Tod einer Unsterblichen

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Tod einer Unsterblichen

Von Ignaz Staub, 14.01.2017

Clare Hollingworth war 27 Jahre alt, als sie aus Polen exklusiv den Ausbruch des 2. Weltkriegs vermeldete. Nun ist die britische Korrespondentin im Alter von 105 Jahren gestorben.

Ihre Freunde hatten sich bereits zu fragen begonnen, ob sie vielleicht ewig lebe. Doch um Weihnachten herum erkältete sie sich und starb in der zweiten Januarwoche. Dabei hatte Clare Hollingworth zuvor in ihrer langen Laufbahn als unerschrockene Kriegsberichterstatterin dem Tod wiederholt ein Schnippen geschlagen. Sie war zwar mit einem Meter sechzig klein von Statur, ihr Überlebenswille aber gross.  

Mochten andere ermüden, aufgeben, abreisen – sie nicht, mit Sicherheit nicht. Sie schlief auch im Alter mit dem Pass unter dem Kopfkissen und den Schuhen neben dem Bett, um im Notfall unverzüglich aufbrechen zu können. Früher hatte sie noch gelegentlich auf dem Fussboden geschlafen, um nicht zu verweichlichen. Bis ans Ende ihres Lebens blieb sie eine interessierte Zeitgenossin, fast blind, kaum mehr mobil und mitunter verwirrt. In ihrer kleinen Wohnung in Hongkong, wohin sie zu Beginn der 1980er-Jahre gezogen war, brauchte sie in den letzten Jahren Hilfe.

Gegen den Willen der Eltern

1911 in Leicester geboren und als Tochter eines wohlhabenden Schuhfabrikanten auf einer Farm aufgewachsen, schien Clare Hollingworth nicht prädestiniert, dereinst eine berühmte Korrespondentin und Vorbild vieler junger Frauen im Metier zu werden. „Meine Mutter dachte, Journalismus sei eine erschreckend niedere Betätigung, so wie ein Handwerk“, erinnerte sie sich einmal in einem Interview: „Sie glaubte nichts, was Journalisten schrieben und fand, die Spezies sei nur durch die Hintertür ins Haus zu lassen.“

Nach Polen

Doch statt eines privilegierten Lebens in der Heimat wählte Hollingworth nach dem Studium das Abenteuer im Ausland. Auch „ein geeigneter junger Mann“, mit dem sie kurz verlobt war, konnte sie nicht zurückhalten. Kinder wollte sie später, obwohl zweimal verheiratet, keine, denn die hätten sie lediglich bei ihrer Lieblingstätigkeit behindert – beim Recherchieren und Schreiben.

Also ging sie im Frühjahr 1939 für die britische League of Nations Union, die sich für Frieden und soziale Gerechtigkeit einsetzte, nach Polen, um in Warschau Menschen beizustehen, die vor dem Nazi-Regime aus dem Sudetenland flüchteten. Sie half den Flüchtlingen, Transitvisen zu erhalten, um nach Grossbritannien weiterzureisen zu können.

Retterin von Menschenleben

Laut Archivunterlagen schaffte es Clare Hollingworth, zwischen 2000 und 3000 Menschen so in Sicherheit zu bringen. Doch im Sommer 1939 musste sie ihre Arbeit auf Geheiss der britischen Geheimdienste einstellen, denen diverse Neuankömmlinge auf der Insel – Deutsche, Juden, Kommunisten – nicht mehr geheuer waren.

Zurück in London, gelang es ihr, den Chefredaktor des „Daily Telegraph“ davon zu überzeugen, sie als Korrespondentin nach Polen zu schicken. Nur einen Tag später flog sie nach Warschau und reiste nach Katowice weiter, wo sie sich am 28. August 1939 von einem Freund auf dem Konsulat einen Wagen mit britischem Diplomatenkennzeichen ausborgte, um über die bereits geschlossene Grenze nach Deutschland zu fahren und sich dort Wein und, je nach Quelle, Aspirin oder Batterien zu besorgen.

