Vom Nobody zum Shootingstar

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Vom Nobody zum Shootingstar

Von Journal21, aktualisiert - 06.02.2020

Der 38-jährige Pete Buttigieg erzielt beim Caucus in Iowa ein überraschend starkes Ergebnis. Nach Auszählung von 97 Prozent der Stimmen liegt er ganz knapp vor Bernie Sanders in Führung. Für Joe Biden endet die Vorwahl mit einer herben Enttäuschung.

Für eine kleine Sensation sorgt Pete Buttigieg, der frühere Bürgermeister seiner Heimatstadt South Bend (Indiana). Er ist der erste amerikanische Kandidat für das Präsidentenamt, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt. Buttigieg (sprich Baditschigg), der Politik, Wirtschaft und Philosophie studierte und im Afghanistankrieg im Einsatz war, kommt nach Auszählung fast aller Stimmen auf 26,2 Prozent der Stimmen.

Senkrechtstarter

Buttigieg war vor gut einem Jahr als Nobody in den Präsidentschaftswahlkampf eingestiegen. Inzwischen gilt er als Shootingstar der Demokraten. Meinungsumfragen hatten ihm zwischen 15 und 19 Prozent der Stimmen gegeben. Seine jetzigen gut 26 Prozent gelten als die Überraschung der Wahlen. Die Washington Post spricht am Mittwoch von einer „historischen Kandidatur“.

Bernie Sanders, Senator aus Vermont, liegt nach bisherigen Ergebnissen mit 26,1 Prozent der Stimmen auf Platz zwei. Viele Umfragen hatten einen Sieg des 78-Jährigen vorausgesagt.

Platz zwei: Im Bild Bernie Sanders in der Nacht zum Dienstag in Des Moines. (Foto: Keystone/AP/Matt Rourke)
Platz zwei: Im Bild Bernie Sanders in der Nacht zum Dienstag in Des Moines. (Foto: Keystone/AP/Matt Rourke)

An dritter Stelle folgt Elizabeth Warren, die 70-jährige Senatorin aus Massachusetts, eine der schärften Kritiker von Trump und der Wall Street. Sie erzielt in Iowa 18,2 Prozent.

Abgeschlagener Biden

Eine grosse Enttäuschung erlebt Joe Biden (77), der ehemalige Vizepräsident. Er galt lange als aussichtsreichster Kandidat für die Präsidentschaftswahl. In jüngster Zeit jedoch schwächelt seine Kandidatur. In Iowa kommt er jetzt abgeschlagen auf 15,2 Prozent der Stimmen.

Beobachter in Washington spekulieren bereits, ob Iowa der Anfang vom Ende von Bidens Politkarriere sein könnte.

Hinter Biden liegt mit 12,2 Prozent die bald 60-jährige Amy Klobouchar, Senatorin aus Minnesota.

Wann die definitiven Zahlen publiziert werden, ist noch immer unklar.

„Der einzige Sieger heisst Trump“ – sagt Trump

Der Bekanntgabe der Resultate gingen chaotische Stunden voraus. Für Häme brauchen die Demokraten nicht zu sorgen; sie werden kübelweise damit überschüttet. Die Republikaner spotteten: „Wenn die Demokraten nicht einmal Vorwahlen durchführen können“, hiess es, „wie wollen sie da das Land regieren?“ Trump nannte die Wahlen in Iowa ein „absolutes Desaster“.

„Die einzige Person, die letzte Nacht (bei den demokratischen Vorwahlen) in Iowa einen grossen Sieg errungen hat, ist Trump“, schrieb Trump via Twitter. „Der Albtraum von Iowa spielt Trump direkt in die Hände“, kommentiert CNN.

Bernie Sanders erklärt: „Das war keine gute Nacht für die Demokratie.“, „keine gute Nacht für den Caucus in Iowa.“

„Chaos“

Die Bekanntgabe der Ergebnisse hatte sich um mehr als 20 Stunden verzögert. Die New York Times sprach von „Konfusion“, die Los Angeles Times von „Chaos“ und die Washington Post von „Ungereimtheiten“, die allerdings nicht auf ein Hacking zurückzuführen seien.

Die Demokraten hatten eine App zur Übermittlung der Ergebnisse eingerichtet, die vor Cyber-Attacken schützen sollte. Dabei kam es zu einer schwerwiegenden Panne. Im Anschluss daran, war eine stundenlange „Qualitätskontrolle“ nötig. Das Problem war offenbar seit dem letzten Donnerstag bekannt.

Weichenstellung in Iowa?

Bisher galt: Wer beim „Caucus“ in Iowa gewinnt, hat Chancen zum Präsidentschaftskandidaten gekürt zu werden. Seit 20 Jahren war das bei den Demokraten immer der Fall.

2000 hatte Al Gore den Caucus in Iowa klar gewonnen, 2004 gewann John Kerry, 2008 Barack Obama, 2012 erneut Barack Obama und 2016 Hillary Clinton. 1996 hatte in Iowa kein demokratischer Caucus stattgefunden, weil Präsident Bill Clinton unangefochten war und kein ernsthafter Kandidat gegen ihn antrat.

Allgemein galt bisher: Wer in Iowa nicht einen der ersten drei Plätze einnimmt, hat kaum Aussichten, zum Präsidentschaftskandidaten gekürt zu werden. Das wäre eine schlechte Nachricht für Joe Biden.

Umstrittener Caucus

Die demokratischen Kandidaten waren während des Wahlkampfs in Iowa an insgesamt über 300 Veranstaltungen aufgetreten. 60 Millionen Dollar waren für die TV-Wahlkampfwerbung in dem kleinen Mittelwest-Staat ausgegeben worden.

