Von Mailand nach Zürich, von Zürich nach Mailand

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Von Mailand nach Zürich, von Zürich nach Mailand

Von Annette Freitag, 01.02.2016

Vom Opernhaus Zürich an die Mailänder Scala: Martina Janková wagt den Schritt auf die ganz grosse Bühne.

Der Mailänder Smog ist es diesmal wohl nicht, der die Leute rechts und links an diesem hellen, frühlingshaften Wintertag husten und schniefen lässt. Es ist die Grippe- und Erkältungswelle, die auch Mailand erfasst hat. Martina Janková, gut verpackt in einer wattierten Jacke, seufzt… nur nicht U-Bahn fahren jetzt, nur nicht im Zug reisen, nur nicht angesteckt werden…!

Ihre Sorgen sind nachvollziehbar. Martina Janková debütiert an der Scala, einem der geschichtsträchtigsten Opernhäuser überhaupt, legendenumwoben durch musikalische  Sternstunden und Skandale. Ein Haus, das Sänger zu Stars macht und Stars durch Buh-Rufe hart auf den Boden der Realität zurückwirft. Nun ist es auch Martina Jankovás Bühne.

In der warmen Hotelhalle, nahe der Galleria Vittorio Emanuele, zwischen Dom und Scala, sitzt sie nun entspannt und erzählt. „Als Herr Pereira angerufen und mir die Rolle angeboten hat, habe ich keine Sekunde überlegt und gleich ja gesagt. Hinterher dachte ich, uhhhh… schaffe ich das überhaupt... und habe mir gesagt, es ist mir wurscht, ich gebe mein Bestes, denn es ist ein Riesen-Privileg, sich mit dieser phantastischen Musik und den grossen, tiefschürfenden Gedanken des Textes auseinandersetzen zu dürfen.“

Meilenstein der Barockmusik

Das Stück, von dem sie spricht, ist „Il Trionfo del Tempo e del Disinganno“ (Foto: Teatro ala Scala). Es geht also um den „Triumph der Zeit und der Enttäuschung“ über die Schönheit und die Freuden des Lebens.  Georg Friedrich Händel war 22 Jahre alt und als Bildungsreisender in Italien unterwegs, als er vor rund 300 Jahren sein allererstes Oratorium schrieb. Heute ist es ein Meilenstein der Barockmusik.

Ein Triumph war das Stück auch vor genau 13 Jahren am Opernhaus in Zürich. Noch heute sind die Erinnerungen an die legendäre Aufführung lebendig bei jenen, die das Glück hatten, sie zu sehen. Eine dieser Zuschauerinnen war Martina Janková, damals Ensemblemitglied des Zürcher Opernhauses. „Das Stück ist sensationell. Ich habe alle Vorstellungen gesehen“, sagt sie mit glänzenden Augen. „Es ist ein Memento mori und ich musste es einfach hören, ich musste es oft hören und ich werde es nie vergessen.“ Es ist die gleiche Zürcher Inszenierung mit dem gleichen Bühnenbild, angepasst an die Dimensionen der Scala-Bühne, die nun in Mailand zu sehen ist. Allerdings mit einem neuen Gesangs-Ensemble.

Geht das? Kann man so eine Kult-Aufführung sozusagen wieder aufwärmen? „Ich weiss nicht, ob man in der Scala diese Intimität herstellen kann, wie sie in Zürich war“, sagt Martina Jankova. „Zürich hatte die ideale Grösse. Da ich aber  durchgehend auf der Bühne bin, konnte ich es nie aus dem Zuschauerraum ansehen, um mir ein Bild zu machen.“  Wichtig sei aber vor allem auch, dass der Sänger und selbstverständlich auch die drei Sängerinnen keine Kopien von damals seien, sondern ihre Rollen ganz unverbraucht angehen.  „Man könnte es vielleicht so sagen: jeder von uns muss sich quasi haute-couture-mässig sein eigenes Original zurechtschneidern. Mit dem gleichen Stoff aber in einer anderen Form“.

Ein Hauch von Marilyn Monroe

Vielleicht müsste das Publikum auch mit anderen Erwartungen als bei Verdi oder Puccini in dieses Händel-Oratorium kommen, meint Martina Janková.  „Man muss diese Musik wirklich hören wollen und die Sinne für den delikaten Klang öffnen. Ich glaube, das geht in der heutigen Welt etwas verloren. Die Leute lassen sich zudröhnen vom gewaltigen Sound. Unsere Zeit ist so laut geworden und ich denke, wir bieten mit ‚Trionfo del Tempo…‘ ein Gegenprogramm.“

Es sind Lebensweisheiten, die von allegorischen Figuren auf der Bühne vorgetragen werden. Das Quartett besteht aus der Figur der „Zeit“, der „Schönheit“, der „Freude“ und der „Enttäuschung“. Martina Janková ist die „Schönheit“. Und wenn sie auf die Bühne kommt, sind die braunen Wuschel-Locken unter einer blonden Perücke verschwunden. Martina  Janková sieht auf einmal aus wie Marilyn Monroe. Zumindest so lange, bis sie die Perücke vom Kopf zieht, das Abendkleid ablegt und das Nonnengewand anzieht. In einer Welt der Oberflächlichkeit findet sie es wichtig, auch über den Sinn des Lebens nachzudenken. „Ich glaube, es gibt nichts Schlimmeres, als seicht und ohne Ziel dahinzuleben. Auch im Brahms-Requiem heisst es: ‚Herr, lehre mich, dass es ein Ende mit mir haben muss, und mein Leben ein Ziel hat‘. Erst das Ende gibt allem einen Wert. Das gleiche empfinde ich in den grossen Oratorien von Bach oder im ‚Jedermann‘ in Salzburg. Ich glaube, die Leute müssen es hören, weil sie es immer wieder vergessen.“

