WM-Splitter / 2

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WM-Splitter / 2

Von Hans Woller, 16.06.2018

Mühsam, mühsam. Mitfavorit Frankreich tat sich gegen Australien mehr als schwer.

Frankreichs Nationalmannschaft, die mit Müh und Not einen 2:1-Sieg zustande brachte, verfügt über den Kader mit dem höchsten Marktwert: 1,08 Milliarden Euro, sagen uns die Statistiker. Die Clubs, in denen die blau-weiss-roten Balltreter ihre Millionen verdienen, gehören in Europa zur absoluten Elite: Manchester United, Manchester City, Tottenham Hotspurs, FC Barcelona, Real und Atletico Madrid sowie Paris Saint Germain und Bayern München. Dass der rechte Verteidiger beim mittelmässigen deutschen Bundesligaverein VFB Stuttgart unter Vertrag steht, ist dabei so etwas wie eine exotischer Tupfer. Und: Es ist das Team mit dem jüngsten Durchschnittsalter. Nicht mal 25 Jahre.

Diese Jugend im Team ist im eigenen Land vor dieser WM wochenlang hochgejubelt worden. Und nun gegen Australien? Der Sturm mit den zwei Buben Mbappé (19) und Dembele (21) sowie dem 27-jährigen Griezmann, dieser Wundersturm, der mit seiner Schnelligkeit und Technik angeblich jede Abwehr schwindlig spielen kann, er sog sich an der gelben Mauer der namenlosen australischen Wollscherer fest, die nichts anbrennen liessen und sich im Lauf der 90 Minuten auch durch regelmässiges Bearbeiten der gegnerischen Knochen reichlich Respekt verschafften.

Die Dribblings der hochgelobten jungen Garde blieben nutz- und ziellos und verliefen im Sand, ihre Schnelligkeit verpuffte in der australischen Mauer. Diese robusten, athletischen und durchaus auch schnellen angeblichen Underdogs vom fünften Kontinent sorgten nach dem Spiel für reichlich Bescheidenheit im französischen Lager. Nationaltrainer Deschamps schaute eher blass in die Kameras, Superstar Griezmann, der in der 70. Minute sogar ausgewechselt wurde, noch blasser und gab sich wie ein Schüler, der auf die Strafpredigt des Lehrers wartet.

Griezmanns Show

Vielleicht auch, weil er sich nicht mal zwei Tage vorher reichlich Spott eingehandelt hatte. Um endlich zu erklären – und dies just als das Eröffnungsspiel der Fussball-Weltmeisterschaft bereits vorbei war und die persönliche Karriere eigentlich in den Hintergrund rücken sollte –, ob er für seine weitere Laufbahn künftig den Flötentönen aus Barcelona folgen und dort sein unverschämtes Gehalt kassieren oder bei Atletico Madrid bleiben will. Er hat diese Ansage inszeniert mittels einer überaus peinlichen „Dokumentation“, ausgestrahlt auf einem spanischen Pay-TV und vorher 24 Stunden lang über soziale Medien beworben. Es war eine sage und schreibe 30-minütige Mischung aus Reality-Show und Homestory, die den überkandidelten Star in – fast – allen Lebenslagen zeigte und an deren Ende er dann hochherrschaftlich verkündete: „Se queda“ – er bleibt.

Nach dem wenig überzeugenden Auftakt der Equipe Tricolore stammelte der so Inszenierte, wie ein halbes Dutzend anderer aus dem Team – Nationaltrainer eingeschlossen – nur die eine Phrase: „Wir können es eigentlich viel besser.“

Sympathischer Zwerg

Trost sollte es den Franzosen jedenfalls keiner sein, dass es ein anderer Mitfavorit noch schlechter konnte: Argentinien kam gegen Island nicht über ein 1:1 hinaus, Weltstar Messi verschoss sogar einen Elfmeter gegen die Halbprofis von der Insel mit gerade mal 350’000 Einwohnern.