Einige Beobachter zweifeln jedoch, ob Iowa wirklich immer noch die Weichen stellt. Die Caucus-Ausmarchung ist mehr und mehr umstritten. Zudem entspricht Iowa mit einem Anteil von 89 Prozent Weissen ganz und gar nicht dem amerikanischen Durchschnitt.

Wichtig ist der Caucus in Iowa deshalb, weil der Sieger auf neue Unterstützer und zusätzliche Wahlkampfspenden hoffen kann.

Charles E. Grassley, republikanischer Senator aus Iowa, verteidigte am Dienstag das Caucus-System und lobt den „Grassroots-Nominierungsprozess“.

„Hoffentlich zum letzten Mal“

Demgegenüber sagte der demokratische Senator Richard J. Durbin aus Illinois, es sei Zeit, dass man mit dem Iowa-Caucus aufhöre.

Die Washington Post zitiert die frühere Rechtsprofessorin Lois Cox, die sagt, sie hoffe dieser Caucus in Iowa sei der letzte gewesen.

Im Gegensatz zu den „Primaries“, bei denen die Wählerinnen und Wähler ihre Wahlzettel in geheimer Wahl in Urnen einwerfen, werden beim „Caucus“ die Kandidatinnen und Kandidaten an zahlreichen Versammlungen in Turnhallen, Gemeindehäusern oder Hinterzimmern bestimmt.

Wie weiter?

Noch vor Bekanntgabe der Ergebnisse Iowa machten sich einige der Kandidaten schon auf den Weg nach New Hampshire, wo am kommenden Dienstag die ersten Primaries stattfinden.

Am 22. Februar folgt ein Caucus in Nevada und am 29. Februar Primaries in South Carolina.

Super Tuesday, Convention

Am 3. März, dem Super Tuesday, finden Vorwahlen in 15 amerikanischen Bundesstaaten statt, unter anderem in Kalifornien und Texas. Auch die Demokraten im Ausland wählen an diesem Datum ihre insgesamt 13 Delegierten. Am Super Tuesday werden 865 demokratische Delegiertenstimmen (22 % von allen) bestimmt.

Vom 13. bis 16. Juli findet in Milwaukee (Wisconsin) der demokratische Parteikongress (Democratic National Convention) statt. Dann wird der demokratische Kandidat für die Präsidentschaftswahl gekürt. Diese findet am Dienstag, 3. November statt.

Zwar finden auch bei den Republikanern Vorwahlen statt, doch das Interesse konzentriert sich auf die Demokraten, da Donald Trump als konkurrenzlos gilt.

Elf demokratische Kandidaten

Insgesamt elf Kandidaten bewerben sich bei den Demokraten um die Präsidentschaft. Neben Sanders, Buttigieg, Warren und Biden sind dies:

  • Amy Klobuchar
  • Andrew Yang
  • Tom Steyer
  • Tulsi Gabbard
  • Mike (Michael) Bloomberg
  • Deval Patrick
  • Michael Bennet

Der 77-jährige Milliardär Michael Bloomberg war erst sehr spät ins Rennen gestiegen und nahm am Wahlkampf in Iowa kaum teil. Am Wahltag in Iowa hielt er sich in Los Angeles auf, wo er sich auf die Primaries in Kalifornien vorbereitet.

Chaos schon vor vier Jahren

Schon beim Caucus in Iowa vor vier Jahren gab es stundenlange Verzögerungen, bis die Ergebnisse endlich bekannt waren. Damals wurden die Ergebnisse erst gegen Abend Schweizer Zeit bekannt.

Hillary Clinton hatte schliesslich einen hauchdünnen Sieg über Bernie Sanders erzielt. Clinton war auf 49,84 Prozent der Stimmen gekommen, Sanders auf 49,59. Gut 170'000 Wahlberechtigte hatten an der Ausmarchung teilgenommen.

Trump liegt in nationalen Umfragen zurück

Gemäss am Sonntag veröffentlichen Umfragen von NBC News/Wall Street Journal würde Trump im Herbst gegen alle der vier aussichtsreichen demokratischen Kandidaten verlieren. Danach würde Biden 6 Prozent mehr Stimmen machen als Trump, Sanders 4 Prozent mehr, Warren 3 Prozent mehr und Buggigieg 1 Prozent mehr. 5 Prozent der Befragen missbilligen Trumps „Job Approval“.

Beobachter warnen jedoch vor diesen Zahlen und stellen ihre Aussagekraft in Frage. Dies auch deshalb, weil bei den Wahlen im Herbst nicht das Gesamttotal der Stimmen der einzelnen Kandidaten zählt (Hillary Clinton machte vor vier Jahren mehr Stimmen als Trump), sondern die Ergebnisse in den einzelnen Staaten.

(J21)

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Von Journal21, aktualisiert - 23.02.2020

Bernie Sanders dürfte chancenlos sein. Wer in den USA höhere Steuern verlangt, wird vom reichen Establishment nicht gern gesehen. Und mit 78 Jahren ist er für so ein Amt auch schon zu alt.
Joe Biden ist ebenfalls zu betagt. Das gleiche gilt für Elizabeth Warren. Bei ihr kommt noch dazu, dass sie zu intellektuell für das gemeine Wahlvolk ist.
Die anderen Kandidaten sind zu unbekannt, bestenfalls lokale Grössen, sie werden es auch nicht schaffen und wissen das auch. Daher wird der nächste US-Präsident vermutlich wieder Donald Trump heissen.

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