Tick, tack, tick, tack

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Tick, tack, tick, tack

Von René Zeyer, 22.07.2014

Noch zehn Tage bis zur möglichen nächsten Staatspleite. Und dem Flügelschlag des Schmetterlings, der einen Wirbelsturm auslösen könnte.

Die Ausgangslage ist klar. Am 31. Juli müsste Argentinien wie vereinbart eine Rate von 539 Millionen Dollar an seine Gläubiger überweisen. Also an die 93 Prozent, die in zwei harten Verhandlungsrunden auf rund zwei Drittel ihrer Forderungen von über 100 Milliarden verzichteten. Falls nicht, ist mal wieder Staatsbankrott, zumindest Ausschluss von den internationalen Finanzmärkten. Mit möglichen gravierenden Auswirkungen auf das weiterhin schrecklich instabile internationale Finanzsystem, bekannt als der Schmetterlings-Effekt.

No risk, no fun

Das Geld liegt bereits auf einer US-Bank, kann aber, Stand heute, nicht ausbezahlt werden. Denn ein Hedge Fund hat letztinstanzlich in den USA das Recht erstritten, seine Forderung zum ursprünglichen, dem Nominalwert, ausbezahlt zu bekommen, immerhin 1,5 Milliarden. Argentinien weigert sich, beziehungsweise kann nicht. Wie entsteht ein solches Schlamassel, und was haben die USA damit zu tun?

Argentinien hatte in der Vergangenheit Staatsschuldpapiere teilweise nach US-Recht und in Dollar begeben – um ihre Sicherheit und Seriosität zu betonen und um damit letztlich weniger Zinsen zahlen zu müssen. Ende 2001 erklärte das Land mal wieder Staatsbankrott und stellte die Schuldenzahlungen ein. In zwei Verhandlungsrunden 2005 und 2010 verzichteten die meisten Gläubiger auf den grössten Teil ihrer Forderungen, darunter auch viele Kleinanleger. Andere hatten schon vorher aufgegeben und ihre Argentinienpapiere zu einem Bruchteil des Nominalwerts verkauft: lieber Kleingeld als gar nichts.

Diese wurden von grossen Hedge Funds nach der Devise «no risk, no fun» aufgekauft. Das Risiko bestand darin, in millionenteuren und langwierigen Rechtshändeln die Auszahlung des Nominalwerts (unter Verzicht einer Teilnahme an den Umschuldungsverhandlungen) durchzusetzen. Vor US-Gerichten, die durch die Art der Ausgabe Argentiniens zweifelsfrei dafür zuständig sind. Das Vergnügen besteht darin, dass nach gewonnenem Prozess ein Profit von bis zu tausend Prozent auf das eingesetzte Kapital möglich ist. Theoretisch.

Erpresser gegen Erpresser

Diese Hedge Funds blockieren nun die Auszahlung der nächsten Rate an die verzichtenden Gläubiger, weil das Gläubigerbevorzugung wäre, bekämen sie nicht gleichzeitig ihr Geld. Argentinien spricht von Geierfonds. Die Regierung beschimpft sie in ganzseitigen Inseraten, sie wollten das Land aus Geldgier in den nächsten Staatsbankrott treiben. Gleichzeitig droht das Gaucho-Land damit, halt die nächste Staatspleite zu erklären. Dann könnten sich die Hedge Funds ihre Forderungen wieder an die Wand nageln.

Gleichzeitig schürt die korrupte und unfähige Regierung von Cristina Fernández de Kirchner kräftig die Stimmung gegen die verhassten Gringos, die sich mal wieder imperialistisch in innerlateinamerikanische Angelegenheiten einmischen. Populistisch geschickt, aber in diesem Fall bar jeder Grundlage, da Argentinien vor seinem letzten Staatsbankrott dummerweise sogar seine Landeswährung einseitig an den Dollar band und selbst den Rechtsstand USA für seine Schulden wählte.

