolge homosexuell ist, als scheu gilt und auf offiziellen Porträts immer sehr ernst wirkt, ist indes im persönlichen Gespräch lockerer und witziger, als seine öffentlichen Auftritte vermuten lassen.

Jedenfalls war Oman unmittelbar nach den Revolten in Tunesien und Ägypten kaum auf einer Liste jener Staaten zu finden, auf welche die Unruhen in Nordafrika und Nahost demnächst übergreifen könnten - eben so wenig wie das Emirat Kuwait oder das Königreich Saudi-Arabien, die beide inzwischen ebenfalls von Ausläufern des „Jugendbebens“ erreicht worden sind. Trotzdem kam es am 18. Februar im Regierungsviertel Khuwair in der Hauptstadt Muskat zu einer ersten kleinen Protestkundgebung.

Zwar äusserten die Demonstranten in Khuwair ihre Dankbarkeit und ihre Loyalität gegenüber dem Sultan, forderten ihn aber gleichzeitig respektvoll auf, mehr Arbeitsplätze zu schaffen, die Demokratisierung voranzutreiben und die Korruption zu bekämpfen. Wie in andern Monarchien am Golf gibt es inzwischen zwar auch in Oman Wahlen und ein Parlament, doch die Kompetenzen der Volksvertretung sind äusserst beschränkt.

Trotzdem ein Despot

Neun Tage später aber geriet eine Kundgebung in der nördlichen Industriestadt Sohar ausser Kontrolle: Regierungsgebäude und Geschäfte wurden angezündet, die Polizei antwortete mit Tränengas und Gummigeschossen und zwei Demonstranten sollen gestorben sein. Ein mögliches Motiv für die Unzufriedenheit: In Sohar entsteht derzeit für 15 Milliarden Dollar ein neuer Tiefsee-Hafen, doch die Arbeitsplätze, die das Projekt generiert hat, sind für viele Einheimische ausser Reichweite, weil sie nicht genügend qualifiziert sind.

Sultan Qabus reagierte umgehend, bildete sein Kabinett um und versprach, 50 000 Arbeitsplätze zu schaffen sowie den Mindestlohn um 40 Prozent auf 520 Dollar pro Monat anzuheben. Indes sind 43 Prozent der Omaner jünger als 15 Jahre. Für sie genügend Jobs zu kreieren, ist auch für eine relativ effiziente Regierung wie jene des Sultanats ein schwieriges Unterfangen. Kommt dazu, dass lediglich rund 10 Prozent der Bevölkerung in der Privatwirtschaft arbeiten und die oft beschworene „Omanisierung“ des Arbeitsmarktes weit gehend hehres Lippenbekenntnis geblieben ist.

Und da ist, wie der „Guardian“ unlängst geschrieben hat, noch ein weiteres Problem: „Selbst wenn Qabus ein uns Briten freundlich gesinnter, Musik liebender Herrscher mit wohltätigen Absichten ist, er ist trotzdem ein Despot. Er toleriert keine Kritik und seine Bürger haben nur wenige Rechte.“ Als Beleg für seine Einschätzung zitiert das Blatt den jüngsten Menschenrechtsbericht des US-Aussenministeriums. Der Report kritisiert, dass jegliche Form von Kritik am Sultan von Gesetzes wegen untersagt sei und die Omaner kein Recht hätten, die Regierung auszutauschen. Der Sultan allein habe in allen nationalen und internationalen Angelegenheiten die letzte Verfügungsgewalt.

Staatsbeamte, so führt der Bericht des State Department weiter aus, müssten ihre Finanzen nicht offen legen und Polizisten bräuchten keinen Durchsuchungsbefehl, um in Wohnungen einzudringen. Im Weitern würden die Gesetze des Landes dazu missbraucht, um Regierungskritiker oder Verfechter unliebsamer Meinungen zum Schweigen zu bringen. Auch würden Publikation und Einfuhr von Büchern und andern Medienprodukten eingeschränkt oder erschwert.

Der Nachfolger - ein Geheimnis

Derweil ist es in Oman nach den Unruhen in Sohar auch zu Pro-Qabus-Demonstrationen gekommen. In einem Meinungsbeitrag für die „New York Times“ schreibt die Linguistikprofessorin Najma al-Zidjaly, ein Gefühl der Scham habe Oman überschwemmt. Die Bewohner des Sultanats müssten sich fragen, wie sie den Wechsel im Lande bewirken wollten – mit Vandalismus und Schüssen? Das sei wohl keine Art, einem weisen Führer zu danken, der so viel für sein Land und seine Leute getan habe: „Menschen im Westen können nur schwer nachvollziehen, wie sehr Omaner ihren Sultan lieben (…): Sultan Qabus hat Oman an die Spitze vieler arabischer Länder, wenn nicht der Welt, gebracht, was Frauenrechte, Rechte für Behinderte und ausländische Arbeiter sowie freie Bildung und medizinische Versorgung betrifft. Diese Bemühungen haben es Oman erlaubt, eine einzigartige Balance zwischen traditionellen Werten und fortschrittlicher Entwicklung zu erreichen.“

