Wie die Kirchen Vertrauen verspielen

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Wie die Kirchen Vertrauen verspielen

Von Journal21, 12.04.2011

Den Kirchen gelingt es immer weniger, auch ein anspruchsvolleres Publikum ausserhalb der eigenen Reihen zu überzeugen. Friedrich Wilhelm Graf beobachtet in seinem Buch, Kirchendämmerung, „vielfältige Tendenzen der Trivialisierung und Infantilisierung der christlichen Freiheitsbotschaft.“

Ob das Christentum tatsächlich eine „Freiheitsbotschaft“ hat, das zu entscheiden, ist Glaubenssache. Für Friedrich Wilhelm Graf, der an der Universität München Systematische Theologie und Ethik lehrt und der einzige deutsche Theologe ist, der in bekannten überregionalen Zeitungen regelmässig schreibt, steht das ausser Frage. Deswegen ist seine Kirchen- und Theologiekritik klar und scharf. Er dürfte damit auch Leser erreichen, die sich sonst nicht mehr so fürchterlich für die Kirchen interessieren.

Panikattacken – dieses Wort verwendet Graf nicht, aber er beschreibt sie. „Bei vielen führenden Vertretern der Kirchen lässt sich die nackte Angst beobachten, überflüssig zu werden.“ Diese Angst ist begründet. Detailliert beschreibt Graf den Niedergang der evangelischen und der katholischen Kirchen in Deutschland an Hand der Statistiken. So hat sich die Zahl der Kirchenaustritte von Jahr zu Jahr erhöht. In Deutschland sind zwischen 1990 und 2008 knapp 2, 5 Millionen aus der katholischen Kirche und 3,8 Millionen aus der evangelischen Kirche ausgetreten.

Das Geld kam, die Gläubigen gingen

Eine Pointe liegt darin, dass beide Kirchen von den 1960er bis in die 1980er Jahre eine beispiellose Ausweitung ihres Einflusses und ihrer Einnahmen erreicht haben. Sie haben es geschafft, immer mehr soziale Dienstleistungen an sich zu ziehen und sind in Deutschland bis heute nach dem Staat der grösste Arbeitgeber. Gleichzeitig profitierten sie von der Wirtschaftsentwicklung und konnten ihre Einnahmen aus Kirchensteuern in den Jahren 1950 bis 1980 um bis 1400 Prozent steigern, wie Graf an der Landeskirche von Hessen-Nassau zeigt. Gleichzeitig aber verloren sie an Ansehen und Glaubwürdigkeit.

Das Geld kam, die Gläubigen gingen, lässt sich Grafs Darstellung resümieren. Darin liegt der tiefste Grund für die Panik. Der engere finanzielle Rahmen ist ganz sicher problematisch, und die Kirchenleitungen reagieren darauf genau so wie die von ihnen vollmundig kritisierte Wirtschaft: mit Entlassungen und Gehaltskürzungen. Aber die Geldknappheit erklärt nicht den intellektuellen Substanzverlust, der die Erscheinung der Kirchen heutzutage so erbarmungswürdig macht. Die Ursachen dafür legt Friedrich Wilhelm Graf Schicht für Schicht frei. Je tiefer er gräbt, desto akademischer wird es. Aber damit demonstriert er genau das, was den Theologen heute fehlt: das Interesse an der eigenen Tradition.

Weil dieses Interesse fehlt, bleibt den heutigen Theologen und den immer zahlreicher werdenden Theologinnen nur der Zeitgeist und das Moralisieren. In der zunehmenden Zahl der Theologinnen - von den 22.000 Geistlichen im Jahre 2010 stellten sie laut EKD-Statistik 33,8 Prozent - sieht er überdies eine Veränderung des Pfarrerbildes und konstatiert: „Für viele exzellente männliche Theologen ist die evangelische Kirche kein interessanter Arbeitgeber mehr.“ Da lässt sich einwenden: Das war schon so, als die „Feminisierung“ noch nicht so weit getrieben war wie heute. Und gemessen an den anderen Faktoren, die Graf beschreibt, ist die Feminisierung eher ein Symptom oder, harmloser ausgedrückt, das kleinere Problem.

