Wir erfinden uns eine Geschichte

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Wir erfinden uns eine Geschichte

Von René Zeyer, 09.01.2012

Achtung: Das Folgende habe ich aus dritter Hand. Dann habe ich es einem Plausibilitätstest unterworfen und meine Fantasie bemüht. Und schliesslich hat mir ein Anwalt schriftlich bestätigt, dass es so gewesen sein könnte. Bühne frei für eine echt-erfundene «Weltwoche»-Story.

So Anfang November erhält ein rüstiger Milliardär, nennen wir ihn «Deep Throat III», einen Tipp von einem Zürcher Staatsanwalt: Gegen Zuppiger ist eine Strafanzeige eingetroffen. Grosses Problem. Entweder erfahren das auch die zahlreichen Gegner des frisch zum Bundesratskandidaten Gekürten – oder der gewählte Bundesrat wird kurz nach Amtsantritt von seiner Vergangenheit eingeholt. «Deep Throat III» muss schnell handeln, Zuppiger muss weg.

Angriff von rechts unten

Damit keine unerwünschte Solidarität mit dem Abgeschossenen entsteht, darf der Angriff nicht von vorne und auch nicht von aussen kommen. Sondern von hinten, unten und rechts. Also von der «Weltwoche». So schlägt man drei Fliegen mit einer Fliegenklatsche. – Roger Köppel, der an Blochers Nabelschnur hängende Pseudoeigentümer, kann so tun, als sei er SVP-kritisch. – Die SVP begreift: Wenn Köppel schiesst, dann wollte das «Deep Throat III» so. Also kein Platz für Solidarität mit Zuppiger. – Die «Weltwoche» ist ja das einzige Blatt, das sich innert weniger Tage und ohne wirkliche Quelle zu medialen Exekutionen hergibt. Manchmal gibt es Geschichten, die wiederholen sich schneller, als man glaubt.

Nochmal, weil’s so schön war

Irgendwann im Herbst erhält «Deep Throat III» einen Tipp von einem Thurgauer Anwalt: Der SNB-Chef mache unerlaubte Devisengeschäfte. Der Anwalt fasst den Auftrag, Beweise zu finden, denn irgendwas muss «Deep Throat III» ja in der Hand haben. Ausserdem war er sauer. Zuppiger war abgeschossen, Maurer verblieb alleine im Bundesrat, und die SVP stand mit abgesägten Hosen da. Da sollte es doch möglich sein, wenigstens Philipp Hildebrand wegzuhauen, was im ersten Anlauf in die Hose gegangen war. Zwei Gespräche mit der damaligen Bundespräsidentin Calmy-Rey blieben ohne Ergebnis, da sie nach Beweisen für die Vorwürfe verlangte. Die Luft wurde etwas dünn, also traf sich «Deep Throat III» mit dem Informanten. Ob er oder der Anwalt dem armen Reto T. einheizte, wissen wir (noch) nicht. Wir kennen nur das Ende der Geschichte: Beim dritten Besuch von «Deep Throat III» bei der Bundespräsidentin am 15. Dezember wurden Unterlagen vorgezeigt, die Reto T. bei Sarasin geklaut hatte. Das Ziel rückte in greifbare Nähe.

Dumm gelaufen

Zur grossen Frustration von «Deep Throat III» wurde am 23. Dezember ein entlastender Bericht vorgelegt, es war Weihnachtszeit, die Bombe mit angeblichen Verstössen gegen angebliche Vorschriften von Hildebrand wollte nicht so richtig hochgehen. Nasse Zündschnur. Zudem stellte sich Informant Reto T., in der richtigen Annahme, dass er in Teufels Küche geraten war, der Polizei. Die Medien merkten nun, nachdem sie sich vom Neujahrskater erholt hatten, auf. Die Schweizer Nationalbank und Hildebrand kamen spät, aber immerhin zum Schluss, eine wichtige Information zu verbreiten: Der famose Auftrag zum Kauf von US-Dollar war von Frau Hildebrand erteilt worden, weitere Klärungen würden am 5. Januar folgen.

Angriff ist die beste Verteidigung

Nun musste blitzartig eine Attacke gegen Hildebrand geritten werden. Als Sturmgeschütz diente die Behauptung, er selbst habe das fragliche Dollargeschäft gemacht, in Stellung gebracht wurde es in aller Eile am 4. Januar, verbreitet wurde die Behauptung über die «Weltwoche». Womit wir wieder beim ersten Teil unserer frei erfunden Story sind. Die «Weltwoche» ist das einzige Organ in der Schweiz, das ohne eigene Recherchen eine Geschichte druckt und aus einer unbelegten Prämisse radikale Konsequenzen zieht. Also forderte die monothematische Ausgabe vom 5. Januar die Köpfe von Hildebrand, drei Bundesräten und allen Journalisten ausserhalb der «Weltwoche».

