Wa-, Wa-, Wachstum!

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Wa-, Wa-, Wachstum!

Von René Zeyer, 18.10.2012

Krise? Wachstum! Schulden? Wachstum. Rettung für Griechenland? Wachstum. 25 Prozent Arbeitslose? Wachstum! Wie soll das funktionieren?

Griechenland zum Beispiel geht es zurzeit nicht wirklich gut. Niemand leiht dem Staat mehr Geld (ausser, ungefragt, der Euro-Steuerzahler). Das Land befindet sich seit Jahren in einer Rezession. Der Staat spart, die Arbeitslosenzahlen steigen, alle angepeilten Defizitziele werden regelmässig verfehlt. Die letzte Finanzhilfe ist immer die vorletzte. Üble Sache. Aber es gibt Hoffnung: Ab 2020 wird alles wieder gut. Warum? Darum.

Leere Versprechen

Religion verspricht das Paradies im Jenseits, als Kompensation für ein beladenes und mühseliges Leben im Diesseits. Wer’s glaubt, wird selig. Eurokraten und ihre willfährigen Pseudowirtschaftswissenschaftler versprechen, dass man nur an den Erfolg der Fortsetzung ihrer Finanzpolitik glauben müsse. Wer meint, die Realität beweise, dass es von Monat zu Monat nur schlimmer werde, täusche sich. Das sei das Tal der Tränen, das durchschritten werden muss. Bis 2013. Nein, bis 2015. Nein, bis 2020. Dann kommt der Aufschwung, Konjunktur, Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung, Rückzahlung der Schulden. Nur noch ein wenig Geduld.

Hand aufs Herz

Was braucht es für einen Wirtschaftsaufschwung? Investitionen, Rechtssicherheit und Vertrauen. Hand aufs Herz, wer würde heute in Griechenland, in Spanien, in Italien investieren? Im Gegenteil, in den letzten 12 Monaten zogen laut dem Internationalen Währungsfonds private Investoren aus Spanien 296 Milliarden und aus Italien 235 Milliarden Euro ab. Sie fürchten unter anderem, dass ihnen wie im Fall Griechenlands ein erzwungener «freiwilliger» Schuldenschnitt ihr Geld enteignen könnte. Und woher soll Vertrauen in einen wirtschaftlichen Standort kommen, der sich in Rezession befindet? Verständlich, dass sich Coca-Cola, die unter dem Ramsch-Rating für Griechenland bei eigenen Kreditaufnahmen leidet, aus dem Land zurückzieht.

Der lange Zyklus

In Zockercasinos entscheidet sich Gewinn oder Verlust einer Wette in Sekunden, Minuten, Tagen. Die Investition in eine wertschöpfende Produktion unterliegt nach normaler Payback-Rechnung einem Zeitraum von mindestens 5 Jahren. Umso unsicherer die Zukunftsaussichten in diesem Zyklus sind, umso zögerlicher wird investiert. Gibt es den Euro in 5 Jahren noch? Welchen Wert wird er dann haben? Gibt es Nachfrage? Muss der Investor mit Enteignung, neuen Rahmenbedingungen, Zusatzsteuern, anderen Gesetzen rechnen? Bleibt der Staat, die soziale Ordnung stabil? Wird die Infrastruktur weiter unterhalten? Gibt es Strom, Transport, ein funktionierendes Sozialsystem? Kann es zu Streiks, Unruhen, Faustrecht, Aufständen kommen? Wer kann da heute in Bezug auf Griechenland, Spanien, Italien optimistisch sein?

