Unser Spargroschen

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Unser Spargroschen

Von René Zeyer, 26.10.2011

Neben dem Grossenganzen und dem Euro interessiert uns doch alle eine viel banalere Frage: Ist mein Erspartes noch sicher, kann ich mich darauf verlassen, dass ich mein Rentenkapital ausbezahlt bekomme? Sind AHV und andere Sozialsysteme auch in Zukunft in der Lage, ihren Verpflichtungen nachzukommen?

Zunächst eine kleine Auslegeordnung zum besseren Verständnis. Nicht für den täglichen Bedarf benötigtes Geld verwandelt sich in Kapital. Darüber hat Karl Marx schon ein ziemlich dickes, aber heute noch lesenswertes Buch geschrieben. Wir machen es uns hier etwas einfacher. Da zwei Geldscheine keine Jungen kriegen, wenn man sie aufeinanderlegt, muss erspartes Geld wertschöpfend angelegt werden, damit es seinen Wert, also die Kaufkraft, nicht verliert.

Profit und Risiko

Die wird normalerweise von der Inflation, also einer Geldentwertung, bedroht. Im besten Fall lässt sich sogar ein Gewinn realisieren, nach ein paar Jährchen hat man mehr Kaufkraft als vorher. Scheint banal, ist es aber nicht.

Auch ausserhalb von Zocker-Casinos, wo ja nur Wetten abgeschlossen werden und keine Wertschöpfung betrieben wird, ist Geldvermehrung immer mit Risiko verbunden. Der Gläubiger heisst so, weil er dem Schuldner glaubt, dass der ihm geliehenes Geld wertschöpfend einsetzt und es deshalb, mitsamt einer Risikoprämie namens Zins, wieder zurückzahlen wird.

Die Höhe des Risikos bestimmt den Zinssatz, ein hoher Ertrag macht allen Beteiligten die Höhe der Verlustmöglichkeit bewusst. Seit vielen Jahrhunderten gilt als gute Faustregel, dass ein inflationsbereinigter Zinssatz von maximal 4 Prozent eine vernünftige und weitgehend sichere Kapitalanlage ausdrückt. Sogenannte erstklassige Schuldner, also stocksolide Firmen oder Staaten, bieten dafür festverzinsliche Schuldpapiere, gemeinhin Obligationen genannt, an. Und hier hört leider schon die schöne Theorie auf und fängt die hässliche Realität an.

Problem eins

Verursacht durch die inzwischen mehr als zehn Jahre andauernde verbrecherische Niedrigzinspolitik aller bedeutenden Industriestaaten der Welt ist es aktuell nicht einmal möglich, eine sichere Anlage zu tätigen, die wenigstens oberhalb der Inflationsrate liegt. Alle sogenannten mündelsicheren Anlageformen in Europa, den USA oder Japan, um die wichtigsten Finanzmärkte zu nennen und China als Sonderfall aussen vor zu lassen, bieten Risiko ohne Rendite.

Das heisst, durch die Inflation verliert der Gläubiger Geld dadurch, dass er sich dem Risiko aussetzt, Geld zu verleihen. Wenn er diesem Teufelskreis zu entkommen sucht und sich in die bunte Welt von Finanzwetten, also Fonds, Optionen, Derivate begibt, dann steigert der Kleinanleger damit seine Profitchancen auch nicht wesentlich, sein Verlustrisiko aber ungemein. Wie nicht nur Zehntausende von Lehman-Opfern, um lediglich ein Beispiel zu nennen, schmerzlich erfahren mussten.

Problem zwei

Nun könnte man meinen, dass das halt ein typisches Kleinanlegerschicksal ist, finanztechnischer Laie, klitzekleines Kapital, keine Chance. Irrtum, denn auch sogenannte institutionelle Anleger, also Finanzinstitute, Pensionskassen, Versicherer, alle Verwalter von echt viel Geld stehen vor dem genau gleichen Problem. Blackrock mit über 2 Billionen und Pimco mit über 1 Billion Dollar Anlagevermögen, um nur mal zwei ganz grosse Player zu nennen, haben gröbere Probleme, die bei ihnen geparkten Gelder, darunter die von Hunderten von Pensionskassen, so anzulegen, dass deren Mitglieder eine gute Chance haben, in Zukunft ihre Altersgroschen verzehren zu können.