Gefühliger Kuschelgott

Das gegenwärtige Hauptübel sieht Graf in der Distanzlosigkeit zum Zeitgeist oder zu dem, was TheologInnen dafür halten: „Ein wild wabernder Psychojargon, der Kult von Betroffenheit und Authentizität hat wohl nirgends so so grossen Schaden angerichtet wie in den Kirchen.“ Von den Kanzeln werde ein „gefühliger Kuschelgott“ gepredigt und damit ein Publikum angesprochen, das sich Trips in die Innerlichkeit den Herausforderungen der modernen Welt konsequent verweigere. Für diese Art des Irrationalismus und der Verinnerlichung ist die evangelische Kirche schon lange anfällig. Ausführlich beschreibt Graf die Schichten, in denen die Konflikte zwischen einem rationalen Glaubensdiskurs und pietistischen Strömungen schon kurz nach der Reformation ausbrachen.

Immer wieder ist es den kleinbürgerlichen antiintellektuellen Bewegungen gelungen, sich innerhalb der Kirchen durchzusetzen. Ein Beispiel dafür sieht Graf in den kirchlichen Hochschulen, die ausdrücklich als gegen die universitäre Theologie gerichtete Ausbildungsstätten von den Kirchen eingerichtet wurden und unterhalten werden. Immer mehr Studenten und Studentinnen gehen dort hin und werden anstatt für das Lernen wissenschaftlicher Methoden für „spirituelle Kompetenz“ bestens benotet. Dahinter steckt die Meinung, dass es in den Predigten nicht mehr auf vernünftige Rede, sondern auf Bauchgefühle ankommt.

Moral statt Vernunft

„Wem nichts mehr einfällt, dem bleibt das Moralisieren, und darin sind die Kircheneliten besonders stark.“ Nicht nur die Eliten, ergänzt Graf an anderer Stelle. Noch in der letzten Pfarrei geht es nicht unterhalb des „Weltfriedens“ oder der „Bewahrung der Schöpfung“. Besonders beliebt seien „trinitarische Hohlformeln“ wie „Zorn, Wut und Trauer“. Entsprechend sarkastisch urteilt Graf über die zurückgetretene Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzende Margot Kässmann, die es nicht geschafft habe, zwischen sich und dem Amt zu unterscheiden und sich selbst als permanenten Event inszeniert habe.

Überhaupt die Bischöfe. Wenn man den ehemaligen Bischof von Berlin-Brandenburg und Ratsvorsitzenden der EKD, Vorgänger von Margot Kässmann, Wolfgang Huber in Talkshows sitzen sah, stach sein merkwürdiges Outfit ins Auge: nicht Anzug, nicht Talar, nicht Soutane. Wie nebenbei lüftet Graf das Geheimnis, indem er von „selbst designter Klerikalmode“ spricht. Aber er belässt es nicht bei solchen Aperçus. Immer wieder analysiert er die Widersprüche und Ungereimtheiten der kirchlichen Amts- und Würdenträger. So fragt er, weswegen diese Patientenverfügungen mit dem Argument in Frage stellen, dass niemand seinen eigenen letzten Willen vorab festlegen könne, Testamente aber und natürlich auch Eheversprechen gelten sollen.

Ein spürbarer Verlust

Umgekehrt würdigt Graf, dass die evangelischen Kirche die grossen inneren Vorbehalte gegen die moderne Gesellschaft, den demokratischen Verfahren und Institutionen im Laufe der vergangenen Jahrzehnte überwunden hat. Jedenfalls haben einige ihrer Theologen und „Funktionseliten“ mit ihren Denkschriften einen positiven Beitrag zur politischen Kultur Westdeutschlands geleistet. Und er streicht heraus, dass die friedliche Beendigung der DDR-Diktatur ohne den Anteil der Geistlichen und engagierten Christen nicht möglich gewesen wäre. Entsprechend gross ist der Verlust, den die Kirchen durch ihre eigene Marginalisierung verursachen.

