Was das Fernsehen nicht zeigt, das gibt es nicht

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Was das Fernsehen nicht zeigt, das gibt es nicht

Von Heiner Hug, 12.08.2011

Seit jeher werden die Medien kritisiert, Ereignisse aufzubauschen. Doch Mediatisierung kann positiv sein. Dank dem Fernsehen sprudeln die Hilfsgelder für Afrika. Doch für wie lange?

Noch einmal reisst das Baby die Augen auf. Dann stirbt es vor laufender Kamera. Die Mutter drückt es an ihre Brust. Bilder, die um die Welt gehen.

Dutzende von Fernsehjournalisten sind dieser Tage am Horn von Afrika eingefallen. Zum Glück für Somalia und Kenia. Zum Glück für die Hungernden. Denn nur durch solche Bildern wird eine riesige Solidaritätslawine losgetreten.

Eine der wunderbarsten Eigenschaften des Menschen ist, dass er Mitleid empfinden kann. So wird denn gespendet und gespendet. Auch in der Schweiz. Die Glückskette hat schon bald 20 Millionen Franken zusammengetragen.

Man kann das Elend beschreiben. Doch das hat nie die Wirkung von Fernsehbildern. Erst sie gehen unter die Haut, rütteln auf und machen wütend, dass das gleiche immer wieder geschieht.

Mediatisiertes Elend zum Wohl der Elenden: Das gibt es seit dreissig Jahren. Schon damals sagten Kritiker, das Fernsehen hätte das Elend zum Happening gemacht. Vielleicht stimmt das. Doch die Hungernden, die deshalb Nahrung erhalten, kümmert solch moralisierende Medienkritik wenig.

Das Elend als Medienspektakel

Somalia hungert immer wieder. 1992 wurde das Land von einer der schlimmsten Dürre-Katastrophen heimgesucht. Zum ersten Mal wurde damals das Elend zum weltweiten Medienspektakel.

Ein Heer von Fernsehjournalisten wurden ins Land geflogen. Bei 40 Grad wurden Fernsehstudios aufgebaut. Schmink-Studios für die Star-Reporter wurden eingerichtet, Parabol-Spiegel auf Satelliten gerichtet, Kabel in der Steppe verlegt. Wegen der Hitze lief den Stars die Schminke über die Wangen. Das hinderte sie nicht, ihre Zuschauerinnen und Zuschauer aufzuwühlen. Die Fernsehstationen überboten sich mit dramatischen Bildern.

Ist eine der grossen TV-Stationen vor Ort, kommt eine zweite. Berichten aber zwei der Grossen, kommen fast alle. Christiane Amanpour, das einstige Kronjuwel von CNN, war da. Und wenn CNN berichtet, muss auch NBC berichten. Wo die New York Times ist, ist auch Le Monde. Alle werden angesteckt. Wenn die Medienspirale sich zu drehen beginnt, ist kein Halten mehr.

Es ist wie ein Sog, alle werden hineingezogen: auch die Presse, auch das Radio. Themen kriegen dann eine Eigendynamik. Je mehr die einen berichten, desto mehr berichten die andern. Kriege, Konflikte und Elend werden von den grossen Medien hochgeschaukelt. Wenn Reuters vor Ort ist, müssen auch Associated Press und Agence France Press vor Ort sein. Wenn die ganze Welt über Somalia berichtet, müssen wir es auch tun.

Hollywood in Afrika

So wurde die Welt überschwemmt mit Elend-Bildern aus Somalia. Die CNN-Leute waren die ersten vor Ort – schon vor der Ankunft der amerikanischen Hilfstruppen. Phantastische Bilder gingen um die Welt: Gewaltige Luftkissenboote tauchten auf. Im rötlichen Morgenlicht setzten sie auf den somalischen Sand. Und brachten Hilfe.

Später hat man diesen Medienzirkus beklagt. Man sprach von „Hollywood in Afrika“. Doch dieses Hollywood brachte den Hilfsbedürftigen viel Geld. Dank dieser Kampagne flossen Millionen und Millionen.

