Umgekippt

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Umgekippt

Von Christoph Zollinger, 13.04.2014

Statt sich in Kampfparolen zu gefallen, sollten sich verantwortliche Köpfe in der Schweiz und der EU zusammenraufen. Kampf statt Kooperation führt zu nichts und ist ein eigentliches Katastrophenrezept.

Aus den USA kennen wir den Begriff „Tipping Point“. Er bezeichnet jenen Moment, in dem eine gradlinige Entwicklung abrupt die Richtung wechselt. Oder bei einer positiven Errungenschaft überraschenderweise plötzlich die negativen sichtbar werden oder zu überwiegen beginnen.

Die Personenfreizügigkeit

Seit dem 9. Februar 2014 ist der Begriff „Personenfreizügigkeit“ das Wort des noch jungen Jahres. Innerhalb der EU – des europäischen Binnenmarktes -  ist sie eine der vier nicht verhandelbaren Grundfreiheiten, eine Errungenschaft aus dem Jahr  1993. Die Schweiz hat 2002 im Rahmen der Bilateralen I freiwillig ja gesagt zu dieser Interpretation. Sie hat sich an der Urne dafür entschieden.

Am 10. Februar 2014 erklärte Toni Brunner, Präsident der SVP, der Welt und der Schweizer Bevölkerung, die das glauben wollten, das Resultat sei „ein Wendepunkt in der Zuwanderungspolitik. Es sei ein Signal für ganz Europa“. Worauf die populistischen Rechtsparteien unserer Nachbarländer begeistert applaudierten. Nicht allen war nach frenetischem Jubelausbruch zu Mute. Das Unbehagen im Kleinstaat und das Befremden im befreundeten Europa waren mit Händen zu greifen.

Blocher’s Triumpf ist das Ergebnis seines über dreißigjährigen, unermüdlichen Kampfs gegen alle Andern. Das Unbehagen der 49,7% Abstimmungsverlierer und weiter Teile der europäischen Bevölkerung hat für sein Welt- und Menschenbild keine Relevanz. Endlich hat er den Wendepunkt („Tipping Point“) geschaffen. Er hat schon immer gewusst, was für unser Land das einzig richtige ist.

Das Cleverle

Am Abstimmungstag selbst erschien in der NZZ am Sonntag ein Beitrag, in dem sich der Präsident des EU-Parlaments Martin Schultz zu den Befürchtung großer Teile der Schweizer Bevölkerung äußerte, ihre Besonderheiten zu verlieren, rückten sie näher zur EU. Er versuchte, diese Ängste zu zerstreuen. Gleichzeitig charakterisierte er Blocher wie folgt: „Blocher ist ein Cleverle. Er ist zum Milliardär geworden, weil er die Globalisierung verstanden hat, und er nutzt seine politische Macht, um seinen Reichtum abzusichern. Dafür macht er glauben, die Globalisierung lasse sich bremsen, indem man sich auf Wilhelm Tell zurückzieht.“

Wenn es unserem Cleverle gelungen ist, 50,3% der Abstimmenden zu überzeugen, ist das weder ein Grund, in Melancholie zu verfallen, noch Siegeshymnen anzustimmen. Vielmehr sollten wir uns fragen, wie mit der neuen Realität umzugehen ist.

Gefährliche Sturheit, unflexibles Taktieren, unkluges Schweigen

Gute Lösungen und erfolgreiche Strategien haben ein Verfalldatum. In einer Zeit, in der sich die Welt mit großem Tempo verändert, werden vormals profitbringende Produkte („Cash Cows“) - eh sich’s deren Erfinder bewusst werden - durch neue Trends zu Ladenhütern degradiert. Politische Rezepte und Strukturen, die in der Schweiz noch vor kurzem als sakrosankt galten, werden immer drängender durch den Zeitenwandel infrage gestellt. In der EU brodelt es vernehmlich, nachdem sich große Teile der Bevölkerung der Nationen durch das Prinzip der Freizügigkeit in die Enge getrieben sehen.

Diesen Ängsten mit den immer gleichen Belehrungen entgegentreten zu wollen, führt zu nichts. Dieses Grundprinzip der Freiheit innerhalb der EU ist nicht unverhandelbar, sondern die Bruchstellen des Konstrukts sind zu reparieren, bevor es zum Auseinanderbrechen kommt. Einer Neudefinition der Personenfreizügigkeit kann nicht mit taktischem Schweigen begegnet werden. Von „Alternativlosigkeit“ - aus dem Begriffsareal der deutschen Kanzlerin – zu reden ist schwer verständlich.  