Die Renditenfalle

Geld ist flüchtig und beweglich. Geldgeschäfte funktionieren schnell. Falls ein neues Risiko auftaucht, ist die Verlagerung auch grosser Summen mit ein paar Tastenklicks erledigt. Investitionen in die wertschöpfende Produktion können nicht von einem Tag auf den anderen abgezogen werden. Gebäude, Maschinen, Arbeitskräfte können nicht mit ein paar Tastenklicks von A nach B verlagert werden. Umso weniger Vertrauen ein Investor in die Stabilität der Rahmenbedingungen hat, umso mehr Risikoprämie möchte er haben. Aber wie soll er auf eine zukünftige und hohe Rendite vertrauen können, wenn die Zinsen durch die EZB runtermanipuliert, das Marktumfeld seiner potenziellen Investition aschgrau, die Stabilität des Staates fraglich und die Rechtssicherheit ungewiss ist?

Die Rahmenbedingung

Die Funktion eines Staates, der Regierung, sollte sein: Wir garantieren die Rahmenbedingungen für das Wohlergehen unserer Bürger. Halten die Infrastruktur in Schuss, kümmern uns um Ausbildung, Gesundheit, Vorsorge und Rechtssicherheit. Und handeln im Interesse unseres Volks, das seine allfällige Unzufriedenheit mit dem Stimmzettel zum Ausdruck bringen kann. Ist in der EU eine einzige dieser fundamentalen und notwendigen Voraussetzungen für die Legitimierung staatlicher Macht erfüllt? Eine einzige? Entscheidungsbefugnis muss mit Haftbarkeit und Verantwortlichkeit einhergehen. Das unterscheidet eine Demokratie von einer Diktatur.

Griechenland wird’s vorexerzieren

Innerhalb der heute existierenden Entscheidungsstrukturen wird das Schlamassel, das die Eurokraten angerichtet haben, nicht zu lösen sein, ich wiederhole mich. In Griechenland, das am nächsten am Abgrund steht, ist wohl, wäre nicht das erste Mal, eine Militärdiktatur die am wenigsten schlechte Alternative zu Hungermärschen, Aufruhr, Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung, rechtsfreien Räumen, Faustrecht und marodierenden Banden sowie Clanbildung mit kleinen Herrschaftsbereichen. Spanien und Italien müssen auch nicht weit in die Geschichte zurückschauen, um sich an Ähnliches zu erinnern.

Und Deutschland?

Es ist eine Frechheit sondergleichen, dass die Repräsentantin des Zahlmeisters Deutschland in Griechenland mit Hakenkreuzen, absurden Vergleichen mit dem Dritten Reich und Schmähungen empfangen wurde. Nur weil sie die Einhaltung fester und klarer Versprechungen sowie gültiger Verträge einfordert. Es ist hingegen richtig, dass Merkel mit dem von ihr durchgestierten erzwungenen «freiwilligen» Schuldenschnitt einen sehr grossen Sargnagel in Griechenland eingeschlagen hat. Würde sie aber die Hilfszahlungen einstellen, gingen dort im wahrsten Sinne des Wortes sofort die Lichter aus und müssten Carepakete auf den Weg gebracht werden. Aber per Express. Wenn in Griechenland die Post noch funktioniert ...

Kommentare

Solange man in denselben Denksystemen die Probleme zu lösen versucht, welche diese verursacht haben wird die Bredouille nicht lösbar sein. Wir hatten schon Diktaturen in jeder Form. Kapitalistische, kommunistische, sozialistische, wobei sich hinter jeder letztlich der nackte Raubtierkapitalismus zeigte - egal ob er nun seinen Herrschaftssitz als Datscha oder Villa bezeichnete! Also was solls? Man kann den heutigen Grenzgang am Rande des globalen Wirtschaftskollaps nicht mehr mit den altbekannten Regierungsformen verhindern, welche allesamt schon versagt haben. Aber wer hat denn schon wirklich neue Ideen und den Mut diese auch zu outen? Und falls doch - werden sie nicht ernst genommen. Viel lieber wird sinnlos im alten Schema weitergekaspert - es füllt die Privatschatulle halt besser, als wenn man sich allzu weit für menschenfreundlichere Alternativen aus dem Fenster hängt! Also: Lieber grössenwahnsinnig und verantwortungslos auf Spesen lügen bis es knallt. Die üblichen Kollateralschäden werden grosszügig in Kauf genommen und irgendwer wird die Sauerei dann schon aufräumen - irgendwer hat das schliesslich immer gemacht!