Friedrich Wilhelm Graf hat in vielem recht und trifft oft buchstäblich ins Schwarze. Ob aber seine Voraussetzung, dass sich der christliche Glaube und die damit verbundenen kirchlichen Riten rational begründen lassen, zutrifft, ist eine offene Frage. Darüber würde man mit ihm sehr viel lieber diskutieren als mit der Mehrzahl derjenigen, die heute das vertreten, was noch von der Kirche übrig geblieben ist.


Friedrich Wilhelm Graf, Kirchendämmerung. Wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen, Verlag C. H. Beck 2011, 192 Seiten, SFR 17.50 (UVB)

Kommentare

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Götterdämmerung beim Kuschelgott! Die Aufgaben und Tätigkeiten der Kirchen sind unersetzlich,ausgenommen man würde diese Aufgaben auch noch dem Staat aufbürden. An Traditionen festhalten und dogmatisches beibehalten der Lehren gehört notwendiger und verständlicher Weise zur ihrer Mission. Wir kennen das ja auch von unseren Medien. Das heisst aber nicht, dass durch unzähliges wiederholen desselben etwas wahrer wird. Das sollte man wissen! Die Kirchen müssten sich stärker als bisher die Erkenntnisse der Wissenschaft zu nutze machen um in ihren Lehren die Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.Sagt doch den Menschen:"Der Sinn des Lebens besteht darin, dass ihr ihn sucht" Das wäre dann eine Lebensaufgabe die Kirchen begleiten könnten und auch dankbar angenommen würde.Die Unfähigkeit des Verzeihens durch die Ersatzvaterrolle der Polizei wäre eine Chance für Kirchenväter.Hier könnte man "Ur-menschliches" Verhalten an die Gesellschaft zurückgeben. Auge um Auge macht die ganze Welt blind...sagte Gandhi und er hat recht.Wir alle brauchen keine Konkurrenz der Autoritäten, es reicht an den beinahe Polizeistaaten in den meisten Ländern.Was wir alle brauchen ist eine Instanz die Liebe,Toleranz und Verzeihen predigt und lebt, sich aber ohne Eigennutz oder Selbstherrlichkeit den Schwachen annimmt.Unsere veschiedenen Kirchen sind durch die unsäglichen Verfehlungen der letzten Jahrhunderte selbst stark belastet. Sie hätten aber durch die Selbstleuterung der letzten Jahrzehnte die einmalige Chance eine unersetzbare Rolle in unserer Gesellschaft wiederzuerlangen.Ob Häresie, Orthodoxie oder Gnostiker jeder nach seiner Fassung. Auch Ungläubige sind Menschen und Kinder Gottes. Die Diskreditierung der Vaterrolle durch feministische Kampfbewegungen haben dazu geführt, dass Kinder und Jugendlich heute Erwachsene schlagen oder sogar totschlagen und das ohne Reue.Es wäre an der Zeit, die übermässige Marienverherrlichung und die unantastbare Mutterrolle auch einmal zu hinterfragen und Erziehung gleichberechtigt in beide Hände zu legen. Hilfestellung durch Kirchen, ein weiteres Feld und ertragreich! Gesellschaftstabus müssen aufgebrochen werden und dazu gehört Mut.Es reicht nicht,sich nur den für viele Zeitgenosse(innen) hochinteressanten Sexualpraktiken anzunehmen. Spiritualität und Mystik gehören wie viele Rituale auch dazu, solange sie nicht in Scharlatanerie abrutschen. Unsere Gesellschaft läuft den Weg der Entfremdung und gerade die Kirchen wären für viele die Möglichkeit die Selbstfindung einzuleiten, wenn sie ihre Autoritätsansprüche zurückfahren würde. Phantasie ist trotzdem wichtiger als Wissenschaft,denn Wissenschaft ist beschränkt (Albert Einstein )

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