Denn stocksolide Staatspapiere werfen heutzutage ja nicht nur lächerlich niedrige Zinsen ab, sondern sind auch ausserhalb Griechenlands in der ernsten Gefahr, abzusaufen. Und wenn Geld weg ist, dann ist es weg, da hilft auch kein Anrufen der Götter. Wir stehen also in der absurden Situation, dass es noch nie so risikoreich war wie heute, Geld anzulegen, während es noch nie dermassen lächerlich niedrige Zinsen dafür gab.

Problem drei

Kapital, neben Produktionsmitteln auch Geld, arbeitet bekanntlich, ist wertschöpfend. Sei es, dass eine neue Schraube hergestellt, ein Computer zusammengestöpselt oder ein neues Produkt mit viel Werbe- und Distributionsaufwand in die Regale der Supermärkte gedrückt wird. Im besten Fall findet das Käufer, im schlechtesten Fall ist es ein Flop, das ist eben das normale Risiko jeder Investition.

Wenn aber in immer grösserem Ausmass frisches Geld nur dafür verwendet wird, die Zinsen von alten Schulden zu bezahlen, dann ist die Wertschöpfung null, Kapital wird nur noch dafür verwendet, Zeit zu kaufen. In der religiösen Hoffnung, dass schnell genug ein Wunder geschehen möge, bevor dieses absurde Modell zusammenbricht. In diesem Zustand befinden sich inzwischen die meisten Industriestaaten der Welt.

Problem vier

Neben dem privat angesparten Geld, das beispielsweise zur Alterssicherung zurückgelegt wird, gibt es im Rahmen des Sozialstaats Umlageverfahren, mit denen aktuelle Sozialversprechen, seien das Renten, Unterstützungsleistungen aller Art oder aber Investitionen in die Infrastruktur, finanziert werden. Das Modell beruht darauf, dass entweder auch in Zukunft eine gleich hohe Anzahl von Beitragszahlern zur Verfügung steht oder mehrwertschöpfende Produktivitätssteigerungen demografische Veränderungen wett machen.

Beides ist seit Jahren in den Industriestaaten nicht der Fall. Das bedeutet konkret in der Schweiz, dass es absehbar und berechenbar ist, wann AHV, Pensionskassen und auch die dritte Säule nicht mehr in der Lage sein werden, heutige Zahlungsversprechen einzulösen. Das traut sich aber kein Politiker klar auszusprechen, weil er doch lieber in vier Jahren wiedergewählt werden will als sich mit völlig vernünftigen Aussagen bei der wichtigsten Wählergruppe, den aktuellen und zukünftigen Rentnern, unbeliebt zu machen.

Und der Spargroschen?

Auch ich kann mich natürlich mal täuschen. Aber wenn man bedenkt, dass bis zu 50 Prozent der bei Lebensversicherungen oder anderen Finanzdienstleistern geparkten mündelsicheren Anlagen zwangsweise in Staatsschuldpapiere investiert wurden, sehe ich keinerlei Anlass zu Optimismus. Und wenn man bedenkt, dass die Staatsschulden, wenn man seriöserweise auch zukünftige Sozialversprechen dazuzählt, beim bis zu Siebenfachen des Bruttoinlandprodukts angelangt sind, kann man allen zukünftig davon Abhängigen nur viel Glück auf dem weiteren Lebensweg wünschen.

Kommentare

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Wenn ich Ihren Crashcurs in Wirtschaftskunde richtig verstehe, hat das ganze weder mit dem Euro, noch dem Franken an sich zu tun. Es geht nur um "Gegenstände", denen ein Wert zugeschrieben wird, oder wo darauf ein Wert geschrieben steht! ;)

Was die Demographie betrifft, so wird leider auch hier völlig übersehen, dass jeglicher Mensch, der in der Schweiz legal arbeitet, seinen Beitrag an die Sozialwerken leistet - auch die sogenannten "Ausländer" - auch temporär. Die Sozialwerke leben also nicht nur von der stagnierenden eigenen Bevölkerung mit CH-Pass!

Drittens gibt es in der Schweiz Personen und Institutionen, die ganz legal ihre Beiträge an die Sozialwerke verweigern (dürfen, können, müssen?) - Stichwort Boni...

Und jetzt ist die Frage nach der Zukunft dieser Werke nicht mehr so schwierig zu beantworten! ;)

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