Zurück in die Realität

Wir wissen heute: Einziger Informant der «Weltwoche» war Anwalt Hermann Lei. Autor Engeler hat nicht mal mit dem eigentlichen Informanten Reto T. gesprochen. Der Journalist des Jahres hat sich für seine Behauptung, Hildebrand habe selber das Dollar-Geschäft abgeschlossen, einzig auf einen Informanten gestützt, der es weder selbst wissen noch beweisen konnte. Einzige Quelle Leis ist Reto T. Das macht Reto T. weder zu einer verlässlichen Quelle, noch macht es Lei zu einer Quelle. Das Fehlen jeder Quelle für die zentrale Behauptung, Hildebrand habe selber das Geschäft abgeschlossen und lüge, wenn er es abstreite, hinderten weder Engeler noch seinen Chefredaktor Köppel noch weitere Mitschreiber wie Kurt W. Zimmermann daran, die aufgetragene Hinrichtung von Hildebrand zu versuchen.

Neue Nebelgranaten

Leider können die gescheiterten Scharfrichter in den Medien ungerührt erzählen, die wenigsten Geschichten hätten zwei unabhängige Quellen und es käme ja gar nicht darauf an, ob Frau oder Herr Hildebrand das Geschäft gemacht hätten, und überhaupt, vielleicht habe man sich da geirrt. In diesem Falle hätte vielleicht Frau Hildebrand den amerikanischen Fiskus hintergehen wollen. Die Kampagne geht also ungerührt weiter, einfach mit neuen Behauptungen. Weiterhin ohne Quellen oder Beweise, aber die braucht man bei der «Weltwoche» ja nicht.

Dummheit ist nicht strafbar

Der mehrfache Verstoss gegen journalistische Grundsätze auch nicht. Aber das Klauen der Bankdaten, die Ehrverletzungen gegenüber Hildebrand. Wohl auch die Weitergabe der geklauten Daten oder deren Verwendung. Nicht umsonst hat sich der Rechtsanwalt Lei einen Anwalt genommen, der weiss, wo Anwaltsrecht endet und die Strafbarkeit beginnt. Aber wir sind hier zu stark aus der Welt der «Weltwoche» ausgebrochen, kehren wir zum Schluss nochmals zu einer reinen Erfindung, Behauptung, zu einer Fiktion zurück.

Was wäre, wenn

Kehren wir nochmals zum 23. Dezember 2011 zurück und entwickeln im Konjunktiv eine lustige Story. Wir dürfen ja davon ausgehen, dass auch der Bundesrat über das Pressecommuniqué der Nationalbank, das an diesem Tag um 18.00 h publiziert wurde, im Voraus informiert worden war. Damit auch dessen einziges SVP-Mitglied. Das greift zum Telefon und informiert «Deep Throat III», denn beide erkennen: Damit standen sie abermals vor einem Scherbenhaufen. «Deep Throat III» alarmiert Nationalrat Kaufmann, der wenige Stunden vor der Publikation der Schweizerischen Nationalbank angeblich gestützt auf ihm zugetragene Gerüchte eine Interpellation deponiert. Das erlaubt, die Sache auf parlamentarischer Ebene am Kochen zu halten, wenn der publizistische Sturmangriff scheitern sollte. Das sind alles, wohlgemerkt, völlig unbewiesene Imaginationen, die Sie für ein Mal ausserhalb der «Weltwoche» lesen. Aber einem Plausibilitäts-Check könnten sie standhalten, oder?

Kommentare

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Was bist du denn für eine ideologisch eingelullte Pappnase?? Das beleuchtete eine einzige Zeitschrift rechts der linkspopulistischen schweizerischen Einheitspresse die andere (dunkle Seite) verschiedener Vorkommnisse und Ungereimtheiten aus der Filzstube und du siehst gleicht die ganz grosse Verschwörung...... Warst wahrscheinlich zu lange an der Uni und dort auch noch mit den falschen Dumpfbacken zusammen.

Ein perfekter Artikel . . . aber oh, oh mit einem Schreibfehler: B statt P

. . . Die «Weltwoche» ist ja das einzige Platt . . .

Bravo Herr Zeyer, manchmal ist die Wirklichkeit phantastischer als die Fantasie... Gut getroffen!

Heute Nachmittag haben wir erfahren, dass Köppel, Blocher und all die Adlaten die Champagnerkorken knallen lassen können. Sie haben ihr Ziel erreicht: Hildebrand ist weg. Hildebrand mag Fehler gemacht haben, aber die sind für einen Banker schon fast lächerlich. Was erschreckt, ist, dass gewisse Medienschaffende eine Machtfülle bekommen haben, die im Zuge des Quotenfetischismus und einer dem Zeitgeist gehorchenden Simplifizierung groteske Formen angenommen hat. Einige Journalisten spielen sich als Saubermänner auf, als hätten sie ein Leben lang eine saubere Weste. Dieses auf den Mann spielen, können nur Männer bewerkstelligen. Und dies in Gesellschaften, wo die Abzockerei, die Selbstbereicherung, das über den Tisch ziehen, die Hahnenkämpfe beim Karriere machen in allen Schichten und auf allen Stufen zur Tagesordnung gehört. Also diese Saubermänner (Journalisten und noch einige mehr) nehmen für sich in Anspruch die Welt oder bescheidener die Schweiz retten zu wollen, dabei sind sie Narzissen, die sich nicht einmal selbst retten können. Es ist verständlich, dass wir in einer solchen Welt Ideale brauchen würden. So, wie es jetzt läuft, tut man gut daran, bei sich selbst anzufangen.

