Vor dem grossen Kassensturz

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Vor dem grossen Kassensturz

Von René Zeyer, 19.06.2011

Ungeheuerlich, aber wahr: Zum zweiten Mal in wenigen Jahren privatisieren Grossbanken Gewinne und sozialisieren Verluste. Und die Politiker der Euro-Zone lassen sich wieder als Hampelmänner vorführen.

Blenden wir zwei Jahre zurück. Da konnte sich jede beliebige Grossbank zu einem läppischen Zinssatz von einem Prozent Geld von der Europäischen Zentralbank (EZB) leihen. Und mit einem Tastenklick in griechische Staatsanleihen zu fünf Prozent investieren. Ein Deal ganz nach dem Geschmack der Banker: Kein Aufwand, null Risiko, garantierter Gewinn ohne die geringste Eigenleistung. Wem diese Lizenz zum Gelddrucken nicht genügte, der konnte sogar ein Karussell bauen: Die bestens bewerteten Staatsanleihen als Sicherheit hinterlegen und mit dem dafür geliehenen Gratis-Geld scharfe Zockerspielchen auf den internationalen Finanzmärkten betreiben.

Es geht noch besser

Als sich die ersten dunklen Wolken am Finanzhorizont Griechenlands abzeichneten, verdienten sich die Banken zusätzlich dumm und krumm, indem sie, beispielsweise mit CDS, eine Kreditausfallversicherung, auf den Untergang der Papiere wetteten, in die sie selbst investiert waren. Ach, und zudem konnte man sich eine goldene Nase verdienen, indem man die griechische Regierung dabei beriet, mit welchen Bilanztricks sie ihre Papierchen weiterhin als sicher und bestens bewertet auf den Markt werfen konnte. Schliesslich sind Banken und Rating-Agenturen spätestens seit dem Verkauf von AAA-bewerteten Hypothekarschrott-Papieren gute Kumpels. Logisch, dass man sich dabei als hilfreicher Verkäufer im Dienste Griechenlands gleich nochmal satte Provisionen, Kommissionen, Ausgabeaufschläge und so weiter reinpfiff. Die Bankpaläste in Frankfurt und Paris und auch anderswo müssen leise gezittert haben, so schallend wurde in ihnen gelacht, während die Champagnerkorken knallten.

Idiotenspiel

Natürlich war schon damals allen klar, dass auch diese Blase, wie alle vor ihr, früher oder später platzen wird. Aber gewitzt durch die Erfahrungen aus dem grössten Bankraub aller Zeiten, auch bekannt als Finanzkrise 2008, wussten die Bangster, dass ihnen nichts passieren kann. Mit der abgeklärten Routine eines Wiederholungstäters hoben die Bosse der Grossbanken warnend den Zeigefinger, als sich immer klarer abzuzeichnen begann, dass Griechenland seine Staatsschulden nie und nimmer begleichen kann. Das machte sich zunächst schmerzhaft dadurch bemerkbar, dass Griechen-Bonds im Rating heruntergestuft wurden. Was bedeutete, dass die Banken nachschusspflichtig wurden, wenn sie solche Papiere als Sicherheiten hinterlegt hatten. Normales Künstlerpech eigentlich, kein Gewinn ohne Risiko, dumm gelaufen. Wer einen Extrabatzen Zinsen kassiert, muss halt damit rechnen, dass der Schuldner auch Pleite gehen kann und danach der Gläubiger auch. Aber diese marktwirtschaftlichen Grundprinzipien gelten ja spätestens seit der letzten Finanzkrise nicht mehr für Grossbanken. Also zogen sie die bewährte Nummer zum zweiten Mal ab. Ich nenne das «sucker’s game», das Idiotenspiel. Und nein, die Bangster sind nicht die Idioten.

Hilfe, uns fliegt das Dach weg

Daher wurden deutsche und französische Grossbankenchefs bei ihren Regierungen vorstellig und erklärten: Ihr habt nur zwei Optionen. Entweder schnürt ihr ein Rettungspaket für uns Grossbanken oder eins für Griechenland. Wenn wir da raten dürfen, besser für Griechenland, denn eine neuerliche Bankenhilfe käme in der Öffentlichkeit vielleicht nicht so gut an. Aber wenn ihr das nicht macht, dann sind entweder wir Banken oder die Hellenen pleite oder sogar alle beide, und das ist ja bekanntlich der Weltuntergang, das einzige, was niemals passieren darf. Die Politiker zeterten etwas rum, weder das eine noch das andere sei möglich: eine neuerliche Bankenrettung dem Wähler nicht vermittelbar und eine Griechenland-Rettung ohne Rechtsbruch und Verstoss gegen grundlegende EU-Richtlinien ausgeschlossen. Die Banker konnten nur mit Mühe ein Grinsen unterdrücken, tätschelten den Regierungsmitgliedern aufmunternd den Rücken und erinnerten an den europäischen Gedanken, an die Möglichkeit eines übergesetzlichen Notstandes und an den weisen Satz, dass unvorhersehbare Situationen unvorhersehbare Massnahmen erfordern. Auf der Rückfahrt von solchen Besprechungen müssen zuerst die gepanzerten Limousinen der Bangster und anschliessend ihre Bankpaläste wieder leise gezittert haben, so schallend wurde gelacht.

