Tatort Opernhaus

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Tatort Opernhaus

Von Annette Freitag, 04.03.2016

Mit viel Klamauk inszeniert das Opernhaus Zürich die Geschichte von König Arthur. Star-Schauspieler Wolfram Koch agiert auf der ungewohnten Opernbühne als Schwerarbeiter.

Puhhhhh! Ganz schön schwer, so auf der Bühne herumzuspringen. Das Gewicht der Bürde lässt sich sogar ganz genau beziffern: 26 Kilo sind es, die Wolfram Koch da mit sich schleppt. So schwer ist die Ritterrüstung, die er zurzeit bei seinem Auftritt als König Arthur im Zürcher Opernhaus trägt. Wahrhaftig ein schwerer Beruf. Kommt hinzu, dass Wolfram Koch diese Bühne fremd ist und die Sparte Oper sowieso. Singen muss er zwar nicht. Er ist Schauspieler von Beruf. In Zürich kennt man ihn bestens vom Schauspielhaus und im deutschsprachigen Raum ist er dem Fernsehpublikum als Kommissar Paul Brix im «Tatort» Frankfurt ein Begriff. Und nun präsentiert er sich also in einer Barock-Oper. Tatort ist das Opernhaus.

«Ja, das war zunächst schon etwas fremd», sagt er beim Gespräch in der Garderobe und nimmt einen tüchtigen Schluck aus der Wasserflasche. «King Arthur» ist eine eher selten gespielte Oper des englischen Barockkomponisten Henry Purcell, basierend auf dem Theaterstück von John Dryden. «Semi-Oper» nennt sich das, eine Form, die damals vor gut 300 Jahren in England sehr beliebt war, eine Art Gemischtwarenladen zwischen Oper und Schauspiel.

Foto: Hans Jörg Michel
Foto: Hans Jörg Michel

«Das ist tatsächlich eine merkwürdige Form», findet Wolfram Koch. «Die einen singen, die anderen sprechen und die übrigen tanzen vielleicht. Das hat Purcell aber alles prima  zusammengebracht. Es ist keine Operette, keine Oper, es ist einfach grosses Theater. Ein grosses Märchen, aber doch nicht ganz. Die Phantasiefiguren sind verzerrter, manchmal brutaler, manchmal feiner». Und im Mittelpunkt steht Arthur, König der Briten, der im Kampf um seine entführte Gemahlin Emmeline gegen den Sachsenkönig Oswald in den Krieg zieht, aus dem er am Schluss siegreich hervorgeht. Ein Happy End!

Grundprobleme der Menschheit

Dabei geht es um Krieg und Entführung. Also um aktuelle, aber auch um ewige Themen. «Absolut. Es sind die Grundprobleme der Menschheit,» bestätigt Koch. «Vielleicht potenzieren sie sich heute mehr als früher, vielleicht sind sie heute weniger durchschaubar. Also: Wo findet ein Krieg statt? Wer führt jetzt gegen wen Krieg? Wenn man heute Nachrichten hört, ist alles so schwierig, dass man es überhaupt nicht mehr durchschaut.»

Auf der Bühne wirkt der Krieg bunt, schrill und lustig. König Arthur wird hier zu einer Art Don Quichotte, der in seiner schweren, klappernden Rüstung über die Bühne saust, gegen imaginäre Gestalten und Geister kämpft und dabei auch immer wieder auf die Nase fällt. «Das ist wahnsinnig anstrengend in der Rüstung und ich hoffe nur, dass es leicht aussieht. Diese Rüstung erzeugt ja auch ein Geräusch, dieser Sound hat uns interessiert. Die Rüstung ist auch eine Art Instrument, die meine Sprache unterstützt. Gleichzeitig ist sie ein Panzer, also ein seelischer Panzer um diese Figur Arthur herum. Arthur, der vor seinen Gefühlen flieht, sich verschliesst und in den Krieg zieht, bis er schliesslich seine Emmeline wieder hat.»