Natürlich setzen sich so auch die Helfenden ein Denkmal. Die amerikanische Regierung, die Gutes tut. Oder die UNO oder all die andern. Doch auch das kümmert die Hungernden wenig. Sie kriegen zu essen.

Es gibt Dutzende Beispiele solch mediatisierten Elends: Haiti, Darfur, die Tsunami-Katastrophe. Und viele mehr. Glück im Elend haben jene Katastrophengebiete, die als solche „entdeckt“ und mediatisiert werden. Kenia und Somalia gehören jetzt dazu. Mediatiersung kann viele Leben retten.

Doch sie hat auch Nachteile. Sie lenkt das Interesse auf ein einziges Elendsgebiet. Gehungert aber wird nicht nur dort. 1992, während der Hunger-Katastrophe in Somalia befanden wir uns im Ogaden, im südlichen Äthiopien. Dort, 50 Kilometer von der nächsten CNN-Kamera entfernt, wurde genauso gehungert und gestorben. Doch keine Fernsehstation berichtete darüber, kein Wort, kein Bild. Man hatte Somalia zum Thema deklariert. Was interessierte da Äthiopien?

Wir hatten im Ogaden gefilmt: Sterbende Leute im Sand. Drei Jahre lang hatte es dort nicht geregnet: der einzige Fluss fast ausgetrocknet. Wir sendeten den Beitrag in der Schweizer Tagesschau und boten ihn ausländischen Stationen an. Kein Interesse.“Wir haben ja Somalia“. Mehr als eine Hungersnot will man dem Zuschauer nicht zumuten.

Die meisten schwimmen auf dem grossen Strom. Alle berichten vom gleichen: Mainstream-Journalismus. Den gibt es seit je. Graham Greene berichtet über seine Journalisten-Tätigkeit in Vietnam, damals in den Fünfzigerjahren. Er bot eine Reportage über Vietnam an. Antwort: „Nicht in diesem Moment, in dem die ganze Welt nur von Korea sprechen will.“ (The Quiet American)

Alle dreieinhalb Sekunden verhungert ein Kind

Mit dem UNO-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) waren wir einst in Angola. Tief im Busch verhungerten Tausende. Das Thema war nicht „entdeckt“. Die Menschen starben – und keiner wusste es. Zynisch kann man sagen: Was das Fernsehen nicht bringt, gibt es nicht. Wo das Fernsehen filmt, wird gehungert. Wo es kein Fernsehen gibt, gibt es keine Hungersnot.

So wertvoll es ist, dass jetzt Kenia und Somalia als Hungergebiete mediatisiert werden: Man darf nicht vergessen, dass weltweit eine Milliarde Menschen hungern und sterben. Allein am Horn von Afrika leiden zwölf Millionen Menschen unter der Dürrekatastrophe.

Innerhalb eines Jahres hat weltweit die Zahl jener, die weniger als 1800 Kalorien pro Tag zu sich nehmen können, um hundert Millionen zugenommen. Ein Sechstel der Menschheit ist unterernährt. Neun Millionen Kinder sterben pro Jahr an Hunger: alle dreieinhalb Sekunden eines. Die Hälfte aller Afrikaner leben mit weniger als einem Dollar pro Tag. Sie werden von keinen Fernsehkameras gefilmt. Viele sterben unerkannt. Gehungert und gestorben wird meist im Verborgenen.

Die Mediatisierung eines Ereignisses hat Grenzen. Die Erfahrung zeigt, dass ein Elendsgebiet zwei oder höchstens drei Wochen lang die News beherrscht. Trotz Mitleid: Die Fernsehzuschauer wollen die Bilder bald nicht mehr sehen.

Die Einschaltquote der Tagesschau des Schweizer Fernsehens wird alle 30 Sekunden gemessen. So kann eruiert werden, wann das Publikum bei einem Beitrag wegzappt. Nach zwei, drei Wochen ertragen manche die Bilder ausgemergelter Kinder nicht mehr. Man fühlt sich hilflos, überfordert. Man zappt weg.