Ein Problem aber kann keine Liebe zum Sultan aus der Welt schaffen. Qabus ist kinderlos, seine Nachfolge letztlich nicht geregelt. Auf entsprechende Fragen hin heisst es aus Muskat, der Sultan habe den Namen seines Nachfolgers auf einen Zettel geschrieben und der Zettel stecke in einem versiegelten Briefumschlag. Was aber wiederum nicht heisse, dass sich der Herrscher nicht jederzeit umbesinnen und den Namen austauschen könne.

Qabus, meint denn ein Oman-Kenner, fürchte unter Umständen, ein designierter Nachfolger könnte ihm antun, was er seinerzeit seinem Vater angetan habe, das heisst ihn stürzen und ins Exil schicken. Der Sultan stabilisiere seine Herrschaft auf Kosten einer instabilen Nachfolge. Auf jeden Fall hat Qabus 1995 einen Autounfall überlebt, der Quellen in Oman zufolge in Tat und Wahrheit ein Mordversuch war.

Hase und Schildkröte

Man könnte, was die Zukunft Omans betrifft, auch noch Aesops Fabel von der Schildkröte und dem Hasen bemühen und am Ende den Bogen zu den „Grünrücken“ in Ras al-Hadd schlagen: Demnach wäre Sultan Qabus der Hase und die Demokratisierung die Schildkröte, die im Wettlauf den schlafenden Hasen kurz vor dem Ziel überholt. In Erinnerung bleibt aber auch, wie wenige Jungschildkröten am Strand von Ras al-Hadd überleben.

Kommentare

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The traffic accident in 1995 was just that ... a traffic accident. HM drove his Merc G`wagen out of the wrong (unplanned and unexpected) gate of the palace without stopping or even looking (expecting that police had stopped traffic) and a young Bedu lad in a Landcruiser took him broadsides. A British advisor was killed, an Omani minister was seriously injured, and HM got a broken shoulder. The Sultan apologised to the other driver for pulling out in front of him. Anything else is malicious rumour.

@felix. Ja sie haben recht. Ich habe eben den Tunnelrastermikroskopblick, je näher die Spitze der Sonde an die Materie kommt um so genauer erkennt man die atomaren Strukturen. Wie Sie aber richtig feststellen kommt dann schnell die Unschärferelation in`s Spiel.

Cathari, für einmal haben Sie nicht ganz unrecht, wobei von Gleichmacherei, Konsumwahn und Langeweile nicht die Rede sein kann, das ist der catharitunnelblick.....

Ein arabisches Märchen. Revolution sollte nicht zur Mode verkommen und wirklich nur da eingesetzt werden wo es unbedingt nötig ist. Evolutionäre Entwicklungen sind nachhaltiger und ergeben zudem gut strukturierte positive Veränderungen. Diesem weisen Mann gehört auch Anerkennung und Dankbarkeit. Der westlich geprägte Versuch der Gleichmacherei kann auf Dauer negative Folgen haben und in Konsumwahn und Langeweile enden. Wäre doch schade wenn der orientalische Zauber in der Verwestlichung untergehen würde.

Ignaz Staub wirft einen wohltuend differenzierten Blick auf das zauberhafte Sultanat Oman. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung liebt Quabus al Said wie einen Vater. Er wurde inm November 2010 für seine vierzigjährige aufgeklärte Herrschaft von Queen Elizabeth II mit einem Staatsbesuch geehrt und es bleibt zu hoffen, dass der starke britische Einfluss dem Sultanat ohne zu grosse Erschütterungen den Weg zum Rechtsstaat weist. Werden die Briten diese Chance wahrnehmen? Es gilt, die Korruption im Staatsapparat und Unternehmertum zu bekämpfen, den Feudalismus abzuschaffen und einen Übergang in eine konstituionelle Monarchie zu schaffen. Das Land ist religiös tolerant und kann eine Brückenfunktion zum nahegelegenen schiitischen Iran übernehmen.

Wir waren mehrere Male im Oman, beruflich, wie auch privat.
Die absolute Lebensleistung des Sultans ist ein moderner, auch für die Zukunft gerüsteter, islamischer Staat, der sowohl tolerant, wie weitsichtig politisch auftritt. Es wäre wünschenswert, eine konstituionelle Monarchie zu errichten. Ob der Omann mit einer Demokratie schneller und besser zum jetzigen Standpunkt gekommen wäre, wage ich allerdings zu bezweifeln.

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