Aber vielleicht ist bei einer Fussball-WM letztlich ja auch das Schöne und Interessante, dass manche der so genannten Kleinen die vermeintlich Grossen ins Straucheln bringen können. Und wer die Isländer und ihre Art, sich in ihrem ersten WM-Spiel gegen Argentinien zu behaupten, gesehen hat, während der argentinische Trainer kaum mehr an sich halten konnte ob der Erfolgslosigkeit seiner Elf – der wird sich nicht wundern, dass diese Mannschaft aus dem hohen Norden schon vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft in Frankreich zum absoluten Publikumsliebling geworden war. Schnörkellos, einsatzbereit, solidarisch und mit guter Kondition ausgestattet, können sie fast jedem Gegner Probleme stellen.

Nach Portugal - Spanien nichts Besseres mehr?

Sowohl Frankreich als auch Argentinien müssen sich Sorgen machen, wenn sie am Vortag das Spiel der beiden Mannschaften von der iberischen Halbinsel gesehen haben. Portugal - Spanien: 3:3. Chris Waddle, englischer Fussballstar der 90-er Jahre, heute BBC-Komentator, schrieb: „Ich fliege nach Hause. Ein besseres Spiel bekomme ich hier nicht mehr zu sehen.“

Derjenige, der nach diesem spektakulären Spiel in Portugal und darüber hinaus ob seiner drei Tore als der Held gefeiert wurde, Christiano Ronaldo, der unerträgliche Egomane und Steuerbetrüger, hat sich auf jeden Fall nicht anmerken lassen, dass er als Spieler von Real Madrid in Spanien erst am Vortag zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung und zur Zahlung von 18,8 Millionen Euro verurteilt worden war, weil er gut 100 Millionen Euro am spanischen Fiskus vorbei in Steuerparadiesen geparkt hatte.

Irans 1:0-Sieg in letzter Minute gegen Marokko hat im Land der Mullahs Hunderttausende auf die Strassen gebracht. Die Mannschaft dürfte sich zusätzlich gefreut haben, nachdem ihr Ausstatter, der US-Konzern Nike, ihr in letzter Minute wegen Trumps verschärftem Boykott die Lieferung der unerlässlichen Fussballstiefel verweigert hatte. Sie haben sich letztlich das Nötige in diversen Sportgeschäften zusammengekauft. Und weil sich auch dieses Team mit Sozialen Medien durchaus auskennt, haben die iranischen Balltreter den Slogan des amerikanischen Ausstatters kurzerhand leicht umgewandelt und in die Welt gepostet: „We just did it. Without you.“

Deutsche Pfiffe gegen Deutsche?

Titelverteidiger Deutschland, der an diesem Sonntag gegen Mexiko sein Debüt gibt – wie wenig später die Schweiz – bekommt offensichtlich bis zum Spielbeginn die Affäre um die beiden türkischstämmigen Mittelfeldspieler Mesut Özil und Ilyan Gündogan nicht vom Hals. Man hat den Eindruck, ein ganzer Teil der öffentlichen Aufmerksamkeit wird sich darauf richten, ob und wie sehr die beiden von den mitgereisten deutschen Fans beim Spiel gegen Mexiko ausgepfiffen werden.

Ihr Foto, auf dem sie vor einigen Wochen in London an der Seite des türkischen Präsidenten Erdogan in die Kameras lächelten und dem Autokraten hinterher auch noch handgezeichnete Trikots schenkten, sorgt weiter für Aufregung, auch wenn Nationaltrainer Löw jetzt in einem Spiegel-Interview noch ein letztes Mal erklärte, er stehe hundertprozentig hinter den beiden.

Gleichzeitig aber wurde erst jetzt bekannt, dass Gündogans Privatfahrzeug bereits am 7. Juni in Köln vor dem letzten Testspiel in Leverkusen, von wem auch immer, gründlich demoliert worden war. Die Atmosphäre im deutschen Lager könnte besser sein.

Und was macht die grosse italienische Sportzeitung „Gazetta dello Sport“ wenn Fussball-Weltmeisterschaft ist und das eigene Team erstmals nicht teilnimmt? Sie titelt doch tatsächlich mit der italienischen Basketballmeisterschaft. Das grandiose WM-Spiel zwischen Spanien und Portugal kommt erst an zweiter Stelle.

Der Schmerz über die Nichtqualifikation der Squadra Azurra sitzt tief.

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