Wir leben in luftigen Zeiten

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Wir leben in luftigen Zeiten

Von Stephan Wehowsky, 14.03.2015

Alles hat Luft nach oben.

Die Aktienmärkte haben Luft nach oben, das Gold sowieso, und beim Export ist auch noch Luft nach oben. Diese Wendung ist zu einer richtigen Mode geworden, und die wird ganz sicher nicht so schnell vergehen, da ist eben auch noch jede Menge Luft nach oben.

Gibt es auch Luft nach unten? Hat Griechenland etwa noch viel Luft nach unten oder hängt es einfach nur in der Luft? Es ist gar nicht so einfach, sich vorzustellen, wie etwas in der Luft hängt. Und wenn hier von Luft die Rede ist, wird nicht unbedingt Luft gemeint, sondern einfach nur Raum, bei dem es ziemlich egal ist, ob der nun Luft enthält oder nicht. „Sitzt, passt, wackelt und hat Luft“ sagen Werkzeugmacher, wenn sie ausdrücken wollen, wie gut ein Teil sich in ein anderes fügt. Wenn ein Teil "Luft hat", dann sitzt es nicht. Das haben sie gar nicht gern.

Aber das Bild von der Luft nach oben könnte auch bedeuten, dass viel heisse Luft im Spiel ist. Denn es ist ja die warme Luft, die aufsteigt. Deswegen passt dieses Wort ganz besonders gut für die Aktienmärkte. Da ist viel heisse Luft im Spiel; die steigt auf, bildet Blasen, die Blasen werden grösser und grösser, und plötzlich macht es Peng.

Es gibt Wendungen, die, einmal in die Welt gesetzt, nicht mehr zu eliminieren sind. So werden Aufstände grundsätzlich geprobt. Und Geld wird in die Kassen gespült. Offensichtlich kann die Sprache mit sinnlosen Wendungen gut leben.

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Sprachakrobatik:
Annexion der DDR durch die BRD.
Wiedervereinigung der Krym mit Russland.

Auch im Spitzensport gefallen sich Kommentatoren oder Sportler mit der Aussage: Es gibt noch Luft nach oben. Dieser Satz gehört zu der standardisierten Sprache, die in unserer individualisierten Welt ein bisschen Heimat herstellen möchte. Denn fast jedes Kind weiss mittlerweile, was Luft nach oben bedeutet. Eines ist sicher: Die Qualität der Sprache nimmt nicht zu, vor allem nicht beim Gebrauch.

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