„Want to go Disney, one ticket please!“

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„Want to go Disney, one ticket please!“

Von Michael Lang, 25.04.2021

Mit „Los Lobos“ gelingt Samuel Kishi Leopo ein ernsthafter, aber von Leichtigkeit durchwirkter autobiographischer Spielfilm über eine Mutter, die mit zwei Buben aus Mexiko in die USA einwandert.

Eine wüstenartige Landschaft im sonnigen Morgenlicht zieht vorüber. Es sind atmosphärisch dichte Bilder von leicht melancholischer Anmutung zum Einstieg ins aussergewöhnliche Einwandererdrama „Los Lobos“ (Die Wölfe) des US-Regisseurs und -Autors mexikanischer Herkunft, Samuel Kishi Leopo (*1984).

Hauptschauplatz der Handlung ist Albuquerque, die grösste Stadt des US-Bundesstaates New Mexico. Etliche Jahre vor der Jetztzeit erreichen Lucía (Martha Reyes Arias) und ihre Buben, der etwa achtjährige Max und der jüngere Leo (fein dargestellt vom Brüderpaar Maximiliano und Leonardo Nájar Márquez) ihr Reiseziel. Sie sind mit leichtem Gepäck unterwegs, wie auf einem Ausflugstrip. So fällt nicht auf, dass es um mehr geht: Mutter Lucía hat sich nämlich entschlossen, ihre Heimat Mexiko zu verlassen, so wie Abertausende, um in den USA ein neues Leben zu beginnen. Was im prosaischen Klartext meint: Anfangen bei null!

Persönliche Erfahrungen als Basis 

Der Plot fusst auf persönlichen Erfahrungen des in Mexiko geborenen Filmemachers. An der Schwelle zu den 1990er-Jahren übersiedelte er als Fünfjähriger mit der Mutter und dem dreijährigen Bruder ebenfalls ins vermeintlich gelobte Amerika, nach Santa Ana in Kalifornien. Weil sich die Gegend dort seither enorm verändert hat, für Filmproduktionen mit kleinen Budgets längst zu teuer geworden ist, entschied man sich für Albuquerque als Hauptschauplatz.

Gedreht wurde 2019, mitten in der Amtszeit von Präsident Donald Trump. Der hatte sein nationalistisches „America First“-Wahl- und Regierungsprogramm eng mit der heiklen Problematik um illegale Einwanderinnen und Einwanderer aus dem Nachbarland Mexico verknüpft. Er stilisierte sie zum Feindbild hoch, riegelte die Grenzregion partiell hermetisch ab, verstärkte Grenzschutz- und Einreiseprozeduren drastisch.

Im Film ist davon nichts zu sehen. Warum? Kishi Samuel Leopo in einem Interview: „Obwohl in unserer kollektiven Vorstellung die Bilder (…) von riskanten Flussüberquerungen dominieren, gibt es an einigen Stellen immer noch Wege, um die Grenze einfacher zu überwinden. Und sehr viele Menschen kommen dort durch. Besonders die Leute aus den Grenzregionen kennen die Schlupflöcher und Fallen, die Momente und Unzeiten, wo man passieren kann oder nicht.“

Eine Mutter, „streetwise“ und fokussiert

Darin kennt sich Lucía aus, eine gepflegte Person mit ebensolchen Buben, die sie mit herber Zärtlichkeit „Wölfchen“ nennt. Das Publikum ist vom ersten Moment an fast hautnah beim Trio in Albuquerque, wo der harte Alltag in der sogenannten „War Zone“ beginnt. In der, so Leopo, Leute mit ihren Arbeitslosenchecks Essen und Drogen kaufen, um sich dann zwei Wochen in ihre Unterkünfte zurückzuziehen. Und erst wieder auftauchen, wenn neues Geld da ist. Und: „Es ist ein Alltag mit vielen Drogen und viel Einsamkeit. (…) Ich habe das Viertel als einen aggressiven, aber paradoxerweise auch herzlichen Ort kennengelernt.“