Der große Irrtum    

Wie wir seit Nassim Taleb wissen, sind wesentliche Ereignisse in der Zukunft nicht voraussehbar. Akribische, rational begründete Voraussagen erweisen sich plötzlich als Makulatur. Die Welt ist anders, als wir denken. Sie ist chaotisch, unberechenbar. Die Schätzungen über die Auswirkungen der Personenfreizügigkeit entpuppen sich als grobe Fehlprognosen. In der Schweiz, wie auch in der EU. Die Zuwanderer kamen nicht nur in vorgesehener Anzahl, sondern in Massen. Zudem kamen Menschen, nicht statistische Größen.

Diese Entwicklung bedroht eine ganze europäische Strategie und mit ihr die Einwanderungs- und Auswanderungsländer. Hier verlassen zu viele kluge und kreative Köpfe ihre Heimat und führen zu einem „Brain Drain“, dort, wo sie Arbeit finden, verdrängen sie je länger je mehr einheimische Arbeitssuchende. Dies ist mit ein Grund der unerträglichen Jugendarbeitslosigkeit in Italien, Spanien, Frankreich, England und anderswo.      

Das Katastrophenrezept

Paul Watzlawick hat in seinem Bestseller „Anleitung zum Unglücklichsein“ schon vor 25 Jahren eindringlich vor „dem sturen Festhalten an Lösungen, die irgendwann einmal durchaus ausreichend, erfolgreich oder vielleicht sogar die einzig möglichen gewesen waren“ gewarnt. „Mehr desselben. Hinter diesen beiden Worten verbirgt sich eines der erfolgreichsten und wirkungsvollsten Katastrophenrezepte“, schrieb er.

„The Tipping Point“

Nüchtern betrachtet sind am 9. Februar 2014 zwei „Umkipp-Punkte“ eingetreten. In der Schweiz hat der Spaltpilz der Nation erfolgreich taktiert, die Folgen waren vor der Abstimmung bekannt und wurden von 50,3% der Abstimmenden in den Wind geschlagen. Ob zu Recht oder Unrecht wird sich zeigen. Doch das System der erfolgreichen Kooperation mit der EU, das sich zögerlich und misstrauisch beobachtet über 20 Jahre entwickelt hat, ist abrupt gekippt. Jetzt soll auf Kampf umgestellt werden. Unser „Trio-Grande“ (BloKöMö) steht für diese veraltete Strategie aus dem letzten Jahrhundert.

In der EU hat über Nacht – als Folge des „ungebührlichen“ Verhaltens der Eidgenossen – ein unantastbarer Pfeiler des großartigen Friedensprojektes feine Haarrisse bekommen. Zumindest ist virulent geworden, was unter der Oberfläche in vielen europäischen Staaten brodelt. Statt mehr, wird weniger gefordert, von der Personenfreizügigkeit.

Es ist zu hoffen, dass hier wie dort rechtzeitig die schadhaften Stellen der „einzig möglichen“ Konzepte erkannt und saniert werden, bevor das Ganze noch mehr Schaden nimmt.

«Die Schätzungen über die Auswirkungen der Personenfreizügigkeit entpuppen sich als grobe Fehlprognosen. In der Schweiz, wie auch in der EU. Die Zuwanderer kamen nicht nur in vorgesehener Anzahl, sondern in Massen. (...) Diese Entwicklung bedroht eine ganze europäische Strategie und mit ihr die Einwanderungs- und Auswanderungsländer. Hier verlassen zu viele kluge und kreative Köpfe ihre Heimat und führen zu einem „Brain Drain“. Dort, wo sie Arbeit finden, verdrängen sie je länger je mehr einheimische Arbeitssuchende. Dies ist mit ein Grund der unerträglichen Jugendarbeitslosigkeit in Italien, Spanien, Frankreich, England und anderswo.» Dem ist zuzustimmen. Das ist so. Und es ist beängstigend!