Spionin wider Willen

Als Clare Hollingworth die rund 30 Kilometer von Gleiwitz nach Katowice zurückfuhr, hob der Wind die Leinenplanen an, die den Blick in ein Tal auf der deutschen Seite der Grenze versperren sollten. Unten in der Senke sah sie unerwartet eine massive Ansammlung deutscher Truppen, Hunderte von Panzern, Schützenpanzern und Artilleriekanonen – unter General Gerd von Rundstedts Kommando bereit zum Einsatz in Richtung Osten.

Sie telefonierte umgehend einen Augenzeugenbericht nach London, und der Artikel erschien am nächsten Tag im „Telegraph“ unter dem Titel: „1000 Panzer an der polnischen Grenze massiert – zehn Divisionen dem Vernehmen nach gerüstet für einen schnellen Handstreich“. Hollingworth wusste, was das bedeutete, und sie allein hatte die Indizien dafür entdeckt: „Die deutsche Kriegsmaschinerie ist jetzt für einen sofortigen Einsatz bereit.“

Der britische Generalkonsul in Katowice hatte der Korrespondentin die Geschichte vom Aufmarsch deutscher Truppen an der Grenze zu Polen erst nicht glauben wollen. Erst als sie ihm die Waren zeigte, die sie in Oberschlesien gekauft hatte, war er überzeugt. Drei Tage später fiel die Wehrmacht in Polen ein; der 2. Weltkrieg, der in sechs Jahren 60 Millionen Tote fordern sollte, hatte begonnen. „Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen“, erklärte Adolf Hitler am 1. September 1939 vor dem Reichstag in Berlin. Clare Hollingworth war, in ihrer ersten Arbeitswoche, „der Primeur des Jahrhunderts“ gelungen.

Eine aufregende Depesche

Auch dass jetzt ein Krieg im Gange war, mochten ihre Landsleute erst nicht glauben. Doch von ihrer Unterkunft in Katowice aus sah sie an jenem Septembermorgen am Himmel die deutschen Bomber und in der Ferne das Mündungsfeuer deutscher Artillerie. „Der Krieg hat begonnen!“, meldete sie per Telefon aufgeregt der Redaktion in London und der britischen Botschaft in Warschau. „Sind Sie sich sicher, altes Mädchen?“, antwortete ein Diplomat in der polnischen Hauptstadt. Sie hielt  den Hörer aus dem Fenster und von der Strasse her war das Rasseln deutscher Panzerketten zu vernehmen. Die Gesandten glaubten ihr. 

In der Folge, nach dem „Scoop of the Century“, sollte die Britin mehr als vier Jahrzehnte lang aus verschiedenen Weltgegenden für den „Daily Telegraph“ und den „Guardian“  berichten. Abwechselnd arbeitete sie als Kriegsberichterstatterin, als Auslandkorrespondentin oder als Militärexpertin. 1973 wurde sie zur ersten Korrespondentin des „Telegraph“ in Peking, wo sie auch am 4. Juni 1989 weilte und vom Balkon ihres Hotelzimmers aus die brutale Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Tienanmen Platz verfolgte.

Für kurze Zeit berichtete Clare Hollingworth auch für das amerikanische Nachrichtenmagazine „Time“.  Zwar begleitete sie 1942 die britischen Truppen in Nordafrika, durfte aber auf Befehl von General Bernard Montgomery als Frau nicht an die Front, was ihr sehr missfiel: „Zwar war Kairo das Nervenzentrum für die Verbreitung von Informationen, aber für mich wurden die Nachrichten draussen in der Wüste (…) gemacht.“

Vom Krieg fasziniert

Es gelang ihr aber, „Montys“ Verbot zu umgehen und sich von „Time“ als Kriegsberichterstatterin akkreditieren zu lassen. US-General Dwight D. Eisenhower hatte nichts dagegen einzuwenden, solange sie keine Sonderbehandlung erwartete: „Ich habe meine Weiblichkeit nie eingesetzt, um an eine Geschichte heranzukommen, die ein Mann nicht auch hätte kriegen können.“

Später gestand Clare Hollingworth in einem Interview, dass sie gern im Krieg gewesen sei: „Als ich noch sehr klein war, während des 1. Weltkriegs, hörte ich die Leute über die Schlachten sprechen und ich begann, mich extrem für Kriegsführung zu interessieren. Ich bin nicht tapfer, es gefällt mir einfach. Ich weiss nicht, warum. Gott hat mich so gemacht. Ich bin einfach nicht ängstlich.“ Es war ein Faszinosum, das nicht alle Leute verstanden und noch weniger verziehen.