Foto: Hans Jörg Michel
Foto: Hans Jörg Michel

Aufpassen muss Wolfram Koch freilich auch, dass der «Sound» der Rüstung, wie er den scheppernden Lärm nennt, nicht das Orchester stört. «Wenn ich hinfalle, dann macht das so einen Radau, dass die Musiker glatt ihren Einsatz verpassen… und ich falle ja öfters hin. Mit Absicht, aber manchmal auch aus Versehen. Mittlerweile habe ich den ganzen Körper voller blauer Flecke und ständig Muskelkater».

Vom Pfauen ans Opernhaus

König Arthur ist zwar Wolfram Kochs Debüt am Zürcher Opernhaus. Auf der anderen grossen Bühne der Stadt, im Schauspielhaus am Pfauen, fühlt er sich aber ganz zuhause. «Ich habe schon vor 15 Jahren unter Christoph Marthaler in vier Stücken dort gespielt. Das war eine sehr spannende Zeit. Die Wogen gingen hoch damals zwischen den Anhängern und den Gegnern Marthalers. Es herrschte Kulturkrieg! Ich persönlich fand seine Arbeit  ganz hervorragend.»

Zu sehen war Wolfram Koch kürzlich aber auch in der Aufführung des Zürcher Schauspielhauses von Dürrenmatts «Physikern», die im vergangenen Sommer sogar in China am Theaterfestival von Wuzhen gezeigt wurde. Für Koch, der dort den Physiker Newton spielte, war das ein ganz besonderes Erlebnis. «Auf Gastspiel erlebt man die Kultur eines fremden Landes während der zwei Stunden, in denen man auf der Bühne steht. Reaktion, Überreaktion oder gar keine Reaktion des Publikums, das sagt viel aus. Im Vorfeld hiess es, ach, die Chinesen, die klatschen nur ganz wenig – und am Schluss gab es einen Riesenapplaus. Als es um das ’System’ und um ‘Geheimdienst’ ging, haben die Chinesen sehr gut zugehört, da gab es keine Lacher mehr, es wurde sehr ernst und ich habe gemerkt, in welchem Land ich bin.» Bei solchen Erlebnissen, fügt er bei, sei er dankbar, Schauspieler sein zu dürfen.

Raum für Experimente

Ja, und dann ist da noch der «Tatort». Der Krimi am Sonntagabend, der in letzter Zeit echten Kultstatus bekommen hat. «Zunächst habe ich mich natürlich gefreut, dass man mich für die Rolle des neuen Kommissars in Frankfurt angefragt hat», sagt Wolfram Koch. «Trotzdem wollte ich keinesfalls auf das Theater verzichten. So muss ich jetzt immer sehen, wie ich die Termine miteinander vereinbaren kann».

Bis jetzt ist ihm das offensichtlich gelungen. Und gerade die «Tatort»-Folgen aus Frankfurt haben einen ganz eigenen, speziellen Stil entwickelt. «Die Redaktion dort hat Mut und auch schon einige Preise dafür gewonnen. Andere sind ängstlich und schielen nur auf die Einschaltquote. Da entsteht dann der Einheitsbrei, in den wir als Schauspieler natürlich ständig auch hineinrutschen. Dabei bietet der ‘Tatort’ Raum für Experimente. An Weihnachten gab es zum Beispiel den ‘Film im Film’, oder früher einmal eine Folge voller Shakespeare-Zitate. Am Schluss siegt aber das Gute am Sonntagabend. Das ist doch fast schon wie das ‘Wort zum Sonntag’.»

Geboren wurde Wolfram Koch übrigens in Paris und seine ersten Lebensjahre hat er auch dort verbracht. Eine Affinität zu Frankreich ist ihm geblieben. «Die Erinnerungen sind ganz tief, es ist die zweite Heimat. Es gibt doch so ein Ur-Wohlgefühl, und das ist bei mir mit Frankreich verbunden». Vielleicht auch einmal in Paris Theater zu spielen, das wäre ein grosser Wunsch. Einer, der durchaus realisierbar scheint. Früher oder später.

 

King Arthur, Semi-Oper von Henry Purcell, Opernhaus Zürich, noch bis 1. April 2016

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