Detroit oder auch Neapel sehen und sterben. Kein erstrebenswertes Beispiel! Europäer aus Überzeugung müssten eher für eine beschränkte Personenfreizügigkeit einstehen. In der Art eines Hurricane werden einigen Ländern der Peripherie Qualifizierte aber auch Hochqualifizierte, zudem Uni-Abgänger skrupellos abgeworben. Solchermassen entsteht ein egoistisches und nur auf Hot-Spot aufgebautes Europa mit Massen von Unterprivilegierten. In all diesen Ländern der Peripherie gibt es bestehende Verpflichtungen und sie haben auch erhaltenswerte Infrastrukturen. Sie geraten deswegen in grosse Abhängigkeiten. Wer ein vernünftiges Europa bauen will muss bereit sein, Investitionen in diese Länder zu tätigen. Das Signal aus der Schweiz gilt auch als Ansporn für ein teilendes gesundes Europa. Beschränkte Personenfreizügigkeit nur so lange wie nötig um das Ausbluten zu verhindern. Die totale Personenfreizügigkeit wäre dann zu einem späteren Zeitpunkt zu realisieren….cathari

Wir sehen europaweit eine Bewegung hin zu Nationalen Staaten, zurück zum "eigenen Garten, mit Gartenzaun".

Es wäre sinnvoll für diejenigen, welche sich immer noch vom Make Up der EU blenden lassen und die diktatorische Fratze dahinter partout nicht erkennen wollen, wenn sie endlich den Grund für die Abkehr von insgesamt Millionen europäischer Bürger von anonymen, zentralregierten Grossprojekten verstehen würden.

Der Grund für das zunehmend schnellere Auseinanderbrechen der EU ist folgender: Sie funktioniert für die Mehrheit der EU-Bürger zu ihrem Schaden und nicht zu ihrem Nutzen.

Deswegen haben jetzt die CH-Bürger die PFZ im Wissen um die Konsequenzen für die Bilateralen in die Wüste geschickt.
Man hatte genügend Zeit um zu beobachten wem's nützt und wem's schadet - das Abstimmungsresultat erteilt der PFZ die Note ungenügend und die Bilateralen Verträge sind für die Bürger undurchsichtig. Genau so wie das Verhalten unserer Regierung im Zusammenhang mit allem was die EU betrifft immer undurchsichtiger geworden ist.

Anfänglich urteilten die Abstimmungsverlierer über die Intelligenz der Initiativebefürworter in dem sie behaupteten, diese Leute hätten den engen Zusammenhang der PFZ mit den Bilateralen nicht kapiert! Die Abstimmungsverlierer wurden mittlerweile widerlegt.
Es war den Ja-Stimmern durchaus bewusst, was ihr Ja zur fInitiative für die Bilateralen bedeutet und sie nahmen die Konsequenzen in Kauf.
Was sagt das den Verlierern?
Die Abstimmung vom 9.2.14 ist ein doppeltes Ja für den unabhängigen Nationalstaat CH, der ohne EU-Laufgitter selbst bestimmen will mit wem er wie handelt, in jeder Beziehung.

Das Gejammer um die Verlorene PFZ und die kippenden Bil. wird sich legen, wenn man (oh' Wunder!) erleben wird wie sich die EU vom drohenden Diktator langsam zum immer pflegeleichteren Gesprächspartner wandeln wird. Denn das wird sie sich sowieso dringend müssen, - sich demokratisch wandeln! Entweder in einen wirklich demokratischen Vielvölkerstaat, mit einem kontruktiven Währungssystem, oder vielen - wie früher. Oder dann halt in die alten national regierten Staaten "zerfallen" wie vor Gründung dieser Kopfgeburt ohne Wurzeln und Bodenhaftung im Volk.

Ich denke, so ist es, nur dieser Wandel den Sie ansprechen, wird nicht kommen, auf jeden Fall nicht friedlich. Mann muss genau recherchieren wie und durch wer die EU entstand.
Dann wird man leider feststellen, dass die gleichen Leute dahinterstehen wie 1933 die IG Farben, und die EU nun aus dem Hintergrund leiteten. Sozusagen eine Schattenregierung, die die echten Entscheidungen trifft, die gewählte Regierung redet nur und hat nichts zu sagen, ausser vielleicht über unwichtige Dinge.