Showdown

Die Uhr tickt, ein klassischer Showdown nach Wildwestmanier. Wer zuerst blinzelt, hat verloren. Eigentlich müsste dazu Musik von Ennio Morricone gespielt werden, während die Kamera, Schnitt und Gegenschnitt, auf die Augen von Henry Fonda und Charles Bronson überlebensgross fokussiert.

Aber die beiden sind schon lange tot, und in diesem Showdown gibt es keinen Guten (Bronson) und keinen Bösen (Fonda), und niemanden ereilt sein gerechtes Schicksal. Die Hedge Funds haben eine völlig legale Hochrisikospekulation getätigt und behaupten, damit die Zahlungsmoral von Schuldnerstaaten zu verbessern. Diese sollten nicht einfach Staatspapiere ausgeben, im Wissen darum, sie dann sowieso nie zurückzuzahlen.

Argentinien behauptet, es bemühe sich nach Kräften, eine einvernehmliche Lösung zu finden, was mit fast allen Schuldnern auch gelungen sei. Die aktuelle Regierung könne ja nichts dafür, dass ihre Vorgänger das Geld sinnlos verröstet hätten, und schliesslich leide in erster Linie die Bevölkerung bei einem nächsten Staatsbankrott noch mehr als ohnehin schon. Dass die Camarilla um die Familie Kirchner samt ihren Vorgängern die 1,5 Milliarden aus dem zusammengerafften Privatvermögen zahlen könnte, erwähnt Fernández de Kirchner allerdings nicht.

Huhn oder Ei?

Tatsache ist, dass argentinische Regierungen nicht nur einen unbezahlbaren Schuldenberg von über 100 Milliarden Dollar angehäuft, sondern den grössten Teil dieser Kredite auch nicht wertschöpfend verbraten haben: in Form von Wahlgeschenken, sinnlosen Prestigeprojekten, zu einem guten Prozentsatz in Form von Korruption, Vetternwirtschaft und milden Gaben zur Pflege von Seilschaften. Ein paar Dollar sind auch bei jedem Argentinier angekommen. Der entweder ein völliger Trottel ist, den man entmündigen sollte – oder aber pausenlos bewusst Regierungen gewählt hat, die dieses Schlamassel zu verantworten haben, wie er letztlich selbst.

Da ist guter Rat teuer. Dass vor der Deadline alles Imponiergehampel aufgeführt wird, das wir aus dem Primatenreich kennen, ist normal. Entweder einigt man sich in letzter Sekunde auf einen Kompromiss, also die Hedge Fonds kriegen nur einen Teil ihrer Forderungen. Oder man einigt sich nicht, dann gibt’s das Sequel «Argentinischer Staatsbankrott, reloaded».

In beiden Fällen gibt es aber, und darin besteht die argentinische Tragödie, einen klaren Verlierer. Das ist nicht die Camarilla um die x-te korrupte und unfähige Regierung. Das sind auch nicht die Hedge Fonds, die haben sich natürlich mit Gegengeschäften weitgehend abgesichert, um einen Totalschaden zu vermeiden. Es ist die überwiegende Mehrheit der argentinischen Bevölkerung. Sie ist zwar nicht schuldlos, aber es beelendet immer, wenn Menschen wie Du und ich mit all ihren Kräften, meistens durch harte Arbeit, ihr kleines Glück anstreben – und darum gebracht werden.