@Bucher, 11:24: Vor einigen Jahren, als der Widerspruch zur Mainstream-Meinung Köppels alleiniger publizisitischer Kompass war, war die Weltwoche zwar ausrechenbar, aber immer noch lesenswert, weil die (Anti-)Thesen zT mehr oder weniger geistreich begründet waren und auch nicht immer der Meinung von "unserem Parteiführer" (Ausspruch Baader) entsprechen mussten. Zwar gibt es immer noch die Bodenmann-Kolumne und im nicht politischen Teil auch mal ab und zu ein Text mit Anspruch, aber der Haufen journalistischen Unrats in der Weltwoche ist in unerträglichem Mass gewachsen. Es gibt kaum intelligenten Widerspruch mehr, sondern nur noch blindes Propagandieren, stumpfsinniges Drauflosdreschen und Herumprälaaggen im Dienste Blochers. Ich vermute, für die SVP-Jungschar ist das Imprimat immer noch attraktiv zu lesen, weil sie darin in ihrem Stammtischparolen bestärkt wird. Für den denkenden Teil der Bevölkerung ist das Heft aber zunehmend belanglos geworden.

Ich hätte dem "rüstigen Rentner" wohl eher "Nixon II" als Decknamen verpasst - ansonsten: Chapeau!

(Entschuldigung, Ich trage diesen Kommentar bewusst auch hier vor.) Mich interessiert vor allem die Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit. Ob von links oder von rechts "genodert" (Ich mag als Basler dieses zürichdeutsche Wort.) wird, ist mir dabei einerlei; Die Hauptsache, es wird genodert und nicht zensuriert. Uebrigens mag ich nicht nur Politiker der „extremen Mitte“ sondern auch „linke und rechte Abweichler“ wie Christoph Blocher und Jean Ziegler. Und ich mag Whistleblowers und „Enthüllungsjournalismus“, weil sich sonst unsere „Nomenklatura“, dazu zähle ich nicht nur Hildebrand und Blocher sondern auch die Masse der farblosen Entscheidungsträger und Absahner, alles erlauben könnte. P.S: Mich ärgert hingegen die feige Postfinanz, die das Konto von Julian Assange bzw. von Wikileaks sperrte (Oder war es der damalige „linke“ amerikahörige Bundesrat?). Whistleblowers hätte es bereits vor dem 1. Weltkrieg geben sollen. Er wäre dadurch vielleicht verhindert worden. Die rechtzeitige Veröffentlichung der Tatsache, dass der Sozialist, Pazifist und Gewerkschafter Benito Mussolini (der spätere Ehrendoktor der Universität Lausanne) auf der Gehaltsliste des britischen Geheimdienstes stand und von ihm gekonnt umgepolt wurde, wäre für die Bande der Warmongers sehr peinlich gewesen. Das gleiche gilt für die vom selben Geheimdienst beauftragte Ermordung des „ausschweifenden Mönches“ Rasputin, der einen sehr „üblen Einfluss“ auf die Zarenfamilie ausübte. Dieser – für Grossbritannien – negative Einfluss bestand darin, dass er die Zarin und den Zaren vor einem Kriegseintritt warnte, weil ein Krieg grosses Unheil über Russland und die Zarenfamilie bringen würde. Heute braucht es weiterhin dringend Whistleblowers, damit sich die USA und in ihrem Gefolge die NATO und Israel sowie der Iran nicht alles erlauben können, denn ein 3. Weltkrieg würde noch grösseres Unheil über die Welt bringen.

Schon zu der Zeit als Chefredaktor des Tagi-Magi wollte Roger Köppel immer wieder beweisen, welch brillanter Querdenker er doch sei. Doch irgendwann wird diese grundsätzliche Besser-als-alle-Anderen-Wisserei einfach langweilig. Das, womit er eigentlich überraschen will, wird zum Programm, zum Schema Köppel des absehbaren Widerspruchs. Letztlich sagt dies mehr aus über die Person RK und seine narzisstischen Probleme als über das Thema, das dafür herhalten muss.

Märchenzeit!...passt gut zu 2012...nachher käme die 13! Hochprozentiges aus der Schnapsbrennerei Häfelibrand! Im tief verschneiten Wald der Glücksritter erzeugen seit je her traditionsreiche Gnomen feurigen Edelbrand. Aus beinahe Altpapier gelingt es ihnen immer wieder Qualitätserzeugnisse zu destillieren, den Vorlauf abzusondern und den Nachlauf den Mittelosen zukommen zu lassen. Na dann Prost!...... Nasdrowje! Sogar die Schlümpfe tanzen im Rausch mit den Zwergen? Histoires ou Contes du temps passé avec des moralités ...........

"La réalité dépasse la fiction.“ (Niklaus Meienberg)

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