Trübe Quellen

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Trübe Quellen

Von René Zeyer, 19.01.2012

Am 5. Januar feuerte die «Weltwoche» ihre Breitseite gegen Philipp Hildebrand ab, am 9. Januar trat der Präsident der Schweizerischen Nationalbank zurück. Wann folgt ihm Roger Köppel?

Grossmäulig nannte die «Weltwoche» ihre einzige Quelle «Deep Throat II». Sie spielte damit auf den Informanten im Watergate-Skandal an, der damit endete, dass der US-Präsident Richard Nixon mit Schimpf und Schande zurücktrat. Übersehen hat das ehemalige Weltblatt allerdings, dass damals eine sinnvolle Regel im Recherchierjournalismus eingeführt wurde: Bei anonymen Quellen braucht es eine unabhängige Bestätigung durch einen zweiten Informanten, bevor brisante Anschuldigungen erhoben werden können.

Rette sich, wer kann

Wenn man die Verwendung einer einzigen Quelle als ausreichend erachtet, wie es der preisgekrönte Autor des WeWo-Hetzartikels genauso grossmäulig verkündete, dann hat man gute Chancen, in die Bredouille zu geraten. Besonders, wenn man mit dieser Quelle nicht einmal direkt Kontakt hatte, sondern sich auf einen Mittelsmann verliess. Inzwischen gilt da ein allgemeines «rette sich, wer kann», es spielen sich Szenen wie in einem derben Bauernschwank ab.

Künstlerische Kopierarbeit

Die gesammelten Anschuldigungen der «Weltwoche» beruhen auf einem «Dokument», das am 5. Januar als «Beweis» abgedruckt wurde. Alle am zugrunde liegenden Datendiebstahl und der Weiterleitung Richtung Christoph Blocher und «Weltwoche» Beteiligten lassen sich inzwischen von Anwälten vertreten, die sich munter widersprechen. Der Anwalt des Datendiebs Reto T. gibt bekannt, dass sein Mandant niemanden autorisiert habe, die Kontodaten weiterzugeben, der Postbote Hermann Lei zudem gegen seine Schweigepflicht verstossen habe, da ein Mandantenverhältnis zu Reto T. bestand. Dem widerspricht der Anwalt von Anwalt Lei diametral. Dieser räumt aber ein, dass er nicht nur Kopien der berühmten Screenshots hergestellt habe, sondern diese auch «zusammenzog, damit sie auf eine Seite passen».

Ist irgendwas echt?

Im allgemeinen Durcheinander sollte ein interessanter Satz von Leis Anwalt Valentin Landmann nicht untergehen, der nebenbei in den Raum stellt, dass man natürlich «nicht weiss, ob die Dokumente wirklich echt waren». Hoppla. Die Recherchierkunst der «Weltwoche» bestand also darin, dass sie sich auf die manipulierte Kopie angeblich echter Kontoauszüge verliess, die ihr von einem Mittelsmann übergeben wurde, während der eigentliche Informant, eben «Deep Throat II» inzwischen ausrichten lässt, dass diese Weitergabe gegen seinen erklärten Willen und unter Bruch des Anwaltsgeheimnis erfolgt sei.

Der Zweck heiligt die Mittel

Man kann es natürlich so sehen wie Anwalt Lei, der unbekümmert festhält: «Die Angaben stimmen auch. Sonst wäre Philipp Hildebrand ja nicht zurückgetreten.» Man kann es auch wie der verantwortliche Chefredaktor Köppel sehen: «Was den offenbar erhobenen Vorwurf der Urkundenfälschung angeht, kann ich dies nicht kommentieren, da sich ein solcher Vorgang meinen Kenntnissen entzieht.» Man sollte es aber so sehen: Wir haben es hier mit einem «Weltwoche»-Skandal zu tun, der Konsequenzen haben muss. Wenn dermassen schludriger Hinrichtungsjournalismus ungestraft und ohne Konsequenzen hingenommen wird, hat der Schweizer Recherchierjournalismus ein echtes Problem.

Und wo bleibt die Kritik?

Konfrontation des Beschuldigten mit schwerwiegenden Vorwürfen vor der Veröffentlichung, Verifizierung von Quellen und Dokumenten, Überprüfung von Informationen durch eine zweite, unabhängige Quelle, Verzicht auf die Verwendung von ehrenrührigen, haltlosen und falschen Anschuldigungen, das ist das Einmaleins des Journalismus. Nur damit bleibt er glaubwürdig, nur das gibt ihm die Legitimität, auf Missstände, Skandale, Übelstände aufmerksam zu machen. Es ist mehr als verwunderlich, dass von all den Bannerträgern des aufrechten Journalismus kein Ton zu vernehmen ist. Stattdessen wird die Exegese des E-Mail-Verkehrs von Hildebrand betrieben, herrscht allgemeiner Konsens, dass sich der Ex-Präsident der SNB keiner strafrechtlichen Verfehlung und auch sonst keines Verstosses schuldig gemacht habe, aber dennoch zu Recht habe zurücktreten müssen.

Köppel muss zurücktreten

Genauso interessant ist, dass die hier schon vor einiger Zeit begründet vorgetragene Forderung, dass der für dieses Schlamassel verantwortliche Chefredaktor sein Amt zur Verfügung stellen muss, nur als übertriebene und eher humoristisch zu betrachtende Randnotiz in den Medien aufgenommen wurde. Liebe Kollegen von der schreibenden Zunft, ist euch eure eigene Reputation wirklich so wenig wert?