Kommentare

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Ein bisschen schludrig wird hier schon mit der Wahrheit umgegangen. Die dolarización war nach dem Staatsbankrott in einer Notlage und unter Gläubigerdiktat eingegangen worden, schon gar nach den Erfahrungen Brasiliens mit der Anbindung an den Dollar. Dass eine solche Maßnahme nur sehr kurzfristig einen Vorteil bringt (Vertrauen/scheinbar werthaltige Sicherheiten) und danach - wie den wirtschaftlich schwächeren Ländern in der EU - nicht einzuholende Nachteile, wird hier verschwiegen. Stattdessen meint Herr Zeyer mit seinem Verweis auf eine - ohne jede nähere Begründung als korrupt bezeichnete Regierung - die Verantwortung in die Innenpolitischen Umstände legen zu dürfen.
Nichts war rein innenpolitisch in Lateinamerika. Das ändert sich zum Glück, der Kontinent ist endlich erwacht, Regierungsführer wie allen voran Jose Mujica verfolgen eine strikte Absage an die zuvor allmächtigen USA, an die Abhängigkeit von den Finanzmärkten, deren moderner Sozialismus (Gewinne privatisieren, Schulden sozialisieren) fast den gesamten Planeten in Armut stürzt. Ein Mensch sei wichtiger als jede Bank, sagt Mujica. Dieser Kontinent ist unsere Hoffnung.
Wenn man letztlich Argentinien künftig den Zugang zu den Kapitalmärkten versagt untersagt, was soll´s. Cuba lebt damit seit Ewigkeiten, während das vorbildliche Deutschland nur mit weiter steigenden > 2 BILLIONEN Euro Schulden sein angeblich vorbildliches Dasein (da darf man aber auch nicht zu genau hinschauen) finanziert. Was ist besser, was ist nachhaltig?

Na, na. Wenn Sie schon mit Begriffen wie «schludrig mit der Wahrheit umgehen» um sich werfen: Die Dollarbindung begann 1991 und war eine der Ursachen, nicht die Folge des Staatsbankrotts. Eine Staatspräsidentin, die auf die Frage, wie sie denn zu ihrem (soweit öffentlich bekannt) hübschen Privatvermögen von 400 Mio. Dollar gekommen sei, antwortet, sie habe eben vorher als Anwältin gut verdient (nur so als ein Beispiel), also wirklich, informieren Sie sich doch zuerst mal über die lange Liste von Korruptionsskandalen in Argentinien, bevor Sie nicht schludrig mit der Wahrheit umgehen, sondern schlichtweg Unsinn schreiben. Und der ganze Kontinent soll unsere Hoffnung sein? Schauen Sie doch zuerst seine grossartigen Wirtschaftsdaten an, einfach googeln hilft. Dass man wie Kuba ungeniert seit mehr als 50 Jahren Milliardenschulden anhäuft, sie nie bezahlt und sich so ohne nennenswerte Eigenleistung zumindest über Wasser hält, kann ja wohl auch kein nachhaltiges Geschäftsmodell sein. Ein Mensch mag wichtiger als eine Bank sein, aber wenn er Schulden macht, sie sinnlos verröstet und anschliessend sagt, wäre doch gelacht; wenn diese geldgierige Bank frecherweise ihr Geld zurückwill, dann soll sie sich dieses imperialistische Geschäftsprinzip sonst wohin stecken, das ist ja nur lachhaft.

Mit Schludrig bekommt man eine Antwort muss ich mir merken, Herr Zeyer. Sie haben geschrieben: aber es beelendet immer, wenn Menschen wie Du und ich mit all ihren Kräften, meistens durch harte Arbeit, ihr kleines Glück anstreben – und darum gebracht werden.

Hat mir gefallen. Wäre ich Argentinier, was für einen Einfluss auf Frau Kirchner oder eben diesem geldgeilen Hedgefund, der die Spekulation über die Justiz beispiellos unverhältnismässig gewinnbringend auf meine Kosten verursacht, hätte ich?

Klar in einem demokratischen Land kann man die Bescheisser abwählen. Aber schauen wir doch mal in der Schweiz, da wird die Pensionskasse der Zürcher Kantonal Angestellten abgeschöpft und der, der sich daran bediente, sitzt heute gewählt im Nationalrat und wird gewiss jetzt noch die Bundespensionsgelder für sich ganz persönlich gewinnen und wie auch immer abzwacken. Er wird dann von der Weltwoche und Tagi freigesprochen und die Rhetorik wird dann auf die faulen Beamten fallen.