Man darf auch annehmen, dass die deutschen Kanzler und teilweise die Minister (Schäuble) von diesen Personen gestellt werden. Die Deutschen dürfen dann über Person A und B abstimmen. Aber eine Wahl haben sie nicht wirklich, weil beide Kanditaten genau das tun, was die Schattenregierung will.

Wenn das tatsächlich so stimmt, können Sie sich vorstellen, dass diese Leute die EU nicht fallenlassen können, denn eine dritte Chance erhalten die sicher nicht. Man kann davon ausgehen, dass die Schattenregierung in der EU die Zügel nochmals kräftig anziehen.

http://www.youtube.com/watch?v=xWDsYinl0-4

http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/enthuellungen/michael-grandt/ge...

wieder einen ehrlichen, aufrichtigen, starken Führer wie ...

Hilter?

Oder wollen Sie besser gleich selber oder die vom KOPP-Verlag?

Solche danebene Kommentare von jemanden der nichts kapiert, ignoriere ich künftig.

So ist das überall. Die Schattenregierungen bestimmen mit ihrem Geld was die Polit-Darsteller, die wir sehen, zu tun haben.
Rechts-Mitte-Links, Recht und Gesetz, Diktaturen, Demokratien, Religionen undsoweiter = Theater fürs Volk. Egal wen wir wählen, wem wir glauben und wer uns vor die Nase gesetzt wird, dass Drehbuch dafür haben die Schattenregierungen geschrieben.
Dafür dürfen wir arbeiten, leben und sterben. Toll!
Nachdem es aber schon die längste Zeit keine neuen Drehbücher mehr gibt, statt dessen nur die alten Geschichten immer wieder aufgewärmt werden, mit neuem Personal und neuen tödlichen Requisiten, sollten wir es doch langsam dicke haben, nicht?
Wir sollten nicht mehr in schlechten Filmen mit traurigem Ende mitspielen. Wir sollten unsere Rollen darin nicht mehr spielen und einfach nach Hause gehen.
Feierabend!

Die Drehbücher können wir ändern. In der DDR und in Syrien (die Britten bekamen kalte Füsse, weil das Volk nicht dahinterstand) klappte es. Es wird auch in Zukunft gelingen, wenn wir die Lügen aufdecken und den anderen Menschen mitteilen, dann kann sich die Menschheit weiter entwickeln.

Als ich in J21 vor knapp einem Jahr begann meinen Senf beizufügen, waren es nur einige wenige Texter und nun schreiben viele mit, zumindest in den aktuellen Themen. So muss es sein. Auch in anderen Onlinemedien sieht man anhand der Leserkommentare trotz Zensur, dass sich die Menschen nicht mehr für dumm verkaufen lassen.

In ihrer Wortschöpfung "Trio-Grande" steht wohl das "Grande" nicht für die Abstimmungsgewinner des 9. Februars. Schön, Herr Zollinger, und mutig wie die Sozialdemokratie unseres Landes, wie Sie am "EU-Friedensprojekt des freien Personen- und Kapital-verkehrs" festhalten. Wer in "veralteten Strategien aus dem letzten Jahrhunderts" verweilt, wird sich bald weisen. Wem geht es hier um simple Besitzstandswahrung und nicht um wahres Volksinteresse ?

Die EU hat nicht einmal ihre dritte Freizügigkeit realisiert: mit den Kapitalkontrollen für den zyprischen Euro gibt es in der EU keinen freien Kapitalverkehr mehr.
Ausserdem muss Bargeld über 10'000 Euro - ein lächerlich kleiner Betrag - an den ach so freien Grenzen deklariert werden.
Was soll also das Getue um die sog. Personenfreizügigkeit, die es ja auch nicht gibt, siehe Frankreich und die Romas.
Ein Heuchlerverein, diese EU.

abgeleitet von "Tip" = das Trinkgeld;

somit ist der "Tipping Point" der Umkehrpunkt, der (Zeit)Punkt, die Stelle in einem Ablauf, an dem das ("Trink-", Bestechungs-)Geld zur Wirkung kommt.
An diesem Punkt wird der vom Geldgeber gewünschte Weg (ggf. auch Rückweg) abrupt oder in einem mehr oder weniger eleganteren Bogen (je nach Vertuschungspotential, Korruptionsbegabung oder Phantasie) eingeschlagen.

In einigen Fällen kann der "Tipping Point" auch rein natürliche Ursachen haben (selten)!

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