Warum beben wir nicht vor Spannung?

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Warum beben wir nicht vor Spannung?

Von Géraldine Schmidt, 21.09.2010

Der Aufmacher der Tagesschau: Bundesratswahlen. Und am nächsten Abend: Bundesratswahlen. Und so weiter. Und dann plötzlich: Amoklauf in Lörrach. Zynisch sein darf man nicht. Es ist schlecht, dass so etwas statt der Bundesratswahlen als Aufmacher herhalten muss.

Es ist auch nicht so, dass Bundesratswahlen zum Gähnen sind. Jedes mittelmässige Unternehmen macht aus der Wahl des CEO oder des VR-Präsidiums eine Riesengeschichte. Die Wahl in die schweizerische Landesregierung ist tatsächlich eminent wichtig.

Resistenz

Warum also bebt die Leserin, der Leser nicht vor Spannung, zieht sich gierig jede Silbe zu den Bundesratswahlen herein, will keine Sekunde zum Thema verpassen? Es gibt verschiedene Antworten auf diese Frage, die, soviel ich weiss, nie gestellt wird. Auch das ein Phänomen, das zu analysieren sich zweifellos lohnt.

Erste Antwort: Vielleicht interessiert das allmählich nicht mehr brennend, weil nur plötzliche Abschiede spannend sind. Mit den frei werdenden Bundesratssitzen ist es nun halt so wie mit den Abschieden in der Oper: 19 Minuten lang bricht der Protagonistin das Herz, bevor die Stimme Nämliches tut. MerzSchmerz, HerzSchmerz, Leuenbergers Abschied auch eindrucksvoll inszeniert, kein Wunder, der Mann ist ja auf Du und Du mit der gesamten erweiterten Kulturszene, da wird schon jemand beratend geholfen haben.

Also: Das Interesse sinkt mit steigender Themenpräsenz. In der Medizin nennt man das Resistenz.

"Vom Parlament irrtümlich demokratisch entsorgt"

Zweite Antwort: Weil man die mögliche Nachfolgerin, den möglichen Nachfolger von Leuenberger und Merz gut kennt, weil man sie schon so oft im Wohnzimmer hatte. Man weiss, wie sie sprechen, wie sie sich anziehen, wie sie sich bewegen, dass sie Vegetarier oder Konzertpianistin sind, fabelhaft Französisch sprechen (Ostschweizer haben es hier eh etwas leichter als, sagen wir, na ja, andere. Von Furgler auf Französisch konnte man kaum genug bekommen) oder wandern, was das Zeug hält, dass sie ehr- und redlich sind, immer auch das entsprechende Fähnlein vor sich hertragen, endlich einmal einer, übrigens, der aus dem Chifelhaufen, wie das immer wieder rapportiert wird, seit der allerbeste aller Bundesräte, vergangener, gegenwärtiger und auch künftiger (obligatorischer Nachsatz des aufrechten Parteisoldaten), vom Parlament irrtümlicherweise demokratisch entsorgt wurde, der also aus diesem Trüpplein sieben Aufrechte machen will.

Entspannte Erwartung

Man kennt sie. Gut, es gibt mehr als vier Kandidierende. Und gerade sie bieten milde Überraschung. Frau Fehr scheint über taktisch echt gute Weitsicht zu verfügen, indem sie ihr Haarrot früh genug gegen distinguiertes Grau tauschte, mit Blick auf Stimmen der rotallergischen Parlamentsmitglieder. Herr Rime schliesslich überrascht durch seine schiere Existenz. Herr Rime ist, auch bei näherem Hinsehen, kein Kaninchen und seine Partei kein Zylinder. Das ist schon erstaunlich.

Und trotzdem fiebert das Volk dem Mittwoch nicht entgegen, man ist in entspannter Erwartung.

Wie heisst es? Gottes Ratschluss ist unergründlich. Und wie heisst es auch: Vox populi, vox dei. Volkes Stimme, Gottes Stimme. Unergründlich eben. Wenn der neue Novartis-CEO oder die neue Stadtpräsidentin von Neuenburg gewählt wird, steigt die Spannung. Das ist dann interessant - das schon.

Wie klein und erbärmlich kommt man sich vor, wenn man die Majestät einer Symphonie erlebt, wenn man die ganze Urgewalt fühlt, die das Wort Musik als Begriff in sich trägt.

Fritz Wunderlich, deutscher Tenor, geboren heute vor 90 Jahren (gestorben 1966)
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