Ist es nur Dummheit?

Also begab es sich, dass bis Anfang 2010 sämtliche griechischen Staatspapiere in privater Hand waren, bei Anlegern, Hedgefonds und Banken deponiert. Um anschliessend sukzessive in öffentliche Hand überzugehen. Da liegen wir inzwischen bei über einem Viertel, Tendenz rasant steigend. Mit ironischem Grinsen reagieren die Banker heute auf hilflose Versuche einzelner Politiker, sie wenigstens auf freiwilliger Basis am Aufräumen dieses Desasters zu beteiligen. Das gehe natürlich gar nicht, sagen da die Bankbosse, sie müssten schliesslich die Interessen ihrer Besitzer, also ihrer Aktionäre, wahren, ausgeschlossen, sorry. Und die EZB, die ja nach dem Sündenfall der Übernahme von absaufenden Staatspapieren eines EU-Mitgliedslandes auch keinen Ruf mehr zu verlieren hat, stimmt dem noch aus voller Kehle zu. Man könnte da leicht zum Verschwörungstheoretiker werden, wenn man die banale, wie wohl richtige Schlussfolgerung, dass das alles nur ein Ausdruck ungeheuerlicher Dummheit der Politiker ist, nicht akzeptieren will.

Sind eigentlich die Griechen selber schuld?

Natürlich hat der griechische Staat geschummelt, getrickst und, lustig in diesem Zusammenhang, getürkt. Aber: Wer sich von einem Schlawiner einen Schuldschein andrehen lässt, an dem er sich zuerst mal selber gesund stösst, bevor er ihn dann an die Allgemeinheit, also die Steuerzahler, weiterreicht, ist das nicht der noch grössere Schlawiner? Zweifellos. Und erst noch der erfolgreichere: Denn während die Griechen ihr eigenes Schlamassel nun ausbaden müssen, kommen die Bangster zum zweiten Mal innert weniger Jahre ungeschoren davon. Ist ja auch verständlich: Wenn nach dem ersten ungeahndeten Bankraub der Tresor mit Steuergeldern wieder aufgefüllt wird und die Türe sperrangelweit offen steht, wer könnte da der Versuchung widerstehen.

Kommentare

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Man könnte da leicht zum Verschwörungstheoretiker werden,..schreiben Sie.......Who is Who? Zuerst müsste man erahnen können, wer welche Interessen vertritt und wer was zu welchen Gunsten beeinflusst ? Ist es nur ein verantwortungsloses Game ,nach der Art vom Film "The Game" oder"Wall Street" mit Michael Douglas oder sind auch andere Absichten damit verbunden? Ja, da wären wir wieder bei den Verschwöhrungen. Erinnerungen an Jürgen Ponto verbinden sich dann mit der Frage: "Warum wurde ausgerechnet er, der bekannt war als sozialer Banker und eine Bankensteuer zu Gunsten der dritte Welt verlangte, von Links hingerichtet" ? Wurde er von Links hingerichtet? Sind die Rating-Agenturen wirklich unabhängig oder haben sie mächtige, sehr mächtige Souffleure im Hintergrund die die Weltwirtschaft steuern, eventuell zu ihren politisch und strategischen Gunsten....wir wissen es nicht. Ich finde ihre gegenüber der Finanzwelt agressiven Berichte gut, denn sie lösen Diskussionen aus und Fragen die bis jetzt niemand beantwortet hat. Warum hat Goldman Sachs...Griechenland geholfen seine Schulden zu verstecken? Warum hat Goldman Sachs dann versucht diese Papiere den Chinesen unterzujubeln? Selber aber haben sie ja keine gekauft.....kleines Beispiel, die Riesenaufrtäge die Airbus einheimst sind für Boing verloren.....usw. Eventuell ist es einen ferngesteuerten Wirtschaftskrieg. Eine Kettenreaktion der Bail Out-Staaten würde Europa massiv aus dem Rennen werfen also ist eine Rettung halt auch mit teilweisen Steuergeldern eine Art Finanznotrecht und trotz unbehagen zu akzeptieren. Alles andere würde die Menschen substanzieller treffen und ihnen mehr Schmerzen verursachen. Zwar ungerecht, die Steuerzahler mit ins Boot zu nehmen aber im Interesse ganz Europas. All das, entbindet die Verantwortlichen jedoch nicht, für dieses Desaster zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Toller Artikel, Herr Zeyer. Aber Sie wissen doch genau, dass Politiker nicht dumm sind. Unser ganzes korruptes System ist in den Fängen des Kapitals. Einen Ausweg daraus sehe ich nicht einmal nach der nächsten grossen Krise, die wohl kommen wird. Wir müssten erst in unseren eigenen Herzen aufräumen und dort anderen Dingen, abseits des Wunsches nach stetigem Wirtschaftswachstum, Platz machen. Solche Menschen sehe ich in unserer Gesellschaft aber keine.

