Wie früher geerntet und gedroschen wurde

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Wie früher geerntet und gedroschen wurde

Von Journal21, 27.01.2011

Von Barbora Neversil 1) Es war die Zeit, als die ersten Traktoren aufkamen. Sie brachten den Bauernfamilien ersehnte Erleichterung. Wie wurde das Getreide in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts gemäht und gedroschen? Eine Berner Bauernfamilie lässt im kommenden Sommer die alten Bräuche hochleben. Die Autorin sprach mit Zeitzeugen.

Familie Baumgartner 1932 bei der Ernte. Ihre Nachfahren zeigen am 4. Juni 2011 wie man früher das Getreide erntete und drosch.

Von Ende Oktober bis in den Winter hinein wurde traditionellerweise das Getreide gedroschen. Das bedeutete eine schöne „Sichlete“ und vorher viel Arbeit für die ganze Familie und die Dreschmannschaft, wie sich der 90jährige Ernst Baumgartner von der Hofenmühle erinnert. Da war jede Maschine, die den Menschen die kraftraubende Arbeit mit dem Dreschflegel abnahm, willkommen.

Dazu gehörten Traktoren wie der legendäre Lanz-Bulldog, den die Landi Wohlen und die Landi Uettligen angeschafft hatten. Beide Traktoren gibt es noch: Der «Uettliger» hat Jahrgang 1932, ist in Stand gestellt und noch immer im Besitz der Landi. Der «Wohlener» hat Jahrgang 1957 und läuft auch dank seines heutigen Besitzers und langjährigen Landi-Mitarbeiters Fritz Moser (Murzelen).

Früher wurde das Getreide nicht wie heute üblich mit riesigen Mähdreschermaschinen in einem Arbeitsgang gemäht, gedroschen und danach mit viel Energieverbrauch künstlich getrocknet. Im Einsatz waren damals Menschen und Tiere, und man nutzte ausser der Muskelkraft umweltfreundlich die Sonne: Schnitter und Schnitterinnen mit ihren Sensen und Sicheln mähten das Korn. Sie legten das geschnittene Getreide in Bändern schön aus. Das sonnengetrocknete Getreide wurde nach rund einer Woche mit dem Garbenband gebunden und eingefahren. Roggen wurde direkt mit etwa 3 Halmen gebunden.

Aufwändige Ernte – duftendes Getreide

Zu Puppen gestellt wurden die Garben in unserer Region erst in den 30er Jahren, mit dem Aufkommen der Bindenmäher, gezogen von Pferden, später von Traktoren. Meist waren es Puppen zu 5 Garben, manchmal zu 10 Garben mit einer Deckgarbe als «Regenschirm».

In den 60er Jahren kamen dann die Mähdrescher auf. Ernst Baumgartner erinnert sich noch gut an all die Arbeitsschritte von früher und an den speziellen Duft des naturgetrockneten Getreides, das erst noch von einer hervorragenden Qualität war.

Die Schnitter, die auf der Hofenmühle arbeiteten, kamen vor allem aus dem Schwarzenburgerland. Sie halfen zum Teil schon bei der Heuernte mit und zogen dann weiter in den Jura, wo die Ernte später einsetzte. Das trockene, ausgereifte Getreide wurde auf den Brückenwagen geladen, wobei Garbengabeln, kräftige Männerarme sowie auch flinke und ausdauernde Frauenhände gute Arbeit leisten mussten. Danach hatte das Getreide vor dem Dreschen mehrere Monate Zeit, um weiter zu reifen und nachzutrocknen. Gut Ding braucht eben Weile.

Mit Dreschflegeln gedroschen

Ab Ende Oktober bis in den Winter hinein wurde auf den Höfen im Tenn gedroschen. Dann war das Getreide gut nachgereift und «lief» bei Kälte einfach besser. Die Garben wurden mit den Ähren in die Mitte gelegt. Früher oder auf kleineren Höfen wurde mit Dreschflegeln gedroschen, was als eine der strengsten Arbeiten galt.

Ganze Grossfamilien waren mit Knechten und Mägden wochenlang beschäftigt. In kleineren Häusern kamen meist vier Personen zusammen. In grösseren Betrieben kamen sechs Drescher zum Einsatz, je drei gegeneinander. Manchmal wurde «z’Achte» gedroschen, ausnahmsweise auch «z’Zwölfte». Zum besseren Einhalten des Taktes gab es je nach Anzahl Beteiligter verschiedene Dresch-Sprüche. Wer kein Taktgefühl hatte, war hier fehl am Platz. Den «Staggele» beim Dreschen galt als Schande für Haus und Familie. Nach dem Dreschen wurde das Korn in eine Wanne (geflochtener Korb) gefüllt, aufgeworfen und so von Staub und Spreu gereinigt. Danach kamen ein grobes und ein feines Getreidesieb zum Einsatz. Später vereinfachte die Röndle, also der Kornfeger, diese Arbeit.

Das Stroh wurde zur Hauptsache für die Streu im Stall gebraucht. Ein Teil wurde früher auch zum Flechten verwendet, z.B. für Bienenkörbe. Oder es wurden ganze Dächer mit Stroh gedeckt. Besonders schönes Stroh konnte für Hüte oder Ornamente verwendet werden. Für dieses Handwerk war früher das Freiamt mit seiner Strohindustrie rund um Wohlen (AG) eine Hochburg.

Eine Besonderheit beim Dreschen auf der Hofenmühle war, dass ihre Bewohner die Wasserkraft auch für diese Arbeit zu nutzen wussten: Von der Mühle wurde als Kraftübertragung vom Wasserrad ein Drahtseil über den Mühlenbach zur 80 Meter entfernten Scheune herübergespannt. Dort trieb die Wasserkraft dann die Dreschmaschine an. Noch heute kann man den Sockel für den Metallmast sehen, der beim Bachbett das Seil führte und in der Höhe hielt.