Man glaubt ihr die Begeisterung über das Tiefsinnige  des Händel-Oratoriums, über die Botschaft, über die Musik. Und zuständig für die Musik ist Diego Fasolis, ein Schweizer Dirigent. Mit seinem Orchester „I Barocchisti“, verstärkt durch Musiker des Scala-Orchesters, bringt er die verführerischen Klänge Händels zur Entfaltung. „Dass ich diesen Dirigenten kennengelernt habe, ist eine unglaubliche Bereicherung meines Lebens“, schwärmt Martina Janková. „Ein visionärer Musik-Prophet ist er und tief mit dieser Musik verbunden. Er kreiert die Wellen, auf denen wir surfen.“

Zwiespalt Bühne und Familie

Martina Janková hat zwar tschechische Wurzeln, ist heute aber in der Schweiz  zuhause und lebt mit Ehemann, Sohn und Hund in der Nähe von Bern. „Mein Sohn ist sieben und wir führen ein ganz normales Leben. Er ist gerade eingeschult worden und ich bin froh, dass ich vier Monate Zeit hatte zwischen den Salzburger Festspielen im Sommer und der Scala jetzt.“ So konnte sie ihrem Sohn bei seinen ersten Schritten ins Schul-Leben zur Seite stehen. Denn irgendwie fühlt sie sich hin- und hergerissen zwischen Bühnen-Engagements und ihrer Familie. „Jetzt versuche ich, ein bis zwei Produktionen pro Jahr zu machen und ein paar Konzerte. So bleibt noch Zeit für die Familie.“ 15 Jahre war sie fest im Ensemble des Zürcher Opernhauses. „Während dieser Zeit habe ich wunderbare Dirigenten kennengelernt. Am meisten profitiert habe ich aber wahrscheinlich von Nikolaus Harnoncourt und Franz Welser-Möst. Harnoncourt ist der beste Lehrer, den man sich vorstellen kann. Er sagt uns bei der Probe zum Beispiel: ‚wenn ich euch zuhöre, sehe ich den Smog von Mailand, aber ich möchte den Sonnenuntergang über Florenz‘. Seine Bilder informieren das Unterbewusste so stark, dass sich die Art des Singens sofort verändert. Das habe ich oft bei ihm erfahren.“

Zufall oder Vorsehung?

Vor kurzem hat Martina Janková eine neue CD mit mährischen Folk Songs herausgebracht, es sind Lieder von Leos Janacek, also Lieder ihrer Heimat. „Ich komme aus der gleichen Region wie Janacek“, sagt sie, „wir sind beide gleichermassen mit unserer Erde verbunden, mit den Jahreszeiten, den Tieren, den Menschen. In diesen Liedern steckt die Essenz des Lebens.“  Für sie ist diese CD mit mährischen Liedern auch wieder eine Verbindung zu „Il Trionfo del Tempo…“ in Mailand.  „Auch da gibt es eine wunderschöne Arie, in der es heisst: ‚der Mensch richtet sich selbst zu Grunde, das Jahr aber erneuert sich selbst‘“.

Dass sie nicht in ihrer tschechischen Heimat geblieben ist, sondern in der Schweiz, und jetzt auch in Mailand gelandet ist, verdankt sie eher einem Zufall. Oder war es Vorsehung? „Als Musikstudentin war ich an einem Gemeinschafts-Projekt des Nationaltheaters Prag mit dem Opernfestival Macerata beteiligt. Dank der Vermittlung verschiedener Dirigenten konnte ich dann an der Musikakademie Basel studieren, anschliessend am Opernstudio Zürich.“ Und von da ging es auf die grosse Opernbühne. Dank dieses Gemeinschaftsprojektes zwischen Prag und Macerata ist Martina Janková damals aber auch nach Mailand gekommen. „Da stand ich vor dem Dom, habe ihn angestaunt… und hätte mir zu dieser Zeit nie träumen lassen, dass ich irgendwann auf der Bühne der Scala stehen würde!“.

Damit hat sich der Kreis für sie geschlossen. Martina Janková lächelt etwas versonnen bei diesen Erinnerungen. Aber nicht lange. Dann zieht sie wieder ihre wattierte Jacke an, packt den Rucksack und mischt sich auf der Strasse in den geschäftigen Feierabend-Betrieb. Denn bei ihr ist jetzt Arbeits-Beginn. Den Badge hat sie schon in der Hand, um die Sicherheitssperren der Scala zu passieren. In der Maske wird sie bereits erwartet. Abendkleid und blonde Perücke sind auch parat. Es kann losgehen.

Teatro alla Scala, Mailand
"Il Trionfo del Tempo e del Disinganno"
Georg Friedrich Händel
bis 13. Februar 2016

CD
"Moravian Folk Songs"
Martina Janková
Supraphon SU 4183-2

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