Im Film ist davon aus dramaturgischen Gründen nicht sofort etwas zu spüren. Erst muss Lucía eine feste Bleibe finden, was kein Schleck ist. Potenzielle Vermieter wissen, dass die Bittsteller keine gültigen Papiere haben und rechtlich ungeschützt sind. Darum werden für schäbigste Unterkünfte Wuchermieten verlangt. Lucía – die sehr „streetwise“ und alles andere als bildungsfern wirkt und auf Problemlösungen fokussiert ist – entscheidet sich für eine total versiffte Einzimmerwohnung. Sie befindet sich in einem maroden Bungalow, der einem älteren Paar aus China gehört. Die Changs sind zwar schrullig, doch Lucía spürt intuitiv, dass sie ihr und vor allen den Buben nicht feindselig gesinnt sind. Als der Miet-Deal steht, macht sich die Mutter ans Grossreinemachen. Da kaum Mobiliar vorhanden ist, sind smarte Ideen und Improvisationsvermögen gefragt, damit aus dem Dreckloch nach und nach ein wohnliches Zuhause wird. 

Von Optimismus angetrieben

Lucía nimmt zwei Jobs an, in einer Wäscherei und in einem Lager. Die Buben müssen tagsüber zuhause bleiben, eine Möglichkeit für einen Hortplatz gibt es nicht. Damit das klappt, hat Mama eine Liste mit sieben Regeln vorbereitet, an die sich die Jungs zu halten haben: „Nie das Haus verlassen“ oder „nie ohne Schuhe über den dreckigen Teppich laufen“ und so weiter. Die Regeln sind auf einer Tonband-Kassette festgehalten, die auf einem angejahrten portablen Rekorder abgespielt werden kann. Das alles lässt sich gut an, obwohl die Buben auf Tüchern am Boden nächtigen und die Mama ab und an in der Badewanne, wenn sie erst spätabends erschöpft nach Hause kommt.

Samuel Kishi Leopo hat sich skriptmässig nicht nur von Erinnerungen an die eigene Kindheit inspirieren lassen. Sondern auch vom vielgelobten Auswanderer-Roman der mexikanischen Autorin Valeria Luiselli, „Archiv der verlorenen Kinder“ (2019). Er sagt dazu: „Die Autorin vermeidet jedes Klischee und obwohl sie zu einer privilegierteren Schicht gehört, fühlt sie sich dieser Gemeinschaft der Migranten zugehörig und begreift ihr Drama vollständig. Es ist eine Übung in Empathie.“ 

In diesem Sinn ist „Los Lobos“ angelegt, weitgehend als Kammerspiel in engen Innenräumen, doch stets bestrebt, den Blick nach aussen zu suchen, von einem kindlichen, feinsinnigen und unschuldigen Optimismus angetrieben, der klaustrophobische Ängste vertreibt. 

Ninja-Helden und der Traum von Disneyland

Max und Leo beschäftigen sich gerne mit Fantasyfiguren; ihre Alter-Ego-Heroen sind die «Ninja»-Wölfe. Zum Rollenspiel gehört auch das Skizzieren von Figuren an den Wänden (die Leopo ab und an in kurze Animationsfilmchen verwandelt). Und natürlich kommt der erwähnte Kassettenplayer oft zum Einsatz. Es gibt auch Bänder, mit denen das englische Alphabet oder die Zahlenreihe von eins bis zehn geübt werden kann. Oder mit der Stimme eines Grossvaters, der in Mexiko geblieben ist.

Leo ist zwar noch zu klein, um die existenzielle Tragweite der Situation zu durchschauen. Aber er ist aufmerksam und orientiert sich am grossen Bruder. Der zeigt ihm beispielsweise, wie man sich die Schuhe bindet. Und erklärt ihm, warum es wichtig ist, den rätselhaften Satz „Want to go Disney, one ticket please!“ verständlich zu artikulieren. Um gerüstet zu sein nämlich, wenn die Mutter ihr Versprechen einlösen würde, mit ihnen nach Disneyland zu fahren, dem Sehnsuchtsort und Schlaraffenland. Schliesslich war das mütterliche Angebot für Max und Leo ausschlaggebend dafür, sie freiwillig in die USA zu begleiten.

Vorderhand müssen sich die neugierigen Jungs noch gedulden und in der engen Wohnung ausharren. Das wird mit jedem Tag schwieriger, weil andere Kinder vor dem Haus Fussball spielen und sich wundern, dass sich die Zuzüger an der Scheibe die Nasen plattdrücken, aber trotz Zurufen nicht ins Freie kommen, um mitzuspielen. Das ändert sich, als Max ohne Leo einen Streifzug durchs Quartier wagt. Bald trifft er Gleichaltrige bei einem Abfallplatz, beteiligt sich an Mutproben, wird sofort akzeptiert. 