Mir gehen diese sich wichtigmachenden alten Gestalten, die mit viel Egogepluster immer dieselbe Leier von sich geben, um zu verbergen das sie schon lange nicht mehr weiterwissen, extrem auf den Geist. Und die jungen Karrieristen die in ihrem Kielwasser paddeln und beflissen alles nachplappern ebenso. Die heutige Katastrophe ist im Karriereweg zu den Spitzenpositionen in diesem System implantiert! Wer nach oben will muss sich dazu verpflichten dieselben Fehler zu begehen, wie die welche schon oben sind - bzw. diese gutzuheissen, sie zu verteidigen und schönzureden, sonst kommt kein Aufstiegswilliger auch nur eine Sprosse höher auf der Leiter in den Karrierehimmel, weil ihm der benötigte Support auf seinem Weg nach oben nicht zuteil wird, wenn er sich nicht entsprechend verpflichtet! So ist das und so war das schon immer! Wie also sollen auf diesem Globus jemals wirklich menschengerechte politische und wirtschaftliche Systeme eingerichtet werden können? Solange die alte "Profit heiligt jedes Mittel-Philosophie" vorherrscht: NIE! Und wohlgemerkt: Dieser Philosophie hängen alle an. Von Linkaussen bis Rechtsaussen! Aber hinter der wirtschaftlichen und politischen Katastrophe stecken die menschlichen Schicksale. Die Suizidraten steigen. Es gibt immer mehr Menschen die mit dem grauenhaften Druck und der Angst vor der Armut nicht mehr umgehen können - während die Spekulanten weiter Roulettespielen und die von Lobbyisten umschwirrten Politiker sich in ihren eingebildeten Prioritäten verstricken und versagen. Das sich entwickelnde menschliche Drama wird je länger je mehr in den Vordergrung treten und sich als brutale Realität innerhalb der auseinanderbrechenden Gesellschaften entladen und das blutleere Geschwafel der gutbezahlten Theoretiker als das entlarven was es ist: Heisse Luft hinter der sich die Bereitschaft verbirgt, die explodierenden Bürger, die ihre zugrundegerichteten, bankrotten Staaten und Banken nicht mehr mit ihrem bisschen Lohn finanzieren wollen, direkt anzugreifen falls diese sich gegen die selbsternannten Autoriäten erheben und ihre tatsächlichen Rechte einfordern wollen. Ein Witz, wie sich die Geschichte wiederholt! Und ein Rabenschwarzer dazu, wenn man an all' das Blut denkt, dass im Namen der Profite von wem auch immer wieder fliessen wird.

Der Abfüllbetrieb von Coca-Cola zieht sich nicht aus Griechenland zurück, die Betriebsstätte bleibt bestehen aber die Holding wird verlegt. . Woher will der Autor wissen, ob eine griechische Militärjunta wirklich in der Lage wäre, es besser zu machen??

Immer wieder lese ich von reichen Gasvorkommen vor der griechischen Küste und neuerdings sogar von drei Goldminen in Griechenland von denen interessierte Investoren behaupten, sie würden in drei Jahren GR zum grössten Goldproduzenten in EU machen????? Die Gerüchte halten sich hartnäckig. Es wird wohl was dran sein. So im Elend kann GR also nicht sein. Oder sind gar diese "Rohstoffvorkommen" der Grund für das ganze Affentheater? Setzt man GR unter Druck weil es diesen Reichtum nicht preisgeben will? In einer Zeit in der sich sog. Verschwörungstheorien je länger je mehr als durchaus nahe an der Praxis herausstellen, kann man schon mal einen Gedanken dazu investieren.

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