Theben ist überall

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Theben ist überall

Von Klara Obermüller, 11.09.2016

Fast 2'500 Jahre sind es her, dass die „Antigone“ von Sophokles in Epidaurus uraufgeführt wurde. Die Aktualität des Stücks ist ungebrochen.

Es spricht für die Vitalität der griechischen Tragödien, dass ihnen weder Neuübersetzungen noch Aktualisierungen, weder Dekonstruktionen noch Umdeutungen etwas anhaben können. Sie halten alles aus, ihre Aussage ist universell, ihr Kern unverletzlich. Das gilt auch für die „Antigone“ des Sophokles, die neben der „Orestie“ und „Medea“ zu den wohl meistgespielten Werken der Antike gehört und jetzt in der Bearbeitung von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel von Stefan Pucher für das Schauspielhaus Zürich in Szene gesetzt wurde.

Hans Kremer als Kreon. Foto: Tanja Dorendorf, © T+T Fotografie
Hans Kremer als Kreon. Foto: Tanja Dorendorf, © T+T Fotografie

Den zahllosen Interpretationen von Hegel bis Hölderlin, von Derrida bis Žižek, die dieses Stück schon erlebt hat, fügen Zaimoglu und Senkel eine weitere hinzu. Ihre „Antigone“ ist eine hochpolitische und brandaktuelle Angelegenheit. Theben hat soeben einen Bruderkrieg hinter sich. Eine neue Ordnung hat sich etabliert. Aber sie ist totalitär und trägt den Keim des Zerfalls bereits in sich. Entsprechend rigide gebärdet sich der neue Machthaber, entsprechend paranoid achtet er auf jedes noch so kleine Anzeichen der Usurpation.

Widerstand als Bestandteil des Machtsystems

Hans Kremer gibt seinen Kreon als einen Tyrannen von klirrender Kälte, machtbesessen und angstgepeinigt zugleich. Ein opportunistischer Berater (Jean-Pierre Cornu) redet ihm nach dem Mund. Eine medial manipulierte Öffentlichkeit jubelt ihm zu (der Chor der Medienleute). Ein Geheimdienstchef (Nicolas Rosat) sorgt dafür, dass niemand aufmuckt. Nur Teiresias, der blinde Seher (Siggi Schwientek), tritt der Hybris des Despoten warnend entgegen. Verlass ist aber auch auf ihn nicht. Verlass ist auf niemanden. Kreon weiss es. Das macht ihn grausam und unberechenbar: grausam gegen seinen schwächlichen Sohn und grausam gegen die Eine und Einzige, die ihm ins Angesicht widersteht: Antigone.

Chor der Journalistinnen und Journalisten. Foto: Tanja Dorendorf, © T+T Fotografie
Chor der Journalistinnen und Journalisten. Foto: Tanja Dorendorf, © T+T Fotografie

Elisa Plüss’ Antigone ist, im Gegensatz zu anderen Inszenierungen des Stücks, nicht das liebende kleine Mädchen, das anrührt, weil es um des toten Bruders willen sein Leben hingibt. Diese Antigone ist nicht weniger kalt als der Despot, der ihr Gegner und zugleich ihr Onkel ist. „Und du allein kennst die Wahrheit?“, sagt Kreon zu ihr, als die beiden sich nach Antigones Festnahme zum ersten Mal gegenüberstehen. Es ist vielleicht das einzige Mal, dass Kreon seine Nichte wirklich erkennt. Der Rest sind üble Beschimpfungen, durch die neudeutsche Übersetzung zusätzlich ins Unflätige gesteigert.

Ja, Antigone fühlt sich im Besitz der Wahrheit. Sie weiss, was rechtens ist, den Bruder zu begraben nämlich, obwohl er ein Verräter war, und sie ist bereit, ihre Wahrheit durchzusetzen, auch um den Preis des eigenen Lebens. An ihr prallt alles ab: die lose Rede ihrer Schwester Ismene (Julia Keusch), das beschwichtigende Zureden ihres Verlobten Haimon (Daniel Lommatsch), die Drohungen Kreons, ja, nicht einmal die Isolationshaft vermag sie zu brechen.

Tödliche Unbeirrbarkeit

Dass sie sich am Ende in ihrem Kerker erhängt, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein letzter Ausdruck jener Unbeirrbarkeit, die ihr von Beginn an eigen war. Bisweilen hat mich diese Antigone an Gudrun Ensslin erinnert. Auch sie liebte „das Geschlecht der kommenden Jahrhunderte“, auch sie stritt für eine Sache, die sie für die einzig richtige hielt, und hat dafür mit dem Leben bezahlt.

Wenn am Ende nur noch Leichen auf der Bühne liegen, ist auch Kreons Zeit abgelaufen. Er wird abgesetzt „im Namen jener, die dich zum Lenker bestimmten“. So verkündet es Teiresias, der blinde Seher. So weiss es bald die ganze Stadt, die auch einem neuen Herrscher zujubeln wird. Nur der Geheimdienstchef bleibt stets der Gleiche und sorgt dafür, dass die neue Ordnung der alten gleicht.

Das Ende der Humanität

Es hätte nicht der monumentalen Video-Einspielungen türkischer Aufständischer und syrischer Ruinenstädte bedurft. Man hätte auch so verstanden, dass sich alles wiederholt: die Rebellionen, die Machtergreifungen, die Putschversuche, die Bürgerkriege, die Diktaturen, der Zerfall jeglicher Ordnung, das Ende der Humanität. Der Grieche Sophokles mag noch daran geglaubt haben, dass aus dem Chaos eine neue bessere Ordnung hervorgehen würde.

Die Inszenierung in der grossen Halle des Schiffbaus kennt diese Hoffnung nicht mehr. So gesehen, ist sie eine Bearbeitung des antiken Stoffes aus unserer Zeit und für unsere Zeit: zynisch, zotig, verzweifelt. Schade nur, dass man die Worte des Chors trotz Verstärkung fast überhaupt nicht versteht und auch die Sprechtechnik der meisten Darsteller mit Ausnahme Ismenes und Kreons sehr zu wünschen übrig lässt.

ANTIGONE
von Sophokles
in einer Bearbeitung von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel

Regie: Stefan Pucher
Bühne: Barbara Ehnes
Kostüme: Annabelle Witt
Musik: Christopher Uhe
Chorleitung: Christine Gross
Choreographie: Sebastian Henn
Video: Chris Kondek
Licht: Frank Bittermann
Dramaturgie: Stefanie Carp

Weitere Vorstellungen: 12., 14., 20., 21., 22., 26., 28., 29. September, jeweils 20 Uhr im Schiffbau des Schauspielhauses Zürich

Kommentare

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Ich wurde Anfang der 80er in Zürich von der damaligen Bewegung der „Unzufriedenen“ mit Eiern und Bierflaschen beworfen, weil ich mich mit Roger Schawinskis „Radio 24“ eingelassen hatte. Es hiess, ich sei ein „Kapitalisten-Schwein“. Ich hab's überlebt.

Polo Hofer, gestorben am 22. Juli 2017

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