Ich lese Herrn Zeyers Beiträge im Journal21 sehr gern - den aktuellen hier besonders.

In der Vergangenheit hat Herr Zeyer bei seinen bissigen Artikeln die Konsequenzen eines Defaults (ob bei einem Staat wie Griechenland, Portugal oder Irlands, geschweige denn Italiens oder Spaniens oder einer hinreichend "kritischen" Bank) meines Erachtens zuwenig berücksichtigt. Aber wenn wir uns vorhalten lassen müssen, dass Geld drucken und Inflation akzeptieren immer noch besser seien als gesellschaftliche Zusammenbrüche in manchen Ländern oder gar bürgerkriegsähnliche Zustände, dann ist so verdammt viel schon schiefgelaufen, dass man sich um ganz andere Dinge als das liebe Geld Sorgen machen muss.

Aber im heutigen Artikel werden auch meine Gedanken zum Geschehen der letzten Tage sehr gut getroffen. Wer die privaten Gläubiger (sprich: Banken etc) so vor den Konsequenzen ihrer Zockerspielchen rettet wie die Politiker das mit dem Geld der Steuerzahler offenbar vorhaben, dann sollte es das mindeste sein, dass dem Steuerzahler am Ende der Übung auch die Bank gehört!

Herr Zeyers Zeilen sind sprachlich gute Kost, inhaltlich schmerzhaft und rufen daher in mir Gedanken zur Zukunft hervor - meiner, meiner Kinder und jener unserer Gesellschaft. Aber, solcherlei ist just lebenswichtig und oft dringend notwendig auch um in Varianten denken zu können oder doch wenigstens die Varianten im Hinterkopf platziert zu haben (man denke an das Essay zum Lybienbombardement). Darüber hinaus empfinde ich persönlich hier viel solider, mutiger und also sauberer Journalistismus. Ein echter Mehrwert welcher Aufgrund vielfältiger Verflechtungen anderer Medien und Tageszeitungen kaum ein Platz finden dürfte. Das sich jetzt auch mal jemand frustriert äussert ist ein Lichtblick, ob als Gast oder mit vollem evt. falschem Namen - zum Wecken der Sinne muss man nun erst einmal Aufwachen aus dem Schlummer. Menschen haben stets und noch immer die Freiheit der Wahl und daraus die wunderbare Möglichkeit einer Moral beim Entscheiden. Ein Geschäft im Sinne eines Tausches ist vor allem Fair und Ergo kostendeckend. Die Finanzjongleure und gewählten Kaiser von heute vielleicht mehr als andere orientieren sich aber weiterhin in blinder Selbstverständlichkeit am Gewinn um jeden Preis und dies selbst bei gesellschaftlichem Minder- statt Mehrwert. Also edle Bürger auch in Banketagen sprecht und schreibt Klartext mit eurem Umfeld und in eurem und unserem ureigenen Interesse, im Sinne der Gemeinschaft die uns nun einmal alle trägt.

Liebe Frau Gast. Lieber Herr Gast. Es gibt durchaus Themen, die man etwas direkter angehen darf. Zumal die vergangenen Jahre mehr als deutlich gezeigt haben, dass von Wirtschaftsseite offenbar keine rationale Diskussion gewünscht ist. Vorausgesetzt, man schiesst dabei nicht auf schwächere und stellt sich mit seinem Namen hinter seine Aussagen. Beides ist hier gegeben.

Journalistischer Mehrwert is leider in Herrn Zeyers immer haeufigeren 'Meldungen' nun wirklich nicht mehr zu erkennen - vielmehr wird die Journal 21 Platform dazu missbraucht, anti-banken Stimmung auf tiefstem Boulevard Niveau (sprachlich als auch inhaltlich) zu betreiben. Das Herr Zeyer natuerlich ab und zu durchaus Recht hat, spielt da leider keine Rolle mehr, da dies voellig in der Polemik untergeht und nicht als Grundlage fuer eine rationale Diskussion dient (die auch offensichtlich nicht erwuenscht ist). Schade, dass eine gute Idee wie Journal 21 nun fuer solche Zwecke missbraucht wird.

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