In einer Demokratie werden halt nicht die integeren Persönlichkeiten gewählt, weil die medialen Manipulationen am Schluss die Demokratie beherrschen.

Trotzdem der Nachfolger von Blocher, Herr Matter, mit Unschuldsblick, wird sich wie sein Vorgänger unsättlich reich machen an der Allgemeinheit. Ein würdiger Nachfolger. Der Blocher hat es ja auch so gemacht.

Das wissen wir eigentlich (Sie Herr Zeyer und ich, nicht das Volk) auch längst von der Schweiz, das Volk wählen aber den Matter oder Blocher und so ein Blogbeitrag wird gelöscht oder ich bekomm noch von ein paar Spitzenjuristen eine Klage an den Hals, die mir mein Leben ruiniert. Man kann sich nicht mit einem Blocher oder Matter anlegen, wenn man noch schnaufen möchte und nicht SP-Parteipräsident war.

Also wozu ist die Demokratie nütze. Demokratie ist Blick und Blick ist Mist.

Wie Sie richtig sagen ist das erst der Beginn. In Portugal (Espírito Santo konkurs), Bulgarien (CorpBank taumelt), Griechenland sowieso wie ein Schwersüchtiger vom EZB Tropf abhängig, Frankreichs Wirtschaft komplett am Boden, USA 2.6 Prozent Wachstumsverlust zu Anfangs 2014 und somit gleichauf wie 2007.

Also ich sehe deutliche Anzeichen, dass die Wirtschaftskrise erneut oder besser gesagt immer noch mit voller Wucht zuschlägt und man findet einfach keine Lösung, weil es auch keine gibt, ausser endlich aus diesem Zinsgesteuerten Giralgeld-System auszusteigen.
Erst wenn wir dieses System los sind, lohnt es sich wieder richtig zu arbeiten, so dass der Gewinn nicht in den paar wenigen Taschen hängen bleibt, die sowieso schon zuviel haben.
Aber wie es mir scheint will man die Krise lieber mit Krieg lösen, um neues Wachstum zu produzieren, als dass man die Fehler im System endlich bereinigt.

Und hier noch ein weiter wichtiger Beweis für obenstehende Aussage:
Der Baltic Dry ist ein Preisindex, der den globalen Seehandel für das weltweite Verschiffen mit Containern von Hauptfrachtgütern auf Standardrouten misst. Ein wichtiger Indikator für die globale Wirtschaft.

Wie die neuesten Zahlen belegen, stürzte der Index auf das schlechteste Juli Ergebnis seit 30 Jahren ab und generell zeichnet sich ein massiver abwärtstrend ab - sprich Rezession! Überhaupt wenn man die Tebelle ansieht, gab es seit 2008 einen massiven Abstieg der sich 2009 leich auffing und seit Mai 2010 nur noch sinkt. Ausser im September 2013 bis Januar 2014 gab es eine leichte Aufbesserung, die aber nie an den Anfangstand anschliessen könnte.

Heute sprachen sie in den Nachrichten davon, dass die USA in einem Jahr wieder 1 Prozent Wachstum machen würde. Diese Aussage stimmt nicht mit der Statistik überein. Vermutlich wollte man die Anleger dazu anregen, dass sie investieren.

Herr Zeyer, diese geistreichen Zeilen muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, herzlichen Dank!

Ein Artikel, der klar und deutlich erklärt, um was es geht. Man kann sich fragen, warum es andern CH-Medien nicht gelingt, das Argentinien-Schlammassel einmal so verstämdlich darzustellen.

Die Hedge Funds sind formal im Recht. Aber sie haben gewusst, auf was für ein Risiko sie sich einlassen und sind es vorsätzlich eingegangen. Mein Mitleid hält sich arg in Grenzen.

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