Viele Fernsehkameras werden dann eingepackt. Und dann gehen die Spendenbeiträge zurück. CNN und all die andern ziehen weiter, in ein anderes Katastrophengebiet. Und es wird weiter gehungert und gestorben.

Die Hilfe ist „intelligenter“ geworden

Was kann man tun, damit ein Elend zum Wohle der Elenden mediatisiert wird? Seit jeher denken Hilfsorganisationen darüber nach. Faustregel Nummer eins: Je näher ein Elend liegt, desto mehr ist man betroffen. Nach dem Erdbeben auf Haiti spendeten die Amerikaner massenweise. Nach dem riesigen Hochwasser im fernen Pakistan wurde kaum geholfen. Faustregel Nummer zwei: Man muss sich auf ein Elendsgebiet konzentrieren. Für mehrere, verschiedene Hungersnöte kann nicht gleichzeitig gebettelt werden.

Gespendet wird vor allem für einzelne, klar bestimmte Katastrophen für Notfälle, wie jetzt für Somalia. Weniger Geld hingegen fliesst für langfristige Projekte.

Doch gerade eine vorbeugende, längerfristige Hilfe wäre sinnvoll. Das wäre dann keine Katastrophenhilfe mehr, sondern Entwicklungshilfe. Dank ihr können – vorbeugend – Katastrophen verhindert werden.

Die Frage ist hypothetisch: Wenn all das viele Geld, das jetzt glücklicherweise für die Hungernden gespendet wird, schon vor zwei Jahren gespendet worden wäre – hätte dann die jetzige Hungerkatastrophe vermieden werden können?

Vielleicht. Doch das meiste Geld wird eben erst gespendet, wenn die Katastrophe schon da ist. Das Problem ist erkannt, die Hilfe ist längst „intelligenter“ geworden. So fördert auch die Glückskette und ihre neun Partnerhilfswerke – neben der Nothilfe – längerfristige Aufbauprojekte. Da werden zum Beispiel Brunnen gegraben, Wasserspeicher gebaut, Röhren verlegt. Zusätzlich wird die Aufzucht von Tieren gefördert. Die Partnerhilfswerke der Glückskette haben ihren Einsatz bis ins Detail koordiniert.

Der Kampf gegen den Hunger ist ein Kampf gegen Windmühlen. In westlichen Ländern hat sich eine Art Gleichgültigkeit breitgemacht. Hilfswerke betonen, dass im Gegensatz zu früher, der Hunger in der öffentlichen Diskussion nur noch ein Nebenthema ist. Bestätigt wird das durch das Ergebnis des „Hungergipfels“ der FAO, der UNO-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation. Sie will die Zahl der Hungernden bis 2015 halbieren. Doch am letzten Hungergipfel in Rom hat kaum jemand konkrete finanzielle Unterstützung zugesagt.

Glücklich, die mediatisierten Somalier, die in ein Hilfscamp fliehen konnten. Noch ist die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika ein mediatisiertes Top-Thema, noch fliessen die Spendengelder in Strömen. Und was geschieht im Herbst?

Kommentare

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Und was geschieht im Herbst? Im Herbst wird man weiter mit mexikanischem Mais autofahren und an Chicagos Rohstoffbörsen die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe treiben. Im Herbst wird man sich zurückbesinnen an die 1,7 Tonnen Beruhigungsmittel die allein in Deutschland pro Jahr verkauft werden oder auch an die Bulimiekranken...1,4 Millionen Kinder sind dort jedes 5.te also betroffen. Von Ritalinzapplern gar nicht zu reden. Schöne neue Wirklichkeit. Lebensmittelkatastophen und Dürren wären gut und einfach zu besiegen, Lethargieker aber niemals.....Weil die Informationsflut immer neue schafft! Medusen oder eher janusköpfige V E R B R A U C H E R denen der Bezug zu den Realitäten des Daseins abhanden gekommen ist. Noch einen Franken für die armen Negerlein und wir sind von aller Schuld erlöst....übrigens wo ist das nächste Einkaufzentrum?

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