Ein Traktor, angetrieben mit Pommes Frites-Öl

Maschinen nahmen den Menschen also mehr und mehr die schwere Arbeit ab, wobei die Traktoren sowohl die Dreschmaschinen wie auch die Strohpressen antrieben. Die ersten Traktoren kamen in der Gemeinde Wohlen in den Zwanzigerjahren auf und hatten statt Pneus noch Raupenbänder wie Panzer. Die Landwirtschaftliche Genossenschaft Wohlen kaufte ihren ersten Traktor 1923, einen «Fordson » für Transport und Antrieb der Drescherei. 1957 kaufte sie den Lanz-Bulldog-Traktor als Ersatz für einen «Bührer». 2003 schenkte sie den Lanz-Bulldog ihrem langjährigen Mitarbeiter Fritz Moser zur Pensionierung.

Dieser Traktor ist eine Rarität: Erstens ist er einer der letzten dieser Traktoren, die von Lanz in Mannheim hergestellt wurden. Und zweitens gibt es in der Schweiz vermutlich nur noch zwei von diesem letzten Jahrgang überhaupt. Der Lanz-Bulldog ist ein PS- und charakterstarker Traktor, den man einfach gesehen und vor allem gehört haben muss: Wenn Fritz Moser das blaue Ungetüm startet, den typischen Vorglüher betätigt und der Lanz-Bulldog dann nach ein paar verrussten «Rülpsern» in die Gänge kommt, ist der unvergleichliche Sound dieses Traktors zu hören. Das kraftvolle Tuckern des 40PS-Motors mit dem unverwechselbaren tief-glucksenden, rhythmischen und irgendwie friedlichen Sound zieht einfach alle in seinen Bann. Und eine Besonderheit des Traktors ist, dass er mit praktisch jedem Treibstoff läuft, er könnte sogar Pommes Frites-Öl schlucken!

Der Lanz-Bulldog kam unter anderem auch beim Dreschen in der Hofenmühle zum Einsatz. Dabei dauerte es eine Weile, bis alle Maschinen gerade gestellt waren, damit die Kraftübertragung vom Schwungrad des Traktors auf die Dreschmaschine auch gut war. Es brauchte aus heutiger Sicht ziemlich viel Personal, vor allem einen Maschinisten und einen Einleger. Dann noch 6–7 Personen als Handlanger.

Nach harter Arbeit - ein Viergang-Menu

Die strenge Arbeit gab Hunger und nicht von ungefähr heisst es: «Er cha bim Ässe inelige wie ne Dröscher.» Und tatsächlich war nach dem Dreschen ein gutes, währschaftes Essen wichtig und eine Sichlete darum von allen geschätzt.

Ernst Baumgartner und Fritz Moser erinnern sich beide gern daran. Nicht nur des Essens wegen, sondern auch wegen der guten Stimmung und weil alle zusammenkamen. Das Menü bestand jeweils aus vier Gängen: Fleischsuppe, Schafsvoressen mit Kartoffelstock, dann ein Braten mit Bohnen und Kartoffeln oder eine Berner Platte und natürlich Wein. Diesen holte man rund zwei Wochen vorher beim Tröhler in Säriswil im früheren «Storchen». Meistens war man schon nach dem zweiten Gang recht satt, aber sicher auch dank des guten Handörgelispiels an der Sichlete bodigte man auch noch die restlichen Gänge.

Die Familie Baumgartner will das alte Dreschen am nächsten Mühlentag (Samstag, 4. Juni 2011) wieder aufleben lassen und hat darum eine ganze Drescher-Equipe mit Traktor, Dreschmaschine und Strohballenpresse eingeladen. So können alle Interessierten die Faszination des Dreschens wie in alter Zeit auch in der heutigen Zeit erleben.

1) Die Autorin: Barbora Neversil ist ab dem 1. Februar 2011 „Informationsbeauftragte Naturgefahren“ beim Bundesamt für Umwelt (BAFU). Sie war früher Nachrichtenredaktorin bei Radio DRS und später Mediensprecherin beim „Schweizer Vogelschutz SVS/BirdLife Schweiz“.

Kommentare

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Es ist sinnvoll und lobenswert den Alltag von früher wieder aufleben zu lassen. Der verklärte Blick zurück ist der Sache jedoch nicht dienlich. Meine Eltern und unsere alten Angestellten erzählten mir viel über diese harte Arbeit. Zerschundene und blutende Beine, zerkratzte Arme waren üblich und nicht die Ausnahme. Die Qualtität des Getreides war nicht besser als heute, sondern aus hygienischer Sicht schlechter. Das Getreide musst, um Ausfall zu vermeiden, unreif geschnitten werden und anschliessend auf Haufen ("Puppen") aufgeschichtet werden. Die Körner trockneten logischerweise nicht überall gleich gut ab. So bildeten sich überall Pilzsporen. Während oder nach der Ernte seien immer einige Landarbeiter mit hustigem Fieber erkrankt. Am meisten wurde die Gesundheit beim Dreschen im Herbst angegriffen. Auf den Anbau von Hafer hat mein Vater schon bald verzichtet, da diese Getreideart die Gesunheit am meisten angegriffen hat. Ich könnte noch viel aus dieser entbehrungsreichen Zeit erzählen. Meine Eltern erzählten lieber vom Fortschritt, von der Erleichterung, die jede neue Maschine ermöglichte.

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