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Kommentare

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Zusammen mit seiner Frau ist Hildebrand inzwischen auf der obersten gesellschaftlichen Promi-Bühne angekommen. Und nun? Jetzt kämpft der Ärmste um sein Promi-Dasein. Arm wird er deswegen nicht sein. Ist doch auch schon was. Kann nicht jeder von uns sagen. Die Boten der schlechten Nachricht derweil nach allen Regeln der Medienkunst weiter gepiesackst werden. Wie gehabt... feige Bande!

Ist schon eine tolle Story. Herr Zeyer, sie bringen dieses Durcheinander, Gemauschel, Intrigantenspiel gut auf den Punkt. Tatsache bleibt ja auch, dass da Daten, die im Widersinne zum Bankgeheimnis gestohlen wurden, zu einem grossen politischen Spiel genutzt wurden. Diese Daten wurden durch Lei verhehlt und zuletzt von dem Briefträger Blocher an Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey übergeben. Die Rolle als Briefträger passt aber nicht, da Blocher am 3. Dezember gemäss Aussagen vom Informatiker Reto T. als erster Aussenstehender die Daten in Herrliberg zusammen mit Herr Lei gesichtet hat.

Kein Wunder hat sich jedenfalls Lei einen der besten Schweizer Anwälte genommen. Wenn er nicht wüsste, dass er gehörig Ärger bekommen kann. Ist ein wenig wie im Schach: König Blocher schwarz opfert Bauer Reto T. und Läufer Lei, um den Turm weiss Hildebrand zu schlagen, damit erhofft er sich einen Angriff auf Dame weiss Widmer-Schlumpf.

Ein guter Artikel. Danke René Zeyer. Die heutige Medienlandschaft zeigt eben auch, dass die rechte Dampfwalze der SVP in den letzten Jahren die Medien nachhaltig beeinflusst hat. Kein Schweizer hat sich derart inflationär in Szene setzen können, wie Blocher. Zu jedem und allem hat der Tribun aus Herrliberg eine Meinung, wenn auch die sattsam bekannte. Er bekommt was er will, nämlich Aufmerksamkeit und die schlachtet er auf seinem Rachefeldzug genüsslich aus. Köppel ist ein willkommener Handlanger, fragt sich nur noch, wie lange? Die Medien wissen genau, dass der "Feind der classe politique" die Quoten sichert. Dass sich das Klima in diesem Land massgeblich aufgeheizt hat, und alle die nicht in den Chor der urschweizerischen Tonalität einstimmen, ausgegrenzt werden, ist auch das Verdienst der Medien. Die Gangart ist härter geworden, klare Anzeichen, dass die Krise rundum auch bei uns angekommen ist. Und wenn die Krise dann wirklich durchschlagen sollte, bekommen die Heimattümmler Oberwasser - gegen den Rest der Welt. Und ich bin sicher, die Medien werden eine gewichtige Rolle spielen bei der geistigen Landesverteidigung. Dann werden Köppel, Feuz und viele andere einmal mehr das schreiben, was sie wert sind.

Während jetzt viele reden oder reden lassen, ob nichtssagend oder vielsagend, hüllt sich einer ins Schweigen, der eigentlich den ganzen "Krieg" gegen eine ihm (und der Bankenwelt) missfallenden Person angezettelt und durchgezogen hat. Für ihn ist es also die Zeit zu schweigen. Nimmt mich wunder für wie lange.

Interessant wäre auch einmal eine Analyse der Wortansammlungen von Herrn Feuz im Tages Anzeiger zum Thema. Damit liesse sich mehr als eine Lektion am MAZ gestalten...

Nun, die Kollegen von der schreibenden Zunft bleiben deshalb stumm, weil sie fürchten, dass eine Kollegenschelte die eigene Glaubwürdigkeit schädigen könnte, und die ist auch für die Medien eines der höchsten Güter.

Die Kollegen bleiben auch deswegen stumm, weil sie alle Chefredaktoren sind, eingeklemmt zwischen dem Hammer velegerischer Zwänge und dem Amboss journalistischer Grundsätze. Alle Chefredaktoren in der Schweiz sind verkommene Lügenbarone, Hohepriester der Halbwahrheit, Grossmeister der Auslassung. Sozusagen Köppels im Kleinen.

Die Kollegen werden stumm bleiben, bis es wieder mal um die hehre Berufsethik geht. Dann werden sie ihre Stimme erheben und sich selbst in den höchsten Tönen loben.

Ich kann Ihnen nur zustimmen. Erschreckend ist auch zu sehen, dass Herr Köppel, im Gegensatz zu Herrn Hildebrand, seine eigenen Fehler nicht erkennen kann und auch nicht dazu stehen will. Stur und merkbefreit zieht er sein Ding durch. Es ist wirklich schade zu sehen, dass ein grossartiger Mann freiwillig geht weil er seine Unschuld nicht beweisen kann (sind wir schon so weit in der Schweiz???) und der Möchtegern-Hanswurst aber bleibt. Ich hoffe schon noch auf ein bisschen Gerechtigkeit und dass Köppel geht, resp. gehen muss.

die puppe tanzt noch so lange wie sie nützlich ist und wenn der oberpöstler zu herrliberg die fäden kappt dann ist es zeit für den köppel roger - das ist der wahre eigner der WW darauf würde ich meinen a**** verwetten !!

das ist der ganz private rachefeldzug des herrn blocher und jeder der ihm nützlich scheint wird dazu schamlos missbraucht und danach fallengelassen - ich hoffe das dieses schmierenstück bei den nächsten wahlen noch in bester erinnerung ist - solche bradstifter sind schlicht untragbar

Erstens würde ich das als "zerbrochenen Krug 2" bezeichnen und - weil Kleist offensichtlich eine schwule Neigung hatte - Deep Throat wird heute in der Szene verwendet, wenn jemand sich etwas ganz bestimmtes tief in den Hals stopft! Und hier geht's ja ausschliesslich um Männer! ;)

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