Faszinierend, wie Samuel Kishi Leopo Begebenheiten rund um die jungen Protagonisten in die Handlung einzuweben weiss: Als einmal draussen ein Streit tobt, imitieren die Buben den vulgären Dialog auf Englisch, obwohl sie kaum etwas verstehen. Und Leo, der das Liebesstöhnen eines Pärchens mitbekommt, berichtet dem Bruder, er habe gehört, wie „ein Monster ein Mädchen aufgefressen“ habe. 

„Wäre es nicht besser, wieder nach Hause zu gehen?“

Bald dringt die Aussenwelt stärker in die „Huit-clos“-Stimmung. Unerwartet kommen Max’ Kollegen mit ein paar frechen Teenagern auf Stippvisite und hinterlassen in der Wohnung Spuren. Das bleibt Lucía nicht verborgen und als sie zudem feststellt, dass die Box mit allem Ersparten verschwunden ist, spitzt sich die Gefühlslage zu. Mama ist wütend, verzweifelt, hegt aber keinen handfesten Groll gegen die Buben. Die erkennen auch so, dass per sofort die Gürtel noch enger geschnallt werden müssen. Und dass mit dem Plausch im Disneyland weiterhin kaum zu rechnen ist. 

Was Wunder, dass der kleine Leo die Frage stellt: „Wäre es nicht besser, wieder nach Hause zu gehen?“. Ein weiteres exzellentes Beispiel für die stupende Erzählphilosophie, die „Los Lobos“ auszeichnet, weil sie sich an der Erkenntnis orientiert, dass Kindern die Fähigkeit eigen ist, das zu sehen, was Erwachsene übersehen. 

„Los Lobos“ ist ernsthaft, aber von einer entspannten, befreiten Luftigkeit durchwirkt. Weil er anstelle von effekthascherischer Action oder larmoyantem Sozialkitsch auf sinnhaltige emotionale Zwischentöne setzt. Und dadurch aufzeigt, was Aussenseiterstatus und Existenzangst mit denen machen, die sich, wenn Gewalt keine Option ist, nicht wehren können. 

„Heult, kleine Wölfe …“

Als auch die couragierte Lucía konstatiert, dass sie es allein nicht mehr schafft, sucht sie den Kontakt zur Vermieterin Madam Chang, die mit ihrem kauzigen Ehemann auch eine fremdgebliebene Einwanderin ist. Die Frauen tauschen sich aus, was den Buben umgehend neue Perspektiven eröffnet. Bei den Changs erhalten sie gewitzte Einblick in die asiatische Lebenskultur und lernen ein paar Tricks, wie man beim traditionellen Rundgang an Halloween ganz viele Süssigkeiten einheimsen kann. Dass dabei noch ein paar fast schon märchenhafte „Wunder“ geschehen und der Traum „Want to go Disney, one ticket please!“ neu befeuert wird, sei auch erwähnt.

„Los Lobos“ setzt mit seiner schlichten Machart das Prinzip Hoffnung mit augenzwinkernder Poesie ins Recht. Und verdeutlicht, was die kernige Lucía mit dem Motto „Heult, kleine Wölfe, heult, denn eure Herzen sind erfüllt von Liebe, die noch immer wild ist“ ihren Söhnen mitgeben will: Schafft Raum für Zuversicht, Selbstbewusstsein, Solidarität – und haltet euch an die Regel Nummer 7, die da lautet: „Vergesst nicht, euch nach einem Streit zu umarmen“. Wissend, dass ein Miteinander eng damit zusammenhängt, dass niemand der eigenen Verzweiflung erliegt.

Notabene: „Los Lobos“ verweist mit den harschen Realitäten der aktuell anhaltenden pandemischen Ausnahmezeit vor Augen indirekt auch auf Themen, die der Filmautor so nicht vorausahnen konnte: „Abstandhalten“, „Ausgangssperre“, „Homeschooling“. Da lohnt sich genaues Hinsehen und Zuhören also erst recht.

Fotos: Trigon-Film

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