Wie furchtlos sie war, stellte die Journalistin in den 1950er-Jahren unter Beweis, als sie für den „Manchester Guardian“ über den Krieg in Algerien (1954–1962) zu berichten begann. Es war ein blutiger Konflikt, den algerische Unabhängigkeitskämpfer des Front de Libération Nationale (FLN) auf der einen und Soldaten der französischen Armee auf der andern Seite ausfochten, während zur selben Zeit ein Bürgerkrieg zwischen algerischen Loyalisten und der linksgerichteten FLN tobte.

Destination Kasbah

Brennpunkt erbitterter Kämpfe war die Kasbah, die verwinkelte Altstadt von Algiers mit ihrem Labyrinth von Gassen, in denen zeitweise bis zu 100 Menschen pro Tag getötet oder verwundet wurden. Clare Hollingworth wagte sich fast täglich dorthin, um Neues über den Fortgang des Krieges zu erfahren. „Ihre Arbeit (in Algiers) bestand aus einer langen Reihe von Lageanalysen und -Einschätzungen“, berichtet ihr Grossneffe und Biograf Patrick Garrett: „Sie lernte sehr viel über den Krieg, als eine der wenigen, die sich getrauten, in die blutige, gefährliche und unberechenbare Kasbah einzudringen, um dort Rebellen zu treffen.“

Fast noch mehr als der Primeur aus Polen trug ihr die Berichterstattung über den Algerienkrieg internationale Anerkennung und Auszeichnungen ein – Indizien journalistischer Exzellenz, die sie später auch im Nahen Osten, in Indien, in Pakistan, in Bangladesch, in Vietnam, in China und andernorts wiederholt an den Tag legte. Zweimal  gelang es ihr zum Beispiel, den Schah von Persien zu interviewen – 1941 kurz nach seiner Krönung und 1979 nach seinem Sturz vom Pfauenthron.

Aus Beirut berichtete sie 1963, dass sich ihr Kollege Kim Philby, ein Agent Moskaus, mutmasslich per Schiff in die Sowjetunion abgesetzt hatte, was das britische Parlament in der Folge bestätigte. „Ich betrachte sie als eine der grössten Journalistinnen des 20. Jahrhunderts, auf einer Stufe mit Martha Gellhorn und einer oder zwei anderen Frauen“, sagt BBC-Reporter John Simpson, inzwischen selbst zur Legende geworden.

„Wo ist es am gefährlichsten?“

Nach dem Tode von Clare Hollingworth wird jetzt im Foreign Correspondents‘ Club an der Albert Road in Hongkong jener Tisch in einer Ecke des Restaurants frei, der stets für sie reserviert war – egal, ob sie zum Essen kommen konnte oder nicht. „Sie hat mit unnachahmlichem Elan über einige der grössten Geschichten des vergangenen Jahrhunderts berichtet und war überdies freundlich und liebenswert“, erinnert sich Lord Patten, der letzte britische Gouverneur in Hongkong.

Auf die Frage, wohin sie gehen würde, falls sie das Rad der Zeit zurückdrehen könnte, hat Clare Hollingworth in einem Gespräch wie folgt geantwortet: „Ich würde die Zeitungen durchsehen und mich fragen: ‚Wo ist es derzeit am gefährlichsten, um hinzugehen?‘ Denn dieser Ort gibt mit Sicherheit eine gute Geschichte her.“ Eine gute Story ist auch sie, die stets ohne Allüren und „a reporter’s reporter“ war. Nicht schlecht für ein altes Mädchen.

Quellen: „The Daily Telegraph“; „The Guardian“; „The New York Times“; “The Encyclopedia of the